Neu: Ethik Quiz – Testen Sie Ihr Wissen

Spüren, beobachten, entscheiden

ImageFlow/ shutterstoc.com
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Über ein Zentrum für Hochsensible

Aurum Cordis ist ein Zentrum für Hochsensibilität. Hochsensible reagieren stärker auf Reize als andere. Die Gründerin Jutta Böttcher ist überzeugt: Die Reizüberflutung in unserer Gesellschaft verneble den Geist. Alle, die Verantwortung tragen, bräuchten mehr Stille, um sich auf Werte zu besinnenn und die großen Zusammenhänge zu sehen.

Aurum Cordis ist ein Zentrum für Hochsensibilität. Für Menschen, die mehr von den uns allen umgebenden Reize wahrnehmen und verarbeiten und mit großer Leichtigkeit Komplexität durchdringen und übergreifende Muster erkennen. Menschen, die das Gras wachsen hören.

Aurum Cordis ist ein Ort, der Hochsensible willkommen heißt. Keine Reizüberflutung, weder in Farben noch Formen. Hell und licht, stets einladend. Räume, die freie Bewegung von Seele und Geist erlauben. Es ist ein Ort des Ankommens, der Stille und des Angenommenseins.

Kein Smalltalk

Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich immer noch lebhaft an meine erste Begegnung mit diesem Ort und seiner Erschafferin – Jutta Böttcher. Dabei ist es schon zehn Jahre her, dass ich zum ersten Mal im großen Raum bei Aurum Cordis saß, zu einem Vortrag über Hochsensibilität und Hochintelligenz. Um mich herum vielleicht 50 weitere Menschen, die so tickten wie ich.

Bei Aurum Cordis ist nichts zufällig. Alles ist ganz bewusst so, wie es ist. Bewusstsein spielt für Jutta Böttcher eine zentrale Rolle. Und so spricht sie auch. Jutta Böttcher plappert nicht. Sie ist es gewohnt, ihre Themen und Worte bewusst zu wählen. Bewusst und trotzdem mit großer Leichtigkeit. Manche ihrer Worte sind ungewohnt – etwa wenn sie von „Freiheitsräumen“ spricht. Sie erfordern vom Gesprächspartner genaues Zuhören, Hinterfragen und Übersetzung in Alltagssprache. Mit Jutta Böttcher gibt es keinen Smalltalk.

Von der Bedeutung der Stille

Gegenwärtig, so Jutta Böttcher, befinde sich die Gesellschaft getrieben von Zukunftsangst im kollektiven Kampf- und Fluchtmodus. „Und dann wird es rücksichtslos. Dann ist alles erlaubt, was man kann. Dann gibt es keine Bindung mehr an irgendwelche Wertesysteme“.

Um dem Einhalt zu gebieten, brauche es Räume der Stille – für alle, nicht nur für Hochsensible. Weil man nur aus der Stille heraus Gesamtzusammenhänge erkennen kann. „Nur so gelangt man zu Lösungen“, so Böttcher, „die sonst nicht denkbar wären“. In Ermangelung dieser Stille, verfielen wir durch ständige Reizüberflutung und ständiges Getriebensein dem Schnell- und Flachdenken, das keines der gesamtgesellschaftlichen Probleme lösen wird.

Bei der Gestaltung dieses notwendigen Wandels sieht sie insbesondere auch Unternehmensführer in der Pflicht, Räume für Reflexion zu gestalten und bereitzustellen, und zwar für alle Mitarbeiter, die zunehmend hochsensibel auf den stetig steigenden Druck reagieren.

Damit Menschen wieder die Freiheit bekommen, nicht immer sofort reflexhaft reagieren zu müssen, sondern „erst spüren, beobachten und dann entscheiden zu können“, so Böttcher. Hochsensible Fachleute können hier in allen Bereichen Wegweiser und -bereiter sein. Denn das System des Flachdenkens kollidiert mit ihren innersten Überzeugungen. Sie können deshalb schon sehr früh den Finger in die Wunde legen, wenn sich etwas in diese Richtung bewegt, und Lösungen anbieten, um diesen Trend umzukehren.

Von der Banklehre zu Aurum Cordis

Jutta Böttcher begann ihren beruflichen Werdegang mit einer Lehre als Bankkauffrau und einem BWL-Studium. Danach stieg sie aufgrund einer Erkrankung des Vaters sofort in die elterliche Firma ein. „Das war im Prinzip der größte Fehler meines Lebens“, sagt sie heute. „Das hätte ich nicht tun dürfen. Der damit einhergehende Leidensdruck war immens. Dann kamen meine beiden Töchter zur Welt. Zwei kleine Kinder, Familienkrieg im Unternehmen, irgendwie so überhaupt nicht mehr wissen wohin.“

Irgendwann erkannte sie: So kann es nicht weitergehen. Es muss noch was anderes geben. Sie machte für sich selbst eine Therapie, gleichzeitig mehrere Fortbildungen, in deren Zuge sie sich mit „vielen anderen Verständnismöglichkeiten von Wirklichkeit befasste“, wie sie es formuliert.

Gleichzeitig leistete sie 13 Jahre lang Elternarbeit an der Schule ihrer Kinder. Für sie eine wichtige Zeit, in der sie ihr erworbenes Wissen einbringen und selbst weiter lernen konnte: “Ich war sechs Jahre Elternratsvorsitzende des Gymnasiums. Das ist ein großes System. In einem solchen System immer wieder diejenige zu sein die sagt: „Stopp, wir wollen da noch mal anders draufgucken“, das hat mich so viel gelehrt. Auch über die Kinder.“ Insbesondere über Kinder mit dieser ganz speziellen feinen Wahrnehmung.

Dass sie selbst über diese feine Wahrnehmung verfügt, „irgendwie anders ist“, hatte sie schon lange geahnt, konnte es aber nicht benennen. Bis ihr ein Buch zum Thema „Hochsensibilität“ in die Hand fiel, bei dessen Lektüre sich plötzlich alle Puzzleteile ihres bisherigen Lebens zu einem stimmigen Bild zusammenfügten.

Es wuchs die Sehnsucht, einen Ort zu schaffen, an dem diese Form von Wahrnehmung einen eigenen Platz findet. „Einen Ort, an dem sich Wissen dazu sammelt. Wo Menschen zusammenkommen können, die aus dieser Ebene heraus arbeiten wollen und an dem wiederum Menschen, die sich als „nicht richtig“ empfinden, einen Platz finden können“. So kam es 2008 schließlich zur Gründung von Aurum Cordis – in den Räumen des ehemaligen Familienunternehmens.

Gewiss ist nur der Wandel

Seitdem hat sich Aurum Cordis in seiner Struktur mehrmals gewandelt. Aus dem Projekt wurde ein Netzwerk und aus dem Netzwerk schließlich wieder eine Gesellschaft mit zwei Hauptakteuren – Jutta Böttcher und ihrem Geschäftspartner Christian Schneider – die mit weiteren Fachleuten bei der Umsetzung der verschiedenen Coaching- und Fortbildungsangebote von Aurum Cordis kooperieren. Letzteres bewährt sich nun seit fünf Jahren, in denen Aurum Cordis stetig gewachsen ist .

Dabei betreten die beiden mit schöner Regelmäßigkeit Neuland, was Aurum Cordis immer wieder vor Herausforderungen stellt: „Wir sind ein Unternehmen, das sich oft in den luftleeren Raum hinein entwickelt, und wir brauchen immer wieder Phasen der inneren Reflexion. In diesen Zeiten arbeiten wir viel nach innen. Das erlaubt uns dann nicht, gleichzeitig auch nach außen zu wirken. Dann wird es für das Unternehmen immer eng. Ich merke, das ist ein unternehmerisches Problem. Dieses Gleichmaß zwischen innerer Reflexion und Außenauftritt. Das ist eine schwierige Zerreißprobe. Aber es muss geleistet werden.“

Derart kontinuierliche Entwicklung und Innovation erfordert einen langen Atem, Vertrauen in den eigenen Weg und die Gewissheit, dass es am Ende gelingen wird. Woher nimmt man die Kraft, sich immer und immer wieder auf Terra incognita zu begeben, sich neu zu erfinden und damit auch neue Wege für die zu bahnen, denen man dient?

Jutta Böttcher hat darauf eine klare Antwort: „Ich habe so ein tiefes Gefühl dafür, dass es richtig ist. Ich hab diese Gewissheit, und ich bin geführt und unterstützt. Ich weiß, es wird einen Weg geben. Und natürlich auch das Feedback der Menschen, mit denen wir arbeiten, die mir sagen, dass unsere Arbeit ihnen etwas bedeutet. Dass sie für sie wichtig ist. Das kann ich nicht einfach drangeben. Das lässt mich aufstehen.“

Aurum Cordis ist für Jutta Böttcher Herausforderung und Glück zugleich. Vor allem das Glück, in Übereinstimmung mit sich selbst mit anderen Menschen arbeiten und leben zu können. Es ist ihr gelungen, einen Ort zu schaffen, an dem dies möglich ist. Mehr solcher Orte könnten uns allen gut tun.

Sabine Breit

 

 

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