Buch von Hartmut Rosa

Nach seinem Opus Magnum „Resonanz“ legt der Jenaer Soziologe nun mit „Unverfügbarkeit“ ein stilles, weniger ausgereiftes, aber um so aufregenderes Buch vor. Die Grundthese ist schnell erzählt: Unser Verhältnis zur Welt ist aggressiv, deswegen wollen wir uns Welt verfügbar machen. Doch gerade das Unverfügbare macht den Alltag lebenswert.

Verfügbar machen heißt für Rosa erreichen, erforschen, verwalten und nutzen. Die Moderne zeichnet sich dadurch aus, dass sie, wie keine Epoche vor ihr, in der Lage ist, die letzten Winkel der Welt, die kleinsten Partikel und die größten Dimensionen verfügbar zu machen. Es gibt für uns fast nichts Unverfügbares mehr.

Allerdings ist alles Verfügbare langweilig, grau und tot, denn was das Leben spannend, bunt und lebendig macht, ist das Unverfügbare, das uns jedoch manchmal antwortet. Er nennt dies „Das Halbverfügbare“. Das Unverfügbare ist wichtigster Teil dessen, was Rosa „Resonanz“ nennt. Nur durch Resonanz werde unser Leben spannend, bunt und lebendig. In diesem Büchlein referiert Rosa sein Hauptwerk zur Resonanz en passant.

Vier Merkmale der Resonanz

Resonanz ist „die Essenz nicht nur des menschlichen Daseins, sondern aller möglichen Weltbeziehungen; sie geht dem Vermögen, Welt auf Distanz zu bringen und verfügbar zu machen, unaufhebbar voraus“. Das kommt einfach daher, dass sich ein Subjekt und eine Welt nur dadurch überhaupt bilden und als getrennte Entitäten fassen lassen, weil sie aus einer wechselseitigen Bezogenheit hervorgegangen sind.

Resonanz ist ein Beziehungsmodus, der durch vier Merkmale bestimmt ist. 1. Affizierung: Der Mensch wirdvon irgendetwas, einem anderen Menschen, einer Landschaft, einem Musikstück „angerufen“, es bedeutet ihm etwas. 2. Selbstwirksamkeit: Der Mensch antwortet auf diesen Anruf irgendwie, so dass eine Emotion entsteht oder man gehört wird. 3. Tranformation: Aus den beiden vorigen Momenten geht etwas hervor, so dass der Mensch sich irgendwie verwandelt. Das kann eine Stimmungsveränderung sein, aber auch ein „das hat mich zu einem anderem Menschen gemacht“.

4. Unverfügbarkei: Die Resonanzerfahrung ist nie sicher, es kann etwas passieren, vielleicht passiert aber gar nichts. Letzteres Moment ist für dieses Buch natürlich das Entscheidende. Da Resonanz grundsätzlich ergebnisoffen ist, steht sie in einem Spannungsverhältnis zur instrumentellen Vernunft, die alles nur als verfügbares Objekt versteht.

Symbole und Monstren der Unverfügbarkeit

Ein Symbol für die Unverfügbarkeit ist Schnee: Man weiß nie, ob und wann er fällt. Dann weiß man nicht wie lange er bleibt, und wenn man ihn halten will, zerrinnt er. Gerade deswegen sehnen sich die Menschen so sehr danach und löchern die Meteorologen schon Monate vor Weihnachten mit Anfragen. Ein weiterer Dauerbrenner der Unverfügbarkeit ist Fußball. Warum fiebern viele die ganze Woche auf den Bundesligasamstag? „Weil man nicht weiß, wer gewinnt“ so der Bundestrainer Sepp Herberger 1954.

Die nicht zu übersehenden Erfolge der Moderne im Verfügbarmachen der Welt haben eine Schattenseite. Nicht nur, dass eine verfügbare Welt verstummt und verendet, sondern sie entzieht sich paradoxerweise auch der Verfügbarkeit. Auf unsere bis ins Detail verwaltete Welt antwortet eine immer bedrohlichere und chaotischere „Umwelt“. Auf unsere Fähigkeit, die Materie selbst verfügbar zu machen, indem der Atomkern gespalten und Energie daraus gewonnen wird, antwortet sie mit Radioaktivität, eine unkontrollierbare, tödliche, unsichtbare, geruchlose Energie.Geradezu „das Monstrum“ der Unverfügbarkeit, wie der Autor es nennt.

Rosa stellt zur Veranschaulichung der Spannung zwischen Verfügbarkeits- und Resonanzorientierung sechs wichtige Lebenssituationen dar: Geburt, Erziehung, Lebensplanung in Bezug auf Beziehung und Beruf, Digitalisierung, Alter und Pflege, Tod. Diese untersucht er in Bezug auf ihre Momente der Unverfügbarkeit bzw. die Versuche der heutigen Forschung, sie doch irgendwie verfügbar zu machen. Hier gewinnt das Buch noch an Aktualität. Rosa setzt sich kritisch mit der ständigen Vergrößerung der Reichweite des Verfügbarmachens auseinander.

„Unverfügbarkeit“ ist ein leicht geschriebenes Buch über ein Grundübel unserer Zeit: Dass wir nichts in Ruhe lassen können, dass wir alles, was wir machen können, auch machen müssen, dass wir keine Zeit mehr haben, zu überlegen, was wir haben wollen und was wir sein lassen können.

Das Buch regt auch zum Träumen an: von Gebieten in unserer Welt, wo kein Mensch hin darf, nie mehr, weder Reisende noch Forscher oder Fotografen, ähnlich den Voids, die Daniel Libeskind in das Jüdische Museum in Berlin eingebaut hat: Man weiß, sie sind da, man weiß aber nicht, wie es darin aussieht.

Carsten Petersen

Hartmut Rosa. Unverfügbarkeit. Unruhe bewahren. Residenz Verlag 2018, 136 Seiten