Interview mit Krankenpfleger André Timte

Wenn eine Schicht stressig ist, geht viel an Fürsorge verloren, beklagt André Timte, der als Krankenpfleger auf der Intentivstation arbeitet. Im Interview spricht er über Pflege in Zeiten von Corona, den Umgang mit dem Sterben und warum menschliche Nähe so wichtig ist.

 

André Timte ist seit 1990 Krankenpfleger. 1995 machte er sein Examen als Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und arbeitet seitdem auf Intensivstationen, zurzeit in einem Krankenhaus in Münster.

Das Gespräch führte Birgit Stratmann

Frage: Haben Sie durch Corona in Ihrem im Krankenhaus mehr Patientinnen und Patienten zu betreuen?

Timte: In unserer Klinik ist alles gut organisiert und wir haben eine Personal-Untergrenze, die in der Regel eingehalten wird: Auf der Intensivstation betreuen wir Pflegende zwei Patienten, nicht mehr. Dann können wir unsere Arbeit gut schaffen.

Auch haben wir eine weitere Intensiv-Station nur für Corona-Patienten eingerichtet, somit gibt es genug Platz. Die Klinik hat auch etliche Leasingkräfte eingestellt, um die Spitzen abpuffern können.

Wenn die Krankenhäuser nicht so gut aufgestellt sind oder es in der Region übermäßig viele schwere Fälle gibt, ist die Corona-Krise eine große Belastung. Ich hörte von Kolleginnen und Kollegen, die in den letzten Wochen mehr als zwei Patienten betreuen mussten.

Sind es vor allem alte Menschen, die bei Ihnen schwere Verläufe von Corona zeigen?

Timte: Wir haben viele Einweisungen aus Pflegeheimen. Aber es gibt auch junge Menschen mit Corona. Ich habe einen Patienten betreut, der erzählte, dass er sehr aufgepasst und Kontakte eingeschränkt und doch an Corona erkrankte. Zum Glück konnte er irgendwann entlassen werden. Man weiß aber nie, welchen Verlauf es nimmt, wenn jemand erst einmal auf die Intensivstation kommt.

Wenn die Schicht stressig ist, geht viel an Fürsorge und Zuwendung verloren.

Wie ist es, wenn jüngere Menschen erkranken? Ist das für Sie herausfordernder?

Timte: Wir versuchen, alle gleich zu behandeln, ob jung oder alt. Aber es geht mir besonders nahe, wenn jüngere Menschen so schwere Verläufe erleiden. Bestimmt steckt eine tiefer liegende Angst dahinter, selbst zu erkranken. Ich muss zugeben: Ich habe die Impfung herbeigesehnt und bin jetzt auch geimpft worden.

Was hat sich durch die Corona-Krise in Ihrer Arbeit verändert?

Foto: privat. André Timte ist seit 30 Jahren Krankenpfleger.

Timte: Die Patienten erhalten kaum Besuch, weil es nicht erlaubt ist. So können wir keine Beziehung zu den Angehörigen aufbauen. Diese Entlastung fällt für mich weg. Wenn dann die Betroffenen im Delir sind und die Schicht stressig ist, geht viel an Fürsorge und Zuwendung verloren.

Manchmal werden dann zu früh Zwangsmaßnahmen eingeleitet, z.B. das Fixieren, wenn sie sich den Sauerstoff- oder Medikamentenschlauch herausreißen. Sobald die Patienten sich selbst gefährden, muss ein richterlicher Beschluss eingeholt werden, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ich denke, wenn sie mehr Unterstützung von Nahstehenden hätten, wäre das nicht notwendig.

Was sich auch geändert hat: Wir machen nur noch Barrierepflege. Jedes Mal, wenn wir ins Krankenzimmer gehen, legen wir Schutzkleidung an: Kittel, Haube, Mundschutz und Visier. Das kennen wir natürlich aus unserem Beruf, z.B. im Fall von multiresistenten Keimen, aber es waren Ausnahmen. Heute, wenn Menschen versterben, ist das unglaublich traurig. Das letzte, was sie sehen, ist eine vermummte Person im gelben Kittel. Das ist fast schon surreal.

Der Beistand durch Angehörige fällt weg. Wie muss man sich das Sterben unter solche Bedingungen vorstellen?

Timte: Es ist erlaubt, dass Angehörige noch einmal kommen, wenn es wirklich zu Ende geht. Aber das Sterben findet ja nicht innerhalb weniger Stunden statt, sondern ist ein längerer Prozess, der über Tage und Wochen gehen kann. Hier fehlen die Bezugspersonen natürlich sehr.

Das ist manchmal unglaublich traurig. Wir haben jüngere Patienten, die sich noch so viel vom Leben erhoffen und nicht begreifen können, dass es zu Ende geht. Das kann zu großen Irritationen und Widerständen führen. Und das ist dann hart. Ich habe neulich einen Mann betreut, der richtig erstarrt war und sich nicht auf das einlassen konnte, was geschah.

Ich habe aber auch Menschen gepflegt, die wussten, dass sie das Lebensende erreicht haben und damit in Frieden sein konnten. Sie gehen reif mit dieser Situation um und können ihr Leben abschließen. Ein Mann im fortgeschrittenen Alter, der im Sterben lag, rief noch einmal seine Ehefrau an, um sich zu verabschieden. Das geschah sehr bewusst. Meistens geht es diesen Menschen so schlecht, dass es keine Chance mehr gibt. Sie sind dann traurig, aber nicht verzweifelt.

Ich versuche auch als Mensch, mein Bestes zu geben.

Sind Sie als Pflegende auch seelsorgerisch tätig?

Timte: Das gehört zu unserem Beruf dazu, nicht erst seit Corona. Ich mache das gern, Menschen zu begleiten und versuche auch als Mensch, mein Bestes zu geben.

Aber wir können selbst entscheiden, wie viel da für uns möglich ist. Ansonsten können wir eine Seelsorge im Krankenhaus hinzuziehen oder auch, falls Rituale gewünscht werden, die Profis anrufen.

Wie sehen Sie das mit der künstlichen Beatmung? Ist es wirklich in jedem Fall wünschenswert, alle Behandlungsmaßnahmen durchzuführen?

Timte: Wir sollten uns klar machen: Eine künstliche Beatmung ist ein Segen. Ohne diese Technik gäbe es keine Narkosen, keine längeren Operationen. Wir können damit vielen Intensivpatienten das Leben retten. Es gibt auch 80-Jährige, die nach einer Beatmung zurück ins Leben finden. Das Leben ist kostbar!

Sie haben eine regelmäßige Meditationspraxis. Ist diese hilfreich, um den Alltag in Corona-Zeiten zu bewältigen?

Timte: Ja, über die Meditation kann ich mich sammeln, das hilft mir in der Arbeit ungemein. Vor allem wenn Patienten intubiert, d.h. im komatösen Zustand sind und ich sie nicht kennenlernen konnte, dann hilft es mir, mein Herz zu öffnen. Denn der Mensch kann ja keine Resonanz geben. Und da besteht die Gefahr, dass man alles nur technisch abarbeitet.

Durch die Meditation kann ich besser eine Verbindung zu ihm herstellen und menschlich bleiben. Und Mitgefühl ist leichter zu aktivieren: Denn da ist nicht nur ein Körper, den ich versorge, sondern ein Mensch, den ich sehen und mit dem ich mitfühlen kann.

Wie sehen Sie die politische Situation? Ist die Lage so kritisch, dass derart drastische Maßnahmen über so lange Zeit nötig sind?

Timte: Es besteht die Gefahr, dass wir in den Intensivstationen an die Grenzen kommen. Je mehr Patienten wir haben, umso weniger gut können wir sie versorgen. Es fehlt nicht an Betten und Technik, sondern an Fachkräften. Wenn ich fünf Patienten betreuen müsste, würde es kritisch. Daher bin ich überzeugt, dass wir die Corona-Einschränkungen beibehalten müssen.

Der Arbeitsdruck ist so hoch. Wir haben keine Zeit innezuhalten.

Die gesellschaftliche Anerkennung für Pflegende ist in der Corona-Krise gestiegen. Ist das für Sie spürbar?

Timte: Nein, davon merke ich nicht viel. Für die Krankenhäuser hängt alles vom Personalschlüssel ab. Sind wir gut ausgestattet, können wir unsere Arbeit in Ruhe und gut erledigen. Ich möchte, wenn ich meine Schicht auf der Intensivstation beginne, wissen, dass ich maximal zwei Patienten zu versorgen habe.

Was müsste sich ändern?

Timte: Personal-Untergrenzen sind in jedem Fall gut. In skandinavischen Ländern und in der Schweiz betreuen Pflegerinnen und Pfleger auf der Intentsivstation nur eine Person. Ich nehme an, dass das zur Zufriedenheit beiträgt. Denn dann können wir gewährleisten, dass wir menschlich pflegen und die Betreuung nicht auf technisch-funktionales Abarbeiten reduziert wird.

Ich bin sicher, dass sich viele, die in der Pflege arbeiten, nach mehr Zeit für Menschlichkeit sehnen. Ein Beispiel: Vor ein paar Monaten habe ich eine Visite mitgemacht bei einem Patienten, der unter großer Luftnot litt. Zwei junge Ärztinnen waren dabei, der Patient quälte sich im Bett, und man sprach im Fachjargon über ihn.

Der Mann tat mir leid. Ich habe mich dann an sein Bett gesetzt und seine Hand gehalten, um seine Angst zu lindern. In den Gesichtern der Ärztinnen konnte ich eine Erleichterung wahrnehmen – so, als ob sie auch gern den Betroffenen mehr beigestanden hätten. Aber da das nicht unbedingt üblich ist, haben sie es nicht getan.

Ich glaube, viele Pflegende haben Mitgefühl und wollen für den anderen da sein, aber unter den Bedingungen heute ist es schwierig. Noch ein Beispiel: Wenn ein Patient verstirbt, dann reinige und desinfiziere ich den Platz. Und schon nach fünf Minuten kommt der nächste Notfall, und der Platz ist wieder belegt. Der Arbeitsdruck ist so hoch, es bleibt kaum Zeit innezuhalten.

In meinem alten Krankenhaus gab es eine gute Regelung auf der Pallliativstation: Wenn ein Mensch verstarb, legte man eine Rose vor das Zimmer. War die letzte Zeit extrem belastend für die engsten Betreuer, so erhielten sie einen Tag frei. Das fand ich gut. Es ist ca. drei Jahre her. Dafür braucht man mehr Personal und eine andere Kultur.