Foto: Andrea Liebers
Foto: Andrea Liebers
In der Schreibwerkstatt, Fotos: Andrea Liebers

“Wir schreiben ein Buch“

Jungschriftsteller lernen Teamwork in der Schreibwerkstatt

Die Kinderbuchautorin Andrea Liebers bot interessierten Jungautoren einen Workshop mit dem Titel „Wir schreiben gemeinsam ein Buch“ an. Die Kursleiterin berichtet von ganz besonderen Lernerfahrungen, die Kreativität und Teamwork fördern.

Früh übt sich, wer später einmal Schriftsteller werden will. Elf Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren trafen sich in den Sommerferien im Zeitraum von einer Woche jeweils vier Stunden täglich in meiner Schreibwerkstatt im Städtischen Museum in Schwetzingen nahe Heidelberg.

Als Kursleiterin bot ich in Zusammenarbeit mit dem Museum den Workshop „Wir schreiben ein Buch“ für Kinder und Jugendliche an, die später einmal Schriftsteller werden wollen. Elf schreibbegeisterte Kids meldeten sich an, die darauf brannten, ihre Fähigkeiten zu zeigen und gemeinsam mit anderen auszuprobieren.

Einige der Jungautoren hatten schon mehrere Geschichten und „Bücher“ daheim in ihren Schubladen liegen, die sie selbst geschrieben und zum Teil auch illustriert hatten. Eine Jungschriftstellerin hatte schon in einer Kinderanthologie eine Kurzgeschichte veröffentlicht. Alle hatten genügend eigene Schreiberfahrungen, das heißt, sie hatten aus eigenem Antrieb Geschichten außerhalb der Schule geschrieben.

Kein Kind nahm teil, nur weil die Eltern es unbedingt wollten. Beste Voraussetzungen für ein gutes Gelingen! Zumal am Ende des Kurses, wenn tatsächlich eine spannende Geschichte entstanden sein würde, sogar eine Buchveröffentlichung in der Edition „Schröck Schmidt – kids“ winkte (www.edition-schroeck-schmidt.de).

Geschichte aus der Zeit der Bandkeramiker

Zusammen

Jungautorinnen und Jungautoren zusammen in der Schreibwerkstatt. Foto: Liebers

Das Thema war vage vorgegeben: Die Geschichte sollte mit dem Museum zu tun haben und die Zeit der Bandkeramiker miteinbeziehen. Bandkeramiker? Nie gehört! Die Jungschriftsteller wurden etwas nervös.

Doch das brauchten sie nicht, denn Birgit Rechlin, die Museumsleiterin, führte die Gruppe ein Stockwerk tiefer ins Untergeschoss des Museums. Hier war eine Dauerausstellung über diese Bandkeramiker zu sehen. Vor etwa 30 Jahren war in Schwetzingen eine sehr große Bestattungsstelle aus der Frühgeschichte gefunden worden. Mehr als 200 gut erhaltene Skelette waren ausgegraben worden, zum Teil über 7000 Jahre alt. Eines davon war in einer Vitrine ausgestellt, vor der sie sich staunend die Nasen platt drückten Tontöpfe, Pfeilspitzen, eine Ritualaxt und Modelle der damals gebräuchlichen Langhäuser ließen die Welt von damals vor den  Augen der Kinder auferstehen.

Brainstorming: Krimi oder Fantasyroman?

Dann ging es ans Brainstorming. Ich versuchte, den Jungautoren freie Hand zu lassen und mischte mich so wenig wie möglich ein. Was für eine Geschichte sollte es werden? Ein Krimi? Eine Detektivgeschichte? Ein Fantasyroman? Eingeschränkt wurde das Ganze nur dadurch, dass das Buch, das entstehen würde, von Dritt- und Viertklässlern gelesen werden sollte. Diese Zielgruppe musste also berücksichtigt werden in der Art des Schreibens und im Aufbau der Geschichte.

Es dauerte nicht lange und der Grundriss der Geschichte war geboren: Es sollte das Genre Fantasykrimi werden. Eine Detektivbande bestehend aus den vier Kindern Lilly, Lucas, Carl und Eszter sollte eine Zeitreise machen und dabei einen Mord verhindern, der vor 7000 Jahren geschehen war.

Die böse Schamanin Lalana hatte damals nämlich ihren Konkurrenz-Schamanen Beru aus dem Weg geräumt. Wie hat sie denn das geschafft? Da gingen die Meinungen auseinander. Man einigte sich schließlich in einer demokratischen Abstimmung darauf, dass Lalana die Ehefrau des Stammesanführers umbringt, Beru den Mord in die Schuhe schiebt, ihn tötet, seinen Geist aber für 7000 Jahre in einen Ritualtopf verbannt.

Diese 7000 Jahre sind jetzt um, und bei Bauarbeiten in Schwetzingen kommt ein uralter Topf zu Tage. Als Archäologen ihn öffnen, passieren merkwürdige Dinge. Menschen, die in die Nähe des Topfes kommen, brechen ohnmächtig zusammen und fallen ins Koma. Ein super Anlass für die Detektivbande, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Konzentration bei der Kapitelplanung

Nun waren die Jungautoren hoch motiviert und nicht mehr zu bremsen. Schnell wurde die Geschichte in elf Kapitel unterteilt. Ich musste nur darauf achten, dass bei der inhaltlichen Planung jedes Kapitel wirklich dazu geeignet war, Spannung, Action und genug Dialoge unterzubringen und somit niemand beim Schreiben frustriert sein musste. Jeder Jungautor, übernahm ein Kapitel, und dann ging es ans Schreiben. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können, so still war es im Raum.

konzentriert

Konzentration: Es geht los. Foto: Liebers

Manchmal stand ein Kind auf, um ins Untergeschoss zu gehen und sich noch einmal die Ausstellungsstücke anzuschauen. Wie sahen die Häuser damals aus? Gab es Fenster? Und die Dächer? Waren sie mit Stroh gedeckt?

Manchmal musste auch die Museumsleiterin mit Informationen weiterhelfen: Was hatten die Menschen damals an? Trugen sie Lederschuhe? Was für Frisuren?

Großes Erstaunen: Die Männer der Bandkeramiker waren Hut-Fans! So lag es nahe, dass der Schamane einen ausgesprochen extravaganten Hut verpasst bekam. Wie redeten die Menschen damals? Die Sprache der Bandkeramiker ist natürlich nicht erhalten, nicht einmal Schrift gab es. Also musste eine Sprache erfunden werden, die einerseits verständlich war (Zielgruppe Dritt- und Viertklässler!) und andererseits irgendwie fremdartig.

Außerdem mussten alle, die ein Kapitel übernommen hatten, in dem die Bandkeramiker zu Wort kamen, sich an diese erfundene Sprache halten, auch wenn sie andere Ideen dazu gehabt hatten. Wenn noch Namen und Beschreibungen von Personen fehlten („Wie ist die Haarfarbe von Lilly?“), wurde unterbrochen und man überlegte gemeinsam die fehlenden Details.

Falls die Ideen zu unterschiedlich waren, wurde abgestimmt und die Meinung der Mehrheit übernommen. Ich moderierte so, dass niemals der Eindruck entstand, ich würde bestimmen, wo es langgehen soll und dirigierte die Jungschriftsteller unmerklich über schwierige Klippen, damit das Schreibboot nicht ins Schlingern kam.

Heiße Diskussionen – man muss sich einigen

Nach zwei Tagen – also rund acht Stunden – waren die elf Kapitel geschrieben! Nun ging es an die Feinarbeit: das genaue Abstimmen untereinander und die Überprüfung des roten Fadens, was mehr Zeit als das eigentliche Schreiben erforderte. Denn nun wurden noch einige Unstimmigkeiten entdeckt.

Gerade die Zeitreise und das Verändern der Vergangenheit machte den Kids Schwierigkeiten. Wir mussten überlegen, wie die Zukunft umgeschrieben werden muss, wenn in der Vergangenheit etwas verändert worden war – und v. a. an welcher Stelle oder welchem Ort die Veränderungen eintraten.

Mit einigen Kapiteln war die Gruppe noch nicht ganz einverstanden: „Da fehlt Spannung!“, „Die schimpfen zu viel!“, „Das verstehen Viertklässler noch nicht!“, „Die benimmt sich nicht wie eine Schamanin, sondern wie eine Zauberin“.

schreiben

Feinarbeit am Ende des Buchprojektes. Foto: Liebers

Das hieß es für die betreffenden Autorinnen und Autoren: das Kapitel zum wiederholten Mal umschreiben, allen vorlesen, Feedback einholen und womöglich noch einmal ändern.

Gar nicht so einfach, denn das Umschreiben ist mit Frustgefühlen und der Fähigkeit, nachzugeben verbunden.

 

„Manchmal sind die Vorstellungen anderer besser als meine eigenen“

Nach und nach kamen die einzelnen Talente zum Vorschein: Amy konnte sehr gut kleine Vignetten zeichnen, die älteren Mädchen tippten wie die Profis auf der Tastatur und halfen den Jüngeren, ihre Kapitel vom Handschriftlichen in die Computerdatei zu übertragen. Chiara war sehr kreativ im Namen erfinden, und Frederik erfand unschlagbar gute Überschriften. So ergänzte man sich und wuchs als Gruppe über sich selbst hinaus.

Am Ende staunten alle, dass sie es so leichthändig geschafft hatte, ein ganzes Buch zu schreiben! Das Fazit von Annika (15) im Rückblick auf die Arbeit in der Schreibwerkstatt:

„Das Besondere war, dass wir gemeinsam unterschiedliche Ideen zusammengebracht haben. Die beste Idee hat sich immer durchgesetzt. Ich habe gelernt, dass manchmal die Vorstellungen anderer besser sind als die eigenen, aber auch, dass meine eigenen Ideen ernst genommen werden, wenn sie gut sind“.

Und Chiara (11) ergänzte: „Man hat zwar nicht die Freiheit zu schreiben, was einem in den Kopf kommt. Das ist einerseits zwar schlecht, weil Schreiben heißt für mich die Freiheit zu haben, wirklich alles herauszulassen, was in mir ist. Und wenn die anderen andere Ideen hatten, dann hat es manchmal nicht zu meinen Ideen gepasst und ich musste mich unterordnen. Aber dann fand ich die Vorschläge der anderen auch gut, und das Unterordnen war nicht mehr schlimm. Alle hatten tolle Ideen und andere Schreibstile, das hat mich inspiriert!“

Und Frederick (13) hatte noch eine ganz besondere Erkenntnis parat: „Wir mussten nicht nur dauernd schreiben, sondern durften auch Quatsch machen und hatten dadurch wieder neue Ideen fürs Schreiben.“

Andrea Liebers


Infos unter: www.andrea-liebers.de

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