Kzenon/ shutterstock.com
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„Wir befinden uns zu oft im Alarmzustand!“

Interview mit dem Neuropsychologen Rick Hanson

Zwar leben Menschen im Westen relativ komfortabel, aber ihr Gehirn befindet sich häufig im Alarmzustand. Der Neuropsychologe Rick Hanson erklärt im Interview, wie wir uns beruhigen, das Positive in uns stärken und wie Achtsamkeit und Meditation dabei helfen können.

Das Gespräch führte Birgit Stratmann

Frage: In Ihren Büchern erklären Sie, dass unser Gehirn bestimmte Überlebensstrategien anwendet: sich selbst als von der Umwelt getrennt betrachten, Stabilität schaffen, wo keine ist, Gefahren vermeiden. Wie stark sind wir als menschliche Wesen von der Evolution beeinflusst?

Hanson: Ich stellte mir die Frage: Was läuft natürlicherweise im Gehirn eines Buddha ab? Ein Buddha verfügt über ein Stammhirn, einen Kortex und einen Subkortex. Ein Buddha hat ein Reptilien-, ein Säugetier- und ein Primatengehirn. Ein Buddha hat das Bedürfnis, Schaden zu vermeiden, positiv verstärkend zu handeln und sich mit anderen zu verbinden. Ein Buddha erlebt angenehme, unangenehme und neutrale Gefühle, und auch Gefühle, die direkt vom Herzen kommen, Gefühle der Verbundenheit.

Was hat das mit uns zu tun?

Hanson: Es gibt im Wesentlichen zwei Zustände: Wohlwollend und Abwehr. Sind wir im friedlichen Modus, ausgeglichen und entspannt, bezeichne ich das als Zustand von „grün“. Sind wir jedoch gestresst, unzufrieden und haben das Gefühl, dass uns etwas fehlt, so führt dies zu Ablehnung, Greifen oder Anhaften (entsprechend unserer Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Glücklichsein und Verbundenheit). Das daraus resultierende Verlangen bringt Leiden und Schaden mit sich und versetzt unser Gehirn eine Art Alarmzustand, den ich den „roten Zustand“ nenne.

Das Gehirn eines Buddhas ist immer auf grün geschaltet. Ich glaube, das macht das Gehirn eines Heiligen, egal welcher Religion, aus. Es liebt die Farbe Grün. Wenn wir in unserer Meditation voranschreiten, tauchen wir immer tiefer in das Grün ein. Die grünen Momente werden häufiger. Wir sind freier. Nach wie vor haben wir Herausforderungen zu meistern, z.B. bedrohliche Situationen, Verluste, Trennungen, aber wir bleiben grün im Hinblick darauf, wie wir mit solchen Problemen umgehen.

Es gibt ein helles Grün und ein sattes, kräftiges Dunkelgrün. Selbst wenn wir uns im Grunde sicher, erfüllt und verbunden fühlen, sorgt das Gehirn ständig dafür, dass wir Täuschungen unterliegen, hin und wieder beunruhigt sind, Angst haben, etwas zu verpassen oder zu verlieren; so wird die Motivation zum Überleben aufrecht erhalten. Hier handelt es sich um eine gut gemeinte Lüge der Mutter Natur. Es ist eine Täuschung, die uns am Leben erhält. Dann gibt es aber noch den Zustand von Dunkelgrün, in dem wir weder Ängste, Enttäuschungen noch Trennungsgefühle verspüren.

„Ein Höhlenmensch würde in unserer Gesellschaft verrückt“

Und es ist immer noch ein menschliches Gehirn?

Hanson: Ja, das menschliche Gehirn ist dafür geschaffen, grün zu sein, tief grün! Das ist der natürliche Zustand, in dem wir die meiste Zeit verbringen. Das moderne Leben jedoch, auch wenn es uns vor unmittelbaren Gefahren, also Dunkelrot schützt, führt dazu, dass wir uns meistens im rosa oder blassroten Bereich aufhalten. Wir sind so geschäftig, wir rennen herum, wir sind ständig unter Druck, die Zeit läuft uns davon, Termine sind einzuhalten, es gibt so viele Dinge, so viele Informationen. Diese Flut von Informationen!

Würden Sie einen Höhlenmenschen in ein gemütliches deutsches Café versetzen, er würde verrückt werden. Zu viele Geräusche, zu viele Menschen, zu viele Eindrücke, das ist so unnatürlich! Aber uns fällt das gar nicht mehr auf, weil wir daran gewöhnt sind. Wir finden es normal, aber dieser rosarote Zustand schadet uns auf Dauer. Und er ist auch unnötig.

Sie glauben also, dass wir uns in unserer Zivilisation viel zu oft im roten Bereich aufhalten, obwohl wir, selbst in diesen modernen Zeiten, grün bleiben könnten?

Hanson: Ja. Das Paradoxe daran ist, dass dieselbe Zivilisation, die uns vor dem dunkelroten Bereich, also vor extremem Stress und Lebensgefahr, schützt, dies teilweise dadurch schafft, dass sie uns dauerhaft einem leichten bis mittelstarken Stress, also dem rosa Bereich, aussetzt. Und deshalb glaube ich, dass wir die Gelegenheit ergreifen sollten, das, was wir über das Gehirn wissen, zu nutzen, unseren natürlichen guten Charakter, unsere guten Absichten dafür zu verwenden, uns vor dieser extrem stressigen Welt zu schützen.

Ein Beispiel: Vor einigen Jahren war es in den USA so, dass auf den Flughäfen alle paar Minuten eine Lautsprecherdurchsage kam: „Gefahrenstufe Gelb, Gefahrenstufe Gelb.” Gelb kommt direkt vor Rot. Für die meisten Flüge galt aber die Gefahrenstufe Grün. Es gab also keinerlei Risiko. Dennoch wurde alle paar Minuten gesagt: „Du musst Angst haben, du musst Angst haben.“

Ich denke, es ist wichtig, das, was wir über das Gehirn wissen, dafür einzusetzen, den armen kleinen Tieren in uns, der kleinen Echse, der kleinen Maus, dem kleinen Affen, immer wieder dabei zu helfen, auf Grün zu schalten, wenn wir zum Beispiel in Städten unterwegs sind mit all diesen Geräuschen, der ganzen Betriebsamkeit. Und wenn man das tut, trainiert man die kleinen Tiere, und es wird immer schwieriger, ihnen Angst zu machen oder sie im Hinblick auf ihre drei Grundbedürfnisse abzuweisen oder zu enttäuschen.

Innere Arbeit ist wie ein Feld bestellen

Neurowissenschaftler sprechen von Neuroplastizität, aber offensichtlich sind ihre Erkenntnisse noch nicht im alltäglichen Leben angekommen. Warum ist es so schwierig, sich zu verändern?

Hanson: Zunächst erfordert jeder Lernprozess eine Veränderung im Gehirn, auch ein negativer. Jede Reaktion auf ein Trauma oder auf Stress verändert etwas im Gehirn. In den USA und im Westen insgesamt wächst zwar das Interesse und die Akzeptanz in Bezug auf allgemeine psychologische Methoden, sei es am Arbeitsplatz um besser mit Stress umzugehen, sei es um Schulkindern zu helfen, selbstbewusster zu werden oder sich besser gegen Mobbing zu wehren, oder in der Psychotherapie, um Menschen zu helfen, weniger Ängste zu haben. So kann man also ein immer größeres Interesse daran beobachten, mit Hilfe mentaler Methoden das Denken und somit das Gehirn zu verändern.

Wir stehen aber erst am Anfang einer Entwicklung, in der solche psychologischen Methoden mit Hilfe der Erforschung neurologischer Prozesse immer bekannter und immer weiter verbessert werden. Zum Beispiel werden diese neuen Erkenntnisse teilweise bereits in der Traumatherapie, gegen Depressionen oder bei ADHS eingesetzt. Das 21. Jahrhundert bietet uns also fantastische Möglichkeiten, unser neues Wissen über das Gehirn dafür einzusetzen, mentale Methoden zu entdecken, die zu Wohlbefinden, Glück und Gesundheit führen.

Es scheint aber einen inneren Widerstand gegen Veränderungen zu geben. Geht Ihnen das selbst manchmal auch so?

Hanson: Unser Gehirn muss die Balance halten zwischen Flexibilität und Starrheit. Hätten wir ein Gehirn, das sich ganz einfach verändern ließe, ohne Widerstände, würde es alles Gelernte sofort wieder vergessen. Nicht jede Veränderung ist eine Veränderung zum Guten.

Was mich selbst betrifft: Natürlich habe ich immer noch schlechte Angewohnheiten. Es gibt nach wie vor Dinge, die ich anstrebe, die aber nicht gut für mich sind. Ich reagiere manchmal negativ, sträube mich dagegen, Sport zu treiben oder Ähnliches. Deshalb habe ich eine Übung entwickelt, die ich nenne: sich das Gute angewöhnen. Der Kern ist, dass wir lernen, das anzustreben, was gut für uns ist. Oft wissen wir, was gut ist, wollen es aber einfach nicht tun.

Gibt es Grenzen bei der persönlichen Veränderung? Gibt es Menschen, für die die Methoden, die Sie lehren, nicht geeignet sind oder Menschen, für die Meditieren sogar gefährlich ist?

Hanson: Veränderungen, die man in einem gesunden Gehirn erreichen kann, sind immer geringfügig. Man bleibt weiterhin die gleiche Person. Ich bin eher introvertiert, ein Intellektueller, ich bin ein spielerischer Typ, bin gerne in der Natur. Das wird sich nicht ändern. Aber ein Mensch kann weniger ängstlich werden oder geduldiger, liebevoller, glücklicher. Solche Veränderungen sind möglich.

Und solche Veränderungen wirken sich auf unser Wohlbefinden aus, so dass wir eine grundlegende Zufriedenheit entwickeln, ein gutes Gespür dafür, wie man in dieser Welt frei und mit sich selbst in Einklang leben kann. Das ist für jeden möglich, der an sich selbst arbeitet.

Seit ich unterrichte und als Therapeut arbeite, bin ich ein netterer Mensch geworden, aber es hat mich auch härter gemacht. Ich habe festgestellt, dass die Entwicklung eines guten Gehirns vergleichbar ist mit der Arbeit, die man bei der Bestellung eines Maisfelds, dem Aufbau eines gut laufenden Geschäfts oder einer erfolgreichen Firma leistet. Es ist viel Arbeit erforderlich. Ohne Arbeit kein Erfolg. Das sind zugleich gute aber auch ernüchternde Neuigkeiten.

Meditation ist ein natürlicher Vorgang

Wir möchten glücklich sein, aber nichts dafür tun.

Hanson: Das trifft oft zu. Leute stecken viel Energie in Dinge, die sie eigentlich für unwichtig halten. Wenn es aber um Wichtiges geht wie glücklicher zu werden, ein besserer Ehepartner, Mutter oder Vater, dann strengen sie sich nicht an.

Sie sagen aber auch, dass wir unsere mentale Disposition akzeptieren müssen, dass wir unsere Person nicht gänzlich umstrukturieren können. Ein ängstlicher Mensch kann nicht zu einem mutigen werden, ein Choleriker nicht zu einer sanftmütigen Person.

Hanson: Doch, in den Bereichen, die sie gerade nannten, kann man große Veränderungen erreichen. Die grundlegende Persönlichkeit wird sich zwar nicht ändern, aber ein Mensch, der oft ängstlich ist, kann lernen, immer seltener in diesen Zustand zu geraten. Bei einem Mensch mit eher hitzigem Temperament kann die Wut aufhören, aber die Fähigkeit, sehr schnell in Aufregung zu geraten, bleibt bestehen, und das ist gut so! Wir bewahren das Gute und filtern Schritt für Schritt das Schlechte heraus.

Sie unterrichten Meditation. Kann jeder meditieren? Was sind die Voraussetzungen?

Hanson: Zunächst einmal: Was ist Meditation überhaupt? Eine einfache Bedeutung ist die Fähigkeit, Moment für Moment präsent zu sein mit unseren Erfahrungen, wenigstens ein paar Minuten lang. Das könnte man Meditation nennen – mit oder ohne einen göttlichen oder transzendentalen Bezug. Manche beziehen sich bei der Meditation auf Gott, das wäre so etwas wie Beten. Viele Menschen meditieren ohne einen solchen Bezug.

Wer kann meditieren? Wenn man geistig behindert ist, betrunken, psychotisch oder wenn das Gehirn beschädigt ist, ist es schwierig zu meditieren, manchmal auch gar nicht möglich.

Mit einem normalen Gehirn aber kann man meditieren – wenn man es möchte. Ich sage den Leuten: Meditiert eine Minute oder länger pro Tag vor dem Schlafen gehen, selbst wenn es das letzte ist, was ihr an dem Tag macht. Setzt euch aufrecht hin, nehmt euren Körper bewusst wahr, eure Gefühle, lasst den Geist entspannen und zur Ruhe kommen, eine Minute lang.

Braucht man eine bestimmte Tradition, um zu meditieren? Braucht man einen Lehrer? Kann man es aus Büchern lernen?

Hanson: Man kann es aus Büchern lernen. Heutzutage geht man auf YouTube und hört sich einen Vortrag von Matthieu Ricard über Meditation an. Für Christen gibt es z.B. Bücher von Father Thomas Keating wie Meditation Is Natural. Für die Hälfte eines Atemzugs ganz präsent sein bei diesem Teil des Atemzugs. Bei einmal Ein- und Ausatmen ist das ganz natürlich. Die Kunst ist, das zehn Atemzüge lang zu schaffen. Und dann zehnmal zehn hintereinander, und das jeden Tag.

Aber man braucht vielleicht Hilfe, weil Fragen aufkommen.

Hanson: Ja! Manche Leute sind Naturtalente wie Mozart, er konnte einfach Klavierspielen. Aber auch Mozart hatte Unterricht. Und die meisten von uns sind kein Mozart – wir brauchen viel Übung. Wenn man gut werden möchte beim Meditieren, so wie man lernen will, gut zu kochen oder Golf zu spielen, sollte man sich mit Leuten unterhalten, die schon lange meditieren und es gut können und dann von ihnen lernen. Auch sollte man verschiedene Methoden ausprobieren.

Aber ich möchte auch betonen, dass Meditation etwas Natürliches ist, nichts Exotisches. Finden Sie heraus, welche Methode für Sie geeignet ist. Wenn beim Meditieren Langeweile aufkommt, gehen Sie dabei spazieren. Oder meditieren Sie über etwas, das sie mehr anspricht wie z.B. die Liebe zu anderen Menschen oder einfach eine schöne Erinnerung. Suchen Sie sich etwas, das Sie irgendwie ruhig macht, die Erinnerung an ein schönes Erlebnis wie zum Beispiel der Strandurlaub mit ihren Eltern als Sie, Ihre Mutter und Ihr Vater alle glücklich waren, und nehmen Sie einfach einen solchen Augenblick für die Meditation.

Wäre es möglich, Kindern das Meditieren beizubringen, auch weil es hier so viel Potenzial gibt…?

Hanson: Den Leuten wird oft gesagt: Zwingt die Kinder nicht dazu, lasst sie von selbst darauf kommen, und vor allem, arbeitet an eurer eigenen Praxis, weil Kinder beobachten und nachahmen. Ich glaube aber, dass es gut ist, Kindern die Wertschätzung eines einfachen Moments der Kontemplation zu vermitteln, gerade in unserer so geschäftigen, unnatürlichen Zeit. Unser Leben ist unnatürlich, und Meditation ist unser natürlicher Zustand.

Denken Sie daran, wie unsere Vorfahren lebten. Die meiste Zeit verbrachten sie mit ruhigem Dasitzen, sie schauten sich Bäume an, weil sie nichts zu tun hatten. Kein Essen zu besorgen, kein Job, keine E-Mails beantworten, sie mussten nicht Auto fahren, sie gingen nicht zum Supermarkt. Sie saßen einfach beisammen oder sie redeten und schwiegen ein paar Minuten, dann redeten sie wieder. Das ist natürlich.

Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Marx

 

Hanson_Rick-webRick Hanson ist ein amerikanischer Neuropsychologe. Gründer des Wellspring Institute for Neuroscience and Kontemplative Wisdom und Mitglied im Vorstand des Greater Good Science Center an der Universität von Berkeley.

Er ist ein Experte für Meditation im säkularen Kontext und unterrichtet Übungen, die die Neuroplastizität fördern. Autor mehrerer Bestseller. Hier geht es zu seiner Website

 

 

Seine Bücher:

Selbstgesteuerte Neuroplastizität: Der achtsame Weg, das Gehirn zu verändern

Das Gehirn eines Buddha: Die angewandte Neurowissenschaft von Glück, Liebe und Weisheit

Denken wie ein Buddha: Gelassenheit und innere Stärke durch Achtsamkeit – Wie wir unser Gehirn positiv verändern

Just 1 Thing: So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha

 

 

 

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