Ein Buch aus der Praxis

Die erfahrene Sterbebegleiterin Kirsten DeLeo hat ein Buch geschrieben, das Angehörige von Sterbenden hilft und entlastet. „Sie müssen nicht perfekt sein“ ist ein Schlüsselsatz. Es geht darum, möglichst nah an den Bedürfnissen des Betroffenen zu sein und gleichzeitig für sich selbst zu sorgen und die eigenen Grenzen zu sehen.

In den letzten Jahren sind etliche Menschen aus meinem näheren Umfeld schwer erkrankt, manche sind gestorben, einige habe ich auf ihrem Weg ein Stück weit begleitet. Im Gepäck fast immer dabei ein Gefühl der Angst, dem nicht gewachsen zu sein, nicht zu genügen, es nicht zu „können“.

Im Zusammensein mit den betreffenden Menschen löste sich das Gefühl der Unsicherheit meist sehr schnell auf und machte Raum für andere, auch beglückende Erfahrungen, aber es lauerte doch auch weiterhin im Hintergrund meines Bewusstseins.

Als ich Kirsten DeLeos Buch „Present through the End“ begegnete, entdeckte ich die für mich zutiefst erleichternde Botschaft darin: Doch du kannst das. Du musst nicht perfekt sein, niemand ist das. Du kannst auch Fehler machen, Das machen alle. Und was sind schon Fehler?

Diese Botschaft und die warmherzig-bodenständige Stimme, in der sie daherkam, haben mich so für das Buch eingenommen, dass ich die deutschsprachigen Rechte dafür erworben, es übersetzt und mit der Autorin bei der Fertigstellung des Buches eng zusammengearbeitet habe. Denn wir haben es gegenüber der englischen Ausgabe noch erweitert und an die Situation in den deutschsprachigen Ländern in einigen Punkten angepasst.

Bestätigt in meiner Sicht habe ich mich gefühlt, als der bekannte Palliativmediziner Gian Domenico Borasio in seinem Testimonial für das Buch schrieb: „`Sie müssen nicht perfekt sein.` Dieser unscheinbare Satz gehört zu den wichtigsten in Kirsten de Leos einfühlsamem und von tiefer menschlicher wie spiritueller Erfahrung getragenem Buch. Als Arzt erfährt man es immer wieder: Wir können ungeschickt sein, die falschen Worte wählen oder aus Angst im falschen Moment schweigen – die Patienten verzeihen es uns, wenn sie spüren, dass hinter diesen Fehlern ein echtes Bemühen, eine echte Fürsorge steht. Dieses wichtige Buch kann allen Menschen empfohlen werden, die sich – beruflich, ehrenamtlich oder im privaten Rahmen – für die Begleitung Sterbender interessieren.“

Ganz da sein

Doch worum geht es sonst noch in dem Buch? Zunächst ein paar Worte zur Autorin: Kirsten DeLeo begleitet seit über 25 Jahren sterbenskranke Menschen und ihre Angehörigen und nahen Freunde. Als Meditationslehrerin und Trainerin im Bereich kontemplativer Begleitung leitet sie weltweit Kurse, Workshops und Retreats.

Sie ist Mitbegründerin von „Authentic Presence“, einem der ersten Fortbildungsprogramme in der kontemplativen Sterbebegleitung für Fachkräfte im medizinischen und sozialen Bereich. Seit vielen Jahren ist der tibetische Buddhismus ihre spirituelle Heimat. All diese Erfahrungen fließen in „Ganz da sein, wenn ein Leben endet“ ein.

In ihrem Buch vermittelt uns die Autorin ein gutes Rüstzeug, wie wir sterbenden Menschen hilfreich zur Seite stehen können und erzählt dabei immer wieder auch von ihren persönlichen Erfahrungen. Hilfreich sein kann oft einfach nur bedeuten, ganz da zu sein, präsent zu sein. Ein unentwegtes Tun und Machen ist ja manchmal weniger den Erfordernissen geschuldet als der Furcht, im Einfach-Da-Sein schutzlos Nicht-Wissen und Ungewissheit zu begegnen und das schlecht auszuhalten.

Aber natürlich erschöpft sich eine Begleitung nur in den allerseltensten Fällen darin, einfach nur da zu sein. Und so gibt Kirsten DeLeo vielfältige Anregungen, wie wir uns auf eine Begleitung vorbereiten können; wie wir mit einem sterbenden Menschen ins Gespräch kommen und ihm helfen können, Unerledigtes zum Abschluss zu bringen, wie wir ihn unterstützen können, seinen sozialen wie spirituellen Bedürfnisse nachzugehen.

Sie zeigt, wie wir mit den Wünschen und Bedürfnissen der nahen Angehörigen und auch von Kindern umgehen und unter Umständen zwischen ihnen und dem sterbenden Menschen vermitteln können. Sie spricht Fragen des Sterbenlassens und der Sterbehilfe an.

Möglichkeiten und Grenzen der Begleitung sehen

Des Weiteren enthält das Buch ein Gespräch mit einer Palliativärztin und einer Hospizsozialarbeiterin über die Anzeichen eines nahenden Todes sowie ein Gespräch mit zwei Bestattern darüber, dass es mit dem Tod noch lange nicht vorbei ist.

Zahlreiche Praktiken, zumeist aus der buddhistischen Tradition, laden ein, die für eine Begleitung so wichtigen Qualitäten Achtsamkeit, Präsenz, Stille, Mitgefühl, Zuversicht, Vertrauen usw. einzuüben sowohl im Vorfeld als auch „vor Ort“. Achtsamkeit, um den anderen Menschen wahrzunehmen und das, was er braucht, aber auch für uns selbst. Denn von großer Bedeutung ist Kirsten DeLeo zufolge auch, dass Begleitende sich selbst nicht aus den Augen verlieren, und ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen im Blick haben.

Und so erinnert sie immer wieder an die Selbstfürsorge als notwendiges Element unserer Fürsorge, denn: „Mit einer leeren Kanne kann man keine Blumen gießen“. Und auch dazu gibt es eine Reihe von unterstützenden Übungen, wie wir unsere Selbstfürsorge stärken können. Für mich ist dieses Buch immer wieder eine Quelle großer Inspiration. Es hat Tiefe und zugleich hat es eine wohltuende Leichtigkeit.

Ursula Richard

Kirsten DeLeo: Ganz da sein, wenn ein Leben endet, Achtsame Sterbebegleitung, ein Handbuch, aus dem Englischen übersetzt von Ursula Richard, edition steinrich 2020