Wie umgehen mit Menschen, die an Verschwörung glauben?

Topilskaya/ shutterstock.com
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Interview über praktische Tipps in Corona-Zeiten

Verschwörungserzählungen gab es schon immer. Sie sollen Krisen kontrollierbar machen. Doch was tun, wenn Bruder, Freundin oder Kollege in anderen Welten zu Hause sind? Sarah Pohl, Leiterin einer Beratungsstelle, rät im Interview zu mehr Verständnis, gerade in der Corona-Krise. Man könne hart in der Sache argumentieren und weich auf der Beziehungsebene sein.

 

Sarah Pohl arbeitet für die Beratungsstelle Zebra (Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen), Ansprechpartnerin für religiöse Gruppierungen, Betroffene, Angehörige, Aussteigende, Ämter, Institutionen und Schulen.

Das Gespräch führte Kirsten Baumbusch

Ich möchte unser Gespräch gerne mit einem Kompliment beginnen: Endlich mal jemand, der im Hinblick auf Verschwörungserzählungen einen praktischen Ansatz hat und dafür plädiert, so lange wie möglich im Dialog zu bleiben.

Pohl: Das ist unser Ansatz: Wir werten nicht, wir urteilen nicht. Wir schauen, wie es trotzdem gelingen kann, in Kontakt zu bleiben. Diskussionen um´s Rechthaben sind im psychologischen Sinn einfach nicht zielführend. Wir sehen unsere Arbeit eher auf der zwischenmenschlichen Ebene. Es geht auch darum auszuhalten, dass es eben sehr verschiedene Meinungen gibt.

Was ist das überhaupt eine Verschwörungstheorie oder, wie Sie eher sagen, eine Verschwörungserzählung?

Pohl: Ein Mensch, der an Verschwörung glaubt, nimmt zunächst einmal an, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die sich zu einem illegitimen Zweck miteinander abgesprochen haben, beispielsweise um Macht zu gewinnen. Mit dieser Verschwörung werden dann wichtige Ereignisse erklärt.

Was bereitet den Boden dafür?

Pohl: Die Statistik sagt, dass eigentlich zu allen Zeiten etwa 30 Prozent der Bevölkerung eine gewisse Nähe zu Verschwörungstheorien haben. Doch im Moment zeigen sie sich stärker, und dadurch entsteht auch mehr Druck. Wer vor zehn Jahren an Echsenmenschen glaubte, lief ein wenig unter dem Radar der Öffentlichkeit.

Wer sich heute aus Angst vor Manipulationen nicht gegen Corona impfen lässt und vehement dagegen aufbegehrt, fällt auf. Die ganze Verschwörungsthematik ist viel existentieller und politischer geworden. Überdies haben wir den Eindruck, dass Verschwörungsglauben auch eine Rolle eingenommen hat, die früher eher die Religionen inne hatten – also eine Art säkulares Sinnstiftungs- und Welterklärungsangebot.

Verschwörungstheorien koppeln an Gefühle an, nicht an Wissen.

Was macht die Attraktivität aus?

Pohl: Gerade in Krisenzeiten hatten Verschwörungserzählungen schon immer Hochkonjunktur, beispielsweise während der Pest. Sie bieten sinnstiftende Erklärungen, helfen, das Ganze zu ertragen, Komplexität zu reduzieren und schaffen Struktur. Außerdem haben nicht wenige den Eindruck, einer Elite anzugehören, die kapiert hat, was die anderen „Schlafschafe“ nicht erkennen können.

Die Welt wird als kontrollierbarer erlebt. Das ist wie eine Krücke, die hilft durch eine ansonsten psychisch äußerst destabilisierende Zeit zu kommen. Allerdings ist das alles keine nachhaltige Strategie. Die angebotenen Bilder des großen Umsturzes sind ja wenig hoffnungsstiftend. Nach der ersten Euphorie, jetzt endlich verstanden zu haben, wie alles zusammenhängt und nicht mehr allein zu sein, folgt oft eine Phase massiver existentieller Ängste.

Sind also Ängste der Hintergrund? Und ist das der Grund, warum Verschwörungsgläubigkeit so unabhängig ist von Bildung?

Pohl: Intelligenz und Bildung haben damit wenig zu tun. Verschwörungserzählungen koppeln an Gefühlen an, nicht an Wissen. Wir alle machen das übrigens, dass wir uns zu unseren Erlebnissen im Nachhinein Erklärungen suchen und daraus dann unser künftiges Verhalten ableiten. Wir gewichten Aussagen stärker, die zu unseren Erlebnissen passen. So entstehen die Filterblasen, die dann durch Soziale Medien und ihre Algorithmen noch befeuert werden.

Niemand muss für die Meinung eines anderen Verantwortung übernehmen.

Was sind das für Menschen, die Hilfe in der Beratungsstelle suchen?

Pohl: Zumeist sind es so genannte Sekundärfbetroffene, also Angehörige, Freunde, Partnerinnen von Menschen, die an Verschwörungen glauben. Oft ist daraus ein Konflikt entstanden, der nicht mehr lösbar scheint. Der Leidensdruck ist enorm. Viele Anrufende bei uns sagen, dass sie die Situation nicht mehr aushalten können.

Wir schauen dann, was sie für sich verändern können, damit sie besser damit zurechtkommen. Außerdem betrachten wir genau, auf welcher Eskalationsstufe sich der Konflikt befindet, was für eine Vorgeschichte es gibt und entwickeln dann gemeinsam eine Strategie. Das reicht von der Gewaltfreien Kommunikation bis hin zu Fragetechniken.

Ich persönlich liebe ja ihr Katzen-Beispiel. Worum geht es da?

Pohl: Wir erklären das Verhalten von Menschen, die an Verschwörungen glauben, mit dem Verhalten von Katzen, die oft den Menschen, zu denen sie sich besonders hingezogen fühlen, tote Mäuse bringen als Zeichen der Wertschätzung. In Familien ist das oft ähnlich.

Beispielsweise erleben wir im Moment häufig, dass Eltern ihre erwachsenen Kinder richtig zuschütten mit Nachrichten aus der Verschwörungsszene. Das geschieht nicht, um die Kinder zu nerven, sondern aus dem Bedürfnis heraus, sie zu schützen und zu retten. Das zu verstehen, nimmt viel Schärfe aus dem Konflikt und eröffnet die Möglichkeit, wieder anders aufeinander zuzugehen.

Uns geht es dabei um den Perspektivwechsel. Und darum, dass niemand Verantwortung übernehmen muss für die Meinung des Anderen. Aber eins ist uns ganz wichtig: Augenhöhe, Respekt und Wertschätzung, auch wenn der Andere an die Erde als flache Scheibe glaubt. Oft haben einfach beide Angst vor dem, was gerade auf dieser Welt geschieht. Und ganz häufig sogar Angst umeinander. Dieses Bewusstsein kann wieder Raum für Veränderung und Annäherung schaffen.

Es gibt Menschen, die leider nicht mehr abzuholen sind.

Und wie ist das bei Paaren?

Pohl: Bei Paaren gelingt es uns manchmal, dass beide zur Beratung kommen. Da kann es mit unserer Hilfe schon gelingen, wieder aufeinander zuzugehen. Beispielsweise hatten wir kürzlich ein Paar – er Impfbefürworter, sie Impfgegnerin.

Da konnten am Ende zwar nicht ihre Bedenken ausgeräumt werden, aber sie erkannte die Sorgen ihres Mannes um sie, so dass sie dann wiederum einwilligte, sich ihrem Mann zuliebe impfen zu lassen. Und der konnte sich dann auch wieder stärker auf sie zu bewegen.

Ich beobachte mitunter an mir selbst, dass ich solch strittigen Themen vermeide. Ist das einfach nur feige oder möglicherweise auch eine Strategie?

Pohl: Vermeiden kann dazu beitragen, miteinander in Kontakt zu bleiben, wenn eine Diskussion ohnehin nicht zielführend wäre. Es kann auch eine Strategie zu sein, die Pausetaste zu drücken. Man darf sich Abstand gönnen, sollte das aber klar befristen und auch ankündigen. Es gibt Menschen, die leider nicht mehr abzuholen sind.

Gibt es für Sie in der Beratung rote Linien?

Pohl: Bei Selbst-, Kindeswohl- oder Fremdgefährdung ist diese Linie überschritten. Wenn uns beispielsweise jemand anruft und sagt, da hortet jemand Waffen oder droht, Amok zu laufen. Oder, wenn jemand seinem Kind Desinfektionsmittel geben will. Dann ist es gegebenenfalls sinnvoll, die Polizei oder das Jugendamt mit ins Boot zu holen.

Verstehen statt Verurteilen!

Was haben Sie für uns als Gesellschaft an Tipps, wie wir es schaffen, wieder Brücken zu bauen?

Pohl: Ich glaube, dass da wieder viel Vertrauen aufgebaut werden muss. Menschen haben sich in den letzten Jahren wenig in ihren Sorgen abgeholt gefühlt. Wir müssen lernen, toleranter miteinander umzugehen und Verschiedenheit auszuhalten. Aber es gibt auch Menschen, die nicht mehr abzuholen sind, sondern im Misstrauen gegen „die da oben“ verharren werden.

Sie empfehlen in Ihrem Buch „resignative Gelassenheit“. Was ist das denn?

Sarah Pohl: Da ist die Einsicht, nicht für den Anderen verantwortlich zu sein und zu wissen, ich kann ihn gar nicht ändern. Das ermöglicht, mehr zuzuhören, mehr zu fragen und weniger Schuld auf sich zu nehmen.

Gibt es so eine Art Erste Hilfe-Tipp, wenn man jemanden im Umfeld hat, der abzudriften droht?

Pohl: Verstehen statt verurteilen. Mehr fragen, weniger sagen. Kontakt halten. Diese Kombination hilft, sich nicht zu verlieren. Man kann durchaus hart in der Sache argumentieren und trotzdem weich auf der Beziehungsebene bleiben.

Was nährt Ihre Hoffnung?

Pohl: Wenn ich Kinder und Jugendliche anschaue. Ich erlebe da eine Generation, die oft viel weiter ist im Hinblick auf Toleranz, aber auch im Engagement füreinander.

Die Beratungsstelle ZEBRA ist Ansprechpartnerin für religiöse Gruppierungen, Betroffene, Angehörige, Aussteigende, Ämter, Institutionen und Schulen. Sarah Pohl ist promovierte Pädagogin und systemische Paar- und Familienberaterin. Das Team ist multiprofessionell aufgestellt und umfasst die Bereiche Psychologie, Pädagogik und Medizin. Finanziert wird es vom Kultusministerium Baden-Württemberg. Mehr unter www.zebra-bw.de

Buchtipp: Sarah Pohl/Isabella Dichtel, Alles Spinner oder was? Wie Sie mit Verschwörungsgläubigen gelassener umgehen, Vandenhoeck & Ruprecht 2021

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