Eine Meditationsanleitung

Mitgefühl ist eine natürliche menschliche Reaktion, wenn wir andere leiden sehen. Doch angesichts permanenter Katastrophenmeldungen verschließen wir oft unser Herz. Meditation ist eine Möglichkeit, mit dem, was ist, in Beziehung zu sein und Mitgefühl zu kultivieren. Nur so können wir mit Leiden konstruktiv umgehen.

 

Jede und jeder von uns kennt Bilder von Flüchtlingen auf ihrer gefährlichen Reise über das Mittelmeer. Oder von vereinsamten Menschen in unseren Städten, die niemanden mehr haben, was gerade in der Corona-Krise schlimm ist. Oder von Tieren, die gequält werden. Die natürliche Reaktion ist Mitgefühl, Anteil zu nehmen an dem, was anderen widerfährt.

Doch oft stellen wir uns taub. Im Laufe unserer zum Teil schwierigen und stressigen Lebenserfahrungen haben wir manchmal keinen Zugang zum Mitgefühl in uns. Und selbst wenn wir über die Medien von überwältigendem Leiden hören, gehen wir darüber hinweg, um uns zu schützen. Wir werden apathisch und teilnahmlos, manche fühlen sich ohnmächtig, andere reagieren mit Zynismus und Verbitterung.

Meditation, regelmäßig geübt, kann helfen, Mitgefühl zu stärken, so dass es uns im Alltag mehr und mehr als Kraft zur Verfügung steht. Etwas Mut brauchen wir dafür, denn wir kommen mit schmerzhaften Anteilen in uns selbst und anderen in Kontakt. Dies ist jedoch die Voraussetzung, mit dem Leiden konstruktiv und kreativ umzugehen und neuen Mut zu schöpfen.

Die eigentliche Übung des Mitgefühls besteht darin, sich in ein anderes Lebewesen hineinzuversetzen: Genau wie ich will dieser Mensch, dieses Tier kein Leid erfahren. So entsteht natürlicherweise der Wunsch, dass der andere von Leiden frei sein möge, das ist Mitgefühl. In der Meditation beziehen wir uns konkret auf jemanden, der leidet. Von hier aus gehen wir weiter und dehnen unser Mitgefühl auf andere aus.

Kurze Meditationsanleitung

Wir nehmen Platz an einem Ort, an dem wir für einige Minuten ungestört sein können. Wir nehmen eine Haltung ein, die ruhiges, entspanntes Sitzen ermöglicht.

Wir nehmen unseren Atem einige Minuten bewusst wahr, ohne ihn zu kontrollieren oder zu steuern. Wir atmen einfach ein und aus.

Nun rufen wir uns eine belastende Situation oder den Schicksalsschlag eines nahestehenden Menschen ins Gedächtnis: Unsere Mutter ist plötzlich erkrankt und voller Angst. Ein Freund hat seine Arbeit verloren und weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Wir versetzen uns in die Situation hinein und öffnen uns. Wie fühlt es sich an zu erkranken oder die Arbeit zu verlieren? Welcher Schmerz, körperlich und geistig, ist damit verbunden? Je näher wir uns dem anderen fühlen, um so leichter fällt es, das Leiden nachzuempfinden.

Dann lassen wir ganz natürlich den von Herzen kommenden Wunsch entstehen: „Mögest du von Leiden frei sein. Mögest du die Situation gut meistern und alle Hilfe finden, die du brauchst.“ Wir wiederholen den Wunsch innerlich. Vielleicht kommt uns eine Idee, wie wir selbst hilfreich sein können. Unser Mitgefühl ist aktiviert.

Im nächsten Schritt stellen wir uns jemanden vor, den wir weniger gut kennen und lassen Anteilnahme entstehen: jemand, von dem wir aus den Medien hören, oder eine Arbeitskollegin, die gerade eine harte Zeit durchmacht. Wir nehmen ihr Leiden wahr und wenden uns dem Menschen zu. Wir wünschen innerlich: „Mögest du von diesem Leiden frei sein und Hilfe finden.“ Wir verweilen im Mitgefühl; dies schließt die Bereitschaft ein, etwas zu tun, um zu helfen.

Blick nach innen

Zwischendurch richten wir den Blick nach innen. Wir bemerken unsere Tendenzen auszuweichen, dicht zu machen. Dies zeigt sich zum Beispiel in ablenkenden Gedanken („Ich muss noch einen Anruf erledigen“, „Was soll ich heute Abend kochen?“) oder im Zweifel („Was soll so eine Meditation überhaupt?“) Achtsam bemerken wir, wie wir uns innerlich vom Leiden abwenden wollen und kehren behutsam zur Übung zurück.

Wenn uns das Leiden sehr aufwühlt, nehmen wir eine Pause und machen einige bewusste Atemzüge. Wir vergegenwärtigen uns, dass jede Situation, und sei sie noch so schmerzhaft, sich permanent wandelt und dass jeder Mensch das Potenzial hat, Leiden zu überwinden.

Wenn möglich, dehnen wir Anteilnahme und Wohlwollen auf weitere Menschen aus: Dies können Personen aus unserem Umfeld sein oder Menschen, die wir nur aus den Medien kennen. Wir lassen das tiefe Gefühl der Verbundenheit zu, das die Meditation befördert. Auf dieser Ebene gibt es keinen Unterschied zwischen den anderen und mir. Wir alle wollen von Leiden frei sein und Wohlergehen erleben, sogar Menchen, die wir ablehnen oder hassen. Dies nicht nur intellektuell zu verstehen, sondern zu mit dem Herzen fühlen, ist Mitgefühl.

Wir gehen nur so weit, wie es in diesem Moment für uns geht und zwingen uns nicht zu Mitgefühl, wo es für uns gerade nicht möglich ist. Wir können jederzeit zu unserem Atem zurückkehren, wenn uns die Übung überfordert oder wir die Meditation beenden wollen.

Mit der Haltung des Mitgefühls gehen wir in den Alltag zurück und versuchen, Anteil zu nehmen am Schicksal anderer – und sei es, dass wir uns gedanklich mit ihnen verbinden. Wir haben dazu heutzutage unzählige Gelegenheiten. Mitgefühl ist eine der wichtigsten Kräfte in diesen Zeiten.

Birgit Stratmann

Buchtipp: Sharon Salzberg. Metta-Meditation. Buddhas revolutionärer Weg zum Glück. Arbor Verlag 2003