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Schüler lernen sich selbst kennen

Über ein Projekt an einem Berliner Gymnasium

Menschen auf das Leben vorbereiten – das ist nicht das erklärte Ziel der Schulbildung. Der Philosoph Florian Goldberg betreibt ein Projekt an einem Berliner Gymnasium, in dem Schüler lernen, sich selbst nah zu sein und zu verstehen.

Florian Goldberg arbeitet als Philosophischer Coach, Buch- und Hörspielautor. Zu seinen Klienten zählen Führungskräfte namhafter Wirtschaftsunternehmen. Seit einigen Jahren leitet er ein Schülerprojekt an einem Berliner Gymnasium: „Lebenskunst. Das Eigene erFinden!“. Im Mittelpunkt steht das Lernen über sich selbst.

Der Direktor des Gymnasiums war offen für das Vorhaben, bei dem es darum geht, Jugendliche zu befähigen, mit sich selbst in Kontakt zu kommen und über die üblichen Fächer hinaus etwas über sich selbst zu lernen.

Unterstützt von Boris Börsch, einem Freund und Wirtschaftsanwalt, leitet Florian Goldberg ein- bis zweimal im Jahr Jugendliche in einer Gruppe von zehn bis 40 Schülern zwischen 16 und 19 Jahren an.

Gruppe Lebenskunst/ Florian GoldbergEin Zyklus besteht aus drei Workshops, jeweils an einem Wochenende. Der erste Workshop hat den Titel „Kreativität“. Dabei geht es nicht um Basteln und Malen, sondern um die Frage, was uns Menschen als schöpferische Wesen ausmacht. Was bedeutet es, seine eigene Wirklichkeit zu erschaffen?

Am zweiten Wochenende geht es um das Thema „Kommunikation“: Wie kreiere ich meine Wirklichkeit durch meine Art und Weise zu sprechen und zu hören? Wie kann ich wirkungsvoll und gezielt sprechen und hören?

Der dritte Workshop behandelt das Thema „Führung“. Dabei geht es nicht so sehr darum, andere zu führen, sondern erst einmal sich selbst zu führen. Das eigene Leben zu führen. Beziehungen zu führen. Ständig führe ich irgendetwas. Was bedeutet das? Was ist für mich gute und was ist schlechte Führung?

Das Gespräch mit Florian Goldberg über sein Projekt führte Ayshen Delemen

Frage: Lebensnahe Themen sind bekannterweise nicht unbedingt Lehrstoff im Bildungssystem.

Goldberg: Ich habe in dieser Schule glücklicherweise einen Schulleiter gefunden, der bereitwillig Alternativangebote in seiner Schule einbaut. Meines Wissens gibt es dezidiert Geldmittel an den Schulen, zumindest in Berlin, mit denen es möglich ist, über den normalen Lehrplan hinaus andere Projekte zu fördern. Es ist gar nicht so, dass unser Schulsystem das nicht erlaubt. Wie mir scheint, ist vieles möglich, wenn einzelne Schulleiter kreativ genug sind, wie dieser Direktor, der sogar pro-aktiv an Sponsoren herangeht, um seine Ideen zu realisieren.

Ihr Projekt möchte Jugendliche auf das Leben vorbereiten. Was hat Sie überhaupt bewogen, sich für die Selbstbestimmung von Jugendlichen zu engagieren?

Goldberg: Wenn ich damals in der Schule einiges über mich selbst gelernt hätte und frühzeitig auf gewisse Dinge hingewiesen worden wäre, hätte ich mir später im Leben viele Umwege ersparen können. Beispielsweise während meines Philosophiestudiums oder auf meinen vielen Reisen nach Indien.

privat

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Ein selbstbestimmter Mensch zu sein bedeutet für mich etwas völlig anderes als ego-zentrische Ich-Bestimmtheit. Selbstbestimmung setzt Achtsamkeit und Empathie voraus. Selbstbestimmte Menschen sind – das meint das Wort – mit sich selbst in Berührung anstatt dem aufzusitzen, was man philosophisch als Ich-Bestrebung bezeichnen könnte. Diese Menschen gehen zumeist auch besser mit anderen Menschen und auch sorgsamer mit der Welt um. Deswegen war es für mich naheliegend, den ersten Impuls dazu schon bei Jugendlichen anzusetzen. Mein Anliegen ist, dass die Jugendlichen durch dieses Projekt Erfahrungen machen und nicht bloß irgendwelche intellektuellen Konzepte vermittelt bekommen.

Welche Jugendliche nehmen an Ihrem Projekt teil?

Goldberg: Es sind zumeist Schüler, die kurz vor dem Abitur stehen und schon eine ausgeprägte Reflexionsfähigkeit mitbringen. Es sind vor allem Jugendliche, die sich selbst entschieden haben, an dem Projekt teilzunehmen. Mehr noch, im Grunde haben sie sich das Projekt erobert. Denn um daran teilnehmen zu können, müssen sie erst mal mich und ein kleines Team von Personen überzeugen, dass sie dabei sein dürfen.

Diese Hürde habe ich eingebaut, weil es nicht einer dieser vielen Angebote sein sollte, bei denen man halt so mitmachen kann. Ich finde es wichtig, dass die Teilnehmer sich bereits vorher damit auseinandersetzen, die Teilnahme wirklich wollen und daher akzeptieren, dass sie über eine solche Hürde müssen und danach das Gefühl haben, „das habe ich mir erarbeitet, jetzt will ich auch etwas herausholen für mich“.

„Ich muss die Jugendlichen nicht belehren“

Welche Methoden bringen Sie in diese Arbeitskreise ein?

Goldberg: Die Workshops laufen in Form von Themengesprächen. Es ist eine ständige Interaktion – mit mir, zu zweit, in der Runde, mit kleinen kontemplativen, meditativen Übungen. Ich erzähle den Teilnehmern relativ wenig, sondern stelle vor allem Fragen. Die Schüler beschäftigen sich mit den Werten, die in ihrem Leben vorherrschen.

Sie lernen zu unterscheiden, was die Werte der Eltern sind, oder des Umfelds, in dem sie sich jeweils aufhalten. Was ich mit ihnen vor allem intensiv übe, ist das Zuhören. Sie lernen dem zuzuhören, der gerade spricht und nicht reinzuplatzen, wenn jemand etwas sagt. Mit der Aufmerksamkeit vollständig im gegenwärtigen Moment und vollständig beim Anderen zu sein und nicht in den eigenen Gedanken verloren zu gehen.

Hier geht es also darum, sich auszutauschen. Es gibt aber auch Phasen, wo sie lernen, miteinander zu schweigen – in verschiedenen meditativen Übungen beispielsweise. Beim ersten Workshop fällt ihnen das meist noch schwer, weil es ungewohnt ist oder weil es ihnen irgendwie peinlich ist. Wir machen aber die Erfahrung, dass sie am letzten Workshop mit Gelassenheit und Konzentration dasitzen und eigentlich gar nicht mehr mit dieser Art des kontemplativen Übens aufhören wollen.

Wie stark bestimmen Sie die Inhalte?

Goldberg: Ich führe bestimmte philosophische Unterscheidungen ein, das schon, aber ich gebe den Jugendlichen nicht vor, was sie denken sollen. Ich sage ihnen zum Beispiel nicht, das ist gute und das schlechte Führung. Im Grunde zettle ich ständig Untersuchungen an und verlasse mich darauf, dass die Weisheit der Gruppe schon zu den passenden Ergebnissen kommt.

Ich mache dieselbe Erfahrung auch in Gruppen von Managern: Wenn es einen sicheren Raum gibt, in dem die Teilnehmer sich frei äußern können, kommt alles, was ich mir als Philosoph vorstellen kann, von ihnen selbst. Irgendjemand sagt es. Sehr oft werden dann Sachen ausgesprochen, die mich selbst überraschen und von denen ich wiederum lerne. Ein festgelegtes Programm würde viel von dieser gemeinschaftlichen, kollektiven Weisheit abwürgen.

Ich denke mir, dass die leistungsorientierte moderne Welt von Wettbewerb und Ranking und auch die mediale Dominanz Spuren im Wesen der jungen Menschen hinterlässt. Ist die Stabilisierung der Jugendlichen in ihrer Psyche und Gefühlswelt ein Thema bei Ihrer Arbeit?

Es geht darum, dass sie mit sich selbst in Berührung sind und unterscheiden können: Was sind äußere Einflüsse, was passiert in mir selbst, worauf muss ich achten, wie funktioniert das mit den Gefühlen und Gedanken? Wie kann ich meine Gedanken vorüberziehen lassen, ohne vollkommen davon aufgesogen und mitgerissen zu werden.

„Junge Menschen haben ein Recht auf Irrtum „

Worin besteht in so einem Projektzyklus Ihre Zufriedenheit nach getaner Arbeit?

Goldberg: Ein altes chinesisches Sprichwort, das ich sehr liebe, lautet: „Das kleinste Licht anzuzünden ist besser, als sich über die Dunkelheit zu ärgern“. Dazu einige praktische Beispiele: Bei einem der ersten Workshops nahm ein Jugendlicher mit ausgeprägt rechter Gesinnung, Bomberjacke und raspelkurzen Haaren teil. Er wurde behandelt wie alle anderen. Irgendwann kam er und sagte, er hätte das Gefühl, als ob jemand einen Vorhang in seinem Kopf aufgezogen hätte.

Das war für mich eine Bestätigung in meinem Ansatz, dass Jugendliche eigentlich ein Recht auf jede Art von Irrtum haben. Sie brauchen nur ein Angebot, das attraktiver ist. Wenn sie einer rechten oder religiösen Ideologie folgen, dann versprechen sie sich zumeist davon, dass dadurch ihr Leben besser wird. Wenn sie etwas anderes finden, das mehr Spiel, mehr Freude, also mehr Erfüllung für sie selbst bedeutet, dann werden sie danach greifen. Ich muss sie nicht belehren, nicht zurechtweisen. Ich kann ihnen Möglichkeiten eröffnen, die mehr Lebensspiel und Entfaltungsmöglichkeit, letztlich größere Freude bieten.

Erzählen Sie uns noch mehr von Ihren Erfahrungen mit den jungen Menschen!

Goldberg: Ein weiteres Beispiel, das mich berührte: Am Tag nach der Amoktragödie in Winnenden vor einigen Jahren machte ich zu Beginn des Workshops eine Übung zu zweit. Die Jugendlichen saßen sich paarweise gegenüber, der eine durfte zwei Minuten reden, während der andere zuhörte und dann wurde gewechselt. Die begleitende Frage war: Was beschäftigt mich im Moment am meisten? Ich habe das Thema mit dem Unglück nicht initiiert, aber mich darauf verlassen, dass es zur Sprache kommt. Tatsächlich sagte im Feedback ein Mädchen: „Mich beschäftigt eigentlich die Sache von gestern am meisten. Ich traue mich fast nicht mehr, in die Schule zu gehen.“

Plötzlich kam zur Sprache, dass dieser Vorfall den anderen auch sehr nahe ging. Alle Gedanken, die ich ihnen gerne dazu gesagt hätte, kamen anschließend bei dem Rundgespräch unaufgefordert vom Schülerkreis selbst.

Bei einem anderen Workshop hatte ich Teilnehmer aus unterschiedlich muslimischer Herkunft, die sich normalerweise gar nicht grün sind. Sie hatten zum ersten Mal die Gelegenheit, sich über ihre religiöse Erziehung auszutauschen und über die Spannungen, die zwischen diesen Gruppen bestehen, selbständig zu reflektieren.

Mit einigen meiner früheren Teilnehmer stehe ich noch in Kontakt. Einer macht gerade in einem Förderverein mit, bei dem ein christlicher Priester, ein Rabbiner und ein Imam gemeinsam ein Gotteshaus in Berlin gründen wollen. Das freut mich natürlich. Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen, aber auch zwischen den Geschlechtern, den sozialen Schichten, kurz: zwischen Menschen ist eines meiner zentralen Anliegen.

Wie würden Sie Ihre Philosophie zusammenfassen?

Goldberg: Philosophie ist für mich geistige Bewegung und Beweglichkeit. Das heißt, die Möglichkeit, immer wieder neue Perspektiven einzunehmen, neue Fragen zu stellen. Ich nenne das „die Wirklichkeit in Fragen auflösen“. Das, was sich für uns so verdichtet hat und als „alternativlos“ erscheint, wieder in eine philosophische Schwebe zu bringen und von da aus neue Handlungsoptionen zu entwickeln.

Das gilt auch für meine Identität als Mensch, also für das, was als Verfestigung in mir erscheint und was „Ich“ geworden ist. Diese aus meinem Gewordensein rührende Identität gilt es zu überschreiten in eine Richtung, die ich als Selbst bezeichne. Für mich weniger eine Substanz, als vielleicht ein „leerer Raum von Möglichkeit“. Das ist für mich kein Konzept, sondern eher eine Erfahrung, aus der ich lebe und für die ich Worte suche.

Ich weiß natürlich, dass ich damit an die Grenzen der westlichen Begriffsphilosophie stoße. Mir ist es wichtig, mit der Sprache sorgsam umzugehen. Es gibt Dinge, über die sich philosophisch nicht mehr sinnvoll sprechen lässt. Sie wissen schon: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Aber das bedeutet nicht, dass man es nicht vielleicht sinnvoll leben kann.

Florian Goldberg ist Germanist und Philosoph, Buch- und Hörspielautor. Er arbeitet seit über 20 Jahren als Bewusstseinstrainer und Coach für Personen aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Autor des Buches „Wem gehört dein Leben? – Grundzüge für ein Angewandtes Existentielles Philosophieren“, Kunst Kloster Art Research Verlag 2011

www.florian-goldberg.de

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