Ein Buch von Vivian Dittmar

Schneller, höher, weiter – so lautet das Credo unserer Wohlstandsgesellschaft. Doch das sichert uns nicht die persönliche Zufriedenheit und bringt die Ökosysteme an die Grenzen. Vivian Dittmar entwickelt fünf Dimensionen inneren Reichtums und regt dazu an, tiefer über unser Leben nachzudenken. Ein wertvolles Buch, so die Rezensentin Ilona Daiker.

Betrachtet man die jährlich erscheinenden Armutsberichte verschiedener Organisationen, geht es uns in der westlichen Welt gemessen an Besitz, Geld und materiellen Ressourcen sehr gut, wenngleich die Schere zwischen Arm und Reich auch bei uns immer größer wird.

Der Blickwinkel, den Vivian Dittmar einnimmt, wenn sie Reichtum und Armut betrachtet, ist jedoch ein völlig anderer. Ganz ohne romantisch verklärende Schwärmerei betrachtet sie auf der Basis verschiedener Studienergebnissen und eigener Lebenserfahrungen, worin der innere Reichtum traditioneller Gesellschaften besteht und woran es uns in unserer modernen, individualistisch geprägten Welt so schmerzhaft mangelt. Sie beschreibt, an welcher inneren Armut wir leiden und welcher Richtungswechsel notwendig ist, um wahren inneren Wohlstand zu kultivieren.

Vivian Dittmar, Autorin, Seminarleiterin und Gründerin der „Be the Change“-Stiftung, möchte in ihrem neuen Buch anstiften zu einem Paradigmenwechsel in Bezug auf unser Verständnis von Reichtum und damit zu einer durchaus radikalen Veränderung unserer Lebensweise. Sie tut das aber nie mit erhobenem Zeigefinger, sondern fordert ihre Leser und Leserinnen auf, ihr eigenes Leben ehrlich zu reflektieren und mit zunächst vielen, kleinen Änderungen zu experimentieren.

Bevor sie erklärt, was sie unter wahrem Wohlstand versteht, beschreibt sie im ersten Teil des Buches fünf Symptome innerer Armut: chronische Unzufriedenheit, Hetze und Stress, Einsamkeit, innere Leere, Suchtverhalten. Die Ursache für all diese Probleme sieht sie letztlich in einem ungesunden Streben nach Unabhängigkeit von Beziehungen jeglicher Art, das zwangsläufig zu Isolation und in eine Abhängigkeit von Geld, Dienstleistungen und Konsum führt.

Eine durchaus provokante These, denn ist es nicht gerade für Frauen eine riesige Befreiung, nicht mehr in toxischen Beziehungen verharren zu müssen, weil sie selbst Geld verdienen? Vivian Dittmar will die positiven Aspekte dieser Art von Unabhängigkeit keineswegs verleugnen. Und doch besteht sie darauf, dass der Preis, den wir für das unbedingte Streben nach Unabhängigkeit nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich bezahlen, zu hoch ist.

Beziehung statt Besitz – ein notwendiger Richtungswechsel

Zeitwohlstand, Beziehungswohlstand, Kreativitätswohlstand, Spiritueller Wohlstand und ökologischer Wohlstand – diese fünf Dimensionen echten Wohlstands, die einander bedingen und beeinflussen, hat Vivian Dittmar für sich identifiziert.

Sie plädiert dafür, sich gerade in Krisenzeiten, wie wir sie durch die Corona-Pandemie erleben, diesen Dimensionen zu widmen. Beim Thema Zeitwohlstand erleben ja zum Beispiel viele, dass sie keineswegs nur glücklich sind durch das Mehr an frei verfügbarer Zeit.

Vielmehr zeigt sich oft die Kehrseite von Hetze und Stress, nämlich der innere Zwang, sich irgendwie die Zeit zu vertreiben, um Langeweile und innere Leere nicht spüren zu müssen. Verzichten wir bewusst auf diese Art von Zeitvertreib, ist dies aber auch eine Chance, endlich zu entschleunigen, innezuhalten und eine andere Qualität von Zeit zu erleben.

„Hosen runter“ heißt eine Überschrift im Abschnitt über den Beziehungswohlstand, denn hier geht es darum, wieviel Ehrlichkeit, Verbindlichkeit und Bindung wir eigentlich in unseren Beziehungen zu Freundinnen und Freunden, zu unseren Liebespartnern und unserer Familie zulassen können.

Nur wenn wir uns auf ein freilich auch immer wieder unbequemes, anstrengendes Miteinander einlassen, kommen wir in Beziehungen, die uns tragen, ein Gefühl von Sicherheit vermitteln und in denen wir auch für andere wirklich da sind.

Zeit- und Beziehungswohlstand sind wiederum die Voraussetzung für unsere Kreativität. Und damit ist nicht gemeint, dass jeder künstlerisch tätig werden muss. Vielmehr geht es darum, dass wir unsere Gaben und Talente in unserem eigenen Flow entfalten und zeigen können und dass sie von einer Gemeinschaft gesehen und wertgeschätzt werden. Vivian Dittmar nennt das Verhältnis der drei Dimensionen Zeit, Beziehungen und Kreativität deshalb auch das magische Dreieck.

Grafisch dargestellt befindet sich innerhalb dieses Dreiecks der spirituelle Wohlstand, wobei die Autorin Spiritualität verstanden wissen will als eine innere Anbindung an die Schönheit und Heiligkeit des Lebens ohne esoterischen Schnickschnack.

Eingerahmt wird das Dreieck von einem äußeren Kreis, dem ökologischen Wohlstand. Hier geht es um unsere Verbindung zur Natur und zu den anderen Spezies und darum, dass wir nur dann nährende und tragfähige Beziehungen zu diesen aufbauen können, wenn wir uns selbst als Teil der Ökosysteme zu begreifen lernen.

Nicht weniger, sondern mehr Lebensqualität

Im letzten Teil des Buches geht Vivian Dittmar darauf ein, was die fünf Dimensionen des wahren Wohlstands bedeuten in Bezug auf die Ökonomie beziehungsweise welche Veränderungen auf der sozioökonomischen Ebene notwendig sind.

Sie diskutiert Modelle wie das bedingungslose Grundeinkommen oder die Gemeinwohl-Ökonomie und skizziert verschiedene Möglichkeiten des Wirtschaftens anhand von ausgewählten ermutigenden Projekten, Unternehmern und Unternehmerinnen.

Sehr hilfreich und motivierend für Änderungen im eigenen Leben sind außerdem Listen mit ganz konkreten, alltagsbezogenen Fragen zu jeder der fünf Dimensionen des Wohlstands.

Vivian Dittmar gelingt es überzeugend zu zeigen, dass ein gutes Leben nicht im Widerspruch steht zum notwendigen ökosozialen Wandel, wie es so oft so scheint, wenn nur von dem Verzicht die Rede ist, den wir angeblich alle zu leisten haben.

Ja, sicher werden wir einige Ansprüche herunterschrauben und auf so manche Bequemlichkeiten verzichten müssen. Aber wer sagt denn, dass nicht gerade dies unser Leben bereichern wird? Wenn wir uns bewusst machen, auf wie viel Lebensqualität wir jetzt verzichten zugunsten von materiellem Wohlstand und scheinbar ökonomisch Notwendigem, wird uns dies auch deutlich leichter fallen.

„Echter Wohlstand“ ist ein kluges, einfühlsam geschriebenes Buch, das nicht zuletzt von den der Authentizität der Autorin lebt, die auf drei Kontinenten aufgewachsen ist und dadurch sehr früh in Berührung gekommen ist mit unterschiedlichen Wertesystemen und deren Auswirkungen. Es ist ein inspirierender Weckruf in einer Zeit, in der wir alle immer deutlicher spüren, dass wir mit „weiter, höher, größer“ eben nicht mehr weiterkommen.

Ilona Daiker

Vivian Dittmar. Echter Wohlstand. Warum sich die Investition in inneren Reichtum lohnt. Ein Plädoyer für neue Werte. Kailash Verlag 2021