Foto: Die Auslöser, Berlin
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„Weltacker“ nahe Berlin – für einen Menschen 2.000 m²

Mehr Gerechtigkeit in der Ernährung

Teilt man die Ackerfläche der Erde durch die Zahl ihrer Bewohner, ergibt das etwa 2000 m². In der Nähe von Berlin zeigt ein Acker, was man auf dieser Fläche für einen Menschen alles anbauen kann. Doch die Europäer verbrauchen noch mehr. Wie könnte eine gerechte Ernährung aussehen?

In Berlin-Gatow hat die Zukunftsstiftung Landwirtschaft einen 2.000 Quadratmeter großen Weltacker als Öko-Allmende angelegt. Er demonstriert, was wir so im Jahr alles vertilgen.

Was sind wir für eine verfressene Menschheit! Wer einen sinnlichen Eindruck davon bekommen will, welche Unmengen Lebensmittel und pflanzliche Stoffe wir im Alltag verbrauchen, sollte nach Berlin-Gatow fahren. In diesem westlichen Außenbezirk der Hauptstadt hat die Zukunftsstiftung Landwirtschaft mit Unterstützung eines Biolandwirts und urbaner Gärtnerinnen im Frühjahr 2014 einen 2.000 Quadratmeter großen Weltacker angelegt.

So viel nämlich verbraucht im globalen Durchschnitt ein Mensch pro Jahr, wenn man die weltweit verfügbare Ackerfläche von 1,4 Milliarden Hektar unter sieben Milliarden Erdlingen aufteilt. Auf dem größten Teil wird Weizen, Mais, Raps und Reis angebaut, keineswegs nur zur Ernährung, sondern auch für Viehfutter, Energiegewinnung und Agrosprit.

Die Europäer verbrauchen mehr

Wir im reichen Norden verkonsumieren indirekt das Land des armen Südens und kommen im Schnitt auf etwa 2.700 Quadratmeter pro Person; in südlichen Ländern sind es ungefähr 1.700. Ein Berliner Familienvater, der beim Umgraben mithalf, zeigte sich deutlich beeindruckt, wie anschaulich und spielerisch hier „die tiefere Bedeutung globaler Ernährungsgerechtigkeit erfahrbar gemacht wird“. Hier werde „neuer Umgang mit dem Stadtumland eingeübt, der uns zu mehr Ernährungssouveränität gelangen lässt.“

Die Auslöser, Berlin

Urbane Gärtner helfen mit. Foto: Die Auslöser, Berlin

Was er zusammen mit anderen urbanen Gärtnerinnen Ende März auf dem Weltacker säte und pflanzte, wuchs einschließlich Beikraut so gut, dass Christian Heymann vom benachbarten Solidarischen-Landwirtschafts-Projekt SpeiseGut nicht mehr nachkam mit der Arbeit. Er hatte sich bereit erklärt, sich neben der SpeiseGut-Fläche zusätzlich um diese zu kümmern.

Doch der Öko-Acker ist gleichzeitig als Allmende angelegt und wird von ein paar Dutzend Engagierten im Wechsel gemeinschaftlich ehrenamtlich betreut. Im Sommer hieß die Parole dann: Unkraut jäten! Eine fast verschollene Linsensorte von der Schwäbischen Alb sollte sich eigentlich am gleichzeitig gesäten Hafer hochranken, doch vor lauter Beifuß und Brennnesseln fand sie dessen Halme kaum mehr. Also raus damit.

Denn die Linsen sind ein kostbares Gut. Weil globale Agro-Oligarchen wie Monsanto, Syngenta und Dupont die Artenvielfalt zugunsten weniger gewinnbringender Sorten gefährlich reduzieren, verschwinden immer mehr alte Arten. Die Linse war selbst auf der Schwäbischen Alb nicht mehr zu bekommen.

Saatgutaktivist Benny Härlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, der das Projekt mit angeschoben hat, berichtete beim gemeinschaftlichen Aussäen von einer aufwendigen Linsen-Rettung: Überall auf der Welt habe der schwäbische Linsenkönig Woldemar Mammel nach dieser seltenen Sorte gesucht. „Vergeblich! Bis sie sich im berühmten Vavilow-Institut in St. Petersburg doch noch fand.“ Die weltweit bedeutendste Linsensammlung im syrischen Aleppo aber liegt seit zwei Jahren in Schutt und Asche.

Ein Acker, der Geschichten erzählt

Der Weltacker, der bewusst in der Nähe einer Umweltbildungsstätte angelegt wurde, erzählt unter anderem auf den aufgestellten Infotafeln noch viel mehr solcher Geschichten – keineswegs alle mit gutem Ausgang. Etwa die, dass wir westlichen Fleischfresser die Urwälder Lateinamerikas aufessen. Knapp die Hälfte der weltweiten Getreideernte geht für die Fleischproduktion drauf, umgerechnet auf einen EU-Menschen sind es rund 700 Quadratmeter zumeist genmanipuliertes Soja. Es wird auf gerodeten Regenwaldflächen angebaut und hiesigen armen Schweinen und Kühen als Futtermittel vorgesetzt, die dann unsere Wohlstandsbäuche formen und Zivilisationskrankheiten befördern. Der Gatower Weltacker, der sich länglich bis zum Havelufer ausdehnt, könnte gerade mal zwei Schweine ernähren.

Foto: Die Auslöser, Berlin

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Aber es gibt auch Positives zu berichten. Etwa, dass eine vegetarisch lebende Person viel weniger Fläche pro Jahr verbraucht, nur etwa 650 Quadratmeter. Mit Permakultur und Bioanbau ließe sich das noch stärker reduzieren.

Ökointensivkulturen in Asien benötigen kaum mehr als 100 Quadratmeter, und in den einstigen hochproduktiven Schwimmenden Gärten der Azteken in Mexiko waren es nur geschätzte 70 Quadratmeter pro Erdenmenschlein.

Auf dem Acker schießen aber nicht nur Kraut und Rüben hoch, sondern auch die Fantasie. Wie wäre es, wenn neue Umweltgesetze uns in Deutschland dazu bringen würden, mit der eigenen Landfläche auszukommen, ohne fremder Länder Ressourcen zu plündern und in Tierfutter oder Agrodiesel zu verwandeln? Es wäre doch nur gerecht. Und was tränken wir dann jeden Morgen? Zichorienkaffee?

Ute Scheub

Die Geschichte stellte uns die Stiftung „Futurzwei“ zur Verfügung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Geschichten des Gelingens zu sammeln und zu veröffentlichen.

www.2000m2.eu

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