Stoatphoto/ shutterstock.com
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Wider McMindfulness

Verband setzt Qualitätsstandards für MBSR-Achtsamkeitslehrer 

Achtsamkeit wird zunehmend kommerzialisiert. Dem großen Markt von selbsternannten Achtsamkeitslehrern setzte der MBSR-MBCT-Verband auf einer Fachtagung jetzt Professionalisierung und Qualitätssicherung entgegen. Als Support für qualifizierte Lehrer beschloss der Dachverband neue Leitlinien für Qualitätsmanagement und stärkte das Berufsbild.

 

Der Zukunftsforscher Matthias Horx sieht Achtsamkeit als globalen Megatrend. Fakt ist: Immer mehr selbsternannte Achtsamkeitslehrer schwemmen auf den Markt und wittern ein lukratives Geschäft. Zu dieser Entwicklung positionierte sich der Dachverband der Achtsamkeitslehrer in Deutschland. Er setzte ein deutliches Signal gegen Missbrauch und Kommerzialisierung mit neuen Ausbildungs- und Qualifizierungsstandards für derzeit rund 750 zertifizierte und organisierte MBSR-LehrerInnen.

„Zu meditieren ist eine tief in die Psyche eingreifende Erfahrung,“ sagt die Psychoanalytikerin Luise Reddemann. Es ist also keine banale Frage, wer Meditation und Achtsamkeit unterrichten sollte und welche Qualifikation Lehrerinnen und Lehrer brauchen. Und Jon Kabat-Zinn, der Begründer des international erfolgreichen MBSR-Achtsamkeitsprogramms: „Immer, wenn eine Sache heutzutage in unserer Welt erfolgreich ist, gibt es Menschen, die sie für sich ausnützen und kommerziell verwerten wollen.“ Jeder könne sich heute Achtsamkeitscoach nennen, so Jon Kabat-Zinn im Interview mit Ethik heute. Daher seien strenge ethische Ausbildungsstandards wichtig.

Mehr Engagement für die Gesellschaft

MBSR (Mindfulness Based Stress-Reduction) ist heute eine wissenschaftlich und therapeutisch erfolgreiche Methode der Stressprävention mit gesellschaftlicher und ethischer Breitenwirkung. Der Vorsitzende Günter Hudasch auf der Fachkonferenz an der Uni Frankfurt vor 280 interessierten Mitgliedern über seine Vision: „Unser Ziel ist es, Achtsamkeit als Basiskompetenz für verschiedene Lebensbereiche wie Schule, Krankenhäuser oder Unternehmen zu etablieren.“ Kooperationen mit qualifizierten Ausbildungsinstituten und Qualitätsmanagement seien ein wichtiger Teil der Verbandsarbeit.

Professionalisierung durch Levelstufen

Der 2005 gegründete MBSR-MBCT- Verband habe eine Leuchtturmfunktion und schon 2006 erste Qualitätsstandards für seine Mitglieder entwickelt. So  habe das von Jon Kabat-Zinn gegründete Center for Mindfulness in den USA 2011 hohe internationale Qualitätsstandards für die Ausbildung von Achtsamkeitslehrern veröffentlicht.

Diese sollen nun auf nationaler Ebene umgesetzt werden. Klar ist, dass es nicht reicht, einen achtwöchigen MBSR-Kurs zu machen, um als Lehrer unterwegs zu sein. Es braucht mehr Erfahrung in der eigenen Meditationspraxis sowie im Unterrichten und im Umgang mit Gruppen.

Der Vorstand des Verbands stellte ein Dreistufen-Modell vor, das die Praxiserfahrung von qualifizierten Lehrern künftig dokumentiere:

Level 1 kennzeichnet alle vom Verband zertifizierten MBSR-Lehrer, die eine eineinhalbjährige Ausbildung durchlaufen.

Level 2 verpflichte zur kontinuierlichen Weiterbildung, die auf der verbandsinternen Website vertraulich dokumentiert werden soll. Dabei geht es vor allem um eine tägliche Meditationspraxis, Schweige-Retreats über mehrere Tage pro Jahr und regelmäßige Peer Group-Supervision.

Level 3 kennzeichnet den Seniorteacher, der dann seinerseits nach Durchlauf verschiedener Qualifikationen Achtsamkeitslehrer ausbilden kann.

Diese Einteilung in Stufen ermögliche nach innen und außen Transparenz über die Fachkompetenz von Achtsamkeitslehrenden. Hudasch: „Die Entscheidung zum MBSR-Lehrer ist ein langfristiger Weg der persönlichen Weiterentwicklung.“

Für Qualitätsmanagement sei eine Verpflichtung zu kontinuierlicher Meditationspraxis, Weiterbildung und Supervision bindend. So solle das Berufsbild auch Teil des eigenen Commitments sein, so Hudasch.

Präventionsleitfaden für Krankenkassen

Die Krankenkassen akzeptieren in ihrem Präventionsleitfaden bisher keine beruflichen Quereinsteiger für das multimodale Stressmanagement. Doch ein neuer Präventionsleitfaden für Krankenkassen ist im Gespräch.  Achtsamkeitslehrer mit Level 2 könnten so künftig eine Anerkennung und Bezuschussung durch die Krankenkassen bekommen. Diese wäre damit nicht wie bisher an bestimmte Grundberufe wie Psychotherapeut, Arzt oder Erzieherin gekoppelt.

Hudasch eröffnete auf der Tagung vor dem Beschluss einen breiten und offenen Raum für Diskussionen in Kleingruppen und im Plenum über das geplante Qualitätsmanagement.

Die neuen Pläne wurden auf der Tagung zur Diskussion gestellt. Es gab viel Zustimmung, aber auch kontroverse Stimmen. „Qualität wachse durch Support und nicht durch Kontrolle“ so ein Einwand.  Ein Qualitätsmanagement wie etwa in der Medizin oder Autobranche, führe zu Konkurrenz statt zum Miteinander. Eine Ärztin wandte sich gegen die Forderung, jedes Jahr ein fünftägiges Schweigeretreat zu absolvieren. Diese Anforderung sei für Mütter mit kleinen Kindern und Menschen mit körperlichen Beschwerden kaum zu machen. 

Es entspann sich eine lebhafte Diskussion, ob Qualitätsmanagement ein Machtinstrument sei und eine Hierarchisierung bedeute. Dagegen solle lieber zu mehr ethischer Haltung und Mitgefühl inspiriert werden bzw. darauf, was es bedeute, sich auf diesen Weg der Achtsamkeit persönlich einzulassen.

Kontroverse Diskussion über Qualitätsmanagement 

Ebenfalls zu hören waren skeptische Wortbeiträge, ob z. B. ein Qualitätsmanagement in Meditation genauso ablaufen könne wie bei der Autoindustrie oder in der Medizin. Andere wieder monierten, dass Qualitätsmanagement ein Machtinstrument sei. Die geplante Hierarchisierung mache Bauchschmerzen. Dagegen solle lieber zu mehr Ethik inspiriert werden bzw. darauf, was es bedeute, sich auf diesen Weg der Achtsamkeit persönlich einzulassen. Ein Arzt und Schmerztherapeut: „Ich sammle schon laufend Fortbildungspunkte. Jetzt will der Verband mich auch noch kontrollieren.“ Achtsamkeit sei eine Haltung, die von außen nicht messbar sei, so der Protest. Er appellierte für mehr Selbstverpflichtung.

Hudasch betonte, dass es nicht um Kontrolle gehe, sondern um Verantwortung. „Als Verband brauchen wir Entscheidungskriterien. Der Verband stehe für Qualität und 80 Prozent der ausgebildeten Lehrer seien Mitglieder im Verband. Nächstes Jahr rechne man bereits mit 1000 zertifizierten Achtsamkeitslehrerinnen und Lehrern.

Verband mit Leuchtturmfunktion

Auf der anderen Seite meldeten sich auch viele Pro-Stimmen. „Der Verband ist für mich ein Leuchtturm für Orientierung. Hier steht Achtsamkeit drauf und ist Achtsamkeit drin“, so ein Mitglied. Eine andere Stimme meinte, Qualitätsmanagement sei notwendig, weil manche nur MBSR-Lehrer werden wollten, um sich einen lukrativen Zuverdienst zu sichern. Die Standards machten noch keinen guten Achtsamkeitslehrer, aber sie schafften die Voraussetzungen für eine innere ethische Haltung und Weiterentwicklung. Vorsitzender Hudasch: „Wir haben die Kriterien so angelegt, dass jeder das Level 1 erfüllt, der dabei ist.“

Nach langer Diskussion entschied sich die Mitgliederversammlung am Ende von drei Konferenztagen mit drei Gegenstimmen für das vorgeschlagene Qualitätsmanagement.

Hudasch: „Damit wurde nach langer Vorarbeitszeit ein Entwicklungsweg für qualifizierte Achtsamkeitslehrerinnen und -lehrer gezeichnet. Ich denke, das ist einzigartig in einem wachsenden Umfeld selbsternannter Gurus.“ Ebenso stünde die eigene Praxis nicht nur in den ethischen Leitlinien, sondern werde auch dokumentiert. „Darauf können wir aufbauen und eine Kultur der Entwicklung und des Supports für die Lehrerinnen und Lehrer entwickeln.“

Michaela Doepke

Mehr: www.mbsr-verband.de

 

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