Sein und Arbeiten jenseits von Wachstum

Cover Jackson- Wie wollen wir leben

Über den Wachstumsmythos hinausdenken

Ist mehr haben immer besser? Tim Jackson, Professor für nachhaltige Entwicklung, stellt den Wachstumsmythos in Frage. Mit seinem Buch lädt er dazu ein, tiefer darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und was uns als Menschen ausmacht. Ein Augenmerk liegt auf der Frage, wie die Arbeit zum Ausdruck von Kreativität und Fürsorge werden kann.

Müssen wir verzichten und uns einschränken, wenn wir das Konzept des Wirtschaftswachstums in Frage stellen und über Möglichkeiten einer Postwachstumsökonomie sprechen? Oder wäre es nicht besser, sich zu fragen, wie unser Leben einen neuen Sinn, eine innere Fülle und tiefere Erfüllung erhalten kann?

Wenn wir die Idee, dass unsere Wirtschaft ständiges Wachstum braucht, als einen Mythos und keine in Stein gemeißelte Notwendigkeit erkennen, öffnet sich der Raum für Alternativen. In seinem Buch begibt sich Tim Jackson in diesen Möglichkeitsraum und erforscht, wie wir unser Denken und unseren Umgang mit uns selbst, mit anderen und der Natur so umgestalten können, dass es den tieferen Werten unseres Menschseins entspricht.

Neben seiner Arbeit als Professor für nachhaltige Entwicklung und Direktor des Center for the Understanding of Sustainable Prosperity ist Tim Jackson auch preisgekrönter Dramatiker, der mehrere Hörspiele für die BBC geschrieben hat.

Vielleicht hat er deshalb eine besondere Sensibilität dafür, dass unsere Form des Wirtschaftens auf bestimmten Narrativen beruht. Wie wir die Welt sehen und verstehen, welche Geschichten wir uns über den Menschen erzählen, führt zu unserem Handeln in der Welt, insbesondere in unserem Wirtschaften.

Doch welches Narrativ kann uns heute besser durch unsere krisenhafte Zeit bringen? Welche Geschichte dient heute mehr unserem Menschsein?

Ein besseres Leben durch mehr Wohlstand?

In seinem Buch erforscht Tim Jackson die Annahmen, Werte und philosophischen Ideen, die zu unserer heutigen Ökonomie geführt haben. Dabei bringt er als Geschichtenerzähler Ereignisse und Ideen aus Geschichte, Kunst, Philosophie und Ökonomie lebendig nahe und analysiert sie tiefergehend. So ist sein Buch auch eine interessante und immer wieder auch überraschende Reise in die Ideengeschichte.

So legt er zum Beispiel dar, dass Kapitalismus und Buddhismus von der gleichen Diagnose der Situation des Menschen ausgehen: „Leiden ist überall.“ Aber auf die Frage, wie wir dieses Leiden überwinden können, geben beide Denksysteme entgegengesetzte Antworten.

Im Buddhismus wird das Verlangen als Grundursache des Leidens beschrieben: das nie endende Begehren nach immer mehr Reichtum, Ruhm, Besitztümern. Der Kapitalismus folgt hingegen der Idee, dass wir unser menschliches Leidendadurch überwinden, dass wir durch Wohlstand ein besseres Leben führen können.

Die Freiheit des Seins berühren

Der Buddhismus, so erklärt Tim Jackson, hat einen ganz anderen Bezug zur Macht: „Die Macht liegt … in der Fähigkeit, sich nicht vom Verlangen beherrschen zu lassen.“

Dadurch wächst uns die Macht zu, das Leben an unseren tiefsten Werten auszurichten und nicht der Fremdbestimmung des Wachstumswahns folgen zu müssen. Diese Befreiung öffnet uns den Blick auf das, was uns wirklich erfüllt.

Tim Jackson folgt bei seinen Betrachtungen zur Macht auch den Spuren von Thich Nhat Hanh (1926-2022), dem buddhistischen Lehrer, der gegen den Vietnamkrieg protestierte und ins Exil gehen musste.

„Wenn du einen Weg hast, den du gehen kannst, dann hast du Macht“, so zitiert Jackson den buddhistischen Friedensaktivisten. „Diese Art von Macht kannst du in jedem Augenblick deines täglichen Lebens erzeugen.“

Arbeit und kreatives Gestalten

In einem anderen Kapitel wendet sich Jackson der Arbeit zu und der Erfahrung vieler Menschen, darin keine wirkliche Erfüllung zu finden oder gar durch Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit, zunehmenden Konkurrenz krank zu werden.

Dabei bezieht sich Jackson auch auf die Unterscheidung von Hannah Arendt zwischen Arbeit (labour) und Herstellen (work). Arbeit umfasst die Tätigkeiten, die unsere Gesellschaft erst ermöglichen wie Hausarbeit, Kindererziehung, Sorge für die Alten und Kranken.

Neben die Arbeit setzte Arendt das herstellende Tun, das kreative schöpferische Gestalten. Dadurch so Arendt, findet der Mensch eine Antwort auf seine Sterblichkeit. Wir erschaffen etwas, das unserer Vergänglichkeit etwas Dauer verleiht.

Sowohl Arbeit als auch Herstellen werden vom Wachstumskapitalismus korrumpiert und entfremdet. Die Tätigkeiten der Arbeit werden als gering angesehen, schlecht bezahlt und genießen kaum gesellschaftliche Anerkennung.

Und die Tätigkeiten des Herstellens werden zu Waffen im Konkurrenzkampf, dann geht es nicht mehr um die Freude am Tun, sondern darum, eine Belohnung für das Tun zu erhalten.

Jackson stellt durch solche Betrachtungen die Frage, wie wir die Arbeit und unser ganzes Tun so gestalten könnten, dass sie zum Ausdruck unserer menschlichen Fürsorge und Kreativität werden.

So eröffnet er immer wieder Lichtblicke in eine andere, mögliche Geschichte, an der wir alle mitschreiben können.

Zu nichts weniger alszur gemeinsamen Gestaltung einer neuen Wirtschaft und Gesellschaft will Jackson in diesem Buch aufrufen. Darin geht es nicht nur darum, weniger Schaden anzurichten und unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Vielmehr kann in einer solchen neuen Wirtschaft das, was uns als Menschen in der Tiefe erfüllt, zum Leitstern unseres Seins, unseres Handelns und unseres gesellschaftlichen Miteinanders werden.

Mike Kauschke

Tim Jackson. Wie wollen wir leben? – Wege aus dem Wachstumswahn, Oekom Verlag 2021

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Warchi/ iStock

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