Cover Farley

„Verdammter Sex“

Farleys Buch über die christliche Sexualmoral in deutsch

Margaret Farley, Professorin und Ordensfrau, löste mit ihrem Buch „Just Love“ in den USA heftige Diskussionen aus. Sie entwickelt darin eine moderne, christliche Sexualmoral und wendet sich auch gegen gängige Interpretationen des Vatikan.

Sexualität ist immer Verkörperung, sagt Margaret Farley, denn „selbst beim Telefonsex…ist der Körper im Spiel“. Verkörperung – das ist die Basis für eine genuin christliche Sexualethik, so die amerikanische Theologin. Margaret Farley ist Ordensfrau und lehrte an der renommierten Yale-Universität.

Ihr Buch „Just Love“, das es jetzt auch auf Deutsch gibt, führte in den USA die Bestseller-Listen an. Dazu hat ungewollt die römische Glaubenskongregation verholfen. Denn Kardinal Müller ortete 2012 einen „direkten Widerspruch zur katholischen Sexualmoral“. Namhafte Theologinnen und Theologen unterstützen Sister Margaret jedoch, unter ihnen die Vereinigung amerikanischer Ordensfrauen (LCWR), der sie wie 80 Prozent aller US-amerikanischen Ordensfrauen angehören.

Vielleicht darf man das römische Verdikt als eine paradoxe Intervention der ruah, der „Geistin Gottes“ sehen – denn ohne das römische Urteil hätte dieses kluge, fromme und mutige Buch nur wenige erreicht.

Sexualität als gesellschaftliches Konstrukt

Eines der größten Hindernisse für eine angemessene zeitgemäße Sexualethik sei die im Westen verbreitete Tradition, Geist und Körper zu trennen und nur das eine oder das andere zu betonen, schreibt Farley. Ein weiteres Hindernis: Sexualität gelte noch immer als Tabu, selbst wenn oder gerade weil es heißt, „sex sells“. „Trotz der heutigen Freizügigkeit schleppen wir zu viel Gepäck mit uns herum“, so Farley, und das verhindert verantwortungsvolles Nachdenken über Sexualität.

Dieses archaische, vor-ethische Verständnis von Sexualität fördert eine „Ökonomie der Befleckung“, die Sexualität irgendwie mit dem Bösen verbindet. Dass Farleys Buch auf Deutsch erschienen ist, liegt an der vor-ethischen, magischen „Ökonomie der Befleckung“

Hinderlich sei auch die traditionelle Geschlechterhierarchie, die den Mann über die Frau stellt. Dies wollen Frauen in den nördlichen Industriestaaten nicht mehr, und auch in den Staaten des Südens sagen immer mehr Frauen, dass sie zwar ihre Traditionen bewahren wollen, aber nicht die Hierarchie der Geschlechter, in der Gewalt gegen Frauen lauert.

Sexualität gilt nicht nur bei den frühen Christen als ein unbezähmbarer Trieb, auch Freud sieht darin den ursprünglichsten Impuls des Menschen. Doch Sexualität ist komplex. Gefühle wie Lust und Schmerz, Freude und Traurigkeit, Gelassenheit und Wut, Wohlgefühl oder ein Gefühl der Scham verbinden sich mit sexuellen Aktivitäten.

Menschen sind immer „beseelte Körper und verkörperte Seelen“, „vergeistigte Körper und verkörperter Geist“; und das macht Menschen so verletzlich, wenn es um Sexualität geht. Sexualität ohne interpersonale Liebe enttäuscht, denn „ihre Kraft ist die Kraft der menschlichen Sehnsucht nach Vereinigung, und ihr Begehren ist ein Begehren der Intimität“, so Farley.

Sexualität gibt es zudem nie „pur“, denn immer erscheint sie als Produkt gesellschaftlicher Werte und Normen – Sexualität ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Farley betont, dass es eine einheitliche christliche Position zur Sexualität nie gegeben hat. Die Haltung zu Sexualität pendelt zwischen „gut, weil Teil der Schöpfung“ und „immer auch böse, da mit Erbsünde behaftet“.

Eine Ethik der „gerechten Liebe“

Auch die Ideale variieren: enthaltsame Jungfräulichkeit, die Ehe als Institution der Fortpflanzung und Abwehr von Unmoral, aber auch Lust als Teil des Lebens und Ehe als Ort der Entfaltung des Menschen werden genannt. Erst das Zweite Vatikanische Konzil sieht 1965 Liebe als für die Ehe wesentlich.

Auch die Bibel liefert keine einheitliche Sexualmoral. Zudem müssen die biblischen Geschichten in ihrem gesellschaftlichen Kontext verstanden werden. Nur ein Beispiel: Bei der vielzitierten Geschichte von Sodom (Genesis 19), die meist als Beleg für das Verbot von Homosexualität dient, geht es nicht um Sex, sondern um Verletzung der Gastfreundschaft. Immer muss der Kontext berücksichtigt werden – erst dann können Bibel und Tradition, moderne Wissenschaft und die Erfahrungen der Menschen von heute Quellen der Sexualethik sein, sagt Farley.

Die Ordensfrau und Theologin Margaret Farley will eine Sexualethik, die „Just Love“ ist – eine Liebesethik und eine Ethik der „Gerechten Liebe“. Wenn interpersonale sexuelle Beziehungen gelingen sollen, dann müssen sie gerecht sein. Die Autorin betont: Es geht nicht darum, ob für Christen diese oder jene Variante von Sexualität erlaubt sei, sondern es geht um das „Wie“, um die Qualität von Beziehungen. Menschen sind Beziehungswesen, und sie sind Personen, nicht Dinge.

Autonomie und Beziehung sind Ausgangpunkt der sieben Normen einer gerechten Sexualethik für Christen, die die Ordensfrau in ihrem Buch entwickelt hat:

  1. Unversehrtheit der Person: weder die physische, noch die psychische und spirituelle Dimension der Person darf durch eine sexuelle Beziehung verletzt werden.
  2. Einvernehmlichkeit: jede Form von Gewalt und Verführung, ebenso Unwahrheit und alle Formen von Täuschung, Betrug und Instrumentalisierung der anderen Person zerstört Beziehung
  3. Gegenseitigkeit: die „Gegenseitigkeit des Begehrens und verkörperte Einheit“ ist mehr als Lust und Triebentspannung
  4. Gleichheit: Partner dürfen nicht als „als Eigentum behandelt wird, als Ding oder Ware.“ Machtgefälle und Abhängigkeit führen zu Missbrauch, Prostitution und Verlust des Selbst
  5. Verbindlichkeit: Trotz aller Erfahrungen, dass Beziehungen scheitern „können wir noch immer glauben, der Liebe oder dem Begehren treu zu bleiben, indem wir von unserer Freiheit Gebrauch machen und eine verbindliche Beziehung eingehen.“
  6. Fruchtbarkeit: nicht nur die Fortpflanzung im biologischen Sinn. „Die Liebe bringt neues Leben zu denen, die lieben.“
  7. Soziale Gerechtigkeit: „Alle haben Anspruch auf den Respekt der christlichen Gemeinschaft und der Gesellschaft im Ganzen“ – unabhängig vom sexuellem Status der Person.

Sexualität, so Farley, muss immer wieder nach Gerechtigkeit befragt werden, soll sie schöpferisch bleiben. Und „Gnade lässt sich auf allen Wegen finden.“

Ursula Baatz

Margaret Farley: Verdammter Sex: Für eine neue christliche Sexualmoral. Verlag Theiss 2014

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