america365/Shutterstock
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Tauschkreise: Arbeiten ohne Geld

1 Stunde Gartenarbeit gegen 1 Stunde Computerreparatur

Der Gedanke ist ganz einfach: Wenn wir kein Geld haben, aber trotzdem Dinge brauchen und selbst arbeiten können, dann versuchen wir das ohne Geld. Überall in Europa bilden sich „Tauschkreise“.

Wie können wir etwas bekommen ohne Geld? Eine Möglichkeit ist, dass wir uns einem Tauschkreis anschließen. Wir klingeln beim Nachbarn und fragen, ob wir uns mal an seinen Computer setzen dürfen. Wir könnten dafür zum Ausgleich Fenster putzen. In welchem Verhältnis? Für eine Stunde am Rechner mit Internetanschluss leisten wir eine Stunde Haushaltsarbeit. Oder wir passen abends auf die Kinder auf, damit die Eltern ausgehen können.

Die Währung für diesen nachbarschaftlichen Tauschhandel kann die „Arbeitszeit“, also eine Stunde sein. Eine Stunde „Computer + Internet“ gegen eine Stunde „Babysitten“. Wenn wir etwas anderes brauchen: eine Packung Kaffee? eine Tüte Milch? vier Eier? Dann können wir umrechnen: 1 Packung Kaffee = 1 Stunde Arbeit. Zum Beispiel.

Tauschkreise – Not macht erfinderisch

Tauschkreise gibt es weltweit. Seit über 100 Jahren. Tauschkreise sind meist aus der Not heraus entstanden. In Zeiten der Wirtschaftskrise oder nach einem Krieg. Wenn die Leute kein Geld hatten, weil es im Land nicht mehr vorhanden oder wertlos geworden war, mussten sich die Menschen irgendwie behelfen. In der Not gingen sie aufeinander zu und boten Gegenstände und Arbeitskraft zum Tausch an.

Das war kein Schwarzhandel, sondern lässt sich unter dem Terminus „Nachbarschaftshilfe“ oder „Erweiterte Nachbarschaftshilfe“ zusammenfassen. In der Not brauchte jeder irgendetwas – meistens brauchte jeder alles und konnte sich nicht alles selbst beschaffen oder herrichten. Auch verfügte jeder über unterschiedliche Kenntnisse und Fähigkeiten, und sofern sich der Leistungsgedanke noch nicht wieder durchgesetzt hatte, konnten die Menschen eins zu eins tauschen: eine Stunde Arbeit X gegen eine Stunde Arbeit Y oder eine Menge Z.

Währung „Arbeitszeit“

In ihrer einfachsten und direktesten Form greifen die Tauschkreise auf die Währung „Arbeitszeit“ zurück. Diese Währung ist generisch bzw. unspezifisch und bezieht sich auf Arbeit im Allgemeinen – und zwar jede Art: vom Toilettenreinigen über das Reparieren eines Fernsehers bis zur Fertigstellung einer Steuererklärung. Was auch immer: Wenn der eine für die Arbeit zwei Stunden benötigt, dann hat er diese Zeit beim anderen gut und kann die Art der Tätigkeit frei wählen. Die Menschen tauschen Dienstleistungen auf Grundlage der Arbeitszeit. Sie können auch Gegenstände und Lebensmittel tauschen – entweder direkt (1 Brot gegen 1 Paprika) oder indirekt über die Umrechnung der Zeitwährung (1 Brot = 0,5 Stunden).

Geldlose Wirtschaftssysteme

Unter Nachbarn ist diese Art des Wirtschaftens noch einfach. Jeder kennt den anderen und merkt sich, wer gerade bei wem etwas gut hat. Aber wenn sich der Kreis spürbar erweitert, wenn sich Interessenten aus dem ganzen Viertel, aus der Stadt oder Gemeinde melden und auch wirklich etwas zu bieten haben, wenn sich unbekannte Menschen um eine Teilnahme bemühen, die wirklich nichts besitzen, aber sich einbringen möchten? Dann muss diese Nachbarschaftshilfe deutlich erweitert und vor allem organisiert werden.

Dann werden Regeln festgelegt und ein Tauschkurs definiert – ein Tauschkurs oder eine Währung. Heute bieten die Mitglieder von Tauschkreisen ihre Dienstleistungen und Waren im Internet an. Es gibt spezielle Webauftritte und Börsen, auf denen Angebote lanciert und gebucht werden können.

Die Währung „Arbeitszeit“ ist sehr konkret, aber gleichzeitig auch fiktiv. Jeder Teilnehmer verfügt über ein Konto, ein Zeitkonto, auf dem er Stunden sammeln und von dem er Stunden wiederum abbuchen bzw. überweisen kann. Konten dürfen sogar überzogen werden, allerdings gibt es auch hier Dispo-Limits, zum Beispiel 100 Stunden.

Umgang mit Verbindlichkeiten

Solche Tauschkreise wollen in der Regel eine Alternative zum herrschenden Wirtschaftssystem sein und verzichten auf die Anwendung von Gesetzbüchern und Strafen. Sofern das möglich ist. Wer nur Leistungen in Anspruch nimmt, aber seine Zeitschulden auf seinem Konto nicht begleicht, indem er seinerseits Arbeiten anbietet und verrichtet, bringt die Betreiber oder Organisatoren von Tauschkreisen in Not. Regelmäßig treffen sich die Tauschkreismitglieder und beraten über solche Grenzfälle.

Es kann zu Mahnungen und Ausschlüssen kommen, die besonders dann problematisch sind, wenn die Betroffenen auf Leistungen der Tauschkreise dringend angewiesen sind. Menschen aus den sozialen Randbereichen finden in den Tauschkreisen manchmal Leistungen, in deren Genuss sie sonst nie kommen würden. Wenn sich gerade solche Menschen in diesen Kreisen schuldig machen, bringt das die organisatorisch verantwortlichen Mitglieder in eine schwierige Situation. Hier müssen letztlich aber doch Entscheidungen gefällt, Maßnahmen getroffen und durchgezogen werden – allerdings werden diese regulativen Instrumente doch anders gehandhabt als im harten Geschäftsleben.

Zwischenmenschlichkeit

Eine Besonderheit der Tauschkreise besteht im direkten Kontakt, in der Zwischenmenschlichkeit. Wenn Menschen darauf angewiesen sind, Waren gegen Leistungen zu tauschen, müssen sie miteinander reden und verhandeln. In modernen urbanen Gesellschaften brauchen wir im Prinzip gar nicht mehr zu reden, sondern wählen bloß und zahlen. Wir greifen ein Produkt aus dem Regal und legen unser Geld auf den Tresen. Oder wir „klicken“ im Online Shop ein Produkt an und schieben es in den „Warenkorb“ und schließen den Kauf mit einem „Bezahlvorgang“ ab. Die am Handel beteiligten Menschen kommen persönlich nicht mehr vor.

Anders beim Tauschen und in den Tauschkreisen. Weit entfernt von jener als „modern“ empfundenen Anonymität von Internet und Großstadt treten sich Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten einander gegenüber – und reden. Gibst du mir dies? Dann geb ich dir das! In vielen Tauschkreisen steht diese zwischenmenschliche Begegnung sogar im Vordergrund und wird als etwas ganz Neues, als revolutionär empfunden. Menschen aus der Großstadt haben dieses Verhalten teilweise schon verlernt und leiden darunter.

Ohne Zinsen und Profite

Noch ein weiterer Aspekt macht diese Systeme menschenfreundlicher: Die Teilnehmer verzichten bewusst auf die hässlichen Seiten der Wirtschaft, auf Zinsen und Profite. Das drückt sich schon in der Wahl der Währung „Arbeitszeit“ aus. Diese Arbeitszeit unterliegt keinen Schwankungen, es lässt sich damit nicht spekulieren. Eine Stunde ist eine Stunde. Wenngleich es natürlich einen Wettbewerb geben kann zwischen Anbietern, die unterschiedlich lange benötigen und unterschiedliche Qualität abliefern.

Ganz aus der Welt schaffen wird man den Wettbewerb nicht können, und der Tauschkreiskunde darf schließlich selbst wählen, wessen Leistungen er oder sie beansprucht. Und soll es sogar! Aber diese Auseinandersetzungen laufen „unter vier Augen“ ab und verhindern jene Prozesse im Dunkeln, mit deren Hilfe sich Margen und Handelsspannen erzielen lassen – in der Regel auf Kosten der Verbraucher.

Des Weiteren fallen auf den Konten keine Zinsen an, weder im positiven noch im negativen Sinne. Wer Zeit auf seinem Konto hortet, bekommt keine Sparzinsen dafür. Wer sein Konto dauerhaft überzieht, muss keine Überziehungszinsen zahlen. Allerdings müssen die Tauschkreise über solche Einzelfälle sprechen. Und wenn diese Fälle doch keine Einzelfälle mehr sind? Dann können Tauschkreise leicht zusammen- oder auseinanderbrechen. Entweder geht es den Teilnehmer zu gut, so dass sie gar keine Leistungen mehr benötigen, oder es geht ihnen zu schlecht, so dass sie keinen Gegenwert zu geben mehr in der Lage sind.

Grenzen der Tauschkreise

Tauschkreise sind meist zu bestimmten Zeiten aus der wirtschaftlichen Not heraus entstanden und stehen nicht im leeren Raum. Ihre Entstehung bezieht sich auf eine Schieflage der monetären Leistungs- und Profitwirtschaft, und auf diesem Boden wachsen und bestehen sie auch weiterhin. Die Motivation der Tauschkreismitglieder nährt sich aus negativen Erfahrungen im Alltag der oft surrealen Realwirtschaft.

Und alle Dinge und Leistungen lassen sich offenbar auch gar nicht in den Tauschkreisen vermitteln: Wohnungen und Mieten werden meist noch mit barer Münze gezahlt, für deren Erwerb die Teilnehmer noch mindestens mit einem Bein in der „anderen“ Wirtschaft stehen müssen. Diese andere Wirtschaft existiert im Hintergrund als motivierender und gleichzeitig tragender Untergrund.

Tauschkreise und Geldwirtschaft stehen in einem komplementären Verhältnis zueinander: Tauschkreise gibt es, weil es die „entmenschlichten“ Geldwirtschaften gibt. Und Geldwirtschaften scheinen solche korrektiven Gegenentwürfe dringend zu benötigen, um den Verlust dessen zu kompensieren, was beim Erwirtschaften von immer mehr Profit zwangsläufig auf der Strecke bleibt: Menschlichkeit.

Sven Precht

Mehr Information:

Tauschkreissysteme in Deutschland und Europa:

http://www.tauschwiki.de/wiki/Tauschringe_in_Deutschland

http://www.tauschring.de/adressen.php

http://www.tauschring.de/adressen.php#Europa

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