Foto: pip/ photocase.de
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Vertrauen in den eigenen Lebensentwurf

Gedanken eines Waldorfschülers

Der Autor kritisiert unser leistungsorientiertes Bildungssystem und hält ein Plädoyer für ganzheitliche Schulen wie die Waldorfschule, die ihm und seinen Geschwistern den Weg in ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht hat.

„Ach hätte ich nie eure Schulen besucht!“ Friedrich Hölderlin

Als mein Bruder 14 Jahre alt war, rief er im Landratsamt an und erwirkte sich eine Sondererlaubnis, die es ihm gestattete, ein Jahr vor der dafür vorgesehenen Zeit den Traktorführerschein zu machen. Damals stand ein alter, verrosteter Bautz-Traktor in der Garage meiner Eltern. Mein 14-jähriger Bruder besah sich diese kaputte Maschine genau und begann sie auseinander zu schrauben. Irgendwann lagen etwa hundert Teile und Schrauben verstreut in der Garage herum. Mein Bruder baute Stück für Stück alles wieder zusammen und drehte eine erste Runde durch das Dorf. Keiner hatte ihm je beigebracht, wie ein Traktor funktioniert und wie man ihn repariert.

Ein Jahr lang tuckerte er mit seinem Oldtimer in die Schule, dann beschloss er diese zu verlassen. Seine Leistungen waren recht mittelmäßig und er beendete seine schulische Laufbahn ohne Abschluss. Meine Eltern gaben ihm ihren Segen. Er organisierte sich in Eigenregie eine Lehrstelle als Landmaschinenmechaniker, lernte nebenbei Heizungsbau und Spenglerei. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche bewarb er sich in einer Werkstatt für Unimogs, arbeitete zwei Jahre dort, machte seinen Techniker, schrieb sich an der Fachhochschule ein und sitzt nun an seiner Diplomarbeit für Luft- und Raumfahrttechnik. Er ist, kaum 30 Jahre alt, Landmaschinenmechaniker, Techniker und bald Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik. Er ist heute in der Lage, alle möglichen Arten von Maschinen zu reparieren, Spenglerarbeiten an einem Hausdach auszuführen, Zentralheizungen einzubauen, war ein halbes Jahr in Australien und – hat nicht einmal einen Hauptschulabschluss.

Welchen Anteil hatten meine Eltern an dieser Laufbahn? Zum einen ermöglichten sie es ihren sechs Kindern trotz recht überschaubarer finanzieller Mittel, eine Waldorfschule zu besuchen. Zum anderen hatten sie volles Vertrauen in uns und gestatteten uns allen einen ureigenen, selbstbestimmten Lebensentwurf.

„Jeder Waldorfschüler lernt stricken, schreinert einen Schemel, arbeitet im Garten.“

Was lernte mein Bruder auf dieser Waldorfschule, was er auf einer anderen Schule vielleicht nicht gelernt hätte? Jeder Waldorfschüler lernt stricken, schreinert einen Schemel, arbeitet im Garten, macht Praktika in Landwirtschaft, Handwerk, im sozialen sowie im gestalterisch-künstlerischen Bereich. Jeder spielt Theater und ist ab der ersten Klasse daran gewöhnt, vor der Klasse und der ganzen Schulgemeinschaft das Erarbeitete zu präsentieren. Und wer will, der kann am Ende die Schule auch mit einem Abitur abschließen.

Ein derartiger Ansatz stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ungemein, ohne dass dieser Prozess durch andauernden Leistungsdruck gehemmt wird. So konnte mein Bruder im Alter von 15 aus sich selbst heraus entscheiden, die Schule abzubrechen und erfolgreich damit beginnen, sein Leben selbst zu gestalten. Ein weiterer Bruder arbeitet als Heilerziehungspfleger, einer ist KFZ-Mechatroniker und macht momentan eine zweite Ausbildung zum Berufstaucher, die ältere meiner beiden Schwestern ist Keramikerin, arbeitet jedoch im Moment in der Lebenshilfe, und die Jüngste studiert Tiermedizin.

Ohne Schulabschluss in den Traumberuf starten

Auch ich verließ die Schule mit dem Segen meiner Eltern ohne einen staatlich anerkannten Schulabschluss und begann, mein Leben nach meinen ureigenen Vorstellungen zu leben. Zwar nahm es einen etwas turbulenteren Lauf als das meines Bruders, aber es funktioniert und bringt mich Schritt für Schritt meinem damals anvisierten Ziel näher, das da lautet: Ich will mir als Autor mein Geld verdienen.

Auch mich trägt ein gesundes Maß an Vertrauen in die Welt und in meine eigenen Fähigkeiten durch das Leben.

Ich begann, ermutigt und unterstützt von Lehrern und Eltern, mit 14Jahren zu schreiben, im gleichen Alter, in dem mein Bruder seinen defekten Traktor zerlegte. Inzwischen verdiene ich einen ganzen Teil meines Lebensunterhalts damit, und auf dem Weg zu meinem Traumberuf arbeitete ich als Kabelträger, auf Baustellen, in der Landwirtschaft, der Altenpflege, in einer Töpferei etc.

Mir blieb es erspart, wie Hölderlin verzweifelt auszurufen: „Ach hätte ich nie eure Schulen besucht!“

Aber ich habe fassungslos Erstklässler beobachtet, denen diese hölderlinsche Formulierung ins Gesicht geschrieben stand. In einem Rundfunkbeitrag äußerte ein Bildungswissenschaftler: „Unser staatliches Bildungssystem ist ein Verbrechen an der Volkswirtschaft und an der Menschlichkeit.“ Vielleicht, weil dieses System nicht den einzelnen Menschen und seine Neigungen und Begabungen im Blick zu haben scheint und diese fördert, sondern den Einzelnen in stupide Schablonen zwängt, um ihn auf eine bestimmte systemtaugliche Art zu formen.

Wir verbringen unsere halbe Kindheit und Jugend in Schulen. Was könnten wir alles lernen in dieser Zeit! Schule könnte uns ganzheitlich vorbereiten auf ein erfülltes, selbstbestimmtes, erwachsenes Leben. In meinen Augen scheint sie gerade ein solches Leben in vielen Fällen sogar zu verhindern, und wir vergeuden unsere nachschulische Existenz mit Tätigkeiten, die uns nicht erfüllen und die wir nur halbherzig und oft nicht einmal besonders gut tun.

Mein Bruder erklärte mir einmal, schon allein das Geräusch eines Motors und der Geruch nach Öl erzeuge in ihm ein Gefühl der Ruhe und Geborgenheit. Warum? Weil er hier zumindest einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit wirklich versteht bis ins letzte Detail.

„Eine Schule, in der wir nicht lernen, uns selbst und die Welt besser zu verstehen, die wir nicht empathischer und weiser verlassen, verdient diesen Namen nicht.“

Ich danke meinen Lehrern und vor allem meinen Eltern für den Rückhalt, den sie mir gegeben haben und für ihr Vertrauen. Ich hoffe, dass unsere Bildungseinrichtungen zu Schulen werden, die uns ganzheitlich vorbereiten auf ein Leben als lebensfrohe, selbstbestimmte, erwachsene Menschen, so dass wir nicht in hölderlinscher Verzweiflung auf jene wichtige, prägende Zeit unseres Lebens zurückblicken müssen.

Michael Feike, 32, lebt mit seinen beiden Kindern zwischen Ammersee und Lech. Er arbeitet als Lyriker, Bauer, Gärtner, Altenpfleger, Kabelträger, Töpfer, Veranstalter und freier Autor.
Info: www.openmind-dharma.net

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