Was bedeutet Freiheit in der digitalen Welt?

DedMityay/ Shutterstock
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Interview mit Digitalexperte Joseph De Veaugh-Geiss

Nicht wir steuern die digitalen Medien, sie steuern unser Verhalten über die Algorithmen. Digitalexperte Joseph de Veaugh-Geiss spricht im Interview über die Qualität von Informationen, Manipulation, alternative Plattformen mit ethischen Regeln und wie wichtig Selbstbestimmung in der digitalen Welt ist.

 

Die gemeinnützige Organisation „Konzeptwerk neue Ökonomie“ klärt auf, wie digitale Medien aufgebaut sind und welche Alternativen es zu den Großen gibt. Ethik heute sprach mit einem der Referenten, Joseph De Veaugh-Geiss. Das Interview führte Anja Oeck.

Frage: Digitale Medien üben immer mehr Druck aus auf die klassischen Gatekeeper zur Meinungsbildung wie Fernsehen, Radio und Tageszeitungen. Entsteht dadurch zwangsläufig eine Demokratisierung, d.h. ein besseres Angebot an Information?

De Veaugh-Geiss: Digitale Medien führen allgemein zu einem höheren Angebot an Information, aber nicht unbedingt zu einem besseren. Es gibt mehr überprüfte, aber auch mehr ungeprüfte Informationen. Da die Überprüfung von Informationen und Quellen Zeit und Geld braucht, das Erfinden von Geschichten aber nicht, gibt es mehr Desinformation als andersherum.

Worin besteht der Unterschied zwischen digitalen Medien und den klassischen journalistischen Medien?

De Veaugh-Geiss: Einen Unterschied halte ich für besonders wichtig: Für viele ist ihr Gerät etwas, das ihnen die Realität widerspiegelt und sogar die Zukunft voraussagen kann, z. B. die Zeit, zu der sie an einem Zielort ankommen und das oft mit hoher Präzision. In vielerlei Hinsicht ist dies ganz selbstverständlich in den Alltag integriert und leitet uns zuverlässig.

Aber das Gerät, das Nutzerinnen und Nutzern sachliche und leicht überprüfbare Informationen liefert, wie Karten oder Wettervorhersagen, ist das gleiche, das ihnen völligen Unsinn erzählen kann. Auf der Schnittstellenebene des Geräts gibt es keine Trennung – und damit für viele keine Trennung der unterschiedlichen Qualitäten von Informationsquellen.

Bevor es Allzweck-Computer gab, kamen Informationen in unterschiedlichen Formen zu uns Zeitungen, Karten, Flugblätter, Graffiti. Bereits an der Form konnten wir oft erkennen, wie zuverlässig die Quelle ist. Heute kommt alles aus demselben, oft scheinbar zuverlässigen „Wahrheitsfindungsgerät“, das ich “das Orakel” nenne.

Dann gibt es noch die sozialen Plattformen, die unser Leben immer mehr bestimmen.

De Veaugh-Geiss: Genau, das ist die nächste Ebene, über die die Inhalte verbreitet werden. Für die meist genutzten Plattformen sind die eigentlichen Kunden Werbetreibende. Wie im Netflix-Dokumentarfilm “Das soziale Dilemma” dargestellt, bedeutet das: Unsere Aufmerksamkeit wird in deren Interesse durch undurchsichtige Algorithmen gesteuert. Unsere Streams werden kontinuierlich mit für uns ansprechenden Inhalten gefüllt.

Selbst bei Informationen zum selben Thema von der gleichen Website kann „das Orakel“ mir etwas anderes sagen als dir. Auch im klassischen Journalismus gab es Informationsblasen, aber wenn man die gleiche Zeitung oder das gleiche Buch in die Hand nahm, hatte man eine gemeinsame Basis: Ich habe gelesen, was du gelesen hast. Diese Gemeinsamkeit geht mit individualisierten Informationskanälen verloren.

Schau dir die Quellen an!

Wie kann man kritisch mit dieser Einflussnahme bei digitalen Medien umgehen?

De Veaugh-Geiss: Das sind große Fragen, auf die ich keine endgültige Antwort habe. Ich komme aus der experimentellen Linguistik, und meine Forschungsarbeit hat meinen Umgang mit digitalen und anderen Informationen stark geprägt.

In der Wissenschaft sind Debatten mit widersprüchlichen Ergebnissen normal: Eine Studie zeigt dieses, eine andere Studie zeigt jenes. Ein fehlender Konsens, insbesondere bei neuen Forschungsgebieten, bedeutet aber nicht, dass wir nichts wissen.

In der Tat geht es in der Wissenschaft, insbesondere in der Statistik, oft darum, zu quantifizieren, wie unsicher wir sind. Mit der Zeit und mit immer mehr Hinweisen kann diese Unsicherheit verringert werden.

Außerdem sind nicht alle Informationen schlecht, nur weil ein Ergebnis später verworfen oder eine Hypothese aktualisiert wird. Es scheint, dass einige Leute denken, dass wissenschaftliche Schlussfolgerungen statisch sein sollten. Das ist nicht der Fall:

Neue Informationen, neue Erkenntnisse erfordern eine Aktualisierung der eigenen Ideen. Schließlich muss man sich die Zeit und die Energie nehmen, Informationen zu überprüfen: wo sie veröffentlicht wurden, ob sie überprüft wurden und ob sie kohärent und realistisch sind. Starke Aussagen erfordern starke Nachweise.

Wie sollten wir vorgehen?

De Veaugh-Geiss: Es ist sehr wichtig, die Quelle der Informationen zu kennen. In der Wissenschaft hat eine Veröffentlichung in einer hochrangigen Fachzeitschrift mit einem Begutachtungs- und Überarbeitungsprozess mehr Gewicht als eine Publikation ohne „Peer Review“. Genau wie eine Zeitung mit einem Informationsprüfungsverfahren mehr Gewicht hat als eine zufällige Website im Internet oder der Beitrag meines Onkels in den sozialen Medien.

Schau dir die Quellen an. Sind sie miteinander verbunden? Es gibt ganze selbstreferentielle Fake-News-Netzwerke, die sich gegenseitig zitieren oder kopieren, um den Anschein zu erwecken, dass die Nachrichten legitim sind.

Haben die Quellen klare redaktionelle Standards? Veröffentlichen sie Korrekturen, wenn sie etwas Falsches veröffentlicht haben oder neue Informationen auftauchen? Wird geklärt, bei welchen Informationen sie unsicher sind und warum? Oder verbreiten sie über anscheinend offene Fragen nur Angst, Unsicherheit und Zweifel? Dies ist oft ein Warnsignal. Trennen sie Meinung und Berichterstattung? Es ist wichtig, sich auf verschiedene Quellen zu stützen, nicht alle sind aber gleich solide.

Ich bin mir sicher, dass auch einige meiner derzeitigen Überzeugungen auf Desinformationskampagnen beruhen. Sei also bescheiden mit dem, was du zu wissen glaubst. Wäge verschiedene Informationen ab und achte auf die Zuverlässigkeit der Quellen.

Wir sollten die Software kontrollieren und nicht die Software uns.

Welche Alternativen hat man, wenn man dem Mainstream-Meinungsbild der dominanten digitalen Medien wie Google, Facebook und Twitter nicht folgen möchte?

De Veaugh-Geiss: Wenn es um alternative Plattformen geht, ist eine ethische digitale Infrastruktur wichtig. Sie sollte auf freier und quelloffener Software basieren, von offenen Standards und offenen Protokollen unterstützt werden und, wenn möglich, dezentralisiert und föderiert sein. Jedes dieser Merkmale ermöglicht es den Nutzern ihre Software zu kontrollieren und nicht umgekehrt.

Ich würde hinzufügen, dass werbegetriebenes Data-Mining, also das systematische Sammeln von persönlichen Daten, ebenfalls vermieden werden muss. Wenn die genannten Merkmale erfüllt sind, haben die Nutzerinnen bereits eine echte Wahl.

Ob sie sie nutzen, ist natürlich eine andere Frage. Denke an E-Mail, ein dezentrales System mit offenen Protokollen, das mit völlig freier Software betrieben werden kann. Das heißt, mit allen oben genannten Merkmalen! Viele wählen aber immer noch den E-Mail-Dienst des größten werbegestützten Data-Mining-Unternehmens der Welt (Google), obwohl es zahlreiche datenschutzfreundliche Alternativen ohne Data-Mining gibt, die nur wenig Geld pro Monat kosten.

Was würden Sie sonst noch empfehlen?

De Veaugh-Geiss: Es gibt das sogenannte Fediverse, besondere soziale Netzwerke, die Wert auf Nutzungsautonomie legen. So sollten meiner Meinung nach soziale Medien sein.

Man legt sich ein Benutzerkonto auf einer beliebigen Plattform im Fediverse an und kann sich darüber potenziell mit Personen auf allen anderen Plattformen austauschen, ohne dort ein weiteres Konto anlegen zu müssen. Inhalt und Plattform sind voneinander getrennt.

Das bedeutet, dass jede Plattform von verschiedenen Communities betrieben werden kann. Als Nutzer haben wir eine echte Wahl, wie die Benutzeroberfläche aussieht, wer Zugang zu unseren Daten hat, welchen Nutzungsbedingungen wir zustimmen, welche Algorithmen wir für unsere Streams verwenden wollen und wie die Plattform finanziert wird.

Das ist mit zentralisierten, proprietären, engagementgesteuerten Systemen nicht möglich. Du musst deren Bedingungen akzeptieren, egal wie mies sie sind, sonst wirst du ausgesperrt.

Ich zögere, andere Alternativen zu nennen. Es gibt viele. Wenn es in deiner Gegend eine gibt, geh zu einer CryptoParty, um dich über datenschutzfreundliche Alternativen zu informieren. CryptoParty hat übrigens nichts mit Kryptowährungen zu tun, sondern mit Kryptographie.

Was gewinnt man bei der Nutzung von freier Software?

De Veaugh-Geiss: Freie Software garantiert den Nutzerinnen und Nutzern durch die Lizenz vier grundlegende Freiheiten: die Freiheit, die Software zu verwenden, sie zu verbreiten, sie zu verstehen und sie zu verbessern. Freie Software muss nicht kostenlos sein. Es es eher im Sinne von “freier Presse” oder „freier Versammlung“ zu verstehen.

Diese Freiheiten sind notwendig, damit Nutzer und Communities bestimmen können, wie ihre digitale Gesellschaft aussieht. Andernfalls sind wir den Programmierern und den Unternehmen, die dahinter stehen, ausgeliefert. Sie sind die Herren, und wir sind die Leibeigenen. Sie entscheiden, egal wie gut oder wie schlimm sie sind.

Ein Konzept der Freiheit in der digitalen Gesellschaft ist besonders wichtig, wenn man bedenkt, dass jeder analoge Aspekt unseres Lebens heutzutage eine digitale Entsprechung hat. Wer wird das bestimmen? Du? Wir? Sie?

Joseph P. De Veaugh-Geiss ist der Projekt- und Community-Manager von “Blauer Engel 4 FOSS”-Projekt des KDE e.V. Er unterstützt das Projekt, indem er Informationen über die Blauer Engel-Ökozertifizierung und Ressourceneffizienz im Zusammenhang mit der Entwicklung Freier Software sammelt und verbreitet. Außerdem unterrichtet er den Kurs “Deconstructing — And Reconstructing — The Digital Self” an der Universität der Künste Berlin und ist in verschiedenen Projekten im Bereich der Freien Software und der digitalen Gesellschaft aktiv.

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