Foto: Ralph Sondermann
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Paul J. Kohtes, Führungskräftecoach und Meditationslehrer

Was Meditation für Unternehmen bringt

Interview mit Paul Kohtes

Paul Kohtes gilt als einer der führenden Unternehmensberater für Kommunikation in Deutschland. Im Gespräch mit Michaela Doepke verrät der Führungskräftecoach, Buchautor und Zenlehrer, was Meditation in Unternehmen verändern kann.

Frage: Wie sind Sie eigentlich zur Meditation gekommen? Was war ihr Schlüsselerlebenis?

Antwort: Ich war krank und meine Firma musste plötzlich ohne mich laufen. In dieser Situation riet mir ein guter Freund: „Mach doch mal einen Meditationskurs.“ Ich bin dann in die Neumühle geraten zu Michael von Brück, von dem ich dreißig Jahre später als Zenlehrer autorisiert wurde.

Frage: Wie kommt es, dass Sie sich heute als Zenlehrer so stark im weltlichen Kontext engagieren, noch dazu als Coach im Unternehmenskontext?

Antwort: Ich würde sagen, das ist eigentlich die richtige Kombination. Ich möchte mich als Person nicht abspalten von dem, was ich beruflich tue. Daher gehören Zen und berufliche Aktivität für mich zusammen.

Frage: Können Sie mir eine Prozentzahl nennen, wie viele deutsche Unternehmen Achtsamkeit und Meditation in Ihrer Firma umsetzen?

Antwort: Ich schätze grob: Das sind nicht mehr als fünf bis zehn Prozent, vielleicht noch weniger. Aber es gibt immer mehr Unternehmen, die ein Stück vorneweg sind oder die den Wunsch haben, innovativ zu sein. Dazu zählen auch etablierte Unternehmen. Ich weiß von der Deutschen Bank, dass es dort seit vielen Jahren Zen-Kurse gibt.

KšrperŸbungen mit Physiotherapeutin Hannelore FŸrst

Im Trend: Immer häufiger praktizieren Führungskräfte Zen-Meditation, z. B. beim Seminar „Zen for Leadership“ im Benediktushof./ Foto: © Hermann Dornhege

Frage: In Ihrem neuen Buch „Mit Achtsamkeit in Führung“ geben Sie Tipps, wie Meditation und Achtsamkeit in Unternehmen eingeführt werden könnten. Was war die Motivation, dieses Buch zu schreiben?

Antwort: Es ist die Ratlosigkeit in den Führungsetagen. Viele Firmen merken heute, dass sie etwas tun müssen, was anders ist, als das, was sie bisher gemacht haben. Auch die zunehmende Zahl von Ausfällen und Burn-outs hat inzwischen viele Human-Resources-Manager alarmiert. Zunächst muss man jedoch diese Entwicklung ganz nüchtern und pragmatisch sehen. Bei vielen Unternehmen ist das nicht etwa eine spirituelle Wandlung, sondern ganz einfach die Suche nach etwas, das besser funktioniert als das bisherige.

Frage: Steuern Sie entgegen, wenn Meditation in Unternehmen lediglich zur Leistungssteigerung oder Profitdenken missbraucht wird?

Antwort: Also ich wäre mit dem Wort Missbrauch in dem Zusammenhang lieber vorsichtig. Ich kann auch jedes Medikament missbräuchlich nutzen, deswegen ist nicht jede Einnahme gleich ein Missbrauch. Es ist natürlich eine Gratwanderung, das ist mir völlig klar. Ich habe ich mich auch jahrelang dagegen gewehrt, dass Meditation und Achtsamkeit wie ein Tool genutzt werden sollten, nur damit da Effekte entstehen.
Wirklich ein Schlüsselerlebnis war für mich ein Gespräch mit Doris Zölls, Zen-Meisterin am Benediktushof. Ich habe ihr genau diese Frage gestellt, die Sie mir gestellt haben. Da sagte sie nur: „Schau doch mal, wenn jemand meditiert, dann wird das seine Wirkung haben. Lassen wir es doch geschehen.“ Und das ist es.

Ich vertraue jetzt einfach darauf: Wenn jemand in die Stille kommt, in die Achtsamkeit, in diese Erfahrung, wird es sie oder ihn verändern. Ob das als Tool gesehen wird oder nicht, ist dann sekundär. Der Veränderungsprozess geschieht einfach, das weiß jeder, der mit Meditation mal angefangen hat.

wŠhrend der Meditation im Zendo (Meditationsraum)

Im Zendo: „Wer einmal meditiert, der verändert sich.“/ Foto: © Hermann Dornhege

Frage: Welchen Nutzen hat es, wenn Führungskräfte meditieren?

Der Nutzen ist so überwältigend, dass man nur staunen kann, warum Meditation in Unternehmen nicht schon längst der große Renner geworden ist. Zunächst führt die Selbstdistanz dazu, dass man sich selbst erleben kann, wie man agiert, involviert ist und anhaftet. Diese Erfahrung der Selbstreflexion ist allein schon ein riesiger Fortschritt.
Das ist ja das Sonderbare, nicht nur im Management, sondern in allen gesellschaftlichen Strukturen, dass wir nicht mehr sehen können, was wir so treiben. „Wir leben in einem Automatismus, der fast an Autismus grenzt, und sehen das als normal an.“

Frage: Wenn wir im Autopilot verweilen, können wir nur unseren Expertengeist bestätigen, aber keinen neugierigen Anfängergeist mehr entwickeln, oder?

Antwort: Exakt. Und das zu erleben, ist für viele Meditationsanfänger zunächst einmal erschreckend. Es ist natürlich nicht immer angenehm zu sehen, wie ich da so in diesem Autosystem stecke. Aber schließlich setzen bei Praktizierenden meistens auch ein großes Staunen und ein erleichtertes Aufatmen ein. Wenn ich einmal so entspannt bin, dann sehe ich die Welt doch wieder anders.

Frage: Wovor haben Manager Angst, wenn sie durch Meditation in Kontakt mit sich selbst kommen?

Antwort: Kontrollverlust ist sicherlich ein ganz wesentlicher Punkt. Diese Thematik hatte ich kürzlich bei der Ethik-Veranstaltung Ihres Netzwerks in Hamburg angesprochen. Zu sehen, dass das, was mein eigenes Paradigma ist, nämlich alles steuern zu wollen und zu können, auf einmal aufgegeben werden soll und kann – das ist zunächst einmal eine große Hürde.
Das Zweite ist natürlich, dass ich auf einmal erlebe, dass ich nicht so alternativlos bin, wie ich das bisher gedacht habe. Ich weiß von einem Geschäftsführer, der nach einem Meditationsseminar nach Hause gefahren ist und seinem Aufsichtsrat ins Gesicht gesagt hat: „Ich gehe jetzt drei Monate in Kur, ich mach das nicht mehr.“ Diese Entdeckung, dass das möglich war, war für ihn eine Offenbarung. Anderenfalls hätte er vermutlich weiter gemacht, bis er tot umgefallen wäre.

Frage: Könnte es auch sein, dass eine Angst besteht, dass durch Meditationspraxis mehr Menschlichkeit ins Unternehmen einzieht, und der Profit nicht mehr so im Vordergrund steht?

Antwort: Wissen Sie, ich habe überhaupt nichts gegen Profit. Entscheidend ist, wie er entsteht, und was ich damit mache. Deswegen bin ich immer ein bisschen vorsichtig, denn aus der Außensicht ist das ja auch so ein Totschlag-Argument: Ihr seid profitgierig. Das ist sicherlich in vielen Fällen so.  Aber Profit ist ja zunächst mal nichts Schlechtes, sondern nur ein Zeichen, dass ich erfolgreich wirtschafte.
Die Frage ist: Wie ändere ich mich? Ändere ich mich, damit ich nicht mehr so profitgierig bin? Dann bin ich in dem klassischen Modus: Ich mache es, um etwas zu erreichen. Oder ändert es sich von selbst. Das ist mein Grundansatz. Es ist viel besser, wenn es sich von selbst ändert, und ich jetzt nicht anfange: Ich muss meine Profitgier aufgeben, und ich darf nicht mehr rauchen, nicht mehr trinken und so weiter. Wenn ich auf dieser Muss-Ebene bin, dann bleibe ich im konventionellen Leistungssystem.Foto: Björn Gaus

Paul J. Kohtes: „Ich habe nichts gegen Profit …“/ Foto: © Hermann Dornhege

Frage: Was ändert sich Ihrer Meinung nach in den Firmen, in denen regelmäßig Meditation eingeführt wird und Achtsamkeitstraining?

Antwort: Es gibt eine ganz einfache Erfahrung: Wenn Sie ein Meeting beginnen mit zwei, drei Minuten Stille, dann wird dieses Meeting mit großer Wahrscheinlichkeit erheblich produktiver und kommunikativ wesentlich freundlicher ablaufen als früher. Diese Erfahrung bestätigen alle, mit denen ich das ausprobiert habe und das sind inzwischen sehr viele. Es entsteht eine andere Energie, ein anderes Miteinander. Und es ist für jeden auch sehr schnell fühlbar und erfahrbar.

Frage: Können Sie noch ein paar Tipps nennen, wie man Achtsamkeit in den Berufsalltag integrieren kann, zum Beispiel beim E-Mail schreiben?

Antwort: Wir machen genau dafür gerade eine Meditations-App. Diese wird Ende des Jahres auf den Markt kommen. Wenn ich zwischendurch mal auf der App einen kleinen Ausstieg machen kann, eine Sekundenmeditation und kurz aus dem Hamsterrad rausspringe, dann hat das eine große Wirkung. Ich nenne das eine „Mini-Erleuchtung“.

Frage: 80 Prozent der 36-45-jährigen Arbeitnehmer stehen laut einer Studie der Techniker Krankenkasse ständig unter Stress. Was besagt diese Entwicklung über unsere Gesellschaft und den Umgang von Managern mit ihren Mitarbeitern?

Antwort: Das sagt bereits alles. Aber es gibt natürlich beide Seiten. Es ist ja nicht nur die Führungskraft, die versucht, eine Maßnahme von oben nach unten durchzudrücken, sondern es sind auch die Mitarbeiter, die sich durch ein mangelndes Geerdet-sein da hineinziehen lassen.
Deswegen müssen wir sorgfältig darauf achten, dass wir nicht zu schnell Schuldzuweisungen vornehmen. Ich bin aber auch kein Fan der „Krise als Chance für Veränderung“. Mir ist es lieber, wir kommen in einen Bewusstseinswandel, der Stück für Stück vorangeht. Dann brauchen wir keine große Krise.

Frage: Was passiert, wenn durch Meditation angeregt, plötzlich ethisches und ganzheitliches Denken in die Führungsetagen einzieht?

Antwort: Erstens ist das natürlich schon eingezogen, auch ohne Meditation, weil das ein Thema ist, das sich gerade in den westlichen Industrienationen ständig aufdrängt. Viele Firmen sind in einem Dilemma, stehen unter dem Druck, Produktionsstandorte nach Fernost zu verlagern, um wettbewerbsfähige Preise zu machen. Das kann ich nachvollziehen.
Letztlich ist es immer eine Frage, ob wir fähig sind, uns den Konflikten zu stellen. Und wahrzunehmen, dass da ein Konflikt ist – das ist allein schon ein Wunder, wenn das gelingt. Natürlich habe ich nicht immer eine Lösung parat, das ist ja auch eine Erfahrung der Meditation, dass ich es aushalten kann, dass es vielleicht im Augenblick keine angemessene Lösung gibt.

Frage: Haben einige Manager, die Sie beraten oder gecoacht haben, aufgrund der Meditationspraxis ethische Richtlinien in ihrer eigenen Firma eingeführt?

Also nicht bewusst in dem Sinne, wie Sie das jetzt fragen. Das ist mir jedenfalls nicht bekannt. Und ich würde auch davon abraten, weil ich der Meinung bin, dass das Vorbild viel wichtiger ist als eine schriftlich fixierte Richtlinie.

Frage: In Ihrem Buch schreiben Sie:„Der Paragidmenwechsel vom Ich zum Wir ist eine zentrale Erfahrung meditativer Praxis.“ Ist das Ihre Zukunftsvision für Unternehmensalltag?

Antwort: Unbedingt. Wir sind da ja schon in einem erstaunlichen Wandel, wenn ich das ganze Führungsverhalten von heute ansehe. Ich habe das Glück, dass ich das dreißig Jahre lang verfolgen konnte, was sich verändert hat. Das ist dramatisch anders geworden. Vor dreißig Jahren war top-down noch völlig normal. Also von oben nach unten wurde befohlen und unten wurde gemacht. Das hat sich dramatisch geändert.
Es ist heute so, dass viele Entscheidungen in einem gemeinsamen Prozess entwickelt werden. Und dazu hat die Erfahrung der sozialen Netzwerke erheblich beigetragen. Diese sind ein Vorbild dafür, wie Kommunikation, Austausch und Meinungsbildung in einem großen System funktionieren können.

Frage: Ist das ganzheitliche Denken z. B. beim Umweltschutz heute auch mehrheitlich in der Wirtschaft angekommen?

Antwort: Naja, das ist wahrscheinlich eher aus Pragmatismus dort angekommen, weil der Druck von außen groß ist.

Frage: Vielleicht können Sie am Ende noch eine kurze Zukunftsprognose geben, wie sich das Klima in den Führungsetagen durch die Themen Meditation und Achtsamkeit ändern wird?

Antwort: Ich gebe Ihnen zwei Beispiele, die ich sehr faszinierend finde. Das Manager Magazin ist das führende Magazin für Spitzenführungskräfte, und es ist konservativ und nicht gerade spiritualitätsfreundlich. Und plötzlich erscheinen in diesem Magazin zwei Vorstandsvorsitzende von deutschen Großunternehmen, die sich mit geschlossenen Augen beim Meditieren fotografieren lassen. Das waren der Vorstandsvorsitzende von BMW und der von RWE. Das ist eine wahre Sensation. Man kann es gar nicht laut genug sagen, was damit verbunden ist. Meine tiefe Überzeugung ist es: Wenn das nicht nur Show ist, was ich mal unterstelle, dann wird sich etwas verändern. Ich kenne einen von den beiden persönlich und bin mir daher sicher, dass das authentisch ist. Und der ist übrigens auch Vegetarier, das nur mal so nebenbei.

Paul J. Kohtes (* 1945) gilt als einer der führenden Berater für Unternehmenskommunikation in Deutschland. Das Wirtschaftsmagazin CAPITAL würdigte ihn als „Doyen der deutschen PR-Szene“. 2006 wurde er als erster Deutscher in die „Hall of Fame“ des Internationalen PR-Agenturen-Verbandes aufgenommen. 1998 gründete Paul Kohtes die Identity Foundation, eine gemeinnützige Stiftung für Philosophie. Er ist Zenlehrer und Mitinitiator des Führungskräfteprogramms „Zen for Leadership“. Außerdem ist er Ko-Veranstalter des seit 2010 in zweijährigem Turnus stattfindenden Kongresses „Meditation & Wissenschaft“, der in diesem Jahr vom 24.-25. Oktober wieder in Berlin stattfindet.

Infos unter: kohtes.klewes.com, www.identityfoundation.de, www.zenforleadership.com,
www.meditation-wissenschaft.org

 

 

 

 

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