Lisa S./ shutterstock.com
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Wir brauchen soziale Gerechtigkeit

Standpunkt des Unternehmers Ernst Holzmann

Laut Oxfam besitzen die acht reichsten Menschen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Der Unternehmer Ernst Holzmann fordert soziale Gerechtigkeit, um den sozialen Frieden zu sichern. Ein Mindestlohn von 10 Euro sei ein guter Anfang.

 

 

Persönliche Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit stehen Studien (1) zufolge bei den Menschen in Deutschland ganz oben auf der Prioritätenliste. Was aber ist gerecht? Und wie ist es um die soziale Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft bestellt?

Was würden zum Beispiel die ca. 8 Millionen Menschen (2) sagen, die auf Arbeitslosengeld oder auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind? Oder die knapp 6 Millionen der über 55-Jährigen, denen Altersarmut (3) droht. Welche Antwort würden wir von weiteren rund 3 Millionen Menschen bekommen, die im Niedriglohn-Sektor (4) arbeiten und maximal 1.100 Euro im Monat zum Leben haben? Die Zig-Tausenden von den Selbstständigen noch gar nicht eingerechnet, die bei der Umrechnung ihres Einkommens in Stundenlohn ebenfalls in den Niedrig-Lohn-Sektor fallen dürften. Gar nicht zu reden von den knapp 1 Million Beschäftigten (5) die auf Basis Zeitarbeitsverträgen angestellt sind.

Würden wir die Frage nach sozialer Gerechtigkeit mit Arbeitgebern diskutieren, wären die Antworten höchstwahrscheinlich ganz anders, speziell bei Personalverantwortlichen in den Branchen Industrie, Handel, Bau, Handwerk und Gesundheit. Hier brummt das Geschäft, die Gewinne sorgen für Rekord-Ausschüttungen an Aktionäre und für üppig sprudelnde Steuereinnahmen.

Digitalisierung kostet Jobs

Unsere Gesellschaft steht vor einem fundamentalen Wandel, der womöglich größer ist als die Veränderungen im Zuge der Industriellen Revolution. Die Digitalisierung lässt zwar ganze Branchen und damit auch neue Arbeitsplätze entstehen, wird auf der anderen Seite aber gerade „einfache“ Tätigkeiten immer weiter ersetzen. Zum Beispiel durch den Online-Handel und durch Roboter.

Zu dieser Entwicklung gibt es unterschiedliche Annahmen und Szenarien, etwa dass bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet sein könnten (6). Dies wären auf Basis der aktuellen Zahlen weitere 20 Millionen Menschen, zu deren Absicherung unser heutiger Sozialstaat mit den aktuell vorhandenen Möglichkeiten nicht mehr in der Lage wäre. 

Viele ausgebildete Facharbeiter erhalten 3.000 Euro im Monat. Damit etwa genauso viel, wie ein ehemaliges Vorstandsmitglied eines Automobilkonzerns als Rente am Tag. Es werden öffentliche Diskussionen darüber geführt, ob Gehälter von Top-Managern erst bei 10 Millionen im Jahr „gedeckelt“ werden sollen, oder schon ab 5 Millionen.

Ist es da ein Wunder, dass sich der normale Bürger fragt, in welcher Welt er eigentlich lebt? Ob es vielleicht eine Parallelwelt gibt, für die er keine Eintrittskarte bekommen kann? Und ob nicht die Menschen in dieser Welt nur deswegen so leben können, weil das Paradies auf Kosten des „kleinen Mannes“ betrieben wird?

Kommen dann noch besondere Ereignisse wie die Zuwanderung von Flüchtlingen hinzu, dann läuft das Fass über. Die Existenzangst wird durch die Sorge um bezahlbaren Wohnraum und körperliche Sicherheit verstärkt. Für Populisten ist es dann leicht, diese Angst für ihre politischen Zwecke zu missbrauchen.

Sie rufen „America, England oder Deutschland First“ und versprechen Arbeitsplätze und Wohlstand für jeden. Nur leider wird sich die Kluft zwischen Arm und Reich, wie die Entwicklungsorganisation Oxfam im Januar 2017 mit neuen Zahlen belegte, mit keinem dieser Vorschläge nur um einen Millimeter schließen (7).

Anständiger Lohn für anständige Arbeit

Eine Hundertprozentige Gerechtigkeit wird es nicht geben können, schon allein deshalb, weil der Blickwinkel und die Erwartungshaltung der Menschen einfach zu unterschiedlich sind. Die Vorstellungen, was gerecht ist, variieren. Aber wir können durchaus Auswüchse der Ungerechtigkeit beenden und mehr zur Einebnung der Kluft zwischen Arm und Reich beitragen.

Ein Anfang wäre, die Einkommen speziell für die Menschen anzupassen, die schon jetzt am Existenz-Minimum leben. Zum Beispiel durch ein gerechteres Steuersystem, welches nicht gleich jede Lohn-/Gehaltserhöhung „wegfrisst“. Auch eine spürbare Anhebung der Löhne und Gehälter ist eine gute Option: deutlich über der aktuellen Preissteigerungsrate, im Mindestlohn-Sektor auf mindestens 10 Euro pro Stunde.

Mit dieser Steigerung hätten die betroffenen Menschen nicht nur ein paar Hundert Euro mehr im Monat zur Verfügung. Es würde auch ein positiver Effekt bezüglich drohender Altersarmut entstehen, da jede Lohnsteigerung gleichzeitig eine erhöhte Einzahlung in die persönliche Rentenkasse mit sich bringt.

Und warum gibt es eigentlich so wenig Anerkennung (auch finanzielle) für die Millionen von Menschen, die sich im Ehrenamt in unserer Gesellschaft engagieren? Auch hier könnte eine deutliche Verbesserung  der entsprechenden Regelungen (Steuerfreie Pauschalen, etc.) nicht nur für mehr Gerechtigkeit sorgen, sondern auch für mehr Engagement in Vereinen oder karitativen Organisationen. Dies dringend notwendig.

Bei diesem Diskurs kommen wir am Thema Bedingungsloses Grundeinkommen nicht vorbei, auch wenn wir die Digitale Revolution berücksichtigen. Wollen wir unsere Gesellschaft weiter zusammenhalten und nicht weiter spalten, ist es für diese Vision höchste Zeit. Ob wir ein „Grundeinkommen“ in Höhe von knapp 600 Euro ansetzen, wie zum Beispiel im Testlauf in Finnland (8), oder mehr, können kluge Menschen noch im Detail berechnen. Jetzt liegt es an der Politik, dafür die richtigen Weichen zu stellen, um dem Zug nicht hinterherzulaufen, sondern im Führerhaus zu sitzen.

Gründe für die aktuell herrschende Unzufriedenheit von Menschen mit der sozialen Ungerechtigkeit gibt es genug. Aber auch genügend Möglichkeiten, diese Gerechtigkeitslücke zu schließen. Dabei sind alle Beteiligten aufgefordert mitzuarbeiten. Der mündige Bürger über seine Wahlstimme und politisches Engagement, Arbeitgeber und Arbeitnehmer in den entsprechenden Tarif-Verhandlungen und ganz besonders die Politik beim Schaffen entsprechender Rahmenbedingungen.

Wir können entscheiden, in welchem Land wir zukünftig leben wollen: in einem Land, in dem Freiheit, Sicherheit und soziale Gerechtigkeit (wieder) ausgewogen sind? Oder in einem Land, in dem die Marktwirtschaft nicht mehr „sozial“ genannt wird und wir dem „Raubtierkapitalismus“ nach amerikanischer Prägung gänzlich Tür und Tor öffnen. Das hätte die fatale Folge, dass die Menschen sich selber überlassen werden, die wenigen Starken immer stärker werden und die vielen Schwachen keinen mehr interessieren.

Damit würden wir den sozialen Frieden gefährden, der  bisher einer unserer größten Vorteile im globalen Wettbewerb zwischen den unterschiedlichen Volkswirtschaften war. Wir haben die Wahl, was meinen Sie?

Ernst HolzmannErnst Holzmann ist freiberuflicher Dozent und Referent bei Unternehmensveranstaltungen. Dabei verbindet er seine 30-jährige Führungserfahrung in der Wirtschaft mit denen aus seiner zweiten Leidenschaft, dem Fußball. www.ernstholzmann.com

Er betreibt auch einen Blog

 

 

 

 

 

Quellenhinweise

(1) http://www.mill-institut.de/praesenz/publikationen/freiheitsindex-2016/

(2)  2,8 Millionen Arbeitssuchende plus Menschen (1 Million),  die in sogenannten „Massnahmen“ (Weiterbildung, Umschulungen,…) der Bundesagentur für Arbeit sind, plus 4,3 Mio. Menschen, die Grundsicherung/Hartz IV beziehen.

(3)  5,7 Millionen Menschen von Altersarmut bedroht.

(4)  2,9 Millionen Erwerbstätige (Statistik aus 2015) arbeiten auf Basis des sogenannten „Mindestlohn“ (aktuell € 8,84 pro Stunde) beziehungsweis sogar darunter.

(5)  1 Million Personen  in Zeitarbeit

(6) https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article150856398/Droht-mit-Digitalisierung-jedem-zweiten-Job-das-Aus.html

(7) https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2017/01/16/schere-zwischen-arm-und-reich-noch-groesser-als-gedacht/

https://www.oxfam.de/ueber-uns/aktuelles/2017-01-16-8-maenner-besitzen-so-viel-aermere-haelfte-weltbevoelkerung

(8) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/finnland-testet-bedingungsloses-grundeinkommen-von-560-euro-14594377.html

 

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