USA: „Jetzt ist die Zeit zuzuhören“

Linda Moon/ shutterstock.com
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Die Amerikanerin Eve Marko nach der Wahl von Donald Trump

Eve Marko war geschockt, dass Trump ins Weiße Haus gewählt wurde. Sie schildert, wie sie mit Fremdheit und Unverständnis umgeht und versucht, sich zu öffnen. „Ich werde jetzt Menschen einladen, die andere Sorgen haben als ich“.

 

Eve Marko ist Mitbegründerin der Internationalen Zen-Peacemaker und lebt als Zenlehrerin und Friedensaktivistin in Massachusetts. Sie ist verheiratet mit dem bekannten Zenmeister Bernie Glassman. Ihre spirituelle und politische Friedensarbeit führte sie an viele Krisenherde dieser Welt, darunter Israel und Palästina, Bosnien und Ruanda.

Aufgzeichnet und übersetzt von Christa Spannbauer

Als Barack Obama vor acht Jahren zum Präsidenten gewählt wurde, schwebte ich wie im Siebten Himmel. Mein Mann, meine Freunde und ich trugen drei Tage lang ein glückseliges Lächeln im Gesicht. Ich hatte das Gefühl, einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte Amerikas miterleben zu dürfen.

Zweifellos erlebe ich jetzt wieder einen historischen Moment. Und ich erkenne, dass dieser Moment Teil eines Größeren ist, das ich bislang nicht sah. Worum es nun geht, ist, sehr aufmerksam zu sein für alles, was dieser Moment enthüllt und mit sich bringt. Jetzt geht es darum, mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen und ganz bewusst wahrzunehmen, was geschieht.

Es wird heute ja oft behauptet, dass wir zwei Nationen in einem Land wären. Ich stimme dem nicht zu. Denn es gibt viel mehr Schnittstellen, als wir meinen: „Kann sein, dass ich Trump wähle, auch wenn ich von manchen Dingen, die er sagt, nicht begeistert bin“, sagte eine Frau zu mir, die bei der Pflege meines Mannes hilft.

Alle Berichte scheinen genau das zu bestätigen: Vielen Leuten, die Trump wählten, war nicht wohl bei dem, was er über Frauen, Immigranten, Mexikaner sagte. Vielen war es deshalb auch peinlich zuzugeben, dass sie ihn wählen würden. Das ist eine Erklärung dafür, weshalb die Prognosen so falsch lagen. Die Menschen wählten Trump trotz all dem, was er sagte. Weil er ihnen Dinge versprach, die ihnen viel wichtiger waren.

„Es gibt da draußen vieles, von dem ich nichts weiß“

Ich habe eine Ahnung davon, wie es Menschen gehen muss, die aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion täglich mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert sind. Denen zwar erklärt wird, dass die meisten Menschen keine Rassisten seien und dass alle Menschen Recht hätten, hier zu leben und an Demokratie und Wohlstand teilzuhaben. Denen aber zugleich deutlich vermittelt wird, dass es Wichtigeres gäbe als das.

evemarko-webJa, es ist eine große Enttäuschung, dass 53 Prozent der weißen Frauen Donald Trump wählten. Ich brauche an dieser Stelle seine beleidigenden und frauenverachtenden Äußerungen nicht zu wiederholen. Und ich brauche auch nicht an die vielen Frauen zu erinnern, die davon berichteten, von ihm beleidigt und belästigt worden zu sein. Als ich Trump in den Wochen des Wahlkampfs zuhörte, kamen Erinnerungen an das Begrabscht-werden, an die Beleidigungen und verbalen Herabwürdigungen in mir hoch, die Teil meines und des Lebens so vieler Frauen sind. Dachten diese 53 Prozent der Frauen jemals darüber nach, welche Botschaft sie damit an Männer überall in der Welt aussenden, als sie einen Mann ins Weiße Haus schickten, dessen Verachtung für Frauen so offensichtlich und öffentlich ist?

Ich habe in diesen Tagen verstanden, dass es da draußen viel gibt, von dem ich nichts weiß. Es gibt Menschen in diesem Land, deren Leben mir fremd ist und deren Motivationen, Bedürfnisse, Gefühle und Wertesysteme ich kaum nachvollziehen kann. Offensichtlich gibt es weite Teile Amerikas, zu denen mir der Bezug fehlt.

In manchen Zen-Zentren ist es üblich, dass die Meditierendem mit einem Stock auf beide Schultern geschlagen werden: eins-zwei! Es gibt nichts Wirksameres, wenn man gerade am Eindösen ist oder in Gedanken versinkt. Plötzlich: eins-zwei! Dann sitzt du wieder gerade und fragst dich: Was ist das?

Genau so habe ich mich am Morgen nach der Wahl gefühlt. Es war mir, als wäre ich mit einem Stock geschlagen worden. Und ich bin aufgesprungen und habe geschrieben: Aua! Was ist da los? Was ist mit diesem Land? Wer sind diese Menschen? Und wenn doch alles Teil des Ganzen ist, sind diese Stimmen dann nicht auch meine Stimmen?

„Lade jeden in den Kreis des Lebens ein“

Jetzt geht es nicht darum zu sagen: Was für eine schreckliche Verirrung in unserer Geschichte! Lasst uns versuchen, die nächsten vier Jahre irgendwie zu überstehen! Es ist vielmehr die Zeit, offenzulegen, hinzuhören und genau hinzusehen. Das wahrzunehmen, was die ganze Zeit schon da war, während wir zu beschäftigt waren mit anderen Dingen, mit unseren Posts in Netzwerken, die immer nur Gleichgesinnte erreichen, und mit unseren großen Reden über Vielfalt, ohne uns dafür zu interessieren, wer im Haus nebenan lebt.

Was also ist meine Aufgabe nach der Wahl von Donald Trump? Ich sehe sie darin, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die ihn gewählt haben. Um ihre Motivation zu verstehen, um mehr von ihrem Leben und von dem, was sie lieben und hassen, zu begreifen. In meiner Gegend haben nur 25 Prozent der Menschen für Trump gestimmt. Als ich gestern meine Friseurin, die sehr viele Frauen kennt, fragte, was denn die Trump-Wählerinnen sagen würden, erwiderte sie: „Gar nichts. Niemand spricht darüber. Sie wollen nicht, dass andere wissen, dass sie für Trump gestimmt haben.”

In was für einem Land leben wir, in dem es Menschen peinlich ist, darüber zu reden, wen sie zum Präsidenten gewählt haben? Ich möchte deren Stimmen hören. Bei den Peacemakern, einer Gemeinschaft von Zen-Praktizierenden, sagen wir: Lade jeden in das Mandala deiner Praxis ein. Lade jeden in deinen Kreis des Lebens ein und höre ganz genau hin, was er oder sie zu sagen hat! Und glaube nicht, dass du bereits etwas weißt.

Mein Mann Bernie (Glassman) sagte immer, dass genau die Menschen, die du aus deinem Kreis ausschließt, diejenigen sein werden, welche die Entscheidungen des Kreises sabotieren. Und genau das haben die Menschen getan, deren Stimmen von vielen Kreisen ignoriert und kleingeredet wurden, weil sie in Hillary Clinton nicht die einzig ernstzunehmende Kandidatin für das Amt des Präsidenten sahen.

Was ich jetzt tun werde? Ich werde diese Menschen in meinen Kreis einladen. Menschen, die mir in manchem ähnlich sind, die einige meiner Werte teilen, deren Überzeugungen und Sorgen jedoch ganz andere sind als meine.

Viele Menschen in den USA engagieren sich jetzt politisch. Sobald Trump sein Kabinett zusammengestellt hat und sich seine zukünftige Politik im Hinblick auf Bürgerrechte und Einwanderung abzeichnet, werde auch ich mich an politischen Aktionen beteiligen. Überall werden bereits die Aufrufe zu dem Million Women’s March verteilt, der am 21. Januar 2017, einen Tag nach der Amtseinführung von Trump, in Washington stattfinden wird.

Ich habe in diesem Jahr viel über das Ausmaß der Entwürdigungen und Beleidigungen nachgedacht, denen Frauen täglich ausgesetzt sind. Es lässt mich erschaudern, wenn ich Frauen sagen höre, dass es doch nichts Besonderes sei, was Trump sage; ihre Väter und Brüder würden schließlich jeden Tag das Gleiche sagen. An was haben wir uns gewöhnt? Was haben wir verinnerlicht? Und was erwarten wir nun?

Ich jedenfalls werde nun als erstes erforschen, was um mich herum geschieht – in meiner eigenen Stadt. Und dann mache ich mich auf nach Washington!

Eve Marko

Akuelle Informationen zum Frauenmarsch: Auf der Facebookseite Womon´s March on Washington

 

 

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2 Gedanken zu „USA: „Jetzt ist die Zeit zuzuhören“

  1. Danke für diesen Bericht! Da steckt so vieles von dem drin, was mich in den letzten Tagen beschäftigt hat. Wie erreichen wir die, die anders denken? Ich glaube, wir müssen auf sie zugehen, sie suchen. Es ist zwar schön, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, aber es ist auch bequem. Man fühlt sich bestätigt. Wo können wir uns ALLE begegnen? Im Supermarkt, im Bus, es gibt viele Orte. Einfach anifangen zu reden? Zu fragen? Geht das? Ist es aufdringlich?
    Ich wohne in einer Stadt mit vielen Studenten und einem grünen Bürgermeister. Leute, die eher rechts denken, kenne ich nicht. Aber sicher gibt es sie hier auch. Die „politisch Unkorrekten“.

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