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Wenn Angst die Welt regiert

Ein Plädoyer für Besonnenheit

Nicht erst seit dem Selbstmordattentat von Manchester ist die Angst zu einem bedrohlichen Grundgefühl unserer Zeit geworden. Für die Autorin Christa Spannbauer entsteht Zuversicht, wenn wir bewusst mit unserer Angst umgehen.

 

 

 

Wir können Terroranschläge nicht verhindern. Wir können einen Despoten wie Kim Jong-un nicht davon abhalten, Atomraketen zu testen. Und nein, wir können auch nicht verhindern, dass ein unberechenbarer amerikanischer Präsident im Gegenzug mit einem nuklearen Angriff droht.

Was jeder einzelne jedoch tun kann, ist, in seinem unmittelbaren Umfeld den Frieden zu stärken und sich gesellschaftspolitisch für den Frieden zu engagieren. In einer global vernetzten Welt hat jede deeskalierende Handlung im Kleinen Auswirkungen auf das Ganze.

In einer Zeit, in der uns im Internet oder Fernsehen täglich beunruhigende Nachrichten aus aller Welt ereilen, verbreitet sich das Phänomen Angst wie ein Virus. Das sowieso schon brüchige Vertrauen in die Machthaber dieser Welt hat mit dem Aufstieg unberechenbarer Männer wie Trump, Putin und Erdogan noch eine weitere Erschütterung erfahren.

Rechtspopulisten auf dem Vormarsch

Auch in Deutschland und unseren europäischen Nachbarländern sind gefährliche Rechtspopulisten auf dem Vormarsch. Jede Wahl der vergangenen Monate geriet so zu einer Zitterprobe für die Demokratie.   Diese politischen Entwicklungen bieten nicht nur Anlass für berechtigte Sorgen um den Zustand der Welt. Sie bereiten auch einen perfekten Nährboden für Angstattacken und Katastrophenphantasien.

Wie äußern sich Psychologen, Philosophen, Zukunftsforscher und Soziologen zum aktuellen Zustand der Welt? Nicht von ungefähr warnt etwa der Soziologe Harald Welzer vor einer „Hysterisierung der Angst“ und mahnt zur Besonnenheit. Sein Kollege, der Soziologe Heinz Bude, geht davon aus, dass Angst zu einer zentralen gesellschaftlichen Kraft geworden ist, die uns wie ein „beständiges Rauschen im Hintergrund“ begleitet.

Welche Möglichkeiten existieren de facto, wirksam mit dem Phänomen Angst umzugehen, ohne von ihr überwältigt oder gelähmt zu werden? Birgt die Angst vielleicht sogar Chancen zur Entwicklung, wie die Psychologin Verena Kast glaubt?

Weibliches Fürsorgesystem aktivieren 

Zunächst zu den positiven Seiten: Angst gehört zur emotionalen Grundausstattung des Menschen. Sie ist nicht nur ein natürliches, sondern auch ein lebenswichtiges Gefühl. Sie hält uns davon ab, uns in gefährliche Situationen zu begeben, die wir nicht bewältigen können. Sie versorgt uns mit der nötigten Energie, um diese gefühlten Bedrohungen zu bewältigen. Hierfür stellt die Evolution drei impulsive Reaktionen zur Verfügung, die wir auch in der Tierwelt beobachten können: Angriff, Flucht oder Erstarrung.

Für uns Menschen wurden im Laufe der Zivilisation die Bedrohungen durch die Natur zwar geringer. Zugleich sehen wir uns in der globalisierten Welt jedoch mit ganz neuen Gefahren konfrontiert, die unser Überleben bedrohen: Klimakatastrophe, nukleares Wettrüsten oder internationale Terrordrohungen.

Unser inneres Alarmsystem läuft wie das unserer Steinzeitkollegen als Reaktion auf diese Bedrohungen zwar immer noch hoch:  Der Körper schüttet die Stresshormone Adrenalin und Kortisol aus, der Herzschlag beschleunigt sich, der Blutdruck steigt. Doch die evolutionär bedingte Stressreaktion läuft heute immer öfter ins Leere, weil wir weder fliehen noch kämpfen können und keinen Ausweg oder Schutz finden.

Häufig genug sitzen wir dann in der Grübelfalle fest. Kein Wunder also, dass Angststörungen zu den häufigsten psychischen Leiden der Gegenwart gehören.

Neuere Forschungen belegen auch, dass die Evolution uns neben der bekannten „Fight and Flight“-Reaktion noch eine weitere Handlungsoption auf Bedrohungen zur Verfügung stellt: die „Tend and befriend-Reaktion“. Diese aktiviert unser Fürsorgesystem zum Schutz von Nachkommen und schwächeren Artgenossen (tend= sich kümmern) durch Schaffung eines sozialen Netzwerkes (befriend= sich anfreunden).

Diese Reaktion der Fürsorge setzt auf Verbundenheit und stärkt den Zusammenhalt. Ein Verhalten, das vor allem bei weiblichen Säugetieren in Bedrohungssituationen zu beobachten ist und dass wir Menschen jederzeit kultivieren können, um die Angst zu bändigen und die Solidarität untereinander zu stärken. 

Mit Mut gegen die Angst 

Angstgefühle setzen meist dann ein, wenn etwas, das uns wichtig und wertvoll ist, bedroht ist. Etwa das eigene Leben oder das der Menschen, die wir lieben. Die Angst macht uns also nicht nur bewusst, was uns wichtig ist. Sie vermag uns auch die Kraft zu verleihen, uns für dessen Erhalt einzusetzen.

Nicht zuletzt deshalb forderte der Philosoph Karl Jaspers den „Mut zur Angst“ ein. Worum es also geht, ist die mobilisierende Kraft der Angst zu entdecken und zu nutzen. Ihr nicht ausweichen, sie nicht leugnen, verdrängen oder betäuben. Sich ihr stellen, und sie beim Namen nennen und sie somit bannen. Dann nämlich können wir ihr energetisches Potenzial für Veränderung und Wachstum nutzen.

Die Schweizer Psychologin Verena Kast schreibt in ihrem Buch Die Chance der Angst: „Würden wir uns der Angst mehr stellen, dann bekämen wir mehr Zugang zu dem, was geändert werden muss, aber auch zu dem, was uns Halt gibt. Damit würden wir echter werden, mehr mit unseren Gefühlen verbunden, damit würden auch unsere mitmenschlichen Beziehungen wieder echter und damit lebendiger.“

Was uns noch unterstützen kann? Etwas mehr Zuversicht, Gelassenheit und eine gesunde Portion Humor. Gilt doch der Humor als wirksamstes Mittel, um mit den unberechenbaren Schrecken des Lebens besser umzugehen. „Die Trotzmacht des Geistes“ nannte der Psychoanalytiker und Shoah-Überlebende Viktor Frankl diesen aus der ausweglosen Verzweiflung geborenen Humor. So antwortete der für seine Angstneurosen bekannte Woody Allen auf seine Einstellung zum Tod befragt mit dem herrlichen Bonmot: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich will nur nicht dabei sein, wenn es geschieht.“

Geworfen sein in eine ungewisse Welt

Die Angst fordert genau das ein, was uns Menschen so schwer fällt: Die existenzielle Unsicherheit des Lebens zu akzeptieren. Zu erkennen, dass wir unser Schicksal nicht in den eigenen Händen halten. Nichts aber jagt uns mehr Furcht ein als das, was sich unserer Kontrolle entzieht. Psychoanalytiker vermuten daher, dass hinter jeder Angst letztlich die Angst vor dem Tod zu finden ist, dem wir alle ausgeliefert sind.

Der Philosoph Sören Kirkegaard hatte in seinem Grundlagenwerk „Der Begriff Angst“ aus dem 19. Jahrhundert noch einen Ausweg aus dieser existenziellen Angst durch den „Sprung in den Glauben“ erblickt. Doch für die Existenzphilosophen des 20. Jahrhunderts war dies bereits keine Option mehr. Nach zwei vernichtenden Weltkriegen erfährt sich der moderne Mensch zunehmend in eine absurde Welt geworfen.

Als Folge erklärte Martin Heidegger die Angst zur Grundbefindlichkeit des modernen Menschen. Die Erfahrung des „Geworfen-Seins“ in eine ungewisse Welt lässt ihn das eigene Dasein als ein „Sein zum Tode“ begreifen.

Auch Albert Camus war davon überzeugt, dass die Angst den Menschen zu seinem „eigentlichen Sein“ führen will. Anders als der dunkle Philosoph Heidegger erblickte Camus jedoch in der Erfahrung des Ausgesetzt-seins in eine unberechenbare Welt die Basis für menschliche Wärme, Solidarität, Freundschaft und Liebe.

Gestalten und gemeinsam handeln 

Worum es also geht, ist, zu einem verantwortlichen Umgang mit der Angst zu finden. „Den Reifegrad einer Gesellschaft kann man daran messen, wie vernünftig sie mit Angst umgehen kann. Das ist der Kern von Zivilisation“, erklärt der Zukunftsforscher Matthias Horx zu Recht.

Um zu einem vernünftigen Umgang mit der Angst zu finden ist es für den Psychologen Gert Gigerenzer vom Max-Planck-Institut unabdingbar, das 1 x 1 der Skepsis zu erlernen. Sich nicht durch die neuesten Schlagzeilen ständig in Alarmmodus versetzen und verunsichern zu lassen. Sich vielmehr die Zeit nehmen und sich umfassend informieren. Und dadurch zwischen Scheinrisiken und tatsächlichen Bedrohungen unterscheiden lernen.

Ist die Gefahr realistisch, gilt es zu handeln. Denn sobald wir handeln, sind wir der Angst nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert. Ein reifer Umgang mit der Angst besteht darin, abzuwägen und anschließend zu tun, was zu tun ist. Gestalten und gemeinsam handeln. Sich auf den Weg machen und etwas verändern. Je mehr Menschen friedvoll miteinander umgehen, desto friedlicher wird die Welt.

Es liegt also tatsächlich an jedem einzelnen von uns, die Angst zu bändigen und das Vertrauen zu stärken. Worum es letztlich geht, schrieb  uns der Philosoph Ernst Bloch während des 2. Weltkriegs ins Stammbuch: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen.“ 

Christa Spannbauer

 

christa-spannbauer_teamChrista Spannbauer  ist studierte Literaturwissenschaftlerin und lebt als Autorin und Referentin in Berlin. In ihren Publikationen und Vorträgen beschäftigt sie sich u.a. mit der Frage, wie wir das gesellschaftliche Miteinander und die Verbundenheit stärken können. Gemeinsam mit dem Hirnforscher Gerald Hüther hat sie das Buch Connectedness – Warum wir ein neues Weltbild brauchen verfasst.
Mehr: www.christa-spannbauer.de

 

 

 

 

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