Uta Frahm
Uta Frahm

„Es geht auch anders!“

Bericht über die ersten Ethik-Dialoge

In der Reihe „Ethik-Dialoge“, veranstaltet vom Netzwerk Ethik heute, kamen am 5. April 2014 rund 30 Personen aus Unternehmen, Behörden und Freiberufler aus verschiedenen Sparten zusammen, um sich über Menschlichkeit in Unternehmen auszutauschen.

„Irgendetwas stimmt in unserer Kultur nicht“

Das Veranstaltungsformat besteht aus Impulsvorträgen, die sich mit Dialogrunden abwechseln, professionell moderiert von Uta Frahm. Der Vormittag war dem Thema Weltbilder gewidmet, denn unser Handeln, auch das berufliche, ist stark von unserer Kultur und unseren Werten geprägt.

ZEIT-Redakteur Ulrich Schnabel skizzierte in seinem Impulsvortrag einige Aspekte des westlichen Weltbilds. Wir leben in einer Zeit des materiellen Reichtuns, wir haben Zugang zu Gesundheit und Bildung, wir genießen Menschenrechte. Und trotzdem quäle uns das Gefühl: „Irgendetwas stimmt nicht.“

Da sind innere Unruhe, Hetze, Druck. Es gebe keine vorgegebene Ordnung mehr, es fehle an Orientierung, diagnostiziert der Wissenschaftsredakteur. Wir lebten in einem Zeitalter der Beschleunigung – auf allen Ebenen, bis hin zu Beziehungen und Freizeitgestaltung. Und weil alle mitmachen, sei es für den Einzelnen schwierig auszuscheren.

Schnabel nannte einen weiteren Stressfaktor: die Opportunitätskosten. Diese rühren daher, dass wir heute eine unendliche Zahl von Möglichkeiten haben. Wenn ich mich für eine Sache entscheide, z.B. in Ruhe ein Buch zu lesen, muss ich mich gegen unzählige andere Dinge entscheiden, z.B. mit den Kindern zu spielen, Musik zu hören, zu telefonieren. Das sei ein permanenter Stress. Er zitierte Steve Jobs: „Sich zu konzentrieren bedeutet nicht, Ja zu sagen, sondern Nein zu sagen.“

In den anschließenden Dialogrunden im kleinen Kreis diskutierten die Teilnehmer darüber, was dieses Weltbild mit ihnen in ihrem Berufsalltag macht: Wo sind meine Spielräume? Welche Gestaltungsmöglichkeiten habe ich als Führungskraft eigentlich? Wie kann ich den Glaubenssatz in mir auflösen: „Das geht gar nicht“ und erste Schritte dahin machen zu sagen: „Es geht doch, und es geht anders“.

Buddhismus: „Der Mensch steht im Mittelpunkt“

Im zweiten Impulsvortrag führte Christof Spitz, Dolmetscher des Dalai Lama, in das buddhistische Weltbild ein. Hier steht der Mensch im Mittelpunkt und die Frage nach Glück und Leiden. Wie erreiche ich Zufriedenhei und mehr innere Freiheit?

Der Buddhismus schaue aus der Innenperspektive auf die Welt, so Spitz. Im Zentrum allerdings stünde eine falsche Vorstellung davon, wie wir als Menschen existierten, eine falsche Vorstellung vom Ich, das wir für getrennt von anderen hielten.

Aus dieser Täuschung entstünden verblendete Emotionen wie Gier, Neid, Hass. Dabei bliebe es aber nicht, denn angetrieben von diesen Emotionen handelten wir ununterbrochen in der Außenwelt. Dadurch erleben wir wieder Leiden, wodurch sich die Vorstellung eines festen Ich noch verstärkt. Spitz beschrieb dies als „buddhistsiches Hamsterrad“.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Denn es handle sich um ein dynamisches System, und wir könnten dieses selbst verändern, z.B. indem wir die Verblendung durchschauten, mit unseren Emotionen arbeiteten und im äußeren Handeln mehr Vorsicht walten ließen. „Unsere innere Verfassung entscheidet, wie wir die Welt wahrnehmen und was wir erleben“, so Spitz.

Mit Hilfe von Achtsamkeit und Einsichtsmeditation könnten wir die Dinge mehr aus einer Gesamtperspektive betrachten. Die Meditation helfe uns, zu uns selbst zu kommen und Freiräume zu schaffen. Denn es gebe Selbstheilungskräfte nicht nur des Körpers, sondern auch des menschlichen Geistes .

In der folgenden Dialogrunde beschäftigen sich die Teilnehmer mit der Frage, wie ihre eigene Wahrnehmung von der Welt ihr Leben beeinflusst. Ist es möglich, durch eine veränderte Wahrnehmung Einfluss auf Abläufe zu nehmen? Ein Teilnehmer stellt die Tendenz fest, sich als Opfer der Verhältnisse zu sehen. „Aber ist das wirklich wahr? Haben Führungskräfte nicht viel mehr Möglichkeiten, als sie selbst denken?“

Die Impulse aus dem Buddhismus und die Ermunterungen der Moderatorin brachten einiges in Bewegung. Die Gespräche drehten sich darum, ob ein Einzelner durch eine andere innere Haltung auch im Außen etwas Positives bewirken kann.

An einem Punkt entzündete sich eine lebhafte Debatte: Die Betonung auf den inneren Weg könne dazu führen, dass die Verantwortung auf den Einzelnen abgeschoben werde. Dabei sei es dringend notwenig, auch an den äußeren Verhältnissen etwas zu ändern und Missständen und Fehlentwicklungen im Unternehmen entgegenzuwirken.

„Wer andere führen will, muss sich selbst führen lernen“

Der Nachmittag war dem Thema gewidmet, wie ethische Werte konkret in Unternehmen gelebt werden können. Meditationslehrerin Nicole Stern berichtete, wie sie in High-Risk-Unternehmen Führungskräfte in Achtsamkeit trainiert. Burn-out-Fälle und Krankheiten im Führungsstab hatten dazu geführt, einen anderen Weg einzuschlagen und den Rat der Beraterin in Anspruch zu nehmen, die viel Zeit in Klöster meditiert hat.

Stern hat ein eigenes Trainingsprogramm entwickelt, das mit dem Vokabular der Wirtschaft arbeitet und eng an die Bedürfnisse der Führungskräfte angelehnt ist. Im ersten Teil des Programms lehrt sie, die Selbstwahrnehmung zu stärken, etwa durch Achtsamkeitsübungen wie bewusstes Atmen und bewusste Körperwahrnehmung.

Der zweite Schritt beinhaltet die Selbstführung, denn, so Stern: „Wer andere führen will, muss zuerst sich selbst führen lernen.“ Hierzu entwickelte sie Übungen zur Emotionskontrolle und zur Entwicklung positiver Emotionen. Der dritte Bereich heißt Kompetenzerweiterung. Manager lernten Kompetenzen wie Entscheidungsfähigkeit, wohlwollende Kommunikation, Empathie, Geduld im Umgang mit Schwierigkeiten.

Ihr Impulsvortrag beflügelte die Runde, und es entspann sich ein reges Gespräch darüber, wie wir im Berufsalltag achtsam mit uns selbst umgehen und anderen mehr Respekt und Freundlichkeit entgegenbringen können. Immer wieder tauchte das Wort Wertschätzung auf. Alle sehnen sich danach, aber in Firmen werde es nicht gelebt. Man wertschätze weder sich selbst und seine eigene Arbeit und auch nicht die anderen und ihre Leistungen.

Ein Teilnehmer meinte, dass Potenziale dafür vor allem in mittelständischen Unternehmen lägen. In großen Konzernen werden zu sehr auf kurzfristigen Profit geschielt, und die Systeme seien träge und schwer umzustellen.

„Ohne Ethik keine Spitzenleistungen“

Wie es in einem mittelständischen Unternehmen gehen kann, Menschlichkeit zu leben, zeigte der Unternehmer Holger Wolff, der zusammen mit seinem Partner Maiborn das Unternehmen MaibornWolff gegründet hatte. Die Firma, schon mehrmals als „Great place to work“ ausgezeichnet, hat 130 Mitarbeiter und verzeichnet ein Wachstum von 25 bis 30 Prozent pro Jahr.

Bei MaibornWolff würde ein offener Umgang gepflegt und es gebe viele Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und Mitbestimmung. Zum Beispiel haben die Führungskräften vier Mal im Jahr einen „Denktag“, an dem sie frei von Pflichten sind und Zeit für Muße haben.

Fürsorge für andere, Anerkennung und Wertschätzung würden groß geschrieben. Führungskräfte hätten stets ein offenes Ohr für ihre Mitarbeiter. Die Werte würden sozusagen top-down vermittelt, positive Veränderungen fingen immer auf der oberen Management-Ebene an.

Wie geht die Firma mit Krisen um? „Krisen gehören dazu“, so der Unternehmer. Manchmal müsse man Leute entlassen, aber es ist die Frage „wie“. Ganz wichtig sei es, fair und großzügig zu sein und seine Werte nicht über Bord zu werfen, wenn es hart auf hart komme. „Spitzenleistungen und dauerhafter Erfolg sind ohne Ethik nicht möglich“, fasste Holger Wolff seine Unternehmenssphilosophie zusammen.

Am Ende des Tages gab es viel positives feed back. Die Teilnehmer fühlten sich von den Impulsvorträgen inspiriert und genossen es, sich in kleineren Kreisen miteinander auszutauschen über das, was sie bewegt und beruflich beschäftigt. Es gab den Wunsch, diese Ethik-Dialoge für Führungskräfte fortzusetzen. Das Thema werden die Teilnehmer selbst bestimmen – so sieht es dieses Format vor.

Birgit Stratmann

Haben Sie Interesse an einem Austauch?

Wenn auch Sie neugierig sind und Interesse an einem Austausch über diese Themenstellungen haben, schreiben Sie bitte eine E-Mail an Beate Ludwig. Sie wird die Interessenten miteinander vernetzen: beate.ludwig@ethik-heute.org

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Ein Gedanke zu „„Es geht auch anders!“

  1. Ja, Ethik ist der Schlüssel.

    Auf den ersten, oberflächlichen Blick, dienen ethische Richtlinien dem Zusammenleben.
    Auch das Bürgerliche Gesetzbuch, ist nur eine Ansammlung ethischer Verhaltensregeln. Mache keine falschen Zeugenaussagen, respektiere fremdes Eigentum, übe keine Gewalt aus.

    Der zweite, der geistige Blick, zeigt uns die Wirkung gelebter Ethik.
    Durch die Entfaltung positiver Charakterzüge und die Reduzierung negativer Eigenschaften, verändert sich der Charakter und die Persönlichkeit eines Menschen. Beginnt er damit, sein Leben tugendhaft umzugestalten, verändert sich gleichzeitig seine Aura; sie klärt sich auf und strahlt.

    Sobald ihre Leuchtkraft ein gewisses Maß erreicht, erlangt der sich selbst veredelnde Mensch, eine entscheidende Entwicklungsstufe: Nun kann er Wahres vom Falschen unterscheiden. Gelebte Ethik ermöglicht es ihm, seine Unterscheidungskraft zu entwickeln, mit deren Hilfe er nun die Welt zu lesen lernt. Er beginnt zu verstehen und gewinnt Erkenntnisse ungeahnter Fülle. Sein Höheres Selbst beginnt nun, in ihm zu wirken und er entfaltet sich rascher zur Vollkommenheit.

    Ethik beschleunigt die Entwicklung und erleichter allen Menschen ihren Weg.

    Wer aber lehrt uns Ethik?

    Alle wahren Religionen lehren sie uns, zu allen Zeiten. Durch ihre Regeln, Vorschriften und Richtlinien.
    Du sollst keine Unwahrheit verbreiten, sollst nicht gewalttätig sein, sollst fremdes Eigentum respektieren.

    Ethik ist der Schlüssel.

    Indem wir uns eimal täglich, in meditativer Stille, auf einen edlen, ethisch reinen Charakterzug konzentrieren, entwickelt er sich in uns rascher. Wir beginnen zu strahlen und erhellen uns und anderen den Weg.

    Meditiere täglich abwechselnd über die,
    im silbernen Licht strahlende Herzensgüte,
    rosa Nächstenliebe,
    orange Harmonie,
    zitringelbe Weisheit,
    zartgrünen inneren Frieden,
    hellblaue Andachtstille gegenüber dem Höchsten,
    violette Dankbarkeit,
    und das rotlila Einheitsbewusstsein aller Dinge.

    Jeder Mensch, kann seine eigene Entfaltung durch Wissen, Disziplin und Reinheit von Körper, Seele und Geist selbst beschleunigen, sobald er den Schlüssel der Ethik in Händen hält.

    Dies ist der Weg, zum Weg.

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