Monika-Seelenruhe

Seelenruhe

Mit Weisheiten der Antike zur inneren Mitte finden

Wie erlangt man in stressigen Zeiten mehr Gelassenheit? Johannes Bucej unternimmt einen Streifzug durch 1500 Jahre abendländischer Philosophie und sucht nach Antworten für moderne Menschen.

„Heut mach mich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken!“ Mit diesem Zitat des Kabarettisten Wolfgang Neuss lädt der Gastro-Journalist und Slow-Food-Aktivist Johannes Bucej zum „Aufsuchen der inneren Mitte“ ein. Dafür hat der studierte Philosoph und Theologe abendländische Denker zu Rate gezogen und neu interpretiert. Er konzentriert sich dabei auf die Antike, angefangen bei den alten Philosophenschulen der Stoa und der Epikureer, lässt aber auch Philosophen des 18. bis 20. Jahrhunderts zu Wort kommen.

Mit seinen Betrachtungen richtet sich Bucej in erster Linie an populärwissenschaftlich interessierte Leser und erinnert daran, dass es jenseits der zurzeit ungleich beliebteren östlichen Weisheitslehren viele andere wertvolle, aber zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene Quellen gibt, die dabei helfen können, Achtsamkeit und Gelassenheit zu praktizieren.

Bucejs Fundstellen klingen für moderne Ohren zuweilen ungewohnt, viele davon sind aber bei näherer Betrachtung überraschend zeitgemäß. So rät der römische Stoiker Seneca (1–65 n.Chr.) zum Beispiel zu „einem gleichmäßigen und günstigen Lauf“, damit die Seele „mit sich selber einig sei , dass Ihre freudig anschaue und diese Freude nicht unterbreche, sondern in einem ruhigen Zustand verharre“. Das klingt verlockend, doch wie bewahrt man sich diese Gemütsverfassung in einer Zeit, in der Stress und Reizüberflutung gang und gäbe sind?

Epikurs „vierfache Medizin“ für moderne Menschen

Von Seneca („Über die Seelenruhe“) hat Bucej sich den Titel geliehen. Auf der Suche nach Antworten setzt er aber auch auf Epikur (341 bis 270 v.Chr.), dessen „vierfache Medizin“ zugleich auch das Herzstück des Buchs ist: „Gott bereitet keine Ängste, der Tod verursacht keine Sorgen, das Gute lässt sich leicht erreichen, das Übel lässt sich leicht ertragen.“

Da das Göttliche heute für viele Menschen an Bedeutung verloren hat, zieht Bucej aus Epikurs erster Merkregel den Rückschluss, dass es keine unfehlbare unpersönliche Übermacht gebe, die uns in Schwierigkeiten brächte. Wir wären ihr nicht hilflos ausgeliefert und könnten uns ihr entziehen.

Ihm zufolge ist es Epikurs bleibendes Verdienst, „daran zu erinnern, dass es ein Leben vor dem Tod gibt – das auch erst einmal gelebt werden will.“ Und er fügt hinzu: „Wovor wir uns vielmehr fürchten sollten, ist nicht, dass das Leben mal ein Ende haben wird, als davor, uns eingestehen zu müssen: Ich habe nicht gelebt, warum muss ich sterben?“ Daraus folgt für ihn frei nach Seneca, „dass wir die Zeit, die wir haben, nicht nutzen“. Nicht die Quantität, sondern die Qualität des Lebens sei also entscheidend.

Dass „das Gute“ sich in unserer Konsumgesellschaft leicht beschaffen lässt, trifft vordergründig zu. Die Frage sei laut Bucej jedoch nicht, „wie viel wir uns leisten können, sondern was wir uns vernünftigerweise leisten können, uns zu leisten“. Für ihn plädoyiert Epikur hier nicht für den Verzicht als Grundhaltung, wohl aber für kluge Wahl und Selbstgenügsamkeit.

Müssen wir – wie bei Epikur – das „Beschwerliche“ mit Gleichmut ertragen, müssen wir uns wirklich mit unserem Schicksal abfinden? Bucej verneint dies und betont: „Nur dieses eine Leben, das jeder hat, ist dafür gedacht, eine eigene Antwort zu finden. Warum also sollte man es nicht zumindest versuchen, auch gegen Widerstände und Bedrohungen?“ Die Frage „Wozu das Ganze?“ sei eine, die sich nicht abwürgen ließe. Sie werde immer wieder akut. Und erst, wenn wir sie annähmen, hätten wir eine Chance, zur Seelenruhe zu kommen.

Sich selbst zurücknehmen und kooperieren

„Lebe im Verborgenen“ ist ein weiterer Ratschlag Epikurs. Was will uns dieser heute sagen? Sollten wir uns am besten aus der Öffentlichkeit zurückziehen, nicht weiter auffallen, so wenige Angriffsflächen wie möglich bieten? Dazu sagt Bucej: „Wen der Ehrgeiz treibt, der soll sich um öffentliche Aufgaben bemühen. Aber am ruhigsten lebt man sein Leben, wenn Ämter, Karriere und öffentliche Ehren nicht locken. Sie sind ohnehin flüchtig.“ Doch die Alternative liegt nahe: „Es gibt für den Epikureer durchaus einen anderen Weg, Einfluss zu nehmen. Er besteht in der Zusammenarbeit, in der gemeinsamen Lebensgestaltung mit Gleichgesinnten, am besten sogar im Zusammenleben.“

Vom Wert der Freundschaft 

Daraus folgt, dass Zurückhaltung keineswegs in die Einsamkeit führen muss. Bucej sinniert über das Wesen der Freundschaft: „Bedürfnis nach Zuversicht“ wären die Schlüsselworte in dem Epikur-Zitat über den Sinn und Nutzen der Freundschaft, weshalb es um die Frage ginge „worauf sich ein Mensch verlassen kann, der auf dieser Welt und nicht in einer anderen Halt sucht“.

Für Bucej favorisierte Epikur – mehr als in Ehe und Familie und auch der staatlichen Gemeinschaft – die Art der zwischenmenschlichen Beziehung, die dem persönlichen Streben nach Glück und Ruhe am besten entspräche. Wie er anmerkt, “erblickten Epikur und seine Anhänger in ihr nicht allein die Mitmenschlichkeit an sich, sondern begriffen sie ebenso als eine Abwehr gegen Anfeindungen von außen.“

Was lernen wir aus dieser Erkenntnis? Dazu Bucej: “Auch und gerade heute, wenn wir erleben, wie staatliche Strukturen zugunsten anderer, staatenübergreifender Konstrukte abgebaut werden, könnte erneut die Stunde der Freundschaftsbeziehungen schlagen, nicht als Seilschaft oder ‚Vitamin B‘, sondern als echte, um ihrer selbst willen gesuchte Beziehung.“

Von der Notwendigkeit der Selbstliebe

Dafür brauchen wir Bucej zufolge aber auch ein gewisses Maß an Selbstliebe. Sie ist für ihn Grundlage dafür, sich überhaupt auf andere einlassen zu können: „Selbstbeziehung ist nicht Selbstbezogenheit“, so Bucej.“ Von sich absehen, nachdem man ein neues – und gutes – Verhältnis zu sich selbst gewonnen hat, ist die nächste Stufe, die wir erklimmen, um Seelenruhe zu erlangen.“

Bucejs Anregungen zur Entwicklung von „Seelenruhe“ ermöglichen einen kompakten Einstieg in die abendländische Denktradition. Angenehmerweise erteilt der Autor keine Ratschläge, sondern überlässt es dem Leser, sich seine eigene Meinung zu bilden. Deshalb könnte man dieses Buch aus zweierlei Gründen lesen: Einfach nur, um neue Inspirationen für sein Alltagsleben zu finden, aber auch, um auf den Geschmack zu kommen, sich mit dem einen oder anderen Philosophen näher zu beschäftigen.

Astrid Triebsees

Johannes B. Bucej: Seelenruhe – Philosophisch zur inneren Mitte finden. Riemann Verlag, München 2014. 256 Seiten, 16,99 Euro

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