Ein persönlicher Bericht

Vegetarier zu werden war ein langer Prozess im Leben von Frank Kirschberger. Sein Großvater war Metzger, und er wuchs mit Fleischkonsum auf. Doch eine Krankheit zwang ihn zur Umstellung. Heute spielen auch ethische Aspekte eine Rolle, denn die Massentierhaltung ist ein unverantwortliches Geschäft.

Sie hießen Max und Moritz und waren zwei kleine Schweinchen. Neben dem Kater Peterle waren sie in meiner Kindheit meine besten Freunde. Zumindest dann, wenn ich bei meinen Großeltern zu Besuch im schönen Vogelsberg war. Mein erster Gang nach der Begrüßung von Oma und Opa ging sofort in die kleine Scheune gegenüber dem Wohnhaus, wo Max und Moritz in einem kleinen, dunklen Stall auf wenigen Quadratmetern ihr Dasein fristeten. Ich wusste, dass sie sich schon immer darauf freuten, etwas Leckeres zum Fressen zu bekommen.

Meist waren dies Küchenabfälle wie Kartoffelschalen sowie verschiedene Essensreste. Doch ihr größtes Vergnügen bestand im Verzehr von frischen Eicheln. Deshalb ging ich oft in den Wald und sammelte unter den Eichen die gewünschten Leckereien zusammen. Sobald ich mit meinem kleinen Eimer und den sehnsüchtig erwarteten Spezialitäten in den Stall kam, gab es sofort ein lautes Gequiecke und Geschnaufe und die beiden Ferkelchen konnten es kaum mehr abwarten, bis ich ihnen das kulinarische Highlight in den Trog schüttete.

Leider hielt unsere Freundschaft nur rund zwei Jahre. Dann waren Max und Moritz zu zwei gut genährten Schweinen herangewachsen. Ach ja, das hatte ich noch nicht erwähnt: mein Opa war früher Metzger gewesen. Seit seinem Ruhestand hielt er sich immer zwei Schweine und alle zwei Jahre gab es dann Hausmacher Wurst. Doch ich muss zugeben, dass ich bereits wenige Wochen nach der Schlachtung nicht das geringste Problem damit hatte, mir die Leber- und Blutwurst schmecken zu lassen.

Einige Zeit später legte sich mein Großvater erneut zwei Schweinchen zu. Sie hießen der Einfachheit halber auch wieder Max und Moritz. Und wurden alsbald ebenfalls meine Freunde. Irgendwann konnte mein Opa altersbedingt keine Schweine mehr halten. Da aber meine Mutter in einer Metzgerei arbeitete, wurde ich auch in den folgenden Jahren bestens Wurst und Fleisch versorgt. Und da ich ja schon vom meinem Opa wusste, dass Fleisch ein Stück Lebenskraft ist, war für meine Leistungsfähigkeit bestens gesorgt.

Ich stellte meine Ernährung um

Dieser Zustand hielt an, bis ich etwa Anfang Dreißig war, eine chinesische Kampfkunst betrieb und alsbald an Rheuma erkrankte. Klassischer Weise ging diese Erkrankung auch bei mir mit Gelenkentzündungen und Versteifungen der Finger sowie Schmerzen im Bewegungsapparat einher. Ein Rheumatologe erklärte mir dann den Zusammenhang von Rheuma und Ernährung. Vor allem die im Schweinefleisch enthaltene Arachidonsäure stellt für den Körper ein großes Problem dar. Aus diesem Grund vermied ich Produkte vom Schwein immer öfter und stellte alsbald zumindest eine deutliche Linderung meiner Symptome fest.

Außerdem begann ich damit, mich mit dem Thema Ernährung immer intensiver zu beschäftigen. Dazu las ich von dem berühmten Naturheilarzt und Leiter einer renommierten Privatklinik Dr. M.O. Bruker sein Buch Unsere Nahrung unser Schicksal. Zu meiner Verblüffung stellte ich fest, dass dieser als zwei der wichtigsten Gründe für die Heilung von mehreren hundert Patienten angab, sich am besten vegetarisch und vollwertig, d.h. mit Vollkornprodukten zu ernähren. Aufgrund dessen stellte ich meine Ernährung um und vermied in den folgenden Jahren nach Möglichkeit alle tierischen Produkte. Ab diesem Zeitpunkt waren meine ursprünglichen Beschwerden vollständig verschwunden. Und dies, obwohl ich bis dahin die Einnahme jeglicher Medikamente abgelehnt hatte.

Heilerfolge durch fleischlose Kost

Doch einige Jahre später lernte ich eine neue Lebensgefährtin kennen, Inhaberin eines kleinen Bauernladens. Dort verkaufte sie neben der Rhön-Forelle auch reichlich Würste und andere Fleischwaren von Lamm, Schwein und Rind. Ich muss es leider gestehen: die schmeckten allesamt einfach richtig lecker! Und ich saß jetzt – wieder einmal – direkt an der Quelle. Und mein Rheuma kehrte zurück. Die Entzündungen, die Schmerzen und die Steifigkeit der Gelenke waren nach einem guten Jahr auch wieder da.

Ich erinnerte mich an meine frühere Ernährungsumstellung. Und an Dr. M.O. Bruker. Und las seine Bücher erneut. Sowie schätzungsweise weitere 50 bis 60 Bücher über Ernährung. Und ich war erstaunt, welche Heilerfolge bei den unterschiedlichen Erkrankungen durch eine gesunde Ernährung möglich sind. Dabei ergaben sich für mich auch eine Reihe von Widersprüchen, wie etwa der von Makrobiotik, die fast alle Nahrungsmittel erst einmal kocht, und der Rohkost-Ernährung, die nach Möglichkeit jegliche Verarbeitung von Lebensmitteln vermeidet. Gemein war all diesen unterschiedlichen Kostformen jedoch, dass sie allesamt ohne Fleisch und zum Teil sogar ganz ohne tierische Nahrungsmittel auskamen.

Am meisten beeindruckte mich damals das Buch Fit fürs Leben von Harvey und Marilyn Diamond. Dort wurde ich zum ersten Mal darauf aufmerksam, wie sich gerade im Tierreich feststellen lässt, dass pflanzenfressende Tiere meist viel leistungsfähiger und stärker sind als ihre fleischfressenden Artgenossen. Man denke dabei beispielsweise an Elefanten, Giraffen, Gorillas, Nashörner, Pferde und bestimmte Walarten. Doch wenn dem so ist, kann dann die Aussage, Fleisch sei ein Stück Lebenskraft und würde zudem für unsere Eiweißversorgung dringend benötigt werden, überhaupt stimmen? Mir jedenfalls kamen daran erhebliche Zweifel.

Massentierhaltung ist moralisch nicht zu verantworten

Zumindest begann ich damit, meine Einsichten hinsichtlich einer gesunden Ernährungsweise immer konsequenter umzusetzen. Dies war mir jedoch nicht von heute auf morgen möglich, sondern es war ein mehrjähriger Prozess, der auch von gelegentlichen Rückschlägen begleitet wurde. Doch schließlich kehrte nicht nur meine Gesundheit wieder zurück, sondern ich wurde auch wesentlich leistungsfähiger.

Ich gehöre definitiv nicht zu den Vegetariern, die sich vor einem Schnitzel oder einem Wurstbrot ekeln. Die meisten Fleischprodukte könnte ich auch heute noch mit großem Genuss verzehren, was ich mir aber zu Gunsten einer bewussten und gesünderen Lebensweise sowie ethischer Bedenken gerne verkneife. Schließlich kehrte auch meine Gesundheit wieder zurück.

Dazu kam meine Einsicht, dass weder die heutige Massentierhaltung noch die Art und Weise der Schlachtung der Tiere, auch nur das Geringste mit dem zu tun haben, was mein Opa als Metzger erlebt hatte. Die Tiere, die mein Großvater zu Fleisch und Wurst verarbeitete, lebten vor ihrem Tod nämlich bei einem Kleinbauern. Dieser ermöglichte ihnen genügend Auslauf auf der Wiese, reichlich Platz in den Ställen und fütterte sie mit ungespritztem Obst, Gemüse, Getreide und Heu. Eine Anwendung von Antibiotika oder anderer pharmazeutischer Mittel fand so gut wie überhaupt nicht statt. Und die Tiere waren vor allem auch gesund.

Heute finden sich in den Billigfleischerzeugnissen oft eine ganze Reihe von Hormonen und Medikamentenrückstände. Die Tiere werden nicht mehr gefüttert, sondern im Rekordtempo gemästet. Selbst wenn man den Fleischkonsum generell befürworten würde, kann man derartige Erzeugnisse weder mit Genuss noch mit gutem Gewissen verzehren. Die Tötung dieser – ebenso wie wir Menschen empfindungs- und schmerzfähigen – Lebewesen findet unter größten Qualen in Schlachtfabriken statt. Hier müssen zudem die Menschen unter unwürdigen Bedingungen und bei geringen Löhnen arbeiten. Die langen und qualvollen Tiertransporte durch halb Europa sind dabei noch ein weiterer Aspekt.

Lediglich bei seriösen Biobetrieben sind die Bedingungen in der Regel erheblich besser. Dies hat selbstverständlich seinen Preis. Allerdings sei auch hier noch einmal mein Großvater erwähnt: Zu seiner Zeit gönnte sich der Normalverdiener noch den klassischen Sonntagsbraten und nicht wie heute Fleisch und Wurst zu drei Mahlzeiten am Tag. Dies war sicherlich gesünder und günstiger.

Wer nur wenig Fleisch isst, kann sich sein Steak auch locker vom Bio-Bauern auf dem Wochenmarkt leisten, wenn es denn unbedingt sein muss. Wenn es bei den meisten Menschen tatsächlich beim Sonntagsbraten bliebe, wären diese einerseits nicht nur gesünder und fitter, sondern es wären außerdem weder Massentierhaltung noch Fabrikschlachthöfe vonnöten.

Vielleicht zum Schluss noch eine wichtige Erfahrung, die ich bei meiner Umstellung auf vegetarische, mittlerweile sogar überwiegend vegane Kost, gemacht habe. Am Anfang habe ich bei meinen Lieblingsgerichten nur einfach den Fleischanteil weggelassen. Dies führte jedoch nur zu Frust, weil mir ja etwas Liebgewonnenes fehlte. Auch Fleischersatzprodukte brachten da keine gute Lösung. Geschmacklich können mich diese ohnehin kaum überzeugen und zudem besitzen diese aufgrund umfangreicher Verarbeitungsprozesse kaum mehr einen echten Gesundheitswert.

Deshalb war es für mich sehr hilfreich, mir eine ganze Reihe vegetarisch/veganer Kochbücher zuzulegen. Die dort vorgeschlagenen Gerichte sind oftmals viel stimmiger und harmonischer als ehemalige Fleischgerichte, bei denen man einfach nur das Fleisch weggelassen hat. Dabei konnte ich zudem so viel Neues über leckere und gesunde Ernährung lernen, dass ich nie das Gefühl habe, auf etwas verzichten zu müssen. Und selbst passionierte Fleischesser, die heute zu uns zu Besuch kommen, vermissen nichts, wenn wir ihnen vegetarisch/vegane Köstlichkeiten servieren. Unsere geliebten Sauerkraut-Tofu-Spätzle fanden jedenfalls bisher alle äußerst lecker und waren danach zudem pappsatt!

Foto privat

Frank Kirschberger ist seit mehreren Jahren in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet parallel an einer Dissertation zum Thema Umweltwethik. Er war lange Zeit als Unternehmer tätig. Mit 44 hat er das Abitur nachgemacht und in Frankfurt Philosophie, Psychologie und Vergleichende Religionswissenschaften studiert.

 

 

 

 

Meine Quellen:

Bruker, M.O.: Unsere Nahrung unser Schicksal. Emu-Verlag

Campbell, Colin T.: China Study. Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise. Verlag Systemische Medizin

Diamond, Harvey u. Marilyn: Fit fürs Leben. Goldmann Verlag

Jacob, Ludwig Manfred: Dr. Jacobs Weg des genussvollen Verzichts. Die effektivsten Maßnahmen zur Prävention und Therapie von Zivilisationskrankheiten. nutricaMEDia

Leitzmann, Claus; Keller, Markus: Vegetarische und vegane Ernährung. UTB

Rittenau, Niko: Vegan-Klischee ade! Wissenschaftliche Antworten auf kritische Fragen zu veganer Ernährung. Ventil Verlag

Sezgin, Hilal: Artgerecht ist nur die Freiheit: Eine Ethik für Tiere oder warum wir umdenken müssen. C.H. Beck

Wolfschmidt, Matthias: Das Schweine System. Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden. S. Fischer