Tipps einer Achtsamkeitslehrerin und Mutter

Nicht nur in der Corona-Krise sind Eltern extrem gefordert. Stress und Enge spülen Emotionen an die Oberfläche. Wenn Kinder z.B. wütend sind, empfinden Eltern oft selbst Wut, Ohnmacht oder Angst. Achtsamkeitslehrerin Sarina Hassine erklärt, wie wir achtsam mit den Emotionen umgehen.

Kinder kommen mit der Fähigkeit zu starken Gefühlen auf die Welt. Doch das Gehirn bildet die Fähigkeit zum Umgang mit den Emotionen erst nach und nach aus. Sie müssen dies also erlernen. Daher erleben sie die eigenen Emotionen oft als überwältigend und können sich nur schwer selbst beruhigen.

So ist zu erklären, dass ein Kind ausrastet, weil es z.B. eine Süßigkeit nicht bekommt oder gegen seinen Willen einen Pulli anziehen soll. Unsere rationale Begründung, dass es gleich ins Bett gehen soll und die Zähne schon geputzt sind, kommen beim Kind leider oft nicht an. Es schafft diesen Transfer von der Emotion zum Verstehen und Einsehen nicht. Unsere Bemühungen, Gründe aufzuzählen, werden nicht fruchten – vor allem nicht, solange wir auf die Emotion selbst nicht eingehen, sondern sie womöglich noch abtun, darüber lachen oder schimpfen.

Auf die Emotionen des Kindes eingehen

Als erstes ist es wichtig, das Kind emotional aufzufangen. Dazu können wir die Emotionen benennen und Verständnis zeigen. Sätze wie, „du bist wütend, weil du gerne etwas Süßes essen willst, aber Mama es dir nicht gibt“, helfen dem Kind, seinen eigenen Zustand zu verstehen. Als nächstes sollte das Kind Trost erfahren. Dies kann durch einen Blick, eine Geste, eine Umarmung oder je nachdem, was das Kind in dem Moment zulässt, geschehen. Auch Sätze wie, „das ist jetzt richtig blöd“ oder „du willst das unbedingt/absolut nicht“ oder „das tut dir jetzt weh“ sind hilfreich.

Und dann ist Geduld gefragt und das Aushalten der emotionalen Reaktion des Kindes. Vielleicht weint und schreit es länger, versteckt sich oder schlägt um sich. Was wir tun können, ist dabei bleiben und einfach den Raum geben, dass die Emotion erlebt und auch wieder abebben kann.

Erst wenn sich das Kind auf diese Weise ein wenig beruhigen kann, können wir in einen „vernünftigen“ Dialog mit dem Kind gehen, d.h. den Verstand und die kognitiven Fähigkeiten des Gehirns bedienen. Wir können mit einfachen, klaren und kurzen Begründungen arbeiten.

Lange Erklärungen überfordern das Kind. Wir sind die Verantwortlichen in der Situation und dürfen Grenzen setzen. So etwas wie „ich möchte nicht, dass du so viel Süßes isst“ oder „es ist mir wichtig, dass du draußen nicht frierst“ sind manchmal völlig ausreichend.

Älteren Kinder kann man natürlich die Zusammenhänge erklären. Doch oft erlebe ich, dass Kindern gegenüber viel zu komplex argumentiert wird, was zu langen Diskussionen oder einem innerlichen Abschalten beim Kind führt.

Strafe anzudrohen, wegzugehen, das Kind wegzuschicken oder Deals anzubieten, sind leider immer noch gängige Wege. Dadurch „funktinoiert“ das Kind vielleicht kurzfristig, lernt aber nicht, mit Gefühlen umzugehen. Mit Beschämung, Angst, Liebesentzug und Ersatzbefriedigungen/Ablenkungen würden wir auf Dauer die Beziehung zum Kind schädigen.

Eltern sollten einen angemessenen Umgang mit ihren eigenen Emotionen finden

Wenn wir dies nun wissen und umzusetzen versuchen, stehen wir uns meist selbst im Wege, weil wir vielleicht im Stress sind, in Eile oder überfordert, krank oder müde, unsicher oder ängstlich. Nicht selten bringt uns der Wutausbruch des Kindes einfach auf die Palme und wir werden auch wütend.

In diesem Moment sind wir den Kindern natürlich nicht die Hilfe, die sie bräuchten. Daher ist es vor allem wichtig, dass wir selbst einen angemessenen Umgang mit unseren Emotionen finden. Wir können uns fragen: Wie gehen wir selbst mit Gefühlen der Wut um? Agieren wir die Wut aus und schreien herum? Oder versuchen wir, Wut zu unterdrücken, weil wir glauben, sie ist nicht angemessen? Geben wir uns selbst in Momenten der Wut Raum, diese auch zu erleben? Begegnen wir uns selbst streng oder nachsichtig, wissen wir selbst was uns bei Wut hilft und was wir dann brauchen?

Dies alles sind Fragen, denen wir als Eltern auf den Grund gehen können, um dann achtsam zu erforschen, wie wir selbst funktionieren, wie wir uns selbst regulieren. Wir wollen immer so gern alles intuitiv schaffen und lösen, wollen authentisch und klar sein. Doch solange wir uns nicht über unsere eigenen Bedürfnisse, Beweggründe, Muster und Gewohnheiten bewusst sind, können wir diese Authentizität gar nicht liefern.

Die Übung der Achtsamkeit greift genau hier. Sie macht uns bewusst, was wir denken, was wir fühlen und was wir tun. Das ist nicht immer angenehm, aber es ist der einzige Weg, Muster loszulassen, die uns und unseren Kindern nicht hilfreich sind.

Sobald ich in einem Moment der aufkommenden Wut oder Genervtheit, Angst oder Unsicherheit innehalte und nicht sofort reagiere, schaffe ich einen Raum. Einen Raum um zu spüren, zu reflektieren, durchzuatmen, zu entspannen. Nehme ich mir hier meine Zeit um bei mir zu sein, habe ich wieder die Freiheit, die Dinge neu zu betrachten, andere Wege und Möglichkeiten zu entdecken – um dann ganz beim Kind zu sein.

Sich dem Leben öffnen

Kinder suchen immer den Menschen in dir, den authentischen Menschen. Und sie probieren alles aus, um diesen Menschen in dir zum Vorschein zu bringen. Wenn ich aber nicht bei mir bin, sondern in einem Automatismus gefangen bin, dann sehen und fühlen sie nur etwas Diffuses.

Deshalb greifen oft auch die auferlegten Regeln und Verbote nicht, weil sie genauso diffus sind und nicht der Situation angemessen. Das Leben ist chaotisch und unkontrollierbar, wir jedoch planen und terminieren, machen Regeln und setzen Grenzen. Und das Leben passiert einfach, ohne auf unsere Pläne Rücksicht zu nehmen.

Wenn ich ganz bei mir bin und mich dem Leben in seiner Unkontrollierbarkeit hingebe – inklusive meiner eigenen nicht kontrollierbaren (wohl aber regulierbaren) Gefühle – dann werde ich mir mit der Zeit meiner eigenen Fähigkeiten bewusst, meiner Stärke, meiner Geduld, meiner Liebe und meiner Gelassenheit.

An der Wurzel der Wut liegt ein Bedürfnis

Wut ist ein Gefühl, das kommt und geht. Seine Ursache ist immer ein Bedürfnis – nach Ruhe, nach Aufmerksamkeit, Gerechtigkeit, Respekt usw. Auf dem Weg der Selbstreflexion kommen wir unseren Kindern näher und erkennen ihre wirklichen Bedürfnisse – die vielleicht ganz andere sind als unsere, weil sie andere Menschen sind.

Neulich erzählte mir eine Mutter, dass ihre zweijährigen Tochter beim Abholen aus der Kita oft wütend ist, plötzlich andere Kinder haut und herumschreit. Die Erzieherin sagt, sie müsse klarere Grenzen setzen und zeigen, dass das nicht geht. Doch das sieht die Mutter anders. Im Gespräch mit einer anderen Erzieherin findet sie die Erklärung:

Die Tochter hatte sich den ganzen Tag in der Kita angestrengt, um die vielen Regel zu befolgen und zu „funktionieren“. Sobald die Mutter da war, durfte sie endlich wieder „sie selbst“ sein. Doch die Mutter begrüßt beim Ankommen nicht nur sie, sondern auch all die anderen Kinder, die immer sofort angerannt kommen, und sie will auch kurz mit den Erzieherinnen über den Tag sprechen. Das verkraftet die Tochter nicht, denn sie braucht die Mutter jetzt ganz für sich allein.

Die Wut und das damit verbundene Verhalten hat also nichts damit zu tun, dass das Kind seine Grenzen nicht kennt – ganz im Gegenteil. Es ist Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses nach Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit, nach dem Mamagefühl, von dem es stundenlang getrennt war. In den Stunden war das Kind mit vielerlei Grenzen konfrontiert, Regeln in der Gemeinschaft usw., die es wunderbar akzeptiert hat. Das Schlagen und Herumschreien ist jetzt die Art, seinem inneren Zustand Ausdruck zu verleihen. Mutter und Tochter haben nun ein Ritual gefunden, das die Bedürfnisse aller berücksichtigt und es läuft plötzlich sehr friedlich und harmonisch ab.

Für all diese kleinen und großen Probleme im Leben mit Kindern gibt es nicht die eine Lösung, sondern man muss immer individuell und situationsbezogen schauen, was eigentlich los ist und wie man damit umgehen kann.

Du machst einen guten Job

Last but noch least bleibt Eltern zu sagen: Du machst deinen Job super. Du bist so oft so geduldig, so liebevoll, so mitfühlend und fürsorglich mit deinem Kind. Erinnere dich öfter daran, was du alles schaffst, was du alles richtig machst, wie viel Glück und Lebendigkeit du erlebst und dafür sorgst, dass es dein Kind erleben kann.

Sei bewusst, aber weniger streng mit dir. Sei aufmerksam bei dem, was du tust, aber kritisiere dich selbst nicht ständig. Das tun leider viele und völlig zu unrecht. Wir leisten als Eltern Enormes und das oft ohne Vorbereitung, ohne die perfekte eigene Kindheit, ohne genug Geld oder unterstützende Familie im Hintergrund.

Wir haben nicht das ganze Dorf, das man eigentlich zur Begleitung eines Kindes bräuchte. Wir haben oft kein Haus mit Garten oder die Zeit und Energie all das zu tun, was wir eigentlich wollen. Wir stecken viel zurück und geben so viel Liebe.

Fokussiere öfter auf das, was funktioniert, was du kannst, was du Gutes in deinem Leben und deiner Beziehung zum Kind hast. Dankbarkeit und Güte, Gnade und Freude können dein Herz erfüllen und du kannst immer wieder Kraft daraus schöpfen.

Ist dein Kind wütend, dann ist das ok. Gib ihm und dir den Raum das zu erleben und begleite es einfach. Sei da, tu weniger und sei einfach präsent – und das Leben wird dir zeigen, dass du dir selbst vertrauen kannst.

Foto privat

Sarina Hassine, *1977 in Kiel. Unterrichtet seit acht Jahren Achtsamkeit und Meditation für Erwachsene und Kinder, leitet Weiterbildungen für Pädagogen (AiSchu), begleitet Schulen, Eltern und Familien. Sie ist Redakteurin beim AVE-Institut, das Achtsamkeit und Beziehungskompetenz in der Pädagogig fördert. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

www.achtsamkeit-mit-kindern-berlin.de