Ein Standpunkt von Jay Garfield

Ist das Vertrauen, das Religionen entgegen gebracht wird, gerechtfertigt? Studien, die das Verhalten religiöser und nicht-religiöser Kinder verglichen, kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder von Atheisten sich prosozialer verhalten als die anderen. Der Philosoph Jay Garfield über falsche Selbstbilder und religiöse Abgrenzung.

 

 

Viele Menschen halten es für selbstverständlich, dass eine religiöse Schulung unser moralisches Empfinden verbessert und dass religiöse Überzeugungen und Praktiken uns zu bessseren Menschen machen. Dem Ergebnis einer Umfrage in den Vereinigten Staaten zufolge war die Mehrheit der Befragten davon überzeugt, man könne Atheisten nicht vertrauen und sie sollten niemals Mitglied eines Geschworenengerichts sein dürfen.

Mehr Menschen würden eher einen Atheisten als Babysitter für ihre Kinder ablehnen als einen verurteilten Straftäter. So scheinen viele Menschen zu glauben, dass eine religiöse Überzeugung mehr über den Charakter und das Verhalten eines Menschen aussagt als das Strafregister.

Dieses Vertrauen in den moralischen Nutzen von Religion ist weit verbreitet. Aber ist es gerechtfertigt? Es ist wahr: Alle großen Religionen vertreten moralische Überzeugungen und wollen uns zu besseren Menschen machen. Dies sagt jedoch noch nichts darüber aus, ob sie Erfolg damit haben. Menschen sind sehr gut darin, das eine zu sagen und etwas anderes zu tun. Mit anderen Worten: Selbsttäuschung ist eine unserer größten Fähigkeiten.

Wissenschaftliche Studien haben bisher nicht nachweisen können, dass sich religiöse Anweisungen positiv auf das ethische Verhalten auswirken. Ganz im Gegenteil: Einige Studien zeigen sogar eine negative Auswirkung. Hier möchte ich näher auf eine Studie von 2015 eingehen, die nicht nur nahelegt, dass Religion unsere ethische Sensibilität untergräbt, sondern dass Menschen dies überhaupt nicht bemerken.

Falsches Selbstbild religiöser Menschen

Eine Studie von Deaty (et al., 2015) beweist überzeugend, dass sich Kinder aus nichtreligiösen Familien Fremden gegenüber freigebiger und empathischer sind und sich prosozialer verhalten als Kinder aus christlichen oder muslimischen Familien. Nichtsdestotrotz schätzen die christlichen und muslimischen Eltern ihre Kinder selbst als großzügiger ein im Vergleich zu den Kindern nichtreligiöser Familien.

Während religiöse Schulung uns glauben macht, wir (oder zumindest unsere Kinder) wären viel großzügiger, untergräbt die Religion tatsächlich ihre Großzügigkeit.

Warum ist das so? Ein Hinweis darauf lässt sich von einem anderen Ergebnis derselben Studie ableiten. Die Forscher fanden heraus, dass die religiösen Kinder moralische Verfehlungen oder Vergehen anderer schärfer verurteilten. Sie schlugen auch härtere Strafen im Falle von Fehlverhalten vor.

Die Tendenz zu Moralismus, im Gegensatz zu Moral, könnte also ein Faktor sein. Das bedeutet: In dem Maße, in dem wir denken, dass andere für ihre realen oder eingebildeten Sünden verdientermaßen bestraft werden, stehen wir ihnen umso kritischer gegenüber. So kann es sein, dass diese Religionen Kindern beibringen, intolerant zu sein, wenn andere nicht dem Ideal entsprechen. Sie würden diese geringschätzen und ihnen weniger helfen.

Starke Abgrenzung zu nicht-religiösen Menschen

Eine andere mögliche Erklärung,  die allerdings in der Studie nicht untersucht worden ist , wäre, dass stark religiös geprägte Gruppen ein Art „Stammesstruktur“ besitzen. Religionsgemeinschaften sind eben nicht nur ein Zusammenschluss von Menschen, die eine religiöse Überzeugung teilen. Sie sind auch Gemeinschaften, also ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen, die einander als Mitglieder ansehen, während sie die Menschen, die ihren Glauben nicht teilen, als Außenseiter oder Ungläubige betrachten.

Dies könnte bedeuten, dass sie eine rigorose Unterscheidung in Mitglieder und Nichtmitglieder der Gemeinschaft (Ingroup/ Outgroup) fördern. Wenn Kinder also nach ihrer Bereitschaft, freigebig zu Fremden zu sein, gefragt werden, denken sie dabei möglicherweise sofort an Nichtmitglieder ihrer Gemeinschaft.

In dem Maße, in dem die religiöse Zugehörigkeit die Unterscheidung zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern verstärkt, wird Großzügigkeit gegenüber Nichtmitgliedern unterbunden. Dies würde besonders auf Religionen zutreffen, die die Ausübung moralischer Pflichten als zentral für ihren Glauben ansehen. Wer nicht dazu gehört, würde dann als moralisch defizitär empfunden, einfach deshalb, weil jene Menschen die eigenen religiösen Verpflichtungen nicht teilen.

Religiöse Identität könnte schädlich sein

Was sagt dies über Religion aus? Nun, es besagt, dass Religionsgemeinschaften möglicherweies genauso funktionieren wie andere Formen menschlicher Gemeinschaft. Wir tendieren dazu, weniger freundlich zu denen zu sein, die Mitglieder einer anderen nationalen Gruppierung, ethnischen Gruppe, politischen Partei oder Anhänger einer anderen Sportmannschaft sind.

In Anlehnung an diese universale und angeborene Tendenz zum „Stammesverhalten“ kann es geschehen, dass wir in dem Maße, indem wir uns mit einer Religionsgemeinschaft identifizieren, entsprechend weniger freundlich zu Menschen sind, die einer anderen religiösen Gruppierung angehören. Dies ist allerdings kein spezielles Problem von Religionen, sondern eher ein allgemeines Problem von Gruppenzugehörigkeit oder wie ich es nenne „Stammesverhalten“. Religion ist lediglich eine weitere Möglichkeit, dieser menschlichen Schwäche nachzugeben.

Die religiöse Identität wird, anders als die nationale Identität oder die Identifizierung mit einem Sportverein, häufig mit moralischen Werten in Verbindung gebracht. Zumindest einige Religionen scheinen einen übertriebenen Hang zum Moralismus zu fördern. Aus diesen Gründen könnte es sein, dass die Religion das sogenannte „Stammesverhalten“ noch verstärkt, indem sie andere Menschen nicht nur als fremd, sondern gleichzeitig auch als weniger gut betrachtet. Daher könnte man bis zu einem gewissen Grad religiöse Identität als schädlich bezeichnen, unabhängig von den jeweiligen Lehren der einzelnen Religionen.

Aber wir müssen natürlich bei der Interpretation dieser Ergebnisse sehr vorsichtig sein. Es handelt sich hierbei schließlich nur um eine einzelne Studie, die sich auch lediglich auf zwei Religionsgemeinschaften bezieht. Dennoch stehen diese Ergebnisse im Einklang mit vielen ähnlichen Studien. Und es sollte uns zu denken geben, wenn wir über die Auswirkungen von Religionsgemeinschaften auf unser aller Leben nachdenken.

Aus dem Englischen übersetzt von Olivia Kuntz

Zur Studie “The Negative Association between Religiousness and Children’s Altruism across the World”

Jay Garfield

C Spitz

Jay Garfield ist Professor für Philosophie am Smith College, Northhampten, USA, und Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, zuletzt erschienen: „Engaging Buddhism. Why It Matters to Philosophy, Oxford University Press 2015