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„Wir sind alle Kinder derselben Erde“

Anthony Cantin/ Unsplash
Anthony Cantin/ Unsplash

Ein Interview über planetare Verbundenheit

Die regenerative Kultur geht von einer tiefen Verbundenheit allen Lebens aus und handelt danach. Komplexitätsforscher und Praktiker Joe Brewer spricht im Interview über unsere Beziehung zu Flüssen und Landschaften, Trauer und Lebendigkeit und wie die planetare Sichtweise helfen kann, nachhaltig zu handeln.

Das Gespräch führte Tom Steininger

Frage: Regenerative Kultur klingt gut, aber wovon reden wir hier eigentlich?

Joe Brewer: Oft wird die regenerative Kultur der extraktiven Kultur gegenübergestellt. Die extraktive Kultur basiert auf der Illusion der Trennung, in der der Mensch von der Natur getrennt ist. Im Gegensatz dazu beginnt eine regenerative Kultur mit dem Verständnis, dass alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist.

Eine extraktive Kultur neigt dazu, Werte durch Reduktionismus zu schaffen. Sie reduziert den Wald auf den Preis des Holzes, sie reduziert das Wasser auf das Geld, das mit dem Verkauf von Wasser an die Einwohner einer Stadt verdient werden kann. Eine regenerative Kultur ist zutiefst beziehungsorientiert, und in solch einem beziehungsorientierten Feld ist es schwierig, einen einzelnen Wert zu wählen, dem dann eine Zahl zugeordnet werden kann.

In einer regenerativen Kultur finden wir uns in Beziehungen wieder, in denen wir kooperieren, zusammenarbeiten und auf eine integrative und partizipative Weise mitgestalten können.

Die lebendige Erde ist die große Mutter. Wir haben eine Beziehung zu dieser lebensspendenden mütterlichen Energie, und wir wurden in eine Familie menschlicher und nicht-menschlicher Wesen hineingeboren, die alle Kinder derselben Erde sind. Auf diese Weise sind wir nie allein. Wir befinden uns immer in einem Kontext, in dem wir Familie haben – auch wenn sich diese Familie für uns sehr fremd anfühlen mag, wie die Bakterien in unserem Darm, die unsere Verdauung unterstützen.

Geht man eine Beziehung zu den Flüssen ein, spürt man zunächst Verlust.

Wie können wir solch eine regenerative Kultur gestalten? Wie sieht sie konkret aus?

Brewer: Wir finden die Verbindung zu einer regenerativen Kultur, indem wir den Schmerz und die Trauer über das, was in der Welt geschieht, fühlen. Während es bei der regenerativen Kultur im Wesentlichen um das Gefühl geht, lebendig zu sein, um Sehnsucht, Freude, Überschwang oder Neugier – viele wunderbare Empfindungen des Lebendigseins –, geht es auch um Schmerz, Leid, Verlust, Trauer, Verzweiflung.

An dem Ort in Kolumbien, an dem ich lebe, sind die Flüsse sehr gefährdet. Sie wurden durch Abholzung und Verschmutzung fast getötet. Wenn man also in dieser Landschaft eine Beziehung zum Wasser und den Flüssen eingeht, dann spürt man zunächst den Tod und den Verlust.

Aber es gibt einen Silberstreif am Horizont, denn wenn wir anfangen, uns in den Schmerz von Verlust und Tod hineinzufühlen, werden wir auch sensibler für das, was noch lebendig ist.

Frage: Und was tun Sie dann?

Brewer: Ein Teil meiner Arbeit besteht in der Wiederherstellung von Landschaften und Böden durch Wasserrückhaltung und Wiederaufforstung. Und meine Sensibilität für den sterbenden Fluss ist genau die gleiche Sensibilität, durch die ich nachempfinden kann, wie es sich anfühlen würde, den Fluss wieder zum Leben zu erwecken.

Wenn ich mich dem Schmerz und dem Verlust dessen, was bereits geschehen ist, öffne, beginnt ein Prozess der Heilung in mir selbst. Es gibt ein Erwachen für den Schmerz, und damit ein Erwachen für das ganze Leben, das ein Prozess ist.

Wir fragen uns selbst: Wie fühle ich mich mit meiner Mitschuld, meiner Verantwortung für das, was in der Welt geschieht? Ich könnte Scham, Demütigung, Wut oder Traurigkeit empfinden. Aber wenn ich bei diesen schwierigen Gefühlen bleibe, beginnen sie sich zu entspannen, nachdem sie ausgedrückt wurden.

Dann fange ich an, die Sanftheit der Lebendigkeit zu spüren, das Gefühl der Liebe und Dankbarkeit: Wie glücklich bin ich, in dieser Zeit zu leben! Aber um dorthin zu gelangen, muss ich durch die Trauer und den Schmerz gehen.

Die planetare Sichtweise öffnet uns den Weg zu einer neuen Form des Indigenen.

Sie sagen, dass diese regenerative Beziehung zum Land eine indigene Beziehung ist. Aber offensichtlich leben wir nicht mehr nur in einer Landschaft. Wir leben in einem globalen Kontext, einer globalen Industrie, einem globalen Wirtschaftssystem, einem globalen Gehirn namens Internet. Wenn Sie davon sprechen, wieder indigen zu werden, wie verhält sich das zu diesen Realitäten, in denen wir ebenfalls leben?

Brewer: Wir haben heute die Möglichkeit, ein planetares Bewusstsein zu entwickeln. Einer der wichtigsten Begründer der Bewegung des Bioregionalismus war Peter Berg, dem es sehr wichtig war, sich als »planetarer Mensch« zu bezeichnen. Er war kein Anhänger des Globalismus, der für ihn damit einherging, dass wir die Universalität der modernen Welt auf den Rest der Welt übertragen.

Man kann als Angestellter eines multinationalen Unternehmens weltweit tätig sein und von einem Büro zum anderen ziehen, indem man die Stadt wechselt. Das veranschaulicht, dass die Realität der Erde für eine globale Perspektive irrelevant ist.

Für einen planetaren Menschen ist das Gegenteil der Fall. Er oder sie sagt: »Im Moment lebe ich im nördlichen Teil der Anden, wo drei tektonische Platten aufeinandertreffen, die mit der Bewegung von Luft und Wasser aus dem Pazifischen Ozean verbunden sind. Diese Region wird durch die Bewegung von Luft und Wasser des Amazonas-Regenwaldes verändert.«

Diese planetare Sichtweise eröffnet uns einen Weg zu einer neuen Form des Indigenen. Darin sind wir tief mit der Landschaft und gleichzeitig mit dem Planeten als Ganzem verbunden.

Wir ahmen die Intelligenz der Natur nach, um Nachhaltigkeit zu ermöglichen.

Ich finde die Unterscheidung zwischen global und planetar faszinierend. Eine weitere Dimension, die ich gerne einbringen würde, ist unsere Beziehung zueinander. Damit meine ich die menschliche Spezies, aber auch unsere Verbundenheit mit den mehr als menschlichen Sphären, in die wir eingebettet sind. Wie schaffen wir echte Beziehungen?

Brewer: Alle Menschen stammen von derselben Wurzel. Wir sind alle Nachkommen unserer Vorfahren, sind Teil der Biosphäre der Erde. Der Mensch ist eine Spezies mit einem gemeinsamen Erbe, das aber auch die Vielfalt der Kulturen einschließt.

Und dann erweitern wir das mit der Geschichte der Biologie und der Evolution und sehen, dass wir und alle anderen Lebewesen aus derselben Quelle stammen. Dies ist wichtig, weil es sich um eine planetare Geschichte handelt, nicht um eine Geschichte der Landschaften.

Wenn wir die menschliche Geschichte als eine planetare Geschichte erzählen, schaffen wir ein planetares Netzwerk von bioregionalen Wirtschaftssystemen. Jede Bioregion, jede Landschaft als funktionale Einheit schafft ihre eigene Kultur und ihr eigenes Wirtschaftsmodell, das für diese Landschaft geeignet ist.

Und dann tauscht sie sich souverän mit anderen Landschaften aus, so dass wir eine planetare Wirtschaft gestalten, die ein Netzwerk von bioregionalen Ökonomien ist. So funktioniert die Biosphäre aufgrund der Biogeographie, es handelt sich also um eine Nachahmung biologischer Prozesse.

Diese planetare Bildsprache ahmt die Intelligenz der Natur nach, um die Bedingungen für nachhaltige menschliche Kulturen zu reproduzieren.

Sie haben den Begriff Cosmolocalism gefunden, eine kosmo-lokale Perspektive, eine Gemeinschaft von Gemeinschaften. Wie können wir solche Gemeinschaften gestalten?

Brewer: Wir beide stehen unter demselben Himmel, und wenn sich die Erde dreht, werden wir dieselben Sterne sehen. Wir können also eine kosmische Sicht entwickeln, die umfassender ist als unser Standort. Und dann können wir sie zwischen den Orten teilen.

Gleichzeitig kann ich eine lokale Beziehung zur Flora und Fauna an meinem Ort haben. Aber unser Bezugsrahmen ist die Drehung der Erde. In einem planetaren Bewusstsein erkennen wir, dass wir uns beide auf derselben Erde befinden, nur an verschiedenen Orten.

Der Planet ist unser gemeinsamer Bezugsrahmen. Gleichzeitig leben wir in einer lokalen Ökologie, in lokalen Beziehungen, an unseren verschiedenen Orten, die sich durch vieles voneinander unterscheiden.

Das Gespräch führte Thomas Steininger. Wir veröffentlichen eine gekürzte Fassung des Interviews, das zuerst erschien in der Zeitschrift „evolve“, Heft 37/ 2023. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Foto: privat

Joe Brewer ist ein Komplexitätsforscher und Innovationsstratege. Er entwickelte Kommunikationsstrategien für die UK World Wildlife Federation und für Oxfam Great Britain. Er arbeitete einige Jahre am Zentrum für Komplexe Systemforschung (Sydney), wo er die Entstehung von Strukturen in selbstorganisierenden Systemen erforschte. Heute lebt er in Kolumbien, wo er daran mitarbeitet, ganze Landschaften durch regernative Praktiken zu heilen.

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