Elvar Pálsson
Elvar Pálsson
Oskar Pistorius, früher Star der Paralympischen Spiele, sprintete mit Bein- und Fußprothesen.

Transhumanismus

Angriff auf die Menschenwürde

Durch technologische Verfahren sollen natürliche Grenzen des Menschen überschritten werden. Der Philosoph Christoph Quarch sieht diese Entwicklungen kritisch.

Ob künstliche Intelligenz, sportliche Höchstleistungen durch immer neue Doping-Methoden, die Züchtung von Menschen durch Gen-Manipulation – an Human Enhancement und Transhumanismus scheiden sich die Geister. Während die Befürworter derartige technologische Entwicklungen als Fortschritt ansehen, betrachten die Kritiker solche Ansätze als gefährlich und unmenschlich.

Die technologische Machbarkeit verspricht dem Menschen Unsterblichkeit. In Wahrheit raubt sie ihm seine Lebendigkeit und Würde. Friedrich von Hardenberg, den viele auch unter dem Namen Novalis kennen, notierte im Jahre 1799 ein denkwürdiges Wort: „Wo keine Götter sind, walten Gespenster“.

Das Gespenst, das heute die Runde macht, trägt einen verführerischen Namen: Human Enhancement – Optimierung des Menschen. Und das Erschreckende an ihm ist: Es ist höchst real. Und bestens finanziert.

Acht Milliarden US-Dollar hat Google allein im Jahr 2013 als Forschungsbudget für sein Human-Enhancement-Projekt und die eigens dafür gegründete Firma Calico (Californian Life Company) bereitgestellt. 300 Milliarden sollen es insgesamt werden.

Chef des Unternehmens ist Arthur D. Levinson, gleichermaßen Vorstand bei Apple und beim Biotech-Riesen Genentech. Das erklärte Ziel bzw. Versprechen des amerikanischen IT-Giganten: „2040 werden Sie in der Lage sein, Ihr Gehirn upzuloaden“ und so „Unsterblichkeit zu erlangen“. Und wem das nicht genügt, dem sei versichert, dass er sein Gehirn auch wird beschleunigen und seine neuronalen Arbeitsspeicher beliebig erweitern können.

„Wisse Sterblicher, dass du sterblich bist!“

Die totale Mobilmachung, die Ernst Jünger vor fast hundert Jahren prognostizierte, hat begonnen. Die Selbsttechnisierung der Homo Faber scheint unaufhaltsam. Wie fern klingt da die Mahnung, mit der unsere Kultur einst begann: „Erkenne dich selbst!“, „Nichts im Übermaß!“, „Wisse Sterblicher, dass du sterblich bist!“ – So grüßte einst Apollon die Pilger, die nach Delphi zogen. Und sie hielten sich daran. Aber damals gab es eben noch Götter. Heute walten Gespenster.

Wird der totalen Mobilmachung made by google, Apple & Co eine Mobilmachung des Geistes Einhalt gebieten?

Die Revolution der Technik braucht als Antwort eine Revolution der Denkungsart. Aber wo ansetzen? Die Protagonisten der Human Enhancement-Bewegung nennen sich – so zynisch das ist – nicht zufällig „Transhumanisten“, wollen sie damit doch bekunden, dass sie ähnlich wie die als Humanisten geläufigen Vordenker der Renaissance das Ziel einer Vervollkommnung des menschlichen Lebens anpeilen.

Während jene großen Geister des 15. Jahrhunderts dabei vor allem an eine Entfaltung des im endlichen Menschen angelegten unendlichen Potenzials durch Bildung dachten, geht es den Transhumanisten darum, die Endlichkeit des Menschen zu überwinden und damit einen neuen Typus von Mensch – einen „posthumen Zustand“ zu erzeugen, wie Max More formuliert.

Nach seiner Definition teilt „Transhumanismus viele Aspekte mit dem Humanismus, einschließlich eines Respekts vor Vernunft und Wissenschaft, einer Verpflichtung zum Fortschritt und der Anerkennung des Wertes des menschlichen (oder transhumanen) Bestehens in diesem Leben.“ Doch unterscheide er sich vom Humanismus „im Erkennen und Antizipieren der radikalen Änderungen in Natur und Möglichkeiten unseres Lebens durch verschiedenste wissenschaftliche und technologische Disziplinen […].“

Kein Wert außer dem Fortschritt?

So klingt Propaganda. In Wahrheit unterscheidet sich der Transhumanismus vom traditionellen Humanismus dadurch, dass er keinerlei Werte außer dem Fortschritt um des Fortschritts willen kennt. Nicht zufällig entstanden in der Renaissance hunderte von Abhandlungen über die Würde des Menschen. „De dignitate homini“ war der Standardtitel einer ganzen Epoche. Doch nach der Würde des Menschen fragt kein Transhumanist mehr. Im Gegenteil: Der nicht technologisch upgegradete Mensch hat für ihn jetzt schon seine Würde eingebüßt. Aber es gibt nichts, was an deren Stelle treten könnte – außer der Unsterblichkeit.

Und genau hier zeigt der Transhumanismus sein teuflisches Gesicht: Er verheißt dem Menschen präzis das, was ihm seine Würde raubt: Grenzenlosigkeit, Unsterblichkeit, Unendlichkeit. Sollte Human Enhancement uns tatsächlich dahin bringen, dann wäre das das Ende unserer Würde: weil diese gerade darin besteht, dass wir endlich sind, dass wir sterben und dass wir unvollkommen sind.

Es ist der Horizont des Endes, der unseren Werten Gewicht verleiht und unserem Dasein den unbedingten Ernst verleiht. Jetzt und Hier gilt es zu leben und für das Wahre und Wertvolle einzutreten. Wir können es nicht auf eine unbestimmte Zeit vertagen. Der Augenblick des Lebens gewinnt seine Würde durch das unausweichliche Ende.

Umgekehrt gewährt uns die Aussicht auf den Tod aber auch eine Leichtigkeit und Gelassenheit, die ebenso zum Spiel des Lebens gehören, wie der Ernst: Denn irgendwann ist das Spiel vorbei und alle Dummheiten und Irrtümer, die wir begangen haben, werden mit uns dem Vergessen anheim fallen.

Welch‘ ein Horror ist dagegen die Vorstellung, all meine Erinnerung, alle meine Eindrücke, alle meine Hirn-Inhalte könnten oder müssten (!) auf digitale Datenspeicher geladen werden, um so unsterblich zu werden! Welche Maßlosigkeit, welche Anmaßung, welche Vermessenheit.

Viktor Frankl sagte sinngemäß: „Wir müssen begreifen, dass wir endlich sind, damit wir endlich leben können“. In der Endlichkeit gründet unsere Lebendigkeit. Die Schwebe zwischen den Polen: Bewusstsein und Vergessen, Geburt und Tod, Sein und Nichtsein, endlicher Leib und unendlicher Geist – sie verleiht dem Leben seinen Zauber und seine Intensität. In ihr gründet unsere Humanität.

Wir brauchen die Grenze des Todes, um grenzenlos lieben und denken zu können. Doch genau davon verstehen die Transhumanisten nichts. Deshalb produzieren sie Gespenster und keine Götter.

Ein großer Humanist war Goethe. Er war durchaus kein Fortschrittsverächter, wohl aber einer, der verstanden hatte, dass der faustische Fortschrittsimpuls des Menschen ein mäßigendes Gegengewicht braucht, um uns nicht ins Verderben zu führen. Wir sollten uns die Welt anverwandeln, war er überzeugt, aber nur in dem Maße, in dem wir dies vermögen. Deshalb hielt er es mit dem alten delphischen Imperativ: „Wir haben fast mehr als jemals jene Mäßigung des Geistes nötig, die wir den Musen allein verdanken können.“

Christoph Quarch

 

Nomi Baumgartl

Nomi Baumgartl

Dr. Christoph Quarch (*1964) ist freischaffender Philosoph, Autor, Vortragender und Veranstalter philosophischer Reisen. www.christophquarch.de

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu „Transhumanismus

  1. Sehr geehrter Herr,
    Sie reden von der Menschenwürde, aber wo ist die, wenn man an die pro Jahr vom Menschen in widerlichster Blutgier gemordeten 35000 Elefanten und 1000 Nashörner denkt, an die Leerfischung und Verdreckung der Meere, an das Abbrennen der großen Urwälder … ?

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