Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zum Schenken von Kinderspielzeug auf, das unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt wurde: „Wie erkläre ich meiner Tochter, dass Menschen leiden müssen, wenn ihr Wunschgeschenk produziert wird?“

 

Frage: Meine fünfjährige Tochter hat sich zu Weihnachten einen Wohnwagen der Firma Schleich gewünscht. Das ist eines der größten Geschenke, die sie je bekommen würde. Wir hatten uns entschieden, es zu kaufen. Ein paar Tage später haben wir einen Bericht entdeckt, wonach die Firma Schleich unter miserablen Bedingungen in China produziert. Das hat uns zum Nachdenken animiert.

Sollten wir Ihr das Geschenk verweigern? Wie sollten wir ihr das erklären? Ist es für eine Fünfjährige nicht eine zu große Bürde zu erfahren, wie Menschen für die Herstellung von Spielzeugen leiden müssen? Wir haben recherchiert und tatsächlich keine fair produzierten Alternativen gefunden. Was tun?

Jay Garfield: Sie werfen ein großes Problem auf. Es ist eine Herausforderung zu entscheiden, wann wir mit Kindern schwierige ethische Fragen erörtern sollen, insbesondere wenn das Kind dadurch möglicherweise ein Opfer bringen soll.

In dem von Ihnen geschilderten Fall kommen wir aber nicht darum herum, uns dem Problem zu stellen. Denn sonst würden wir unsere eigenen Wertvorstellungen missachten. Schließlich würden Sie für Ihr Kind auch nicht stehlen, nur weil es ein Geschenk unbedingt haben möchte, wir es unsaber finanziell nicht leisten können.

Doch wie erklären wir unserem das moralische Dilemma? Es gibt eine Reihe von entwicklungspsychologischen Studien, die zeigen, dass selbst sehr junge Kinder ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit und Mitgefühl haben. Eine gute Einführung dazu findet sich in Tomasellos Buch “Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral”.

Sie können Ihrer Tochter erklären, dass die Hersteller, die dieses schöne Spielzeug verkaufen, sehr schlechte Dinge mit den Menschen tun, die es in den Fabriken produzieren. Die Fabrikabreiterinnen und -arbeiter leiden unter den Bedingungen, sind oftmals arm und krank. Wenn also Menschen in Deutschland dieses Spielzeug kaufen, stehen sie darüber den Unternehmen zur Seite, die diese Menschen verletzen. Ihre Tochter wird das verstehen. Es ist allerdings keine gute Idee, eine große Kapitalismuskritik loszutreten; damit sollten Sie ein paar Jahre warten.

Ich empfehle Ihnen in der Zwischenzeit, eine Liste mit ethisch produzierten Spielwaren zu erstellen und ihrem Kind den Unterschied zu erklären: Wie leben Menschen, die fair hergestelltes Spielzeug produzieren, im Vergleich zu den anderen, die für Unternehmen ohne ethische Standards arbeiten.

Fragen Sie Ihre Tochter, welches Spielzeug sie bevorzugen würde, wenn sie wählen könnte. Damit fördern Sie ihr ethisches Denken und ihren Wunsch, dem Gemeinwohl zu dienen.

Generell gilt: Egal, was wir kaufen, ob für uns selbst oder unsere Kinder, es ist immer empfehlenswert, nach den Produktionsbedingungen, den Auswirkungen auf die Arbeiter, die Gemeinden und die Umwelt zu fragen. Nach Möglichkeit sollten wir bei jedem Einkauf versuchen, den Schaden zu minimieren. Natürlich können wir nicht alles in Erfahrung bringen. Und als Menschen steht es nicht in unserer Macht, stets so zu handeln, dass andere nicht geschädigt werden. Aber jede Bemühung in diese Richtung hilft. Und es ist nie zu früh, um dies auch unseren Kindern zu erklären.

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