Anastasios71/ Shutterstock
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Sokrates gilt als Personifikation von Weisheit und einem erfüllten Leben.

Wirtschaft braucht Tugend

Mit Weisheit und Besonnenheit erfolgreich sein

Weniger theoretisches Expertenwissen, mehr Weisheit, fordert der Philosoph Christoph Quarch. Insbesondere im Wirtschaftsleben könnten Weisheit, Gerechtigkeit und Besonnenheit entscheidend für den Erfolg sein.

Als der Engel des Herrn den König Salomon vor die Wahl stellte, allen Reichtum oder alle Weisheit zu erhalten, entschied er sich für die Gabe der Weisheit – und wurde zu einem Herrscher, von dem die Menschen noch Generationen später voller Ehrfurcht und Achtung sprachen.

Sokrates galt den Griechen als Personifikation der Weisheit, was ihn zwar nicht davor schütze, von seinen Athener Mitbürgern zum Tode verurteilt zu werden, wohl aber dazu führte, dass die von ihm geübte Liebe zur Weisheit (philo-sophia) für das abendländische Menschentum zur Krone der Kultur geriet.

Noch im 18. Jahrhundert galt „der Weise“ als Ideal geglückten Menschseins – was Reichtum übrigens nicht ausschloss, wie Lessings Nathan der Weise überzeugend verkörperte: ein international agierender Unternehmer, der bei allem ökonomischen Erfolg doch gleichwohl im Ruf einer überragenden Weisheit stand.

Merkwürdig, dass man in der Businesswelt von heute meist vergeblich nach einem Salomon, einem Sokrates oder einem Nathan Ausschau hält. Weisheit wird weder gelebt, noch als erstrebenswerte Tugend geachtet. Und wo das Wort „Weiser“ dann doch einmal in semantischer Nähe zu „Wirtschaft“ verwendet wird, verrät sich nur die völlige Unkenntnis dessen, was Weisheit früheren – weiseren – Kulturen bedeutete.

Denn die “Wirtschaftsweisen“ unserer Gegenwart haben so gar nichts mit den Weisen der Vergangenheit zu tun. Im Gegenteil: An ihnen wird deutlich, wie sehr sich das ökonomisch grundierte Denken der Neuzeit von der traditionellen Weisheitskultur des Westens entfernt hat. Zu seinem Schaden.

Experten sind nicht per se Weise

Wirtschaftsweise sind Experten. Wogegen nichts einzuwenden ist. Experten sind in manchen Belangen des Lebens wichtig, denn sie verfügen über ein fundiertes Wissen für bestimmte Teilgebiete des Lebens: Es gibt Experten für effiziente Datenverwaltung, für den chinesischen Rohstoffmarkt oder für die meteorologischen Prozesse in der Bering See. Alles gut und richtig – und zuweilen nützlich.

Nur bietet Expertenwissen keinerlei Garantie dafür, die entsprechenden Kenntnisse auch sinnvoll anzuwenden. Angaangaq, ein Ältester der grönländischen Eskimos, hat einmal mit erschütternder Treffsicherheit gesagt: „The White Man forgot how to use his knowledge wiseley“: Der Weiße Mann hat verlernt, wie er sein Wissen weise anwenden kann.

Diese Erkenntnis ist freilich nicht neu. Schon Sokrates hatte sie. Als ein Spruch des delphischen Orakels behauptete, er, Sokrates, sei der weiseste aller Menschen, wollte er dies nicht glauben, schienen ihm doch all die Experten seiner Heimatstadt Athen weitaus weiser als er selbst. Und so ging er zu den Coaches – damals Sophisten genannt – zu den Strategen, den Priestern, den Politikern, den Ökonomen und fühlte ihnen auf den Zahn.

Das Ergebnis: Sie verfügten zwar über theoretische Kenntnisse davon, was es mit der Kriegskunst, der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit, der Erwerbskunst auf sich habe, aber sie konnten diese Kenntnisse nicht praktisch auf ihr Leben anwenden. Oder anders gesagt: Sie bezeugten ihr vermeintliches Wissen nicht in der Wirklichkeit ihres Lebens.

Hehre Worte, aber kein praktisches Wissen

All diese Experten erschienen Sokrates wie Männer, die zwar in hehren Worten davon schwätzen konnten, was es mit Tugenden auf sich hat, von dem Gesagten in ihrem Tun und Lassen jedoch nichts zu erkennen gaben. Und so begriff er, dass seine eigene Weisheit wohl darin liege, sich eben an diesem Punkt von den geschätzten Weisen seiner Zeit zu unterscheiden: „Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.“ Und eben diese Weisheit lebte er, der niemals endgültige Antworten gab, sondern meistens Fragen stellte.

Weisheit ist etwas anderes als Expertenwissen. Expertenwissen ist ein theoretisches Wissen, das einem erlaubt, bestimmte Sachgebiete zu beherrschen und zu durchdringen. Weisheit ist ein praktisches Wissen, das einem erlaubt, in konkreten Lebensvollzügen situationsgerecht zu entscheiden.

Wobei „situationsgerecht“ so viel bedeutet wie „realistisch“. Experten sehen die Welt durch die Brille ihre Theorien und Konzepte, Weise sehen die Welt, so wie sie ist – wobei sie von Fragen geleitet sind wie: „Was ist hier und jetzt sinnvoll? Was ist hier und jetzt das Tunliche? Was entspricht hier und jetzt den Forderungen, die das Leben an mich stellt?“

Geht es um Effizienz oder um Lebendigkeit?

Diese Fragen klingen in unseren vom ökonomischen Zeitgeist der Moderne geprägten Ohren fremdartig. Denn anders als das landläufige Denken nehmen sie nicht Maß an den meist unhinterfragt geltenden Erfolgskriterien von Gewinnmaximierung, Effizienzsteigerung und Profit – sondern am Maßstab der Lebendigkeit. Ihm Genüge zu leisten, ist Sache der Weisen. Ihre Intelligenz ist das praktische Wissen darum, wie sich auf eine gute, sinnvolle und stimmige Weise leben und handeln lässt – nicht abstrakt, sondern konkret: so dass Leben wirklich lebendig ist und der Mensch das in ihm schlummernde Potenzial entfaltet.

Weisheit ist eine Fertigkeit und kein Expertentum – eine Kunst und kein strategisches, methodisches oder technisches Wissen. Der Weise gleicht einem Musiker. Ein Violinist etwa ist dadurch gekennzeichnet, dass er mit Virtuosität seine Violine zu handhaben weiß, so dass wunderschöne Klänge und Melodien entstehen. Genau so zeichnet es den Weisen aus, dass er das Instrument seines Denkens so gut geübt hat, dass sein Leben selbst zu einer schönen Melodie gerät. Das genau ist es, was unsere Vorfahren eine „Tugend“ nannten. Und das genau ist, was dem Geschäftsleben der Gegenwart fehlt: praktische Fertigkeiten des lebendigen und sinnvollen Lebens.

Tugenden müssen eingeübt werden

Vielleicht liegt das daran, dass man Tugenden nicht lernen kann; zumindest nicht so, wie man theoretisches Wissen erlernt. Man streicht sie nicht ein wie „bare Münzen in den Sack“ – um ein Wort aus dem Mund von Lessings Nathan zu bemühen. Sie lassen sich nicht durch ein akademisches Studium erwerben, geschweige denn aus dem Internet downloaden.

Sie wollen und müssen eingeübt, antrainiert werden. Wer weise sein will, muss sich in Weisheit üben – ganz so wie man Geige üben muss, wer ein Violinvirtuose zu sein begehrt. So lange dauert die Bildung in Sachen Tugend, bis sich eine innere Haltung im Menschen ausgebildet hat: eine Fertigkeit, die einem in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Dann verfügt man nicht mehr über Weisheit, sondern ist weise; dann verfügt man nicht mehr über Gerechtigkeit, sondern ist gerecht; dann schwätzt man nicht länger schön über Besonnenheit und Achtsamkeit, sondern ist achtsam und besonnen. Dann ist man nicht länger ein Experte in Sachen Tugenden, sondern ist tugendhaft. Und das macht den Unterschied.

Unternehmen brauchen tugendhafte Menschen. Nicht als luxuriöses Beiwerk, mit dem man sich in Corporate-Social-Responsibilty-Erklärungen schmücken kann, nicht als ethischen Zierrat für Unternehmensphilosophien – sondern als innere Ressourcen für Potenzialentfaltung und Sinn.

Denn noch einmal: Tugenden sind gelebtes Wissen um geglückte Lebendigkeit. Tugendhafte Menschen sind nicht solche, die einem ethischen Kodex folgen, sondern in deren Leben sich etwas davon zeigt, was gutes, glückliches, lebendiges, sinnvolles Leben ist.

Wo tugendhafte Menschen arbeiten, werden Burn-out und Depression deshalb außen vor bleiben. Wo weise Menschen arbeiten, werden Freude, Sinnerfahrung, Kreativität und Potenzialentfaltung obwalten. Ja, wo weise Menschen Führungsaufgaben übernehmen, wird ein Unternehmen im eigentlichen Sinne erfolgreich sein – nicht, weil es kurzfristigen Profit erwirtschaftet, sondern weil es mehr Sinn, Lebendigkeit und Unternehmensfreude generiert.

Nachhaltigen Erfolg durch weises Wirtschaften

Weises Wirtschaften ist erfolgreiches Wirtschaften, weil es Maß nimmt an dem, was Menschen wirklich wertvoll ist: Lebendigkeit, Sinn, Freude. Und deshalb ist der Erfolg von Weisheit nachhaltig. Das lehren Sokrates und Salomon.

Und ebenso lehren sie, dass Weisheit nicht einfachhin zu haben ist – weil sie sich eben nicht in Seminaren, Coachings oder Curricula erwerben lässt.

Wer der Weisheit eine Chance geben will, muss Räume für sie schaffen: Räume des Gesprächs, Räume der Begegnung, Räume der Übung – Räume, in denen geltende Glaubensgrundsätze in Frage gestellt werden dürfen; Räume, in denen Experten auf den Zahn gefühlt werden kann; Räume, in denen schräg und quer gedacht werden darf, ohne dass (siehe Sokrates) gleich die Todesstrafe über die Querdenker verhängt wird.

Kurz: Weisheit, etwa in Unternehmen, ist eine Frage der Unternehmenskultur. Hier ist die Keimzelle weiser Führungskultur und tugendhaften Wirtschaftens; denn hier können in der unmittelbaren und bewussten Begegnung von Mensch zu Mensch die Qualitäten eingeübt werden, die wirklich wichtig sind: die weise Meisterschaft des Denkens, die gerechte Meisterschaft des Führens, die achtsame und couragierte Meisterschaft der Kommunikation, die besonnene Meisterschaft der Emotionen… – das, was früher Tugend hieß und heute, im Zeitalter der Experten und Technokraten, dringender Not tut denn je.

Christoph Quarch

Nomi Baumgartl

Nomi Baumgartl

Dr.phil. Christoph Quarch (*1964) ist freischaffender Philosoph. Als Buchautor, Publizist und gefragter Redner berät und inspiriert er Unternehmen im deutschsprachigen Raum. Herausgeber und Gründer des Magazins „Wir Menschen im Wandel“. Jüngste Veröffentlichungen: Wir Kinder der 80er (2013), Der kleine Alltagsphilosoph (2014), Das große Ja (2014).

 

 

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