Gedankensprünge von Ina Schmidt

Menschen machen Fehler – im Privaten und Gesellschaftlichen. Doch was ist ein Fehler? Aus welcher Sicht wird etwas als Fehler beurteilt? Die Philosophin Ina Schmidt regt in ihrem „Gedankensprung“ dazu an, tiefer über die Kriterien und Kontexte nachzudenken, nach denen wir Fehler beurteilen.

In Pandemie-Zeiten wird uns allen viel abverlangt. Ständig müssen wir überlegen, was zu tun ist, ob das Richtige von gestern heute noch gilt und wie wir uns dazu verhalten. Auf allen Ebenen – im Privaten und Gesellschaftlichen – wird geprüft, verworfen, entschieden.

Es gibt neue Regeln und neue Verstöße, es werden Fehler gemacht und korrigiert oder auch nicht. Jeder und jede von uns stößt darin an eigene Grenzen – auf der großen wie der kleinen Bühne.

In einem Land, in dem vieles doch klar geregelt und ordentlich zu laufen scheint, sind wir allerdings nicht gewohnt, wenn an der politischen Spitze Fehler gemacht und öffentlich bekannt werden, wie Bundeskanzlerin Merkel dies vor Ostern 2021 tat. Ein Zeichen der Schwäche, politischer Verwirrung oder eine bemerkenswerte Geste dafür, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen?

Wo verläuft die Grenze, woran machen wir das eine oder das andere fest und wie weit geht unsere Fehlertoleranz? Gilt diese, wenn unbedacht oder vorschnell entschieden wird oder auch, wenn ein Politiker sein Amt missbraucht hat, um sich mit dubiosen Geschäften in die eigene Tasche zu wirtschaften?

Was genau ist überhaupt ein Fehler? Das Feld ist weit und reicht von Rechtschreibfehlern, über moralische Verfehlungen zu Fehlern bei der Diagnose von Krankheiten. Manche sind nicht so wichtig, wissen wir doch, was eigentlich gemeint war, andere können Leben kosten.

Einige Fehltritte erkennen wir erst im Rückblick, bei anderen wissen wir sofort, dass wir etwas falsch gemacht haben. Manche Fehler geschehen aus Unaufmerksamkeit, andere aus moralischer Gleichgültigkeit.

Wie also gehen wir mit all diesen Fehlern um? Und wer bestimmt, was ein Fehler ist? Wer entscheidet eigentlich darüber, welche Verfehlung wie zu beanstanden oder zu korrigieren wäre und lebt eine gute Fehlerkultur vor?

Aus welcher Sicht ist etwas ein Fehler?

Es ist kompliziert. So mancher schreit schnell und entrüstet auf, wenn eine Entscheidung gegen sein Interesse durchgesetzt wird. Er oder sie wertet etwas als großen Fehler, wenn es die eigene Freiheit einschränkt, obwohl aus einer anderen Warte eine Beschränkung der Einzelinteressen genau das Richtige ist.

Ein Fehler wird grundsätzlich als die Abweichung vom Richtigen definiert, also immer dann, wenn wir etwas falsch machen. In manchen Bereichen lässt sich eine solche Abweichung eindeutig ausmachen. Wenn ich 2 plus 2 für 6 halte, dann habe ich im mathematischen Sinn einen Fehler gemacht. Es gibt dafür messbare und transparente Kriterien, auf die sich Menschen geeinigt haben.

Wie aber sieht es in anderen Bereichen aus? Was ist eine „richtige“ Freundschaft und mit welchen Fehlern bringe ich sie in Gefahr? Was heißt es, gesund zu bleiben? Habe ich Fehler gemacht, wenn ich krank werde? Und welche Entscheidungen werden zu Fehlern, wenn wir sie auf ein ganzes Land anzuwenden versuchen und welche eben gerade nicht?

Fehler brauchen Kriterien und einen Kontext

Soziale und damit komplexe Fragen lassen sich nur selten mit mathematisch eindeutigen Kriterien in „richtig“ und „falsch“ unterteilen. Sie brauchen einen Kontext, einen Bezug und die Fähigkeit, abzuwägen.

Das heißt aber noch lange nicht, dass jeder einfach tun und lassen kann, was er oder sie für richtig hält. Denn für manche Dinge gibt es unter keinen Umständen einen guten Grund, z.B. sich mit der Beschaffung von Atemschutzmasken selbst zu bereichern. Wir brauchen also klare Maßstäbe, Kriterien und gültige moralische Werte, um überhaupt klären zu können, was in solchen Kontexten ein Fehler ist.

Das, was wir mit diesen Maßstäben zu ordnen versuchen, ist ein Verhalten, das wir für gut halten – und das verallgemeinerbar sein muss, um das Leben auch als Gemeinschaft gelingen zu lassenn – und zwar unabhängig von den Interessen einzelner.

Auf unsere Situation bezogen: Wieviel Schutz und Fürsorge ist in einer Pandemie „richtig“, wieviel Freiheit notwendig und welche Sanktionen sind sinnvoll? Dass sich hierbei die Geister scheiden, liegt auf der Hand. Es hängt davon ab, ob wir den Schutz des Lebens oder das Grundrecht der Freiheit an oberste Stelle setzen wollen. Und auch, ob wir als Ärztin den ganzen Tag schwerkranke Menschen behandeln oder als Selbstständiger unser Café schließen müssen.

Um die eigenen Entscheidungen und Überzeugungen auf Fehler überprüfen zu können, müssen wir den konkreten und persönlichen Kontext für die eigenen Urteile einbeziehen und eine Perspektive einnehmen. Gleichzeitig müssen wir davon Abstand nehmen können. Denn es gilt herauszufinden, ob das Richtige auch das Richtige bleibt, selbst wenn es für mich von Nachteil ist.

Angela Merkel hat die Menschen um Verzeihung gebeten für einen Fehler, den sie allein zu verantworten hatte: Nicht der Gedanke einer Osterruhe war es, den sie für fehlerhaft hielt, sondern die Tatsache, dass dieser Gedanke nicht gut hätte umgesetzt werden können. Diese unbedachte Entscheidung war es, für die sie sich entschuldigt hat.

Ob wir diese Entschuldigung annehmen, liegt bei uns. In jedem Fall aber bietet sie einen guten Anlass dafür, sich selbst zu fragen, was es bedeutet, einen Fehler zu machen. Und wieschaffen wir uns selbst einen Rahmen und Kriterien dafür, um das zu beurteilen. Bei anderen, aber auch bei uns selbst.

Foto: Gaby Bohle

Dr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2005 gründete sie die denkraeume, eine Initiative für philosophische Praxis. Sie ist Buchautorin, Lehrbeauftragte der Professional School an der Leuphana Universität und Referentin u.a. für das Netzwerk Ethik heute. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und ihrer Familie in Reinbek bei Hamburg.