verantwortung übernehmen

„Wir müssen uns auf andere verlassen können“

Im Spannungsfeld zwischen Lustprinzip und verbindlichen Regeln

Wir brauchen heute umso mehr Gesetze, als die Verbindlichkeit im Zwischenmenschlichen abgenommen hat.

Wenn ich Verantwortung übernehme, kann ich das tun, indem ich mich bereit erkläre, eine Aufgabe zu übernehmen. Indem ich mich ausdrücklich dazu bekenne. Oder ich kann einfach so Verantwortung übernehmen und niemanden etwas davon wissen lassen. Es gibt Menschen, die tragen stillschweigend Verantwortung, indem sie sich um alte oder kranke Menschen kümmern. Ohne zuvor alle Nachbarn und Kollegen zu informieren, handeln sie einfach. Für sie besteht ein wesentlicher Aspekt ihres Engagements darin, sich selbst nicht in den Vordergrund zu stellen.

Das Handeln ohne Selbstvermarktung, ohne Marketing, das einzig auf sein Anliegen bezogene Handeln hat eine ganz eigene Qualität, von der wir heute offenbar erst wieder überzeugt werden müssen. Wer sich einem anderen Menschen auf diese selbstlose Weise hingibt, wird keine „Seht-einmal-her!“-Beiträge und „Selfies“ auf Facebook posten. Einige unserer Zeitgenossen können sich das schon gar nicht mehr vorstellen.

Verbindliches Handeln motiviert

Es gibt aber noch eine andere Variante, Verantwortung zu übernehmen, die vordergründig das Gegenteil von dieser stillen selbst-losen Ausübung zu sein scheint, in der Sache aber auf das Gleiche zielt: Indem ich mich öffentlich zu einer Angelegenheit bekenne und etwa einen Beitrag für andere leiste, lege ich mich selbst öffentlich fest. Ich gebe meinem Handeln eine Verbindlichkeit, auf die sich andere gegebenenfalls berufen können. Und ich bin ein Beispiel für andere. Eine solche Erklärung kann mehrere Aspekte in sich tragen. Mir kommt es aber jetzt auf den Aspekt der Verbindlichkeit an.

Verbindlichkeit heißt, dass ich mein Denken und Trachten mit einer Zielsetzung verbinde und mich selbst darin begreife. Dass ich in diesem Bemühen aufgehe und andere sich auf mich und meinen persönlichen Einsatz verlassen können.

„Verbindlichkeit schließt Verlässlichkeit ein.“

Das ist gerade für unsere Zeit der individuellen Lebensentwürfe ein heikler Punkt. Wenn ich mich verbindlich zu einer Sache erkläre, lege ich mir gewissermaßen auch Fesseln an. Oder vielleicht ist das Wort „Fessel“ nicht geeignet, unsere individuelle Einsicht zu motivieren, und die Bezeichnung „Bindung“ könnte hier einen besseren Dienst leisten.

Bindungen kennen wir aus dem zwischenmenschlichen Bereich. Eine Bindung kann auch zur Last, zur Fessel werden, wenn wir gerne frei wären, – frei von allen Bindungen, um endlich wieder tun und lassen zu können, was wir wollen.

Aber was wollen wir?

Ich kenne keinen Menschen, der sich nicht gerne auf das verlassen können würde, was seine Freunde und Bekannten, sein Partner oder seine Kinder sagen oder tun. Wenn wir mit einem Menschen zusammen leben, wünschen wir uns eine gewisse Verbindlichkeit in dieser Beziehung – und dem Anderen geht es ebenso. Doch genau das kann sich unserem individuellen Freiheitsdrang in den Weg stellen. Warum sollten wir auf irgendetwas verzichten? Die Welt liegt uns doch zu Füßen. Weshalb sollten wir nicht jede Lust, jedes spontane Verlangen augenblicklich stillen, sobald wir eine Gelegenheit dazu haben?

So denken nicht wenige.

Wir stehen hier vor einem alten moralphilosophischen Problem: Eine Erwartung, die wir bei anderen voraussetzen, sollten wir auch selbst erfüllen. Was wir uns selbst herausnehmen, müssen wir folgerichtig auch anderen zugestehen. Sonst entstünde daraus ein einseitiges Verhältnis – ein Miss-Verhältnis, das alles Mögliche sein kann, nur keine Beziehung auf Augenhöhe.

Beziehung auf Augenhöhe

Aber das wünschen sich die meisten Menschen doch: eine Beziehung auf Augenhöhe.

Andere Menschen verlassen sich auf mich. Ich habe entweder vertraglich oder durch meine Verhaltensweise zu verstehen gegeben, dass ich gewisse Aufgaben und Verpflichtungen übernehmen und ein gewisses Verhalten (auch ein Sexualverhalten) üben und nicht davon abweichen werde, weil das zu Verletzungen von anderen führen kann. Und andere Menschen verlassen sich darauf.

Ebenso verlasse ich mich auf andere Menschen – und so entsteht eine sich gegenseitig tragende Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft kann sich allein dadurch definieren, dass einer sich auf den anderen verlassen kann. Fest verlassen kann. Dass Menschen in einer spezifischen Form zusammenhalten. In welcher Form sich dieses Zusammenhalten vollzieht, ist eine Frage der sozialen Herkunft und Ausrichtung. Der individuelle Spielraum innerhalb solcher Gemeinschaften besteht darin, dass wir praktische, aber auch existenzielle und spirituelle Ausrichtungen und Regeln selbst festlegen oder bestimmen können.

Was unsere reine Individualität zu übersteigen scheint, ist jedoch das Befolgen dieser Regeln. Hier sind wir nicht mehr frei.

Natürlich können wir jederzeit ausbrechen, eine Regel verletzen. Abgesehen davon, dass wir mit einem solchen Ausscheren nicht selten auch andere Menschen verletzen, katapultieren wir selbst uns aus dieser Gemeinschaft hinaus. Willkür hat etwas Asoziales – und eine rein ich-bezogene Handlungsweise stellt ein willkürliches Verhalten dar, das sich fälschlicherweise für frei hält.

Das Befolgen des Lustprinzips hat mit Freiheit nichts zu tun. Auch mit persönlicher Freiheit nicht.

Mit Eigennutz gegen den Rest der Welt 

Wenn wir uns einzig auf uns selbst beziehen, auf unser persönliches Wohlbefinden, auf unseren Luxus und unsere Lust, dann treten wir aus einem natürlichen Zusammenhang heraus und stellen uns selbst allem, was wir als Welt oder Mitwelt bezeichnen mögen, gegenüber. Dann sind andere Mitmenschen plötzlich unsere Gegner, unsere potenziellen Feinde, unsere marktwirtschaftlichen Konkurrenten, und wir müssen uns behaupten und unser Eigentum gegen andere schützen und verteidigen. Das ist ein Kampf aller gegen alle nach dem Prinzip der Eigen-Nützigkeit und der Selbst-Bezogenheit. Dann stehen wir isoliert gegen andere, gegen den „Rest der Welt“ und können eigentlich nur verlieren.

„Ohne Verbindlichkeit ist eine Gesellschaft nicht vorstellbar.“

In dieser isolierten Situation wird sich so schnell keiner finden, der uns vertraut. Der sich auf uns, unser Handeln, unsere Person verlässt. Wir dagegen können niemandem glaubhaft machen, dass wir für irgendetwas anderes Verantwortung übernehmen als für unser eigenes Wohlbefinden. Aber diese Verantwortung schließt andere Wesen nicht ein – im Gegenteil! – und daher kann sie auch nicht als Verantwortung betrachtet werden. Es gibt niemanden, dem wir antworten, dem wir uns ver-antworten können.

Ohne Verbindlichkeit ist eine Gesellschaft, eine Gemeinschaft, eine intime Partnerschaft nicht denkbar.

Ohne Verbindlichkeit können allenfalls Gesetze das öffentliche und private Leben regeln, Regeln, deren Überschreitung strafrechtlich geahndet werden kann. Wir brauchen in unserer modernen Gesellschaft heute umso mehr Gesetze, als die zwischenmenschliche Verbindlichkeit abgenommen hat. Im Geschäfts- und Berufsleben können wir uns auf Gesetze berufen, wenn wir schon kein Vertrauen mehr haben. Oder grundsätzlich niemandem vertrauen möchten. Dann ersetzen wir auch unsere mögliche eigene Verantwortung durch ein Handeln, das straffrei bleibt. Der freie marktwirtschaftliche Verkehr wird schon regeln, worum wir uns nicht mehr kümmern wollen. Diese Tendenz einmal zu Ende gedacht, mutieren wir zu willkürlich agierenden sozialen Atomen, deren Miteinander ausschließlich über gesetzliche Regelungen definiert ist.

Eine „gewisse“ Verbindlichkeit der Menschen untereinander scheint doch konsensfähig zu sein …

Etwas anderes aber ist es, die Form der Verbindlichkeit zu klären. Wir müssen niemandem vorschreiben, dass er / sie in einer heterosexuellen Beziehung leben, eine Familie gründen, ein Häuschen mit Garten und ein Auto kaufen oder sich für Fußball begeistern soll. Es sind noch ganz andere Lebensentwürfe vorstellbar. Sofern diese Entwürfe verbindlich auf andere Menschen und Lebewesen bezogen bleiben und Regeln und Gesetze anerkennen, mögen sich die einzelnen Menschen ihre individuellen Lebensformen schaffen. Damit geben sie sich das Wie weitgehend selbst vor und folgen diesem Entwurf auf eine eigenverantwortliche Weise.

Das eben ist Verantwortung.

Sven Precht
Sven Precht2014-web

 

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