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„Wir brauchen Jugendliche, um echte Lösungen zu entwickeln“

Rawpixel/ shutterstock
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Interview über Bildung für nachhaltige Entwicklung

Bildung zu transformieren, ist überlebenswichtig für die Erde, ist Thomas Hohn von Greenpeace überzeugt. Dabei setzt er auf Bildung für nachhaltige Entwicklung, um mehr ins Handeln zu kommen. Ein Interview über neue Ansätze in der Bildung und die Potenziale junger Menschen.

Das Interview führte Maria Köpf

Frage: Thomas Hohn, Sie sind Campaigner für das Thema Bildung für Nachhaltige Entwicklung bei Greenpeace – was treibt junge Menschen um, die Sie erreichen möchten?

Hohn: Viele junge Menschen engagieren sich – unter anderem auchbei Greenpeace -, weil sie Hoffnung haben. Und wenn sie Hoffnung haben, wollen sie handeln. Kinder haben sehr wohl verstanden, dass sie die Welt nicht retten können, indem sie mal das Licht ausschalten.

Junge Menschen wissen etwa, dass die Rohstoffe in Handys die Ungerechtigkeit von Menschen in anderen Weltteilen befördert. Wenn es aber um Lieferketten geht, merken sie: Dafür gibt es ja ein Gesetz und Leitlinien. Sie können sich dann an die Politik wenden: „Was machen Sie eigentlich, damit die Gesetze eingehalten werden?“ Werden junge Menschen politisch aktiv, lernen sie Demokratie kennen und erfahren Selbstwirksamkeit.

Die Unesco tritt mit der Berliner Erklärung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung 2030 (BNE) für einen Kulturwandel in der Bildung ein. Hier geht es um nichts Geringers als unser Überleben. Menschen sollen befähigt werden, sich für ihre Themen zu engagieren. Das ist ein deutlich politischerer Bildungsansatz als zuvor.

Bildung für nachhaltige Entwicklung befähigt, ins Handeln zu kommen.

Warum ist Bildung für nachhaltige Entwicklung so wichtig für Greenpeace?

Hohn: Bildung jetzt zu transformieren, ist überlebenswichtig für unseren Planeten. Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher. Plastik zu trennen und einmal im Jahr Projekttage an Schulen zu veranstalten ist gut, aber reicht bei Weitem nicht aus.

Die Haltung ist ganz entscheidend: Nur mit einem kooperativen, lösungsorientierten und empathischen Miteinander können wir Gesellschaften zukunftsfähig machen und die Erde bewahren. Genau das hat die UNESCO in ihrer Berlin Deklaration im Mai 2021 formuliert.

Ist nachhaltigeres Handeln eigentlich privilegierten Kindern vorbehalten, weil ärmere Kinder zum Beispiel nicht beeinflussen können, wie ihre Familien einkaufen?

Hohn: Beim Handeln im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung liegt die Betonung auf dem Handeln. Hier zeigen Studien, dass der Bildungshintergrund keine so große Rolle spielt.

Foto: Bernd Lauter / Greenpeace

Ein gutes Beispiel ist ein Schenkraum am Lernort oder in der Kommune. Hier bringen Menschen Kleidung, Bücher und Porzellangeschirr hin, damit andere diese Güter kostenlos mitnehmen können. Ein solcher Tauschkreislauf ist sehr nachhaltig. Zudem entsteht ein gemeinsamer Sozialraum und eine ökologischere Form des Wirtschaftens.

Sicher sind privilegierte Menschen diejenigen, die am meisten Treibhausgase emittieren und somit auch eine höhere Verantwortung haben. Und natürlich müssen wir auch verzichten und anders leben. Aber neue Formen des Zusammenlebens könnten ja nicht nur sinnvoller, sondern auch zufriedener und glücklicher machen.. Die Vereinten Nationen wollten mit ihrer Deklaration bewirken, dass wir stärker hinterfragen: „Wie wollen wir leben?“

Wie könnte das BNE-Konzept trotz Wirtschaftskrise, Kriegen und Migrationsbewegungen stärker in den Vordergrund rücken?

Hohn: Ich denke, dass gerade BNE die Lösung für den Bildungsbereich wäre, denn sie hilft, ins Handeln zu kommen, stärkt Resilienz und das demokratische und friedliche Miteinander an. Ich durfte kürzlich an einem Videocall teilnehmen, bei dem sich Schüler*innen aus Deutschland und der Ukraine ausgetauscht haben. Dabei wurde deutlich, dass von den Erfahrungen aus Krisengebieten gelernt werden kann. Die Ukrainer*innen sagten sinngemäß: „Wenn ihr wollt, wir wieder Frieden in Europa haben, werdet politisch aktiv.“

Wir müssen Curricula, Aus-, Fort- und Weiterbildungen und auch die Prüfungen ändern.

Die nächste Frage schließt gleich an: Sollen es nun die Kinder richten, wenn es die Erwachsenen nicht schaffen?

Hohn: Keineswegs, es geht vielmehr um einen Generationenvertrag. Es geht nur gemeinsam. Da sind alle Generationen gefragt und alle sollen ins Handeln kommen.

Wäre denn die Vorbildfunktion der Erwachsenen nicht wichtiger als ein neues Currulum?

Hohn: Wir brauchen beides. Menschen lernen dadurch, dass vorgelebt wird. Gleichzeitig ist klar, dass wir ohne strukturelle Veränderungen nicht weiter kommen. Mit einer Projektwoche ändert sich vielleichteine Woche etwas, aber nicht grundsätzlich. Deshalb hört man auch von den Vereinten Nationen, dass wir vom Projekt zur Struktur kommen müssen. Wir müssen Curricula, Aus-, Fort- und Weiterbildungen und auch die Prüfungen ändern. Und es ist essentiell, dass junge Menschen sowie alle im Bildungsengagement beteiligt werden.

Und dann ist die Vorbildhaltung der Erwachsenen möglicherweise nicht mehr so relevant.

Hohn: Doch, die Erwachsenen haben die Verantwortung, diese strukturellen Veränderungen vorzuleben. Aber nur vorleben reicht nicht. Dann lebe ich zu Hause etwas vor und die Kinder kommen in die Mensa und sehen überall Plastik und Fastfood, abgesehen davon, dass dies nicht mit dem zusammenpasst, was gerade im Chemieunterricht darüber gelehrt wurde, wie schädlich Plastik für die Weltmeere und die Ernährungskreisläufe ist. Deswegen zählt hier der ganzheitliche Ansatz, der sogenannte„Whole-Institution-Approach“, also kein entweder-oder, sondern beides muss verankert werden.. Veränderungen müssen vorgelebt werden und sich in Strukturen wiederfinden.

Wer in den Schulen ist grundsätzlich dafür qualifiziert, BNE zu unterrichten?

Hohn: Die pädagogischen Fachkräfte sind das A und O, deswegen müssen sie in ihrer Ausbildung auch auf die Herausforderungen vorbereitet werden. Sehr hilfreich sind zudem die außerschulischen Partner. Deswegen ist eine der Kernforderung von BNE, dass Schule sich für gesellschaftliche Expertise öffnet. Wenn jemand von Amnesty International in die Klassen kommt und über Menschenrechte spricht, ist dies authentisch. Wenn jemand von Ärzte ohne Grenzen erzählt, was sie erlebt hat, kann dies eine ganz andere Wirkung als im normalen Politikunterricht entfalten.

Und wie vermeidet man dann Einseitigkeit?

Hohn: Politische Bildung bedeutet, Vielfalt und Kontroversen darzustellen und nicht bloß neutral zu vermitteln. Kontroversität sehe ich als einen Bildungsauftrag.

Greenpeace hält sich an diesen Leitfaden der politischen Bildung, stellt verschiedene Standpunkte vor, welche Lösungen es gibt und regt Diskussionen an. Beispielsweise arbeiten wir auch mit Rollenspielen. Hier stellen wir zum Beispiel die UNO-Versammlung nach. Die einen sitzen in der Südsee und ihre Inseln gehen unter, und die anderen in den USA oder Deutschland. Hier merken Schülerinnen und Schüler, dass internationale Politik gar nicht so einfach ist. Dass es schwierig und langwierig, jedoch möglich ist, eine Lösung zu finden, die allen Menschen eine Zukunft ermöglicht.

Wir sollten die planetaren Grenzen als Kriterium für Nachhaltige Entwicklung nehmen.

Hier geht es im Kern auch um die Frage, wer Nachhaltigkeit definiert.

Hohn: Wir sprechen lieber von Nachhaltiger Entwicklung – weil Nachhaltigkeit stets ein komplexer und in Entwicklung befindlicher Prozess ist. Leitlinie für das Handeln im Rahmen für BNE sind die Papiere der UNESCO, im Kern geht es um die SDG, also Sustainable Developement Goals, und die Frage, wie wir die planetaren Grenzen einhalten können.

Und wie kann das geschehen?

Hohn: Der Begriff der planetaren Grenzen ist essentiell. Hier gibt es keine Kompromisse, wenn es um die Frage geht, wie wir das Leben und Überleben auf dem Planeten erhalten können.

Nehmen wir nur das Beispiel Umsatzeinbußen: Da könnte ein Unternehmen sagen: Wenn ich nicht so viel Umsatz machen kann, schadet es dem Geschäft, ich setze Ökonomie vor Ökologie und weiche dadurch einen starken Nachhaltigkeitsbegriff auf. Nimmt man jedoch die planetaren Grenzen als Leitbild, ist klar, so funktioniert dies nicht!

Selbst bei den SDGs sehen wir Widersprüchlichkeiten. Hier ist auf der einen Seite Wirtschaftswachstum als ein Ziel definiert. Man hätte auch Kreislaufwirtschaft als Ziel verankern können. Auf der anderen Seite wurden die Klimakrise, Bildung und soziale Gerechtigkeit sehr präzise definiert. Wir sind immer dann auf einem guten Weg, wenn man die planetaren Grenzen als Orientierung für Nachhaltigkeit nimmt.

Wenn man sich Greta Thunbergs Errungenschaften so anschaut, so erscheinen junge Menschen manchmal kompetenter als Erwachsene.

Hohn: Ich bin der festen Überzeugung, dass es gut ist, junge Menschen mehr zu beteiligen, weil sie wichtige Ideen aus ihrer Betroffenheit heraus einbringen. Wir brauchen Jugendliche, um echte Lösungen entwickeln zu können. Tatsächlich haben wir bei Greenpeace mit dem Bündnis ZukunftsBildung gemeinsam mit vielen Akteuren die erste Beteiligung von Jugendlichen auf bundespolitischer Ebene mit Stimmrecht durchgesetzt.

Heute, fünf Jahre später, drückt das Bildungsministerium aus, dass ohne die Jugendbeteiligung etwas Wesentliches gefehlt hätte. Bei Greenpeace versuchen wir, junge Menschen in allen zu beteiligen, etwa wenn wir neue Augmented-Reality-Anwendungen testen oder ein neues Strategiepapier entwickeln. Ich lerne als Campaigner unglaublich viel von der nächsten Generation: Sie korrigieren meine Sichtweisen, lösen meine Pfadabhängigkeiten auf, bringen neue Impulse ein. Es ist immer ein Bereicherung in beide Richtungen.

Schade, dass es noch keine BNE-Schule gibt!

Hohn: Die gibt es sogar bereits. Neben einigen BNE-zertifizierte Schulen gibt es solche, die stark in diese Richtungen gehen, wie die Unesco-Projektschulen oder die Bewegung „Schule im Aufbruch“. Doch das sind eher Leuchtturmschulen. Durch Leuchttürme wird es nicht überall hell!

Es braucht eine Politik für die Rahmenbedingungen, eine Verwaltung, die verstanden hat, worum es geht, sowie Entscheidungstragende, die am Prozess beteiligt sind. Wenn die Schulleitung eine Neuerung nicht will, kann die Schule machen, was sie will – es geht nicht. Nur im Miteinander kann Transformation gelingen.

Thomas Hohn arbeitet seit 2015 als Kampaigner bei Greenpeace für den Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung an Schulen. Er koordiniert für Greenpeace das Team “BündnisZukunftsBildung”, eine Allianz aus Greenpeace und anderen NGOs.

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