Foto: Andreas Frickinger
Foto: Andreas Frickinger

Was sehen wir, wenn wir aus dem Fenster schauen

Gastbeitrag von Andreas Frickinger über das achtsame Beobachten

Menschen verbringen viel Zeit damit, nach draußen zu schauen, ohne von ihrer eigenen Reflexion im Fenster Notiz zu nehmen. Andreas Frickinger zeigt, wie Achtsamkeit die Perspektive erweitert.

Wenn wir nicht bewusst leben, dann schauen wir aus dem Fenster und sehen Autos, Menschen, Katzen, Hunde und Sonnenuntergänge, ohne dass uns dabei unsere eigene Reflexion auffällt. Man könnte fragen: „Wieso sollte mich meine Reflexion interessieren? Sie blockiert doch nur die Sicht auf das, was ich draußen sehen will.” 

In dieser Analogie steht die Reflexion für unsere Reaktionen auf das, was wir erleben. Ohne Achtsamkeit sehen wir „schicke” Autos, „hässliche und schöne Menschen“,  „putzige” Katzen und „romantische” Sonnenuntergänge. Wir bewerten die Objekte anhand der Gefühle und Emotionen, die wir mit ihnen verbinden.

Manchmal denken wir, dass Adjektive wie „hässlich” oder „schön” zum Objekt da draußen gehören, obwohl diese Eigenschaften in Wirklichkeit durch unsere Reaktion erzeugt werden. Wenn wir aufmerksam unsere Reflexion im Fenster beobachten, können wir deutlich sehen, wie sich der Ausdruck in unserem Gesicht verändert, je nachdem, was wir uns gerade draußen anschauen. Ohne Achtsamkeit bemerken wir diese Reaktionen meist nicht.

Versteckte Ebene unserer Existenz sichtbar machen

Machen wir das Gedankenexperiment noch einmal und berücksichtigen dies. Nehmen wir an, mit genügend Achtsamkeit können wir sowohl die Welt da draußen als auch unser eigenes Spiegelbild im Fenster beobachten. Wer gerne fotografiert wie ich, wird vielleicht sagen: „Das ist nicht möglich, wenn wir die Kamera auf das Fenster richten, dann können wir entweder das eine oder das andere fokussieren – aber nicht beides gleichzeitig.” 

Als ich angefangen habe mich mit Fotografie zu beschäftigen, hätte ich dieser Aussage zugestimmt. Aber mittlerweile kenne ich meine Kamera ziemlich gut und weiß, wie man sie einstellen muss, damit man sowohl das eigene Spiegelbild als auch die Welt da draußen gleichzeitig im Fokus hat. Das gleiche gilt für unser Bewusstsein. Jeder bemerkt seine eigene Reflexion von Zeit zu Zeit, aber wir denken in der Regel nicht länger darüber nach.

Nur wer die mögliche Freiheit erkennt, die sich in dieser Entdeckung versteckt, beginnt auf sie zu achten. Achtsamkeit hilft uns, die Kamera so einzustellen, dass wir sowohl unsere Reflexion als auch die Welt vor dem Fenster scharf sehen können. Dies braucht zwar etwas Übung, es ist jedoch möglich.

Diese versteckte Ebene unserer Existenz sichtbar zu machen hat einen großen Einfluss auf unser Leben. Wir gewinnen ein viel realistischeres Bild von dem, was wir sehen. Die Reflexion ist eigentlich immer da, wir beachten sie nur nicht aufgrund unserer selektiven Wahrnehmung.

Wenn wir ohne Achtsamkeit aus dem Fenster schauen, dann hat das, was wir sehen, relativ wenig mit der Realität zu tun. Ohne Achtsamkeit sehen wir lediglich die Gefühle und Emotionen, die wir mit den Objekten unserer bewussten Erfahrung verbinden. Diese „Objekte” müssen nicht unbedingt Autos oder Menschen sein, sondern können auch die Form von Gedanken, Ideologien, Ansichten und Meinungen annehmen. Normalerweise sehen wir nur unsere Vorlieben und Abneigungen. Unsere Kamera ist dann so eingestellt, dass unsere Reflexion unscharf und nicht wahrnehmbar für uns ist.

Wenn unsere Kamera noch nicht eingestellt ist, erkennen wir oft nicht, dass der unachtsame Blick aus dem Fenster für die eigene Unzufriedenheit und selbst erzeugtes Leid verantwortlich ist. Wenn wir uns unserer Reaktionen nicht bewusst sind, dann erleben wir unweigerlich ein unterschwelliges Gefühl der Unzufriedenheit. Wir fühlen uns, als ob irgendetwas in unserem Leben fehlt. Dieses Gefühl mag zwar gelegentlich verschwinden, kommt aber immer wieder zum Vorschein, wenn innere oder äußere Bedingungen bestimme Reaktionen in uns hervorrufen.

Da wir unser Glück von äußeren Bedingungen abhängig machen, befinden wir uns in einem nicht endenden Kreislauf von emotionalen Höhen und Tiefen. Wir machen unsere Zufriedenheit von den Objekten in der Welt vor dem Fenster abhängig, obwohl in Wirklichkeit unsere Reaktion auf diese für unsere Zufriedenheit oder Unzufriedenheit verantwortlich ist. Mit Achtsamkeit können wir dies sichtbar machen und es eröffnet sich eine vollkommen neue Perspektive auf das Leben.

Die Illusion durchschauen

Diese Erkenntnis kann sowohl befreiend als auch beängstigend sein, denn sie zeigt, dass bestimmte Aspekte unseres Lebens auf einer Illusion aufgebaut sein könnten. Unsere gewöhnlichen Reaktionen sind oft unbewusst und zwanghaft. Erst die Achtsamkeit gibt uns die Freiheit und den Raum, nicht aus unserer Getriebenheit heraus zu reagieren. Sie macht unsere Reaktionen auf die Welt sichtbar, da wir zu aufmerksamen Beobachtern werden. Damit haben wir mehr Entscheidungsfreiheit.

Durch ein besseres Verständnis unserer eigenen Reaktionen, nimmt die Tendenz des Geistes ab, festhalten zu wollen. Schritt für Schritt werden wir in der Lage sein, das Anhaften zu verstehen und zu verwandeln: die emotionalen Verletzungen, Sehnsüchte, Ängste, Stolz, Neid und alle Verhaltensmuster, mit denen wir uns selbst und anderen Leid zufügen.

Im Laufe der Zeit wird unsere Zufriedenheit immer weniger abhängig von äußeren Umständen sein. Wir können dann auch inmitten einer schwierigen Situation ausgeglichener reagieren. Der Raum, der zwischen Sinneseindruck und Reaktion entsteht, gibt uns die Freiheit, einen weniger dualistischen Geist zu kultivieren. So können die heilsamen Qualitäten hervortreten.

Wenn wir die Welt weniger dualistisch wahrnehmen können, dann haben wir auf einmal viel mehr Raum, uns um andere zu kümmern, da unsere eigenen selbstgemachten Probleme unbedeutender werden. Um innere Freiheit zu erleben, müssen wir die schwierigen Emotionen nicht wegschieben oder unterdrücken. Es geht darum, die Einstellung zu ihnen zu ändern und uns mit ihnen nicht zu identifizieren. Diese Möglichkeit steht uns immer dann zur Verfügung, wenn wir uns nicht von unseren Emotionen mitreißen lassen.

Übersetzt in die Fenster-Analogie: Wenn wir in der Lage sind, sowohl unsere Reflexion als auch die Welt außerhalb des Fensters wahrzunehmen, sind wir nicht mehr gezwungen, aus Getriebenheit heraus zu reagieren. Jedes Mal, wenn wir es schaffen, in einer schwierigen Situation diesen Perspektivenwechsel vorzunehmen, wird die Achtsamkeit zu einer Art sicherem Hafen, um als freier Mensch zu reagieren.

Durch Übung wird der Raum zwischen Sinneseindruck und unserer Reaktion größer. Wenn man die heilsamen Qualitäten kultiviert, dann wird es viel wahrscheinlicher, dass wir spontan mit Verständnis reagieren, anstatt beispielsweise mit Zorn. So hilft Achtsamkeit, die Reaktionen auf natürliche Art und Weise friedlicher und weiser werden zu lassen.

Andreas Frickinger

Andreas Frickinger, freiheit und bewusstsein Nachdem Andreas Frickinger viele Jahre an den Visual Effects für Hollywood Blockbuster gearbeitet hat, richtete er 2013 sein Leben neu aus. Er besuchte Meditationsretreats und lebt heute bewusster und einfacher. Er gründete ein internetportal „Freiheit und Bewusstsein“, um über Ethik, Meditation, Kreativität und Weisheit zu schreiben.

 

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