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Über die die Scham, ein Mensch zu sein

 Mahnung eines Holocust-Überlebenden

Horst Efraim Goldschmidt, 96, hat Auschwitz überlebt. Rechtsnationale Statements aus Führungskreisen der AfD verfolgt er mit großer Sorge. Ein „Schlussstrich unter Deutschlands Nazi-Vergangenheit“, wie Alexanxer Gauland es jüngst forderte, hält Goldschmidt für gefährlich. Einer der letzten Zeugen des Holocaust berichtet, wie er den Nationalsozialismus erlebt hat.

 

Wie konnte ein Volk der Dichter und Denker in die Unmenschlichkeit abgleiten und alle menschlichen Werte missachten? Wäre das auch heute noch möglich? Lesen Sie das Zeugnis eines Mannes, der den Holocaust überlebte. Horst Efraim Goldschmidt wurde 1921 in eine jüdische Familie in Berlin geboren. Er überlebte Auschwitz. Heute verbringt er seinen Lebensabend in der Nähe von Tel Aviv.

Mitte September, kurz vor der Bundestagswahl, hatte Alexander Gauland mit seiner Forderung für Empörung gesorgt, einen „Schlussstrich unter Deutschlands Nazi-Vergangenheit“ zu ziehen. Goldschmidt ist überzeugt: Nur das Kultivieren der Erinnerung kann verhindern, dass nationale, rassistische Gruppierungen wieder Fuß fassen können.

Goldschmidt schreibt im Begleitbrief an unsere Redaktion: „Über die Scham ein Mensch zu sein ist kein aus Hass entstandener Text. Ich berichte nur, was ich selbst erlebt habe“.

 

Als Mensch sollte ich mich vielleicht schämen, dass das Naziregime, das in Deutschland zwölf schreckliche Jahre an der Macht war, überhaupt möglich war. Doch die Schande gilt der ganzen Menschheit, nicht nur dem deutschen Volk. Denn wenn einem „Kulturvolk“ von 80 Millionen Menschen das zustoßen konnte, so kann es jedem Menschen und jedem Volk widerfahren, auch dem „kultiviertesten“, in dieser und in allen Zeiten.

Als jüdisches Kind, das in Berlin zur Zeit des Naziregimes aufwuchs und das Nazideutschland bis zur Befreiung vom Todesmarsch als wandelndes Skelett erlebte, bin ich ein vertrauenswürdiger Zeuge.

Wenn es um Deutschland geht, handelt es sich ja nicht um eine Bananenrepublik, sondern um einen Kulturstaat, in dem jedes Kind mindestens acht Jahre in die Schule geht. Ein Volk, aus dem die größten Künstler, Schriftsteller, Dichter, Philosophen, Wissenschaftler und Musiker hervorgingen, ein Volk das menschliche Werte immer anerkannte. Die Deutschen waren als äußerst fleißig, intelligent und ehrlich anerkannt, mit den besten Erzeugnissen der Welt in Industrie und Landwirtschaft, „Made in Germany“.

Natürlich kann man das Phänomen des Nationalsozialismus geschichtlich erklären: Ergebnis eines verlorenen grausamen Krieges, einer Weltwirtschaftskrise, der politischen Unsicherheit und  dem Aufkommen extremer  politischer Gruppen. Dazu kommen die nationalistische Gesinnung der hohen Beamten und Wehrmachtsoffiziere, gepaar mit dem blinden Gehorsam der Deutschen ihren Vorgesetzten gegenüber.

Erfaim Goldschmidt

Erfaim Goldschmidt schuf diese Skupltur „Von der Scham, ein Mensch zu sein“.

Aber all das sind natürlich Ausreden. Sie können nicht erklären, wie eine kleine Gruppe  von gewalttätigen Unterweltlern nach dem ersten Weltkrieg bei ein paar Gläsern Bier und dem Gesang nationalistischer Lieder beschlossen haben, die Welt zu erobern und Juden, Zigeuner, Homosexuelle, Kommunisten, einfach jeden, der nicht ihrer Meinung war, zu liquidieren. Es ist unverständlich, wie die Nazis Adolf Hitler als ihren Führer wählten, der mehr einer Karikatur als einem archetypischen arischen, blonden Helden ähnelte.

 

Auch wenn wir wissen, dass Hitler ein charismatischer Mensch war, der die Massen durch seine Reden mit sich riss, so war doch jedem normalen Menschen klar, dass er größenwahnsinnig war. Hitler war sich ganz sicher, dass er es fertig bringen würde, mit Hilfe des außergewöhnlich starken und klugen deutschen Volkes und einer Armee, der kein Feind gewachsen war, Europa zu erobern, das riesige Russland zu  besiegen und alle slawischen Völker zu Sklaven Deutschlands zu machen. Diese Besiegten würden dann Rohstoffe und Lebensmittel zu erzeugen und billige Arbeit für das Herrenvolk der Deutschen zu verrichten haben.

Dann wäre Deutschland die Macht, die die Welt beherrscht. Wenn die Vereinigten Staaten Amerikas nicht als Verbündete gegen Deutschland mitgekämpft hätten, so wäre es Deutschland vor Ende des Krieges sogar noch gelungen, Atomwaffen herzustellen, und hätte den Krieg womöglich gewonnen.

Gleichschaltung der Armee

Es ist schwer zu verstehen, wie hohe Offiziere der Wehrmacht und Generäle bereit waren, die Befehle eines Irren ohne Wiederstand auszuführen. Erst im Jahre 1944 beschlossen einige Offiziere des Generalstabs, einen Anschlag auf Hitler zu verüben, der allerdings misslang und den Krieg um viele Monate verlängerte.

Waren Hitlers Pläne, Juden und Zigeuner zu vernichten, Invalide, Geisteskranke und Schwerverbrecher in KZs verschwinden zu lassen, vielleicht der geheime Wunschtraum des „guten Bürgers“, des Gehorsam und Disziplin liebenden, nationalistischen  Deutschen? Hitler als Verkörperung der süßen Rache des kleinen Bürgers für den verlorenen Ersten Weltkrieg,  der 1918 durch die alleinige Schuld der deutschen Regierenden und der Begeisterung der Massenangezettelt wurde?

Deutschland brauchte diesen Krieg keinesfalls, es blühte wirtschaftlich und kulturell, hatte entwicklungsfähige Kolonien in Afrika und eine schnell wachsene Industrie. Aber all das kann die wahnsinnige Begeisterung der Mehrheit der Deutschen für diese Bewegung von gewalttätigen Unterweltlern nicht erklären.

Ich erinnere mich noch heute daran, mit welcher Begeisterung die Deutschen die Machtergreifung der Nationalsozialisten und ihres Führers Adolf Hitler bejubelten, der von heute auf Morgen die schrecklichste aller Diktaturen schuf und die junge Demokratie annulierte, um seine krankhafte Fantasie auszuleben.

Schon bei der Gründung der NS-Bewegung war klar, dass ihre Mitglieder Feinde der menschlichen Kultur sind: Bücherverbrenner, Feinde der christlichen Gnade und Nächstenliebe, die ihren Ursprung im Judentum hat. Sie hassten jeden Fortschritt und jede Form von Liberalität. In Wirklichkeit hassten sie jeden und alles, was nicht mit ihrer Meinung übereinstimmte.

Mitmacher ohne Gewissen

Alle Mitglieder der NS-Bewegung wurden von Anfang an und über die Jahre zu blindem Gehorsam erzogen. Sie sollten jedes humane Gefühl, jeden selbständigen Gedanken ausschalten. Sie wurden zu Hartherzigkeit, zu militäristischer Disziplin, und einem stereotypen Verhalten gedrängt.

Auch die Grausamkeit gegenüber „Feinden“ lehrte man sie, insbesondere Bürger eroberter Gebiete, Fremdarbeiter oder Kriegsgefangene in Arbeitslagern. Die Rassentheorie zielte darauf ab, den deutschen Streitkräften und SS-Verbänden freie Hand in ihren verbrecherischen Tätigkeiten zu geben und die Vernichtung der Juden rassenbedingt zu rechtfertigen.

All das führte zum völligen Verlust jeglicher Moralität in der deutschen Bevölkerung, denn die Angst, als „Volksfeind“ angezeigt zu werden, die Angst, vom Nachbarn oder sogar von einem Familienangehörigen denunziert zu werden, die Angst, als ein Außenseiter bezeichnet zu werden, brachte die Deutschen dazu, Lügner, Feiglinge, Menschen ohne Rückgrat zu werden. Manche wurden auch zu Dieben.

Sie stahlen im Geheimen und auch offen von benachbarten Juden, auch in eroberten Gebieten. Die Deutschen machten große Anstrengungen, um ihren Vorgesetzten und Beamten zu gefallen, bessere Stellen zu bekommen, mehr Geld zu verdienen, Preise für Denunzierungen zu erhalten. All dies machte den „guten“ Deutschen zum leistungsfähigen Mitmacher, ohne Rückhalt und Gewissen.

Als deutsche Studenten auf Drängen der NSDAP Bücher jüdischer Schriftsteller, Dichter, Kommunisten, Liberalen und anderen, die den Nazis nicht gefielen, verbrannten,  war klar, dass die Kultur des deutschen Volkes zu ihrem Ende kam. Die Deutschen wurden zu einem paganischen, primitiven Volk, leider mit den besten technischen Mitteln und Waffen für Massenmord und Völkervernichtung ausgestattet.

Sie waren zwar Christen auf dem Papier, gingen zur Kirche und beteten zu einem Gott jüdischer Rassenherkunft, aber nichts davon war wirklich, wahrhaftig. Heute wissen wir, dass die evangelische und die katholische Kirche mit den Nazis zusammen arbeiteten und nur wenige ihre Stimme gegen die herrschende Macht erhoben.

Von der Diskriminierung zur Vernichtung

Die Unmenschlichkeit der Nazis nahm zu: von anfänglicher Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung vom Jahre 1933 an bis zur systematischen Vernichtung des europäischen Judentums in den Kriegsjahren. Zuerst waren die Begrenzungen für die deutschen Juden noch unerheblich, aber mit den Jahren wurden systematisch Gesetze verabschiedet, die nicht nur ihre Freiheit beschränken, sondern sie zu unerwünschten Personen machen sollten, die man zum Teufel jagen und ihres Vermögens und Eigentums berauben konnte.

Mit Anfang des Krieges wurde die Behandlung brutal und mörderisch. Zuerst vernichteten die Nazi-Schergen massenhaft polnische Juden oder steckten sie unter unmenschlichen Bedingungen in Ghettos. Hier beuteten sie ihre noch vorhandene Arbeitskraft aus und ließen sie langsam verhungern. 1943, nach der berüchtigten Wannsee-Konferenz, wurden dann die Juden Deutschlands, Österreichs und aller besetzten Gebiete in Polen systematisch abgeschlachtet und verbrannt.

Das war „weit weg“ von der unschuldigen deutschen Bevölkerung, der es gar nicht einfiel, ihre alten guten jüdischen Nachbarn zu schützen oder gar gegen die Transporte zu protestieren. Die Deutschen wussten ja nur vom „Hörensagen“, dass man die Juden in Vernichtungslagern umbringt. Es ist nicht möglich, dass sie es nicht wussten. Auch nach dem Kriege gab es kaum jemanden, der seine verschwundenen Nachbarn suchte, zumal ihnen Häuser und  Besitz zufielen.

Nicht weniger grausam agierte die SS in den Konzentrationslagern in allen Teilen Deutschlands, Österreichs und in Oberschlesien. Es war einfach nicht möglich, dass die deutsche Bevölkerung nicht wusste, was dort geschah. Deutsche Facharbeiter arbeiteten mit KZ-Juden im selben Werk Seite an Seite.

Die geschwächten KZ-Häftlinge wurden systematisch für Kriegszwecke ausgebeutet. Die Nazis wollten sie langsam sterben lassen. Sie gaben ihnen nicht genug Essen, Kleidung und sanitäre Anlagen. Ein solches Dasein musste nach wenigen Wochen Schwerstarbeit zum Tod führen. Dem wurde durch grausame Behandlung und Gaskammern nachgeholfen.

Nur die Stärksten und Hartnäckigsten sowie jene, die es fertig brachten, durch besondere Dienste für Vorgesetzte noch etwas Essen zu erhalten, blieben am Leben. Diese von der SS beauftragten Vorgesetzten waren zum großen Teil Schwerverbrecher, die die Nazis ins KZ gesteckt hatten, um sie loszuwerden. Sie rückten nun in der Hierarchie nach oben und waren Befehlsgeber und Kommandoführer, denen die Häftlinge auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren.

Der Höhepunkt der Grausamkeit waren die Todesmärsche: Im kältesten Winter 1945, in den letzten Monaten des Krieges, schickten die Nazis Tausende Häftlinge zu Fuß in die Kälte, oft ohne Essen und Trinken. Sie töteten jene, denen die Kraft fehlte weiterzugehen – all das unter Aufsicht der SS, urkainischer Söldner und krimineller Häftlinge, unten denen viele Sadisten und Berufsmörder waren.

Ich schäme mich, darüber zu reden, denn ich schäme mich, Mensch zu sein, wenn Kulturmenschen fähig waren, solche grausamen Handlungen auf Befehl durchzuführen. Hütet Euch vor Demagogen!

Horst Efraim Goldschmidt

 

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