Ein Essay von Nicolas Dierks

In den sozialen Medien wird oft mit harten Bandagen gekämpft. Der Philosoph Nicolas Dierks meint, wir sollten unsere rhetorische Rüstung ablegen und lieb gewonnene Überzeugungen hinterfragen. Dann können wir von Diskussionen auf Twitter und Co. lernen. 

„So eine dumme Frage zeigt doch, dass Du überhaupt nichts verstanden hast. LOL!!!“ Äußerungen wie diese bekommen wir auf sozialen Netzen leider häufiger mal vor den Latz geknallt. Es ist kaum zu vermeiden, dass wir erstmal betroffen oder verärgert sind, sobald wir das lesen. Wir fragen uns: „Soll ich mit gleicher Münze heimzahlen? Oder soll ich den Absender blockieren und aus meiner Timeline verbannen? Oder was sonst?“

Ich kenne Kollegen, die deshalb gar nicht auf sozialen Plattformen sind, aus Angst vor Anfeindung. Wir haben es heute rechtlich und technisch leichter als jemals zuvor, uns öffentlich zu äußern – und nun scheuen wir uns, es zu tun, wie DIE ZEIT und DER SPIEGEL unlängst titelten? Wie können wir hier mutiger werden?

„Liebe deine Feinde; denn sie sagen dir deine Fehler.“ – Diesen Satz legte Benjamin Franklin im 18. Jahrhundert seinem alter ego „Armer Richard“ in den Mund. Franklin zeigte Richard im Poor Richard’s Almanack als Menschen, der bei aller Scharfzüngigkeit doch offenherzig blieb. Wie also meinte der diesen Satz?

Hupen, Vogel zeigen, abzischen

Warum sollten wir ausgerechnet unsere „Feinde“ lieben, die uns – wie es auf sozialen Plattformen vorkommt – unsere Fehler hämisch vorrechnen? Manche verhalten sich dort ähnlich wie im Straßenverkehr: Hupen, Vogel zeigen, abzischen.

Ich habe Franklins Satz auf Twitter und Facebook gepostet. Es gab sowohl Zustimmung als auch Widerspruch. Ich begrüße das, denn ich will zum Hinterfragen und Diskutieren anregen. So wie Sokrates auf der Agora, dem Marktplatz Athens, mit Leuten diskutierte.

Ein Teil der Diskussion kreiste um den christlichen Kontext, aus dem die meisten den Satzteil „Liebe deine Feinde“ kennen. Tatsächlich war das Prinzip, keine Vergeltung zu üben, schon in der Antike bekannt – bei Konfuzius, Laotse und Gautama Buddha, bei Platon, Cicero und schließlich bei Stoikern wie Seneca, Epiktet und Marc Aurel.

Aber so verbreitet der Verzicht auf Vergeltung auch war: das war nicht der Sinn, den Franklin dem Satz gab – zumindest wie ich ihn verstehe. Ihm ging es um Wertschätzung für den Kritiker. Das begründete Franklin nicht durch die Verheißung, „Kinder des Vaters im Himmel“ zu sein, wie Jesus einst in der „Bergpredigt“. Für Franklin entsprang die Wertschätzung der Dankbarkeit dafür, dass die Feinde uns mit ihrer Kritik etwas geben: Die Möglichkeit zur Selbsterkenntnis.

Eine unlautere rhetorischen Komfortzone

Aber wer wird schon gerne öffentlich des Irrtums bezichtigt? Niemand. Vor allem nicht mit abwertenden Phrasen und Unterstellungen. Wie also sollen wir mit Menschen umgehen, die uns Fehler vorrechnen? Wir könnten uns eine rhetorische Rüstung anlegen.

Mit „rhetorischer Rüstung“ meine ich die Haltung, uns gegen Kritik so stark wie möglich zu machen, am besten immun. Tricks und Kniffe dafür liefert uns etwa Schopenhauers „Eristische Dialektik“ (ein Manuskript von ca. 1830). Es enthält eine Sammlung von Streittechniken, mit denen man scheinbar immer Recht behält. Professionelle Rechthaberei also – die Schopenhauer selbst später ablehnte.

Wie geht man dabei vor? Nun, wir können jede Äußerung des Gegners durch Definitionsfragen unklar und durch sachliche Skepsis wackelig erscheinen lassen. Wir können von unseren wunden Punkten ablenken, indem wir durch Phrasen wie „Aber viel wichtiger ist doch…“ das Thema wechseln. Wir können den Gegner als „naiv“ diskreditieren, als jemanden der „noch viel zu lernen habe“. Wir können ihn sogar „unlauter“ nennen und seine Motive „heimtückisch“. Hinter einer solchen rhetorischen Rüstung mögen wir uns vor Kritik sicher wähnen.

Vielleicht suchen wir unser Heil auch im Gegenangriff. Im Modus der Fehlersuche korrigieren wir so lange an den Äußerungen des Anderen herum, bis wir ihn mundtod gemacht haben. Dann sonnen wir uns triumphierend in unserer Ignoranz gegenüber dem, was er uns hatte sagen wollen.

Chance auf persönliche Entwicklung verspielt

Manchmal hege ich Mitgefühl für Menschen, die ihre kostbare Lebenszeit damit verbringen, in sozialen Netzwerken mit einem Arsenal an rhetorischen Waffen anderen ihre vermeintlichen Irrtümer nachzuweisen. Eigentlich tragisch: Indem sie argumentative Reife suggerieren, verhindern sie diese. Sie entspringt nämlich gerade nicht der rhetorischen Trickkiste, sondern intellektueller Redlichkeit.

Uns unverletzlich machen zu wollen ist allzu menschlich. Doch es hat einen wichtigen Nachteil: Wenn wir uns der Kritik nicht stellen, verspielen wir Chancen auf persönliche Entwicklung.

Zugegeben: Es ist nicht immer leicht, dabei einen kühlen Kopf zu bewahren. Vor allem, wenn Kritik unsachlich oder herablassend klingt. Und gerade auf Twitter oder Facebook scheinen manche aus Polemik einen Sport zu machen. Mich persönlich tangiert das inzwischen immer weniger. Im Gegenteil: Statt mich rhetorisch zu immunisieren, öffne ich mich bewusst der Kritik und stelle meine Auffassungen aufrichtig zur Disposition. Naiv und gefährlich? Nein, denn ich gewinne dabei.

Gute Gründe ausloten

Aus der Philosophie kenne ich diese Haltung gut, etwa von den platonischen Dialogen, in denen Sokrates regelmäßig das Scheitern seiner Überlegungen eingesteht. Oder aus Seminaren an der Universität, wo die Äußerung „Ich verstehe es noch nicht“ stets die Fähigkeiten aller Beteiligten zu einer gemeinsamen Verstehensleistung herausfordert.

Doch folgendes Missverständnis, das auf sozialen Plattformen grassiert, hätte ich gerne ausgeräumt: Philosophisches Diskutieren ist nicht primär ein Kampf um rhetorische Dominanz. Ok, manchmal schon, das will ich nicht abstreiten – aber in den besten Momenten gerade nicht.

Deshalb mein Plädoyer: Wir brauchen wieder mehr Diskussion als eine Form der Kooperation, um gute Gründe auszuloten. Wir brauchen eine wohlwollende Kultur der Kritik, gerade auf Twitter und Facebook. Was heißt das konkret?

Daran teilzunehmen heißt, eigene Gründe offenzulegen und Gründen Anderer gegenüber zugänglich zu sein. Diskutieren wir verstehensorientiert, also ohne bei jeder Ungenauigkeit reflexhaft einzuhaken. Denn dadurch verkomplizieren wir die Diskussion, anstatt uns gemeinsam auf das Wichtige zu verständigen.

Schieben wir nicht stets dem anderen die Beweislast zu, auch wenn es bequemer ist. Wenn der andere meine Überzeugung kritisiert, dann hat nicht er seine Kritik zu begründen, sondern ich meine Überzeugung. Ich habe dann meine Quellen zu nennen, meine Begriffe zu klären, meine Schlüsse zu erläutern.

Lieb gewonnene Überzeugungen hinterfragen

Ja, solche Diskussionen sind anstrengend. Hier dürfen wir uns nicht auf dem Recht zur eigenen Meinung ausruhen (“Ich darf ja meine Meinung haben, ich muss meinen Standpunkt ja nicht ändern, wenn ich nicht will!”). Vielmehr heißt es, die eigenen Auffassungen wirklich zu prüfen.

Und falls wir keine klare Einsicht in deren Richtigkeit haben, dann sollten wir auch nicht so tun, als ob es so wäre und von unserer „subjektiven Wahrheit“ reden. Mir ist klar, dass hier manche anderer Auffassung sein mögen, aber ich halte diesen Punkt für zentral, um nicht in Selbsttäuschung zu verfallen. Gelegentlich müssen wir tapfer sein und lieb gewonnene Auffassungen ablegen, wie es nunmal zum Leben gehört.

Schon René Descartes hatte es im Jahre 1637 im “Discours de la methode” – einem Basistext moderner Philosophie und Wissenschaftstheorie – als erste Regel des richtigen Vernunftgebrauchs angeführt: Nur das zu glauben, was man wirklich durch eigene Einsicht einsieht.

Wir sollten uns also stets daran erinnern: Nicht an etwas festhalten, weil wir bisher davon überzeugt waren. Oder weil es uns unangenehm wäre, unsere Auffassung zu ändern. Oder weil auch andere es glauben oder umgekehrt, weil wir uns dadurch von anderen abheben können.

Für diese Kultur der Kritik bedarf es der Offenheit und Aufrichtigkeit – also genau des Gegenteils einer rhetorischen Rüstung. Dann können wir eine unerwartete Entdeckung machen: Alle Angriffe gegen uns werden wirkungslos. Unsere sachliche Aufrichtigkeit macht uns unempfindlich gegenüber Beleidigungen oder Anfeindungen, weil sie keinerlei einsehbare sachliche Gründe liefern – und allein auf die kommt es an.

Die Schwäche unsachlicher Angriffe

Natürlich gibt es Grenzen des Tolerierbaren, wie sexistische oder rassistische Beleidigungen. Aber wichtig ist es auch zu verstehen: Unsachliche Angriffe sind Zeichen sachlicher Schwäche.

Durch diese Haltung verliert auch das Spiel der aufgedrängten Rechtfertigung seine Wirkung: Wer uns abwertende, vielleicht absurde Auffassungen unterstellt, ohne je nachzufragen – wodurch wir uns missachtet fühlen könnten – der demonstriert mangelnde Ernsthaftigkeit. Kurz: Wer keinen Austausch sucht, redet eigentlich nicht mit mir, sondern vermutlich mit den eigenen Dämonen. Das ist nun wiederum kein einfacher Weg, um Kritik abzutun – sondern appelliert an unsere Aufmerksamkeit für die Grenze einer sachlichen Diskussion.

Doch gerade trotz negativer Erfahrungen verliere ich nicht den Glauben an das Gute in den meisten Menschen, die mir online begegnen. Ich vermute im Anderen erstmal ein rationales Wesen, das keine schlechten Absichten hat. Und diese Annahme gebe ich nicht so schnell auf.

Dadurch konnte ich auf Twitter und Facebook in zahlreichen zunächst konflikthaften Gesprächen den stereotypen Schlagabtausch vermeiden und guten Austausch etablieren. Mein Netzwerk erweitert immer wieder meinen Horizont und gibt mir viele Hinweise, was ich vielleicht philosophisch Hilfreiches beitragen könnte.

Klar gibt es Dissens, der auch bestehen bleiben kann. Aber trotz unterschiedlicher Auffassungen gibt es gegenseitige Wertschätzung – und von dieser, meine ich, sprach Franklin. Gute „Gegner“ bringen meine Überlegungen voran und unfaire „Feinde“ meine Urteilsfähigkeit.

Vielleicht ist nun klarer, warum wir ohne rhetorische Rüstung stärker werden. Wir haben wenig zu befürchten und viel zu lernen. Wir bekommen allenfalls Material für den Gebrauch unseres Verstandes. Sapere aude!

 

Foto: Marku Brügge

Dr. Nicolas Dierks ist Philosoph und Autor bei Rowohlt, u.a des SPIEGEL-Bestsellers „Was tue ich hier eigentlich?“ (2014) sowie „Luft nach oben“ (2017) und „Mit Wittgenstein im Wartezimmer“ (2019). Er gibt an der Leuphana Universität Lüneburg Seminare in Wissenschaftstheorie, berät Unternehmen zum Thema Social Media und vermittelt Philosophie mit Leidenschaft und Humor. www.nicolas-dierks.de