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„Wir sehen uns als eine offene Familie“

Foto: Dorothee Fiedler
Ein Dorf in Norddeutschland rückt zusammen, um Flüchtlinge aufzunehmen |
Foto: Dorothee Fiedler

Wie Geflüchtete ein Dorf neu beleben

Passade, ein Dorf in Norddeutschland, hat schon 2015 Flüchtlinge aufgenommen, jetzt leben 40 Ukrainer dort. Die Bewohner schaffen Wohnraum, unterrichten Deutsch und unterstützen gemeinsam die Zugezogenen. Das Erfolgsrezept? „Wichtig ist, den anderen so sein zu lassen, wie er ist“, sagt Dorfbewohnerin Rike Finck-Stoltenberg.

Passade, ein Dorf in Norddeutschland, unterstützt Flüchtende pragmatisch und menschlich. Eine, die sich engagiert, ist Rike Finck-Stoltenberg, die 2015 Menschen aus Afghanistan aufnahm, z.B. Eslam Amiri, und heute Familien aus der Ukraine hilft, wie Anna Olasiuk. Auch andere Bewohner in Passade sind aktiv wie Dorothee Fiedler und Gerhard Göttsch, ökologischer Landwirt im Ruhestand. Sie alle zeigen, wie trotz aller Herausforderungen eine vertrauensvolle Begegnung und gelebte Menschlichkeit gelingen kann.

Passade ist ein Dorf in der Nähe von Kiel mit 350 Einwohnern. Momentan sind es etwas mehr, da hier fast 40 ukrainische Flüchtlinge vorübergehend einen Platz zum Leben gefunden haben. Fünf Familien haben – zum Teil mit erheblichen persönlichen Einschränkungen – Menschen aus der Ukraine aufgenommen. In einer Familie mit vier Söhnen zwischen 6 und 14 Jahren haben die Jungs ein Zimmer frei gemacht, wo jetzt auch noch eine ukrainische Frau mit ihrer 10-jährigen Tochter wohnt.

Auch Rike Finck-Stoltenberg ist ein Beispiel für dieses Engagement. Sie und ihre Familie halfen schon 2015 Geflüchteten aus Afghanistan. Zuerst unterstützte die Physiotherapeutin mit Kleidung und Decken. Ihr Vater gab Deutschunterricht, und sie behandelte einige Menschen physiotherapeutisch. Mit der Zeit entwickelten sich auch engere Kontakte zu einigen Zugezogenen.

Zwei der jungen Männer aus Afghanistan, Eslam und Khairullah, konnten zunächst in einer Jugendeinrichtung leben. Als sie zu alt waren und in eine Flüchtlingsunterkunft wechseln sollten, stellten Rike und ihre Familie ihnen zuerst das Zimmer der Tochter zur Verfügung, die ausgezogen war. „Da wir uns mittlerweile so gut kannten, konnte ich es nicht übers Herz bringen, sie in eine Unterkunft gehen zu lassen“, erklärt sie. Und ein Jahr später räumten sie ein weiteres Zimmer, indem Rike ihren Praxisraum in den Wintergarten verlegte.

Als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff, ist die Groß-Familie im Dorf zusammengerückt, sodass auf dem Bauernhof mit ca. acht Wohneinheiten weiterer Raum frei wurde; fünf Ukrainerinnen zogen ein.

Rike, nach ihrer Motivation für so viel Gastfreundschaft gefragt, antwortet, dass sie schon immer viel Besuch hatte. Im Rahmen des Schüleraustauschs waren Kinder aus Schottland, Frankreich, Estland, Polen, China oder Chile bei ihnen. „So haben wir Erfahrungen mit Menschen und Kulturen gesammelt“, sagt sie mit einem Lächeln. „Vielleicht sehen wir uns deshalb als eine Art offene Familie.“

Ein offenes Haus und Privatsphäre für jeden

Nun ist Passade gewissermaßen zu einem offenen Dorf geworden, ergänzt Dorothee Fiedler, eine Kunsttherapeutin. Sie erzählt, dass der Obstbauer des Dorfes bei der Ernte immer ukrainische Erntehelfer beschäftigte. Als der Krieg ausbrach, lud er die Ukrainer ein, hierher zu kommen, um in Sicherheit zu sein. Das ganze Dorf unterstütze diese Einladung.

(v. l. n. r.) Esla Amiri, Gerhard Göttsch, Anna Olasiuk, Dorothee Fiedler und Rike Finck-Stoltenberg, Foto: privat

Anna Olasiuk ist eine von ihnen. Am Anfang war es schwer für sie, sich einzuleben, in einer anderen Kultur, mit einer anderen Sprache. Hinzu kam ein Gefühl von Schuld, weil viele Menschen in der Ukraine geblieben sind. Mit der Zeit konnte sie immer mehr hier ankommen und lernte Rike und ihre Familie besser kennen. Mit dem Deutschunterricht wird die Verständigung besser.

Zunächst gab es kein Angebot für Deutschunterricht. Nun unterrichten Rike, ihr Vater und ihre Tochter drei Mal die Woche Deutsch. Nur 19 von den 39 Ukrainern im Dorf nehmen das Angebot an. Es gibt auch Geflüchtete, die keinen Kontakt zu den Einheimischen möchten.

Rike und ihre Familie sind deshalb froh, dass sie mit den Menschen, die bei ihr leben, zu einem guten gemeinsamen Zusammenleben finden. Ihr Grundrezept beschreibt sie so: „Wir leben alle auf einem Haufen, aber jeder hat auch seine Privatsphäre. Es gibt keine Zäune zwischen den Häusern und keine abgesteckten Grundstücke. Man begegnet sich auf dem Hof. In der oberen Etage des Hauses wohnen Eslam und Khairullah mit einer kleinen Küche und einem Bad. Sie haben dort einen Bereich für sich, aber trotzdem ist das ganze Haus offen. Man kann zusammen etwas unternehmen oder sich zurückziehen.“

Eslam schätzt diese Offenheit: „Wenn ich mal schlecht drauf bin und lieber meine Ruhe haben will, dann fühle ich mich verstanden.“ Diese Offenheit ist für Rike auch der Grund, warum es kaum gravierende Konflikte gibt.

Den anderen sein lassen, wie er ist

„Manchmal denken Leute, dass es bei uns kaum Probleme gibt“, sagt Rike. „Aber natürlich haben wir Probleme. Nur ist immer jemand da, mit dem man darüber reden kann. Und wenn das gerade nicht passt, kann man sich auch aus dem Weg gehen und dann wieder zusammenkommen. “

Rike beobachtet, dass viele Menschen heute einen hohen Anspruch an andere haben. Die Erwartung, wie andere sein oder handeln sollen, führt häufig zu Konflikten. Für sie ist es für das Zusammenleben – gerade mit anderen Kulturen – wichtig, den anderen so sein zu lassen, wie er oder sie ist.

„Jeder Mensch ist anders, jeder ist anders aufgewachsen, hat andere Vorstellungen, eine andere Meinung. Wenn ich den anderen erstmal nur betrachte, ohne ihn zu bewerten, das ist schon viel. Dann kann ich versuchen zu verstehen, warum er oder sie so ist, und es entsteht Verständnis. Dann kann ich den anderen eher so nehmen, wie er ist.“

Diese Haltung hat für Eslam eine Atmosphäre geschaffen, in der er in einem fremden Land ankommen konnte. Er fühlt sich gut integriert, befindet sich gerade in einer Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistenz. Ihm halfen „viele nette Menschen wie Rike und ihre Familie, die Menschen in Passade“, erklärt der junge Mann. „Das gibt mir Hoffnung, nicht nur für mich, sondern für die ganze Welt, dass irgendwann alles besser wird. Ich habe auch meine schlechten Erfahrungen gemacht, aber letztendlich bin ich gut in Deutschland angekommen.“

Auch Anna beschreibt ihre Erfahrungen in Deutschland vorwiegend positiv. „Die Menschen sind sehr freundlich und helfen uns.“ Mit ihren Gedanken ist sie auch oft in ihrer Heimat, hört die Nachrichten aus dem Krieg, was sie und ihre Familie sehr belastet. Das ist manchmal auch Thema der Gespräche.

„Wir tauschen uns aus, ob in den Nachrichten der Ukraine das gleiche gesagt wird wie in den Nachrichten hier“, sagt Rike. „Das ist spannend. Aber wir versuchen, hauptsächlich im Hier und Jetzt zu sein und den Alltag zu bewältigen. Wir gestalten den Garten zusammen, beobachten die Vögel und versorgen die Pferde. Es ist wichtig, die Natur und das Leben auch zu genießen und nicht die ganze Zeit in Gedanken woanders zu sein.“

Ein Stück weit die Kinderheit retten

Im Umgang mit den Geflüchteten sieht Rike deutliche Unterschiede zu 2015. „2015 war die Hilfe zuerst sehr groß, dann ebbte die Begeisterung ab. Für viele Deutsche war es schwierig, dass so viele junge Männer hierherkamen. Heute bei den Ukrainern sind hauptsächlich Frauen und Kinder unterwegs. Da sind die Menschen offener und freundlicher.

Bei den jungen Männern sahen manche potenziell verdeckte Terroristen und jetzt kommen Kriegsopfer, wobei ich das Gefühl habe, dass auch hier die erste Hilfswelle abebbt. Es braucht eben Anstrengung und einen langen Atem, um das Zusammenleben zu gestalten.“

Rike und ihre Familie und die Menschen in Passade beweisen diesen langen Atem. Im Dorf haben sich Einheimische zusammengetan und kooperieren, um den Menschen aus der Ukraine zu helfen. „Das war vor allem am Anfang spürbar“, sagt Dorothee Fiedler, „es ging um alltägliche Dinge wie Bettwäsche, Küchensachen oder Möbel. Die wurden dahin getragen, wo man sie brauchte. Es wurden auch Fahrdienste organisiert.“ So ist neues Leben in den Ort gekommen, nicht zuletzt durch die spielenden Kinder.

Ukrainischen Kindern Sicherheit geben, Foto: privat

Gerhard Göttsch, 74, der in Passade geboren ist, berichtet gerührt von den ukrainischen Kindern, die auf der Straße spielen und aus einzelnen deutschen Worten, die sie gelernt haben, kleine Lieder machen. Er muss daran denken, dass sie dem Grauen des Krieges entkommen sind und von alldem nichts wissen.

Ihn macht es glücklich, dass man ihnen ein Stück weit die Kindheit retten konnte. Für ihn wird mit dieser Gastfreundschaft eine Tradition fortgesetzt, die er auch in seinem Elternhaus erlebte, wo durch die Landwirtschaft immer Menschen aus anderen Teilen der Welt mit auf dem Hof lebten.

Rike sieht den Umgang mit den Geflüchteten als aktive Hilfe, als ganz menschliche Reaktion „aus dem Bauch heraus“. „Ich versuche wahrzunehmen, was sie brauchen. Und dann schaue ich: Kann ich das geben oder nicht? Und wenn ich es nicht geben kann, dann kann ich vielleicht vermitteln und andere springen ein. Das ist die gegenseitige Unterstützung, die wir ja auch untereinander in unserem Dorf erleben.“

Grundlage ist eine Haltung, in der Menschen aus anderen Teilen der Welt keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung sind. „Ich sehe keinen Unterschied zwischen Menschen aus anderen Ländern und deutschen Fremden. Nur bei ausländischen Fremden habe ich das Gefühl, dass sie mehr Hilfe brauchen. Deshalb versuche ich, ihnen etwas zu geben. Und bekomme auch ganz viel zurück.“

Mike Kauschke

 

 

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Warchi/ iStock

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