Interview mit Melina Meyer

Die Studentin Melina Meyer, 24, liegt der Klimaschutz sehr am Herzen. Ihre eigene Ohnmacht und Verzweiflung nutzt sie, um sich politisch zu engagieren und sich mit anderen Menschen zu verbinden. „Es reicht nicht, alle vier Jahre zur Wahl zu gehen“. Dabei lebt sie so nachhaltig wie möglich und achtet auf einen Ausgleich von Aktivitäten und Muße.

Melina Meyer, 24, studiert Ernährungswissenschaften an der Universität Gießen. Sie wohnt in einer Öko-WG und engagiert sich bei Extinction Rebellion. Das Gespräch führte Birgit Stratmann

Frage: Du bist über unser großes Barcamp Mitte Februar zu Ethik heute gekommen, unsere letzte Veranstaltung vor der Corona-Krise. Wie war das für dich?

Melina: Ich bin schon länger stille Mitleserin von Ethik heute. Ich war etwas zu spät, um mich zum Barcamp anzumelden und landete auf der Warteliste. Doch ich wollte unbedingt hinfahren, auch ohne Platz, da ich unbedingt etwas zum Thema Zukunft sagen wollte. Dann konnte ich nachrücken und habe einen wundervollen, bereichernden Tag erlebt.

Frage: Und das, obwohl die meisten Teilnehmer nicht deiner Altersgruppe angehörten.

Melina: Ich war schon davon ausgegangen, dass ich eine der Jüngsten sein würde. Aber ich mag es, mich mit Menschen in anderen Lebenssituationen auszutauschen; meine eigene Situation kenne ich ja. Ich möchte lernen – und das geht nur, wenn ich andere Perspektiven kennenlerne. Ich war überwältigt von der Offenheit beim Barcamp. Ich wurde respektiert und gehört, ich fühlte mich total ernst genommen, was nicht so selbstverständlich ist.

„Wir klagen niemanden an“

Du engagierst dich bei Extinction Rebellion (XR), warum?

Melina: Ich teile die Werte und Prinzipien von XR zutiefst: Hier geht es nicht nur um den Klimaschutz, sondern eine „regenerative Kultur“, das ist für mich persönlich das Herzstück. Das bedeutet einen Wandel der gesamten Gesellschaft.

Wir leben in einem toxischen System, in dem eigentlich kein gutes Handeln möglich ist. Deshalb ist eines unserer Prinzipien, dass wir niemanden anklagen oder beschuldigen, weil die Menschen, die politische Entscheidungen treffen, durch das System dazu gezwungen sind.

Wir wollen dieses System verändern, indem wir Liebe und Mitgefühl in die Welt bringen. Gleichzeitig brauchen wir Resilienz, denn wir wissen aufgrund wissenschaftlicher Studien zu Klima und Umwelt, dass unsere Zukunft nicht rosig sein wird. Wir wollen eine Gesellschaft aufbauen, die damit konstruktiv umgehen kann, die die Priorität nicht auf materiellen Wohlstand und Statussymbole legt, sondern auf das Glück aller. Liebe und Solidarität sollten uns leiten.

Ist es also nicht so wie bei anderen Organisationen, wo man sich auf die politische Ebene konzentriert, Kampagnen macht, Gegner attackiert, Forderungen durchsetzen will usw. ?

Melina: Doch, wir klagen auch die politische Ebene an, nur sehen wir es nicht als zielführend an, einen einzigen Manager, den Vorstandssitzenden eines Konzerns anzugreifen, solange diese in einem toxischen System agieren. Vielmehr hinterfragen wir das gesamte System, welches auf ein fragwürdiges Wachstumsideal aufbaut. Wir brauchen einen Wandel des gesamten Mindsets, um den Weg der Ausbeutung des Planeten zu verlassen.

Wir haben drei Prinzipien: „Sagt die Wahrheit“ – wie es wirklich um unseren Planeten steht. „Handelt jetzt“ – Klimaneutralität bis 2025. „Politik neu leben“ – mit Bürgerinnen-Versammlungen, wie es sie schon in anderen Ländern gibt. Es reicht nicht, alle vier Jahre zur Wahl zu gehen.

Gefühle von Ohnmacht und Trauer

Für junge Menschen ist Corona eher harmlos, die Klimakrise viel bedrohlicher. Was empfindest du, wenn du an die Erderwärmung denkst?

Melina: Ich fühle die Erde weinen und möchte am liebsten mitweinen. Wir leben egoistisch, ohne an ein Morgen, an andere Lebewesen, an den Planeten zu denken. Das macht mich unendlich traurig.

Ist diese Trauer so ein Grundgefühl in deinem Leben?

Melina: Die Gefühle kommen in Wellen. Mal fühle ich eine ungeheure Ohnmacht und Verzweiflung. In solche Phasen frage ich mich, wieso ich morgens aufstehe, wenn ich schon durch das bloße Dasein in der dieser privilegierten Gesellschaft zur Klimaerhitzung beitrage.

Egal, wie nachhaltig ich mich verhalte, da komme ich als Einzelne nicht gegen an. Ich kann mich noch so viel abmühen, plastikrei einkaufen, regionales Essen kaufen, Kleidung umnähen, statt neue zu kaufen – es ändert im Grunde nichts an unserer Situation. Ich produziere weiter massenhaft Kohlendioxid (CO2).

Zum Glück überwiegen die Zeiten, in denen ich diese starken Gefühle nutzen kann, auch wenn sie schmerzhaft sind. Die Wut ist beispielsweise auch ein Geschenk, denn sie bringt mich zum Handeln. Und dieses Handeln wird zum Selbstläufer. Jede Demonstration, jede Aktionsform wie „Die-Ins“ bringt mich weiter in meine Kraft und stärken meine Entschlossenheit, einen Unterschied machen zu wollen. Im Oktober 2019 beispielsweise waren wir mit XR in Berlin bei der „Rebellion Wave“ die eine Woche lang ging.

Es kamen um die 8.000 Menschen aus ganz Deutschland zusammen und haben Plätze in Berlin besetzt, quasi den Raum für die Menschen zurückerobert. Zum Beispiel haben wir Pflanzen zum Potsamer Platz gebracht, getanzt, gespielt, meditiert, Yoga geübt, gesungen, geredet. Es war ein Versuch, die Gesellschaft, die wir uns wünschen, jetzt schon zu gestalten und auf kreative Weise auf das Artensterben und den Klimawandel aufmerksam zu machen. Das war stärkend und motivierend.

„Ich kümmere mich auch um meine seelische Gesundheit“

Neben deinem Engagement übst du Yoga und Meditation, wozu ist das gut?

Melina: Die regenerative Kultur beginnt bei mir selbst. Nur wenn ich in meiner Kraft bin, kann ich etwas bewirken. Ich brauche Ruhe, um in dieser schnellen Welt durchatmen zu können und wahnsinnig viel „me time“. Neben dem Austausch mit Anderen brauche ich auch meinen Austausch mit mir in der Stille, mache Yoga, um mit meinem Körper in Kontakt zu kommen. Ich räume mir jeden Tag Zeit ein, um Dankbarkeit zu praktizieren, etwa dafür, dass mir ein Leben geschenkt wurde, in dem ich diesen Fokus setzen darf. Diese Welt braucht viel Liebe und Zuwendung, aber um diese geben zu können, darf ich meine innere Quelle nicht versiegen lassen. So wie ich mich um die Mutter Erde kümmere, so sorge ich mich auch um meinen Körper und meine seelische Gesundheit.

Bist du darin von deinen Eltern unterstützt worden?

Melina: Meine Eltern sind spirituelle Menschen. Ihre Beziehung begann, als sie in jungen Jahren nach Indien durchgebrannt sind und gelernt haben, dass es mehr gibt als das westliche Lebensideal. Mit 15 Jahren wurde ich von meinem Vater nach Indien geschleppt und habe dort die Lehren meines Lebens gelernt.

Zu der Zeit war ich total egoistisch und selbstbezogen und dachte, dass kein Mensch so viel leidet wie ich. In Indien habe ich Menschen getroffen, die nur das besitzen, was sie am Körper tragen, keinerlei Sicherheiten, keine Krankenkasse – und doch schienen sie glücklicher zu sein als ich. Ich habe gelernt: „Glück ist nicht käuflich, Glück entsteht in dir und du kannst dich bewusst dafür entscheiden“.

Corona-Krise: Die Politik ist plötzlich handlungsfähig

Corona hat uns alle kalt erwischt. Denkst du, dass die Menschen sich jetzt auch der Klimakrise ernsthaft zuwenden oder fällt diese jetzt erst mal unter den Tisch?

Melina: Theoretisch ist dies eine große Chance. Ich hoffe so sehr, dass wir sie ergreifen. Man kann aber noch nicht sagen, in welche Richtung es nach Corona gehen wird. Wird die Solidarität siegen oder der Egoismus?

Was mir Hoffnung gibt: Die Politik zeigt, dass sie in der Krise so handeln kann, wie es notwendig ist. Das wünsche ich mir natürlich auch für die Klimakrise, denn diese ist noch viel bedrohlicher, auch wenn nicht so offensichtlich. Ich habe allerdings Bedenken, wenn es heißt, dass wir bald wieder „Normalität“ erreichen wollen. Diese Normalität war das Problem und sollte kein Ziel sein.

Stärkt es dein Vertrauen in die Politik?

Melina: Ja, plötzlich wird schnell gehandelt, wenn man die Notwendigkeit sieht. Das lässt mein Vertrauen wachsen. Wissenschaftler haben dokumentiert, was die getroffenen Corona-Maßnahmen auch für die Umwelt bewirken: bessere Luft in Städten, saubere Gewässer, Fische und Delfine kommen zurück. Das heißt: Wir können anders handeln und sollten nach Corona nicht so weitermachen wie vorher. Denn wir reden beim Klima von Zeiträumen von 100 Jahren und mehr. Hier geht es nicht um mich als Einzelne, sondern um das große Ganze.

Nachhaltigkeit hat mit Kreativität zu tun

Wir sind ja alle Teil des Problems. Was tust du selbst, um weniger Energie und CO2 zu verbrauchen?

Melina: Das Vorurteil, man müsse auf ein gutes Leben verzichten, wenn man nachhaltig lebt, hält sich hartnäckig. Ich finde, das trifft nicht zu: Seit ich nachhaltig lebe, bin ich glücklicher, denn ich lebe mehr, ja empfinde jeden Tag als ein kleines Abenteuer, weil es ja darum geht, alte Gewohnheiten zu durchbrechen und Neues zu machen.

Nachhaltigkeit hat in meinen Augen auch eine spirituelle Seite. Seitdem ich den Glaubenssatz aufgelöst habe, dass ich nicht gut genug sei, fühle ich mich viel freier. Ich nicht mehr gezwungen, meinen scheinbar fehlenden Wert durch materielle Güter zu kompensieren.

Seit ich denken kann, sagt die Werbung, dass ich nur schön bin, wenn ich mein Gesicht mit Make-up aufpoliere, dass ich nur so wertvoll bin wie mein Auto und dass ich nur Freunde haben kann, wenn ich ihnen z.B. eine bestimmte Marke Bier anbiete. Doch das ist totaler Quatsch. Durch die Auflösung des Glaubenssatzes bin ich frei und muss nichts mehr mit Shoppen kompensieren.

Ich kaufe beispielsweise keine Klamotten. Mein Zimmer ist gerade ein Chaos, weil ich meinen ganzen Kleiderschrank ausgeräumt habe. Nun nähe ich alte Kleidung um, damit ich nach der Krise neue Klamotten habe. Zwischendurch nähe ich aus nicht mehr zu rettenden Klamotten Nasen-Mund-Masken, auch für andere, die nicht selbst nähen können.

Ich tausche auch mit Freundinnen, das macht so viel Spaß. Wir sortieren Dinge aus, die wir nicht mehr brauchen, und bieten sie anderen an. Dafür dürfen wir dann bei anderen schauen, was wir gern eine Weile nutzen würden.

Die Idee ist: Wir schätzen bereits produzierte Dinge wert. Etwas ist wertvoll, weil Menschen es hergestellt haben und Ressourcen hineingegangen sind. Daher werfen wir es nicht weg, sondern teilen es mit anderen. Auch zum Geburtstag kaufen wir nicht irgendetwas ein, sondern schenken z.B. selbst gebackenes Brot mit hausgemachter Bärlauchpaste. Oder ein Buch, das ich selbst schon gelesen habe und Eindruck auf mich gemacht hat. Oder das wertvollste: gemeinsame Zeit. So kann Nachhaltigkeit wirklich Spaß machen, das hat viel mit Kreativität zu tun.

Wer sind deine Vorbilder?

Melina: Mein großes Vorbild ist Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir in der Welt wünscht“. Daran denke ich jeden Morgen. Auch lese ich den Dalai Lama. Sein vorletztes Büchlein „Seid Rebellen des Friedens“ hat mich sehr beeindruckt. Hier ruft er die „Revolution des Mitgefühls“ aus, das berührt mich tief und inspiriert mich, Teil dieser Revolution zu werden.

Mein größtes Vorbild aber ist mein Vater. Bis zu seinem letzten Tag hat er mich gelehrt, dass es mehr als in Ordnung ist, anders zu sein. Er hat mich ermutigt, die Quelle der Kraft in mir selbst zu finden und nicht im Außen. Und er lehrte mich, das zu leben, was man sagt: „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens; du entscheidest mit, wie du ihn füllst“. Ich möchte den heutigen Tag mit Licht und Liebe und nicht mit materiellen Belanglosigkeiten füllen.

Foto: privat

Melina Meyer engagiert sich bei Extinction Rebellion, einer Umweltschutzbewegung, die u.a. mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams auf sich aufmerksam macht.