kallejipp/Photocase.de
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Wie wird mein Kind zu dem, was es ist?

Über die Erziehung und die Idee des Guten

Die richtige Erziehung gibt es nicht, weiß die Philosophin Ina Schmidt. Vielmehr gelte es herauszufinden, welche Bedingungen und Strukturen Kinder brauchen, um zu dem zu werden, der sie sind. Nur im Dialog mit anderen können wir den Weg herausfinden.

Es ist lange her, dass die Gründung einer Familie wie selbstverständlich zum Leben dazu gehörte. Vielleicht war es das auch nie. Und natürlich leben wir alle auf irgendeine Weise in einer Familie, aber auch hier haben sich die Lebensformen und Modelle verändert, Verantwortungen haben sich verschoben oder werden nicht mehr als solche gesehen.

Gegenwärtig weitet sich das Thema Familie bzw. Erziehung und Bildung zu einem unüberschaubaren Diskussionsforum um das, was das „Richtige“ ausmacht, was wirklich gut für uns ist, für die Kinder, die Familie. Die Debatte fängt bei pränataler Diagnostik im Mutterleib an, Ratschläge in der Schwangerschaft gehen direkt über in Tipps zur optimalen frühkindlichen Förderung und Ernährung.

Auch Fragen wie die Wahl der KITA bzw. Krippe (inklusive der neuesten Erkenntnisse aus der Bondingforschung) schüren oft genug einen inneren Konflikt: Kind und oder Karriere? Kann eine Familie überhaupt zwei arbeitende Elternteile verkraften? Und wenn ja, liegt der Schlüssel wirklich in der perfekten Organisation?

So scheint es permanent durch unsere Köpfe zu dröhnen, was wir alles wie und wann und auf jeden Fall möglichst richtig zu machen haben. Die Freiheit haben wir mittlerweile, aber sie macht uns häufig mehr zu schaffen, als dass wir sie wirklich genießen. Was hat all das nun mit einer philosophischen Disziplin, der Ethik zu tun? Eine ganze Menge, denn Ethik beginnt immer dann, wenn wir uns mit den gängigen Vorstellungen von Moral und dem Wunsch nach einem guten Leben beschäftigen. Wenn wir ernsthaft darüber nachdenken, was „gut“ ist, was verändert oder anders bedacht werden müsste. Wenn wir uns also mit dem Philosophen Immanuel Kant die wichtige Frage stellen: Was soll ich tun?

Sich um das Seelenheil kümmern

Gerade wenn es um Erziehungsfragen geht, scheint uns diese Überlegung auf Schritt und Tritt zu begleiten: Was soll ich tun? Warum dies und nicht jenes? Für wen entscheide ich hier eigentlich und welche Konsequenzen hat mein Handeln?

Die Frage nach der „richtigen“ Erziehung also nach dem, was wir gut und richtig machen wollen, wenn wir unsere Kinder auf den Weg in ihr eigenes Leben bringen, stellt sich seit der griechischen Antike. Die „richtige“ Antwort ist bis heute nicht gefunden – das ist beruhigend und beunruhigend zugleich.

Beruhigend, weil diese Frage offenbar nicht letztgültig zu klären ist, es also nicht allein an uns liegt, dass wir irgendetwas nicht richtig verstanden haben. Und beunruhigend, weil wir uns nicht auf einem Programm, einer Lösung ausruhen können. Es kommt also sehr wohl auf uns an, auf uns selbst und das, was wir unseren Kindern vorleben und mitgeben.

Hier liegt die Verbindung zu dem, was schon die antike Philosophie an Grundlagen für eine ethische Erziehung gelegt hat. Platon hat dies in seinen Gedanken zur „paideia“ – in seiner Schrift politeia schon vor über 2000 Jahren formuliert. Erziehung war hier nicht allein Sache der Eltern oder der Schule, sondern sogar Aufgabe des Staates. Dieser sollte dafür sorgen, dass seine Bürger in die Lage versetzt werden, die eigene Seele im besten Sinne entfalten zu können.

„Die Idee des Guten“

In der platonischen Philosophie steht die „Idee des Guten“ an höchster Stelle. Das Gute ist es, an dem wir unser Handeln nicht nur ausrichten sollen, sondern auch wollen. Dabei stehen aber nicht Selbstverwirklichung oder das persönliche Glück im Vordergrund, sondern die Idee, dass auch die Gemeinschaft nur dann eine gute sein kann, wenn die einzelnen Mitglieder sich um ihr Seelenwohl und die Entfaltung ihrer Fähigkeiten und Kräfte kümmern können.

Platons Ideal ist ein Philosophenstaat, der in verschiedenen Stufen von der körperlich-musischen Ausbildung, über eine grundlegende Allgemeinbildung hin zur Vermittlung einer mathematischen und rednerischen Qualifikation die Bedingungen dafür schaffen soll, dass der einzelne selbst denken, die Welt selbst sehen lernen soll. Nur der am Guten orientierte Gerechte, dessen Seele durch die Paideia geformt wurde, kann der platonischen Lehre nach am Ende auch persönlich wirklich glücklich sein.

Die Erziehung soll herausfinden, was den einzelnen Menschen im besten Sinne ausmacht, wie er zu dem werden kann, was er ist – welche Bedingungen und welche Methoden dafür hilfreich sind. Gleichzeitig geht es aber auch um die Disziplin, die Strukturen und die notwendige Strenge, um dieses Ziel erreichen zu können. Eine Gratwanderung, die wir bis heute nur zu gut kennen.

Kinder brauchen Wurzeln und Flügel

Um diese Gratwanderung als solche überhaupt erkennen zu können, seine eigene Rolle darin zu überprüfen und auch die eigenen Grenzen zu klären, sind Eltern heute allerdings anders gefordert als in der Antike. Wir können weniger auf klare Strukturen, moralische Gebote und Sitten zurückgreifen. Und dafür sind wir oft genug dankbar – denn die Freiheit schafft Raum für eigene Vorstellungen, andere Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, aber eben auch eine moderne Form der Verantwortung, die in der antiken Familie keine Rolle gespielt hat.

Um unseren Kindern sowohl die „Wurzeln“ wie auch die „Flügel“ geben zu können, von denen schon Goethe gesprochen hat, braucht es zunächst eines: ein gutes Fundament, auf dem wir selbst stehen können.

Auch Eltern werden erst mit ihren Kindern geboren, es gibt weder eine Ausbildung dazu, noch einen Plan B. Wir sind es einfach, von einem Moment auf den anderen und alles, was wir für diese neue Rolle brauchen, lernen wir beim „Gehen“: Was wünschen wir uns für unsere Kinder? Was halten wir für wichtig? Welchen Weg wünschen wir uns für sie und wieviel Freiheit können wir ihnen geben? Wovor haben wir Angst?

All diese Fragen stürmen auf uns ein und es bedarf einer guten Portion Mut, sich wirklich damit auseinanderzusetzen: Was sind eigentlich meine Werte und welche davon halten auch solchen fundamentalen Veränderungen wie der Gründung einer Familie stand? Ein Wert ist schlicht etwas, an dem ich mein Handeln im Guten ausrichte, etwas, das mir in der Flut der Möglichkeit eine Hierarchie der Bedeutsamkeit ermöglicht, dabei aber nicht in Stein gemeißelt ist, sondern in der konkreten Situation wirksam wird.

Werte sind nicht, sie gelten – sie zeigen sich im Handeln, im „Dialog“ mit der Familie, auch wenn es hin und wieder hakt. Ein wirklicher Dialog meint die grundsätzliche Bereitschaft zur Kooperation, die Wertschätzung des anderen und die Bereitschaft, dieses andere im Gespräch bzw. in den eigenen Handlungen zur Sprache zu bringen.

Ein wertvoller Dialog bedeutet nicht, dass wir Grundsatzdebatten mit Zweijährigen führen und KITA-Konzepte gemeinsam mit 45 Kindern entwickeln müssen. Es heißt auch nicht, dass wir sie viel zu früh mit eigenen Entscheidungen belasten und dies mit Selbstständigkeit verwechseln, sondern die wachsame Begleitung der oben beschriebenen Gratwanderung als verantwortungsvolle Erwachsene, die in der Lage sind, eine Richtung vorzugeben.

Werte schaffen Stabilität mitten im Wandel

Dies gelingt aber nur, wenn wir uns nicht auf statische Programme oder Zehnpunktepläne verlassen, sondern uns ganz im Sinne einer philosophischen Ethik in der Kunst der Selbstüberprüfung üben. Wir machen unsere Werte klar, stellen sie zur Diskussion und werden darin nicht unsicherer, sondern sicherer.

Wandel und Veränderung ist dabei die größte Herausforderung in welcher Situation auch immer. Sie ist nicht das zu Vermeidende, sondern das, was es zu lernen gilt. All unsere Fragen sind beständigem Wandel unterworfen: Dieselbe Frage stellt sich anders, wenn die Kinder 3, 10 oder 14 Jahre alt sind, anders, wenn ich das erste Kind oder das dritte Kind vor Augen habe, anders wenn ich 25 oder 45 Jahre alt bin. Wenn ich mir dies immer wieder vor Augen halte, komme ich zu anderen, oft sehr existenziellen Überlegungen, die zur Grundlage meines Handelns und Entscheidens, aber auch meines Zweifelns oder gar Verzweifelns werden können.

Die erste wichtige Klärung, die es vorzunehmen gilt, ist beispielweise diese Frage: Lebe ich wirklich mit der platonischen Idee, dass es darum geht, mein Kind zu dem werden zu lassen, was es ist? Oder halte ich es in meinem tiefsten Inneren doch eher mit der „tabula rasa“-These des Philosophen John Locke, der den Menschen durch Erfahrungen und Prägungen zu einer Persönlichkeit „machen“ möchte?

Bei der Antwort geht es weniger um eine Wertung, um besser oder schlechter, sondern um die persönliche Klarheit für das, wovon ich überzeugt bin. Nur, wenn wir uns zumindest bemühen, dieser Klarheit immer wieder ein Stück näher zu kommen, kann eine Gemeinschaft von Menschen – also auch eine Familie – gelingen, ohne dass wir wirklich sicher sein können, was das heißt.

Auch wenn es keine Regeln gibt, die wir befolgen und damit sicher an ein Ziel kommen können, so ist bereits die Beschäftigung mit diesen Fragen wertvoll und verändert das Zusammenleben. Hilfreich sind neben den individuellen Antworten, die wir darin vielleicht finden, die Orientierung an Grundprinzipien, denn diese können in Phasen von Chaos und Überforderung ebenfalls für Klarheit sorgen.

Prinzipien sind so etwas wie Muster, die sich aus dem ergeben, was sich im Leben bewährt, etwas Gewachsenes, das von innen heraus für Ordnung sorgt, anders als eine starre Regel, die wir von außen auf eine Situation anzuwenden versuchen. Nur wenn wir bereit sind, uns für unser Gegenüber – ob das unsere Tochter, die Klassenlehrerin oder der eigene Partner ist – wirklich zu öffnen, werden wir feststellen, ob wir in unserer Erziehung den Prinzipien folgen, die wir eigentlich für richtig halten. Denn das können wir nie ganz allein herausfinden, sondern nur im ernst gemeinten Dialog. Erst dann schaffen wir den Raum dafür, unsere Kinder zu den Menschen werden zu lassen, die sie sind – und ganz nebenbei werden wir es dann vielleicht auch.

ina schmidtDr. Ina Schmidt, Jg. 1973, Studium der Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Philosophie, Abschluss der Promotion über den Einfluss der Lebensphilosophie auf das Denken Martin Heideggers 2004.

2005 Gründung der denkraeume, einer Initiative für philosophische Praxis in Reinbek. Buchautorin, Referentin der Modern Life School in Hamburg und freie Mitarbeiterin des Philosophiemagazins „Hohe Luft“. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg.

 

 

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