“Wir müssen den Krieg gewaltfrei beenden”

VILTVART/ shutterstock
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Interview mit pax christi

Gewaltfreie Mittel des Widerstands sind effizient, wir brauchen im Ukraine-Krieg dringend Alternativen zur Waffengewalt, ist Stefan Silber, Pazifist und Mitglied der katholischen Friedensorganisation pax christi, überzeugt. Im Interview fordert er zivilen Widerstand und ein Ende der Waffenlieferungen. Nur eine gewaltlose Politik könne Frieden stiften.

 

Das Interview führte Birgit Stratmann

Frage: Wir erleben gerade den ersten Krieg in Europa seit dem 2. Weltkrieg. Sehen Sie das auch als eine „Zeitenwende“ an, von der in der Politik die Rede ist?

Silber: Ich kann keine Zeitenwende erkennen. Europäische Staaten haben seit dem 2. Weltkrieg immer wieder Kriege geführt, unter anderem in Europa selbst, wie in Jugoslawien. Der Papst spricht seit Jahren davon, dass wir uns mitten in einem Dritten Weltkrieg „Stück für Stück“ befinden. Weltweit gesehen ist das die richtige Wahrnehmung. Der neue Krieg gegen die Ukraine ist da keine Ausnahme, sondern eine Bestätigung dieser These.

Frage: An vielen Orten der Welt gibt es Kriege und Bürgerkriege. Wie war es möglich, dass wir in Europa dachten, Frieden sei ein Selbstgänger und man müsse dafür eigentlich nichts tun?

Silber: Manche in Europa haben das so gedacht. Wer die vielen Kriege weltweit aufmerksam begleitet hat, wusste immer schon, dass Frieden kein Selbstläufer ist, sondern harte „Handarbeit“, wie der Papst sagt.

Das gilt auch für den Frieden in Europa selbst. Nach 1945 und nach 1990 haben unzählige Menschen aus den Friedensbewegungen intensiv daran gearbeitet, dass Begegnung, Versöhnung und Partnerschaft möglich waren.

Frage: Würden Sie sich als Vertreter von pax christi als Pazifist bezeichnen?

Silber: Ja, ich persönlich schon, auch wenn ich weiß, dass viele in pax christi das für sich wohl anders beantworten würden.

Frage: Halten Sie auch jetzt an dem strikten Gebot der Gewaltfreiheit fest? Schließt dieses auch ein, dass man keine Waffen in Kriegsgebiete liefert?

Silber: Ich halte Waffenlieferungen für falsch. Auch in Friedenszeiten engagiere ich mich gegen Waffenhandel, dann erst recht jetzt, wenn diese Waffen zum Einsatz kommen. Konflikte sollen gewaltfrei gelöst werden, das bringen wir so unseren Kindern bei – warum sollen wir es nicht auch von unseren Regierungen fordern?

Zwischen Gewalt und Kapitulation gibt es einen dritten Weg des zivilen Widerstands.

Sind Sie dagegen, dass ein Land, hier die Ukraine, sich mit Waffengewalt verteidigt?

Silber: Es wäre anmaßend, wenn ich das für die Menschen in der Ukraine entscheiden wollte. Ich persönlich halte eine militärische Reaktion für kontraproduktiv. Aber man muss auch andere Formen der Verteidigung kennen und praktizieren können, um Alternativen zur Waffengewalt zu sehen. Dass gewaltfreie Mittel sehr effizient sind, ist noch nicht allgemein bekannt. Aber es gibt Beispiele.

Ich erinnere nur etwa an den gewaltfreien Sturz des Diktators Marcos auf den Philippinen 1986. Auch der Fall der Mauer in Deutschland ist der Erfolg einer gewaltfreie Protestbewegung. Damals hätte das niemand für möglich gehalten, aber die Menschen in der DDR haben das gemacht. Weltweit gibt es viele solcher Erfahrungen, und das bis in die Gegenwart.

Was sagen Sie den Ukrainern, wie erklären Sie Ihre Position?

Silber: Es gibt immer noch Stimmen von Menschen in der Ukraine und in der russischen Föderation, die ebenfalls an gewaltlosen Mitteln zur Beendigung des Krieges festhalten. Deren Position muss gestärkt werden. Das Wichtigste wäre es jetzt, das Sterben und Morden zu beenden. Dazu kann auch ein einseitiger Waffenstillstand helfen. So können Möglichkeiten für Verhandlungen und für den Schutz der Bevölkerung geschaffen werden.

Welche Maßnahmen schlagen Sie stattdessen vor, um etwas gegen den Krieg und das Leiden zu tun?

Silber: Die unkomplizierte Aufnahme geflüchteter Menschen ist ein wichtiger Baustein. Sie sollte nur auch wirklich für alle Menschen gelten, die vor dem Krieg oder vor anderer Gewalt flüchten, sei es aus der Ukraine, sei es aus anderen Ländern der Welt.

Und wir sollten uns aktiver um die Aufnahme von Kriegsdienstverweigerern aus Russland und der Ukraine kümmern. Darüber hinaus gibt es ein ganzes Spektrum von gewaltfreien Maßnahmen und Widerstandstaktiken, mit denen dem Krieg entgegengetreten werden kann, sowohl von Seiten der internationalen Politik wie vor Ort in der Ukraine.

Sind Sie für eine Kapitulation der Ukraine, um weiteres Blutvergießen zu verhindern?

Silber: „Kapitulation“ hört sich immer so dramatisch an. Es gibt ja nicht nur die Alternative zwischen gewaltsamem Widerstand oder Kapitulation. Es gibt ja auch noch den gewaltfreien oder zivilen Widerstand und die Nichtkooperation als dritten Weg.

Meiner Ansicht nach ist der beste Weg der, die Waffen niederzulegen und im Gegner den Menschen zu sehen. Das heißt nicht, dass man sich willenlos ergeben soll. Widerspruch und Widerstand sind auch gewaltfrei möglich. Die militärische Gegengewalt heizt den Konflikt doch nur weiter an.

Jesu hat eine Ethik gelehrt, die die Welt verbessern soll.

Bedeutet nicht Gewaltfreiheit in einer Welt der Gewalt, dass man sich dem Aggressor unterwirft und ihn gewähren lässt?

Silber: Nein. Es gibt ja Mittel der zivilen Verteidigung, deren Effizienz in den letzten Jahrzehnten immer wieder unter Beweis gestellt wurde. Diese Mittel müssten besser bekannt gemacht und trainiert werden.

Gewaltfreiheit bedeutet nicht ja Unterwerfung, sondern kreative Formen des Widerstandes. Davon hat man ja auch schon viel gesehen in der Ukraine. Solche Aktionen müssten noch viel mehr bekannt gemacht und nachgeahmt werden.

Ist die Gewaltlosigkeit eine religiöse Einstellung, die für die Politik in der realen Welt nicht gedacht ist? Sie würde in letzter Konsequenz bedeuten, dass man bereit ist, für diese Idee sein Leben zu geben oder, wenn man politisch verantwortlich ist, auch das Leben von anderen.

Silber: Religiöse Einstellungen sind tatsächlich immer für den Einsatz in der realen Welt gedacht. Jesus hat ja nicht eine Ethik für das stille Kämmerlein gelehrt, die in der Politik nichts hilft, sondern eine Ethik, die die gesamte Welt verändern und verbessern soll.

Übrigens sollen ja auch Soldat:innen bereit sein, für eine Idee – meistens die Idee von jemand anders – ihr Leben zu geben. Wer gewaltfrei handelt, bringt sein Leben in Übereinstimmung mit seinen Überzeugungen. Ich kann darin nichts erkennen, was nicht für die gesamte Gesellschaft empfehlenswert wäre.

Angenommen, Putin oder ein anderer aggressiver Herrscher würde NATO-Territorium angreifen, vielleicht sogar Deutschland: Würden Sie sagen, dass Demokratie und Freiheit zweitrangig sind? Sollte man sich ergeben und dann möglicherweise in einem autokratischen Regime leben?

Silber: Auch Kriege zerstören Demokratie und Freiheit. Insofern kann man hier keinen einfachen Gegensatz aufmachen. Entscheidend ist, dass das Morden und Zerstören, das mit Krieg einhergeht, so schnell wie möglich beendet werden. Auch die Nachkriegstraumata muss man bedenken: Je länger ein Krieg dauert, umso schwerer wird es, Demokratie und Freiheit zu bewahren, selbst wenn man den Aggressor zurückschlagen sollte.

Auch der Feind ist ein geliebtes Geschöpf.

Viele Menschen hierzulande sind schwer erschüttert von dem brutalen Krieg gegen die Ukraine. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Silber: Mich erschüttern seit Jahren die vielen Kriege und anderen Formen der Gewalt in der Welt. Diese Erschütterung ist für mich eine wichtige Motivation, in der Friedensbewegung mitzuarbeiten, mich für internationale Gerechtigkeit und für Ökologie zu engagieren. Im gemeinsamen Engagement von vielen Menschen weltweit für diese Ziele finde ich Kraft und Motivation, mich für eine gerechtere und friedlichere Welt einzusetzen.

Welche Rolle spielt Ihr Glaube – Pax Christi ist eine katholische Friedensorganisation?

Silber: Die Botschaft Jesu ist eindeutig: Er setzt auf Nächsten- und auf Feindesliebe. Auch der so genannte Feind ist ein geliebtes Geschöpf Gottes. In dieser Haltung ist es selbstverständlich, auch im Konflikt nach Lösungen zu suchen, die allen Beteiligten gerecht werden. Und mit „gerecht“ werden meine ich nicht, dass jeder das bekommen kann, was er will – sondern es muss gerechte Lösungen geben, die vor allem den Opfern gerecht werden.

Jesus sagt sinngemäß „Ich bin nicht von dieser Welt“. Ist seine Botschaft vielleicht gar nichts für die Politik, weil sie eher auf die individuelle und persönliche Beziehungen Ebene gerichtet ist? Jesus war ja kein Politiker.

Silber: Jesus sagt ja nicht „Ich bin nicht von dieser Welt“. Im Gegenteil, der christliche Glaube beruht ja darauf, dass Gott ein ganzer Mensch geworden ist, vollkommen von dieser Welt. Im Johannesevangelium heißt es genauer, dass Jesu Herrschaft nicht von dieser Welt ist – hier ist Welt aber in einem Sinn verstanden, der vor allem die unheilvollen Machtstrukturen dieser Welt im Blick hat.

Jesu Herrschaft hat nichts mit Patriarchat, Ausbeutung, Rassismus, Militarismus und Korruption zu tun, wenn man diese Botschaft mal in die Gegenwart übersetzen will. Das ist etwas ganz anderes. Deswegen finde ich, dass Jesu Botschaft heute klare Konsequenzen auch in der Politik finden kann – auch in den Fragen der Gewaltlosigkeit.

Was hilft Ihnen, weiter Mut zu schöpfen und sich für Frieden und Gewaltlosigkeit einzusetzen?

Silber: Paradoxerweise genau die Gewalt und das Morden. Solange das weitergeht, gibt es keine Alternative dazu, gewaltfrei und friedlich für Gewaltfreiheit und Frieden einzutreten.

Foto: privat

PD Dr. Stefan Silber vertritt die Professur für Dogmatik an der Universität Vechta und ist Gastprofessor an mehreren Universitäten in Lateinamerika. Er ist Mitglied von pax christi und erforscht neben der Friedenstheologie auch postkoloniale, ökologische und Befreiungstheologien weltweit. 

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Als gläubiger Christ versuche ich, Jesus nachzufolgen. Stefan Silber sehe ich als ein Bruder auf dem Weg. Seine Einstellungen und Ansichten stimme ich voll und ganz zu.

Stoppt den Krieg in der Ukraine! Sofort. In dieser Erklärung des Päpstlichen Missionswerkes der Frauen heißt es: “Der Krieg in der Ukraine führt zu mehr aggressivem Nationalismus und Militarisierung. Waffen sind jedoch keine Lösung. Denn so Vitali Klitschko, der Bürgermeister von Kiew: ,Bomben gewinnen keine Kriege, sondern Wille und Geist.'” Diese Aussage erinnert an Jesus. Er hat uns keine fertigen Lösungen hinterlassen, doch viele Begegnungen, die uns zum Nachdenken und Andershandeln auffordern.
Ich begrüße es, dass das Netzwerk Ethik Heute die Meinung von Stefan Silber publiziert hat. Natürlich wird es nie ein Welt ohne Kriege geben, jedoch dürfen diese nicht durch militärische Einsätze gelöst werden. Verhandlungen auf Augenhöhe, Demilitarisierung, faire Wirtschaftsbeziehungen, interkulturelle Begegnungen & permanente Selbstüberprüfung sind im 21. Jahrhundert gefragter denn je. Jeder und jede kann zum Frieden in der Welt beitragen. Heute noch. Elisabeth Steffens, Lateinamerikanistin, Aachen, Deutschland.