Tiere sind ethisch relevant

Moldowa/ shutterstock.com
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Nachdenken über Tierethik

Die industrielle Tierhaltung ist mit immensem Leiden verbunden. Carsten Petersen regt zum Nachdenken über die Tiertehik an. Wir sollten Tiere als ethisch relevant anerkennen, denn sie haben Bewusstsein und können leiden. Wir selbst überschreiten Selbstbezogenheit, wenn wir sie achten und schützen.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden so viele Tiere gegessen wie heute. Noch nie vegetierten sie in solchen Massen und unter solch schrecklichen Bedingungen. Zu diesem, für empathische Menschen schon sehr starken Grund, unsere Haltung Tieren gegenüber zu überprüfen, kommen noch andere:

Enorme Umweltschäden, z.B. durch massenhaften Gülleeintrag, Ressourcenverschwendung (Wasser, Energie), Treibhausgasemissionen, Hunger auf der einen Seite, z.B. indem die Anbaufläche für Futtermittel den Menschen nicht mehr zur Verfügung steht, und ein hoher Fleischkonsum auf der anderen Seite. Dieser ist noch dazu extrem ungesund. All das sind Gründe, aus denen sich mehr und mehr Menschen vom Fleischkonsum verabschiedet haben.

Ein weiterer Grund, sich mit Tierethik zu beschäftigen, liegt darin, dass mit ihr eine ethische Haltung prinzipiell überprüft werden kann, und zwar tiefgehender als bei anderen ethischen Themen. In unserer Zeit, die dringend nach klaren ethischen Normen sucht, die ohne Religion funktionieren, kommt der Tierethik eine besondere Rolle zu.

Alle Begründungen der „Menschenethik“ lassen sich nicht nur auf Alruismus zurückführen, sondern es schwingen noch ganz andere Motive mit, z.B. Bedrohung. Religiös begründete Ethiken etwa sagen implizit: „Wenn du nicht… dann wird Gott…“. Oder, wie eine wichtige nicht-religiöse Begründung lautet, die kantische: „Wenn du nicht… dann verhältst du dich irrational“.

Bei der Tierethik verhält es sich anders. Angst kann hier nicht das Motiv sein, das eigene Verhalten zu ändern, denn Tiere können uns Menschen nicht bedrohen. Jemand, der eine ethische Haltung zu Tieren einnimmt, tut etwas, wofür er nicht belohnt wird oder einer Drohung entgeht.

Tiere sind ethisch relevant, aber nicht ebenso wie Menschen.

In der Diskussion wird des Öfteren auch von Tierrechten gesprochen. Ich glaube nicht, dass das eine fruchtbare Diskussion ist, da Tiere ihre Rechte im Unrechtsfall nicht einklagen könnten. Ich möchte von Tieren daher nur als ethisch relevanten Objekten sprechen. Denn wenn wir Tieren ethische Relevanz einräumen, so bedeutet es, dass Rechte und Pflichten vereinbart werden können.

Hier berühren wir gleichzeitig die Frage nach der ethischen Relevanz von Menschen. Es scheint auf den ersten Blick selbstverständlich, dass Menschen ethisch relevant sind und zwar ohne Ausnahmen. Wer Mensch ist, egal welche Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Alter oder Fähigkeiten, ist ethisch relevant. Wenn Menschen ethische Relevanz besitzen, warum nicht auch Tiere?

Dazu müsste ein Kriterium gefunden werden, das Menschen und Tiere fundamental unterscheidet und die Nicht-Relevanz der Tiere begründet, z.B. Kompetenzen wie Intelligenz, die Fähigkeit, freie Entscheidungen zu fällen, die Fähigkeit, eigene Ziele zu verfolgen, Bewusstsein Aber auch hier gibt es Unterschiede:

Nehmen wir die Intelligenz. Unbestritten ist: Menschen sind intelligenter als Tiere. Das stimmt aber nicht immer. Zum Beispiel sind Babies nicht so intelligent wie ein durchschnittlicher erwachsener Hund. Dennoch sind sie ethisch relevant, der Hund weniger.

Und ein weiterer Punkt, das Freiheitsargument. Ob ein Tier sich frei entscheiden kann, ist unmöglich zu wissen. Höher entwickelte Tiere wie Primaten, Delfine, Wale, vielleicht auch Raben und Papageien, zeigen deutliche Anzeichen von Willensentscheidungen, aber wissen können wir das nicht, da uns ihre Sprache fehlt.

Andererseits wird von Neurowissenschaftlern die Freiheitsfähigkeit auch beim Menschen von der Neurobiologie stark hinterfragt, wenn nicht gar verneint. Das macht das Freiheitsargument noch schwächer.

Weiter haben wir das Zirkelargument: Nehmen wir das Beispiel des Bewusstseins. Tiere hätten kein Bewusstsein, weil dazu ein Metabewusstsein gehört, das ihnen fehlt. Tiere könnten zwar etwas wissen und dieses Wissen auch weiter geben, aber sie wissen sicher nicht, dass sie dieses Wissen besitzen. Also hätten sie kein Bewusstsein.

Es ist klar, dass dieses Argument nicht überzeugt, es ist nichts anderes als: Tiere haben kein Bewusstsein, weil sie keines haben. Das gilt auch für: Der Unterschied zwischen Menschen und Tieren ist, dass Tiere keine Menschen sind.

Die Fähigkeit, eigene Ziele zu verfolgen und die Handlungsplanung wird von vielen Verhaltensforschern zumindest für Säugetiere in Anspruch genommen.

Wenn es also keine überzeugenden Kriterien für den Unterschied zwischen Menschen und Tieren gibt, sind Tiere ethisch nicht ebenso relevant wie Menschen? Ich würde mit Mark Rowlands sagen: Tiere sind ethisch relevant, aber nicht ebenso wie Menschen.

Wenn in einem brennenden Haus ein Kind und ein Hund eingeschlossen sind, würde ich sicherlich zuerst das Kind retten und dann den Hund. Aus dieser Ungleichheit ergibt sich aber kein Recht, einen Hund zu schlagen, an die Leine zu nehmen oder ihn in einen Käfig zu sperren.

Ethische Begründung: Tiere können leiden

J. Bentham hat ein überzeugendes Argument eingeführt, dass direkt für die ethische Relevanz von Tieren spricht: Tiere können leiden. Menschen sind mitleidsfähig, also sollte sich das Mitleid auch auf Tiere beziehen. Schopenhauer hat später im Anschluss an buddhistische Thesen das Mitleid sogar zum Ursprung jeglicher Ethik erklärt.

Gegen die Mitleidsethik wird in der Regel eingewendet, sie könne nicht bindend sein, da jeder erklären könne: „Nun, ich habe eben kein Mitleid“. Sie beruhe also auf der Veränderlichkeit und Individualität der Gefühle.

Doch Rowland hält gegen: In dem Dilemma, d.h. der Unmöglichkeit, moralische Prinzipien zwingend zu begründen, liegt nach Rowlands auch eine Stärke: Eine moralische Grundhaltung lässt sich nicht begründen, weil sie vor allen Gründen entsteht. Warum?

Ein Mensch wächst in der Regel in einem sozialen Umfeld auf, das sich, wenn alles gut geht, intensiv um sein Wohlergehen kümmert. Von Beginn an erfahren die meisten Menschen eine Zuwendung, die nicht weiter begründet werden kann und das auch nicht braucht. Mütter und Väter, Geschwister und Verwandte sind so. Menschen sind so. In dieser Grundhaltung wachsen Menschen auf.

Daraus folgt nicht zwingend, dass man diese Zuwendung zurückgeben muss, aber wer es nicht tut, verpasst letztlich eine großartige Möglichkeit, ein Mensch zu sein. Das ist die Basis für moralisches Handeln und mir scheint, sie ist nicht besonders weit entfernt von der Position Schopenhauers.

Auch der härteste Egoist muss moralische Argumente gelten lassen

Weil Menschen Mitgefühl z.B. für Babies, Kinder und jeden Hilfsbedürftigen haben können, handeln sie ohne Rücksicht auf ihr Ego. Tiere sind, weil grundsätzlich schwächer als Menschen, per se hilfsbedürftig und haben deshalb den gleichen Anspruch auf unser Mitgefühl.

Zweitens suchen alle Menschen nach einem Sinn für ihr Leben, sobald sie die Phase der Individuation durchlaufen haben. Einen Lebenssinn können egoistische Motive jedoch grundsätzlich nicht schaffen, weil „Sinn“ zwangsläufig etwas ist, das über das Individuum hinaus geht.

Sinn ist die Verbindung des Einzelnen mit etwas, was sein Einzeln-Sein übersteigt. Für viele Menschen ist dies Religion. Da Religionen heute kaum noch zeitgemäße Antworten geben können, müssen andere überindividuelle Zusammenhänge gefunden werden.

Der Sinn des Lebens kann nicht im Leben, auch nicht im guten Leben liegen. An dieser Stelle ist das moralische Argument bei weitem im Vorteil vor dem egoistischen. Doch auch der härteste Egoist möchte gerne einen Sinn im Leben finden, also ist er letztlich gezwungen, moralische Argumente gelten zu lassen.

Moralische Argumente sind ohne Bezug auf Tiere unvollständig, sie lassen einen wesentlichen Bereich des Lebendigen ohne überzeugende Begründung weg.

Konstatieren wir also, dass es zwei starke Gründe gibt, moralischen Argumenten Raum zu geben: Zum einen eine Grundhaltung, die uns das Leben einmal ermöglicht hat, die uns insofern epigenetisch eingepflanzt wurde, zum anderen, dass fast jeder Mensch das Bedürfnis hat, sein einzelnes Leben in einen höheren, gemeinschaftlichen Bezug zu stellen, in den die Moral eine zentrale Rolle spielt.

Beide Gründe fallen unter den Begriff „Mitgefühl“. Im ersten Fall ist es das Mitgefühl, das uns als Kind und im Verlaufe des Lebens immer wieder entgegengebracht wird und uns ermöglicht, zu leben und etwas zu verstehen. Im zweiten Fall überschreiten wir „mitfühlend“ die Grenzen unseres Ichs, um unserem Leben einen Sinn zu verleihen. In der Tierethik überschreiten wir nun nicht nur unsere jeweils egoistischen Grenzen, sondern die unser Gattung, was unsere Moral erst vollständig macht.

Fazit

1. Moralische Argumente haben, wenn sie Tiere einbeziehen, einen höheren Wert als ohne deren Einbeziehung. Das liegt daran, dass Tiere in unserer Welt eindeutig schwächer sind als wir, von ihnen letztendlich keine Gefahr ausgehen kann. Wenn ich mich für Tiere einsetze, handle ich moralisch „rein“ und nicht aus andere Motiven, z.B. weil ich selbst negative Konsequenzen befürchte.

2. Tiere sind ethisch relevant, weil es keine Kriterien gibt, die sie so klar unterscheiden, dass sich daraus ein ethischer Statusunterschied zum Menschen ergäbe. Da Menschen ethisch relevant sind, müssen Tiere es auch sein.

3. Tiere sind ethisch relevant, weil sie leiden können. Das ist eine wesentliche Gemeinsamkeit von Tieren und Menschen. Die Fähigkeit des Menschen, Mitgefühl zu empfinden ist die Basis aller Moral, denn dadurch überschreiten wir unsere Selbstbezogenheit.

Wenn wir zustimmen, dass Tiere moralisch relevante Wesen sind, dann ergibt sich daraus eine vollständige Wandlung unserer Haltung zu Tieren. Wir dürfen ihnen keine Gewalt antun. Wir dürfen sie nicht essen, nicht töten, nicht einsperren, nicht benutzen, all das, was wir mit Menschen nicht machen würden, aber Tieren ohne Skrupel antun.

Carsten Petersen geb. 1954, studierte Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte. Er ist Lehrer, Erzieher, Vater und Imker. Lebt mit seiner Familie in Uelzen. Weiterer Beitrag des Autors zur Tierethik: Tiere und wir

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