Über die Sehnsucht zu sein

Neues Buch von Andreas Weber

Individualität und Entfremdung prägen unsere Kultur. Der Philosoph Andreas Weber entwickelt mit seinem neuen Buch eine andere Sichtweise: Wenn es uns gelingt, ganzheitlich zu denken und zu fühlen, könnten neue Gesellschaftsformen entstehen.

 

 

Wir tun uns schwer, einfach nur zu sein und uns als Teil eines größeren Ganzen zu empfinden. Unser Individualismus vernebelt das Bewusstsein. Der Biologe und Philosoph Andreas Weber hält mit seinem neuen Buch gegen: „Sein heißt Teilen. Teilen heißt Sein“, so die Quintessenz.

Diesen Grundgedanken entwickelt Weber auf nur 120 Seiten. Die Einsicht ist von großer Bedeutung: Denn wenn es uns gelingt, die Natur unseres Daseins besser zu verstehen, können wir eine andere Gesellschaft schaffen, die auf Teilen beruht und nicht auf Verdinglichung und Ausbeutung.

In sieben Kapiteln entwickelt der Autor einen Gedankengang, der sicher nicht neu, aber weitreichend und immer aktuell ist: Leben beruht auf Gegenseitigkeit. Alles geht aus anderem hervor, ist selbst Spiegel des Ganzen und wirkt auf anderes ein. Dies ins Bewusstsein zu rücken und erfahrbar zu machen, ist ein Anliegen des Buches. In einem eigenen Kapitel wird der Atem als Beispiel erklärt.

Beim Atmen füllt sich der Körper mit Sauerstoff und gibt Kohlendioxid wieder an die Umwelt ab. Dies klingt banal, ist aber fundamental: Denn, so Weber, im Atmen werde ich zur Welt und die Welt wird zu mir. Die Trennung von Mensch und Natur, von Subjekt und Objekt, von innen und außen sei eine Täuschung, und das könnten wir beim bewussten Atmen erfahren.

Interessant ist hier, dass der Autor Erfahrungen schildert, die auch Meditierende machen: dass sie eins werden mit dem Atem, frei von Trennung und Dualität. Das Problem ist, dass diese Erfahrung verblasst, sobald sie in Worte gefasst wird, und dass es schwierig ist, sie im Alltag präsent zu halten.

Das Sein ins Zentrum rücken

Diese Sicht auf das Leben, die wir kultivieren könnten, wirkt der Vereinzelung entgegen, dem Gefühl, nicht Teil des Ganzen zu sein. Sie hat aber auch eine gesellschaftliche Dimension: Denn Kapitalismus und Neoliberalismus haben Trennungen geschaffen und Mensch und Natur zu Objekten gemacht.

Weber sieht in dieser Wirtschaftsform ein Verbot zu sein. Es ist ein entfremdetes Leben, und die meisten merken nicht einmal, wie weit sie sich innerlich von sich selbst, ihrer Natur und ihren tiefsten Befürfnissen entfernt haben.

Wenn wir wieder das Sein ins Zentrum rücken, könnten andere Formen des Wirtschaftens entstehen. Weber nennt hier die Allmende, also das Gemeinschaftseigentum. Vor der industriellen Revolution etwa war Wald Gemeinbesitz. Doch mit Einzug der Fortwirtschaft wurde Wald zur Ressource degradiert, die man hemmungslos ausbeuten kann. Dies ist nur ein Beispiel für das Verschwinden urmenschlicher Impulse wie des Teilens und der Kreisläufe von Geben und Nehmen.

Das Buch ist auch eine Anregung, anders über Ethik nachzudenken. Ethik nicht mechanisch zu verstehen, wie es etwa der Effekive Altruismus zur Perfektion gebracht hat, sondern eher in Richtung einer „Ethik des Seines“, wie es der Religionswissenschaftler Michael von Brück einmal formulierte: ein Handeln aus dem Sein heraus, aus einem tieferen Verstehen der Wirklichkeit.

In früheren Büchern war es manchmal nicht leicht, den geistigen Höhenflügen von Andreas Weber zu folgen. Hier vermittelt er seine Einsicht zwar in seinem eigenwilligen Stil, aber gut verständlich, sofern das, was der Autor ausdrückt, überhaupt mit Worten zu vermitteln ist.

Nach Lektüre des Buches fragt sich mancher Leser vielleicht: Wie entstehen solche Einsichten, die über lange Zeit in dem Autor gewachsen sind? Sicher kann man sie nicht „machen“, denn es geht ja gerade darum, das Machen, Organisieren, Planen und Beschleunigen hinter sich zu lassen.

Vielleicht hat nicht jeder Mensch sofort Zugang dazu, manche werten die dargelegten Inhalte als Esoterik ab. Doch die Impulse, die Weber setzt, sind enorm wichtig für unsere Zeit. Sie drücken aus, wonach wir uns alle sehnen: Sein zu können, sich lebendig und verbunden zu fühlen. Daraus können neue Formen von Gesellschaft entstehen, die dem Leben dienen.

Birgit Stratmann

Andreas Weber, Sein und Teilen. Eine Praxis schöpferischer Existenz, transcript 2017

 

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