Ein Essay von Ina Schmidt

Unsere demokratische Gesellschaft lebt von der Solidarität ihrer Mitglieder, und das geht über emotionale Verbundenheit weit hinaus. Die Philosophin Ina Schmidt erklärt: Solidarität fragt nicht: „Was habe ich davon?“, sondern was kann ich aus gutem Grund zum Gelingen des Ganzen beitragen.

 

„Vereinte Kraft ist zur Herbeiführung des Erfolges wirksamer als zersplitterte oder geteilte.“ Thomas von Aquin

In Halle wurde am 16. Januar 2020 auf das Bürgerbüro des SPD-Abgeordneten Dr. Karamba Diaby geschossen, die großen Scheiben des Büros sind gesplittert und zeigen Einschusslöcher. Eine Woche später erhielt er Morddrohung aus dem rechtsextremen Umfeld.

Eine Welle der Solidarität folgte und sicherte dem Politiker Unterstützung zu, der sich nicht vom Weitermachen abhalten ließ und das Büro direkt wieder öffnete. Auf Twitter bedankte sich Diaby für all die Zeichen des Mitgefühls. Eine Frau habe Rosen in die drei Einschusslöcher seines Bürofensters gesteckt, viele dieser Gesten und Zeichen hätten ihn tief berührt.

Sich solidarisch zeigen, aufstehen, um zum Ausdruck zu bringen, wofür man ist und nicht allein wogegen, ist eine Form des Engagements in unserer Demokratie, die gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann. Aber was genau bedeutet es eigentlich – solidarisch zu sein? Was meinen wir mit Solidarität? Wir alle haben keine Zweifel daran, dass es eine gute Sache ist, aber oft wissen wir nicht ganz genau, womit wir uns wirklich solidarisch zeigen wollen oder können.

Denken wir an den Begriff der Solidarität, haben wir Bilder von Arbeiterbewegungen im Kopf, die uns ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, wie der Tonfall in Bertolt Brechts „Solidaritätslied“, der Hanns Eisler in seinem Film „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?“ Ende der 1920er Jahre schmettern lässt: „Vorwärts und nicht vergessen / Worin unsere Stärke besteht / Beim Hungern und beim Essen / Vorwärts und nie vergessen: Die Solidarität.“

Gemeinsame Kraft, Aus- und Durchhalten, komme, was wolle, und ein politischer Appell schwingen in dem Wunsch nach Solidarität mit. Aber auch andere politische Traditionen berufen sich auf solidarische Verbundenheit.

Solidarität und soziales Miteinander

Gegenwärtig werden Begriffe wie Gemeinschaftsgeist, Kameradschaft und Loyalität auch in rechtspopulistischen Kreisen bemüht, das lässt uns aufhorchen. Solidarisch soll sich hier auf rückwärtsgewandte Weise mit etwas gezeigt werden, was wahre Werte und Wesenheiten verteidigen soll, am besten gegen alles, was anders, neu oder fremd ist. Hier geht es darum, sich mit anderen gegen andere zu positionieren, letztlich eine Klarheit zu formulieren, die auf Spaltung aus ist, weil nur das Eigene zählt und das andere „solidarisch“ ausgegrenzt wird.

Wie aber lässt sich aus diesen Kontexten das herauslesen, was in unserer Demokratie echte Solidarität auszeichnet, die sich im besten Sinne als Grundlage eines gelingenden menschlichen Miteinander zum Ausdruck bringen lässt, die Differenzen mitdenken kann und Vielfalt mit klaren Positionen in Einklang bringen kann? Und worauf beziehen wir uns heute, wenn wir Solidarität zeigen?

Solidarität ist mehr als eine Parole oder das Festhalten an Traditionen, mehr als die Grundlage für ein Sozialversicherungssystem, in dem eine Generation für die andere sorgt, und auch mehr als das Mitgefühl mit einzelnen, die sich in einer schwierigen Position befinden. Solidarität ist das, was unsere Gemeinschaft zusammenhält, ein geistiges Prinzip der Verbundenheit, in dem sich jedes soziale Miteinander in der Demokratie überhaupt erst zu entfalten beginnt und das im Handeln sichtbar wird.

Es geht um mehr als um mich selbst

Solidarität beschreibt ein Prinzip, das sich auf das lateinische „solidus“ beziehend eine echte Bezogenheit meint, die aus gemeinsamen Werten und Überzeugungen herrührt, sich mit ihnen wandelt und auch dann erhalten bleibt, wenn man keinen persönlichen Vorteil daraus ziehen kann.

Darin fühlen wir uns, anders als bei Werten wie Freundschaft, Treue oder Loyalität, nicht zwingend anderen Menschen emotional verbunden. Ja, manchmal kennen wir diejenigen gar nicht, mit denen wir solidarisch sind. Es gibt keine äußeren Strukturen, mit denen wir uns konform zeigen müssen, sondern es geht um eine gewollte Verbundenheit zu dem, was uns wesentlich und wertvoll erscheint, um eine menschliche Gemeinschaft gelingen zu lassen.

Beschwören wir Solidarität nur dann, wenn es darum geht, Recht zu bekommen und Mitstreiter für das Eigene zu gewinnen, um klar und deutlich zu machen, was uns „zusteht“, dann gerät jedes Solidaritätsprinzip in eine Schieflage und damit die Gemeinschaft, die sich auf ihr gründet. Solidarisch zeige ich mich nämlich erst dann, wenn es um mehr geht als mich selbst: um eine Gemeinsamkeit, die uns verbindet und diese Verbindung gilt es zu erhalten: einen Wert, ein Ziel oder Vorhaben, eine Überzeugung

Solidarität zeigt sich, wenn die Grundfesten der Gemeinschaft mit Füßen getreten werden, und ich Menschen beistehe, denen Leid oder Bösartigkeit widerfahren ist, die ebenso mich hätte treffen können. Solidarität drückt sich aus, wenn Mitglieder der Gemeinschaft in Bedrängnis geraten, wenn anderen Not, Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt widerfährt – wie in Halle vor dem Bürgerbüro von Karamba Diaby, in unserer eigenen Nachbarschaft, an der Supermarktkasse, im Bus. Diese Haltung kann sogar noch weitergehen. Wir können uns mit Menschen zu solidarisieren, denen in anderen Teilen der Welt Leid oder Ungerechtigkeit widerfährt.

Solidarität als Möglichkeit

Dafür aber braucht es eine gründliche Form der eigenen Überprüfung. Welche Grundwerte sind für mich nicht nur das Fundament, sondern der Grund für ein gesellschaftliches Handeln, was nicht verhandelbar sein darf? An welchen Prinzipien wollen und dürfen wir nicht rütteln und wo sind wir gerade aufgerufen, bestimmte Überzeugungen auf ihren Kontext zu beziehen?

Selbst wenn wir die beständig wachsende Komplexität beklagen, manche Überlegungen werden auf diese Weise sehr klar: klar: Ich kann mich nicht mit den Demonstranten im Hambacher Forst solidarisieren und gleichzeitig den Bau neuer Kohlekraftwerke unterstützen. Es geht nur das eine oder das andere. Solidarität schafft eine Gemeinschaft auf der Basis gemeinsamer Werte, die ausschließt, dass ich das eine sage und das andere tue: Wenn es doch so ist, bin ich kein Teil dieser Solidargemeinschaft.

Das ist ein einfacher und nicht aufzulösender Zusammenhang. Das heißt nicht, dass innerhalb einer solchen Gemeinschaft nicht darum gerungen wird, wie diese gemeinsamen Werte geltend gemacht werden. Die Werte selbst stehen jedoch nicht in Frage, auch wenn sie beständig überprüft und begründet werden.

Damit wird diese innere Auseinandersetzung der Solidarisierung mit einer Gemeinschaft, zu der ich mich zugehörig fühle, zu einer existenziellen Beschäftigung mit dem, was uns gemeinsam als Wertegemeinschaft auszeichnet – auch, und gerade wenn es Mut kostet, dafür einzustehen, Unannehmlichkeiten, Verzicht oder sogar Opfer von uns fordert.

Im Alltag solidarisch sein

Zeige ich mich mitten im Alltag solidarisch mit dem jungen Syrer in der Kasse am Supermarkt, der den Unmut der gestressten Kassiererin abbekommt, weil er sein Kleingeld nicht schnell genug zusammenzählt? Solidarisiere ich mich mit den Menschen, die für einen Mindestlohn kämpfen, oder den jungen Demonstranten der „Fridays for future“-Bewegung?

Ich kann eine Bürgerinitative gründen, um gegen den Ausbau der Windenergie vor meiner Dithmarscher Haustür zu sein, oder einen persönlichen Beitrag darin sehen, die Windräder in meiner direkten Nachbarschaft zu ertragen, weil es darum geht, die Energiewende gemeinsam und solidarisch auf den Weg zu bringen.

Spätestens jetzt zeigt sich, dass es in Fragen der Solidarität darum geht, nicht als erstes zu fragen: Was habe ich davon? Warum stellen die mir ein Windrad vor die Nase und alle anderen haben ihre Ruhe? Muss ich mich dafür finanziell entschädigen lassen, wenn doch andere eine Bahntrasse in ihrer direkten Nachbarschaft als Normalität empfinden?

In einer Solidargemeinschaft geht es darum, diese Frage umzudrehen und den eigenen Beitrag zu einem System, zu einer Gemeinschaft immer aufs Neue mit zu denken. Es reicht nicht, Steuern zu zahlen, um sich einen Platz in einer solchen Gemeinschaft zu sichern und auf das zu pochen, was dieses System einem schuldet.

Vielmehr geht es darum, sich klar zu machen, dass eine Gemeinschaft, auf die wir angewiesen sind, nur durch ihre Mitglieder zu einer Gemeinschaft wird – und eben nicht nur zu einem zu steuernden und zu regelnden System, in das investiert wird, um den größtmöglichen Nutzen abzuwerfen. Erst wenn ich bereit bin, in meinem eigenen Verhalten wirklich einen Beitrag zu sehen, kann ich andere daran erinnern, dass für alle der gleiche Grundsatz zu gelten hat.

Ohne Solidarität gibt es keine Gemeinschaft

Als Gegenbild zum solidarischen Menschen macht der Soziologe Heinz Bude den „Trittbrettfahrer“ aus, der allein nach dem Nutzen und den Vorteilen fragt, die ihm ein System zur Verfügung stellt. Jede Gesellschaft – auch die, in denen jede Menge Trittbrettfahrer unterwegs sind – lebt von der Solidarität ihrer Mitglieder. Eine Solidargemeinschaft von Trittbrettfahrern würde gar nicht erst entstehen.

Wir müssen Solidarität also nicht mühsam wiederbeleben, sie ist da, wo immer wir uns in einem sozialen Gefüge bewegen, das lebendig und widerstandsfähig genug ist, und sich in vielen Momenten zeigt, in dem Menschen füreinander da sind, Nachbarschaftshilfe anbieten, auf die Straße gehen, Initiativen für Geflüchtete gründen oder nach Anschlägen auf Kommunalpolitiker ihre Anteilnahme deutlich machen.

Ohne Solidarität gibt es schlicht keine Gemeinschaft. Hier lässt sich mit Bezug auf den französischen Soziologen Emile Durkheim so weit gehen, dass Solidarität immer dort zu finden ist, wo wir uns in ein soziales Geschehen einbezogen fühlen. Sie findet ständig statt und Durkheim geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er schreibt: „Die Menschen können nicht miteinander leben, ohne sich zu verstehen, und folglich nicht, ohne sich gegenseitig Opfer zu bringen, ohne sich untereinander stark und dauerhaft zu binden. Jede Gesellschaft ist eine moralische Gesellschaft.“

In allen Formen gesellschaftlichen Miteinanders ist die Solidarität der Mitglieder untereinander notwendig, um eine Gemeinschaft zu formen. Das gilt ganz besonders auch für Demokratien, die auf der Gleichheit der Mitglieder beruhen. Emile Durkheims Überzeugung eines solidarischen sozialen Bezugs innerhalb einer Gesellschaft stiftet Hoffnung.

Gleichzeitig müssen wir uns aber auch dafür entscheiden, an diesem Glauben an ein solidarisches Miteinander festhalten zu wollen. Denn sonst erleben wir nur noch das Auseinanderfallen und Zersplittern von etwas, das einmal eine Gemeinschaft war. Diese Wahrnehmung wird dem, was heute stattfindet, nicht gerecht. Denn es gibt neben all den alarmierenden Entwicklungen auch Zeichen und ein Erleben von Solidaritätsbekundungen wie die in Halle, die deutlich mehr sind als eine Randnotiz des drohenden Zerfalls.

Bei allen Schwierigkeiten, Differenzen und Konflikten geht es um eine nach vorn gerichtete Solidarität, die eine andere Zukunft zu gewinnen hat, eine Zukunft, die ohne weitere solidarische Zeichen des Dafür nicht zu verwirklichen sein wird. Diese Zeichen sind keine Lösungen oder Versprechen für eine bessere Zukunft, aber wenn wir uns darin üben, Einschusslöcher mit Rosen zu schmücken, dann haben wir wieder einen Anfang gemacht.

Ina Schmidt

 

Dr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2005 gründete sie die denkraeume, eine Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und des Netzwerks Ethik heute. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg. Jüngste Buchveröffentlichung: Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds, Edition Körber 2019.