Ein Standpunkt von Birgit Stratmann

Die Corona-Krise erhitzt die Gemüter. Lockdown fordern die einen, mehr Eigenverantwortung die anderen. Birgit Stratmann ermutigt dazu, mit Geduld und Akzeptanz die eigene Situation zu meistern und im öffentlichen Raum mehr über alternative Konzepte zu diskutieren.

Nun also der zweite Lockdown und alles von vorn: Home Office, das Schließen kultureller Einrichtungen, eine Sperre für Fitness- und Yoga-Studios, die Gastronomie darnieder und und und. Trotz breiter Zustimmungswerte in der Bevölkerung machen sich Unmut, Frustration und Wut breit. Ich spüre selbst und in meinem Umfeld weniger Gelassenheit als noch beim ersten Lockdown im Frühjahr.

Das liegt auch daran, dass keine politische Strategie zu erkennen ist. Wohin soll dieser Umgang mit dem Corona-Virus führen? Die Regierung und die Länder fahren auf Sicht: vier Wochen durchhalten und dann selig Weihnachten feiern, so die Idee. Aber was ist im Januar, Februar? Was nächsten Herbst?

Das Virus geht nicht mehr weg, sagte der Virologe Hendrik Streek schon vor Monaten. Nicht dieses Jahr, nicht nächstes und auch nicht übernächstes Jahr. „Wir müssen mit dem Virus leben“, hieß der Satz, der uns aufhorchen ließ. Stimmt das, und wenn ja wie geht das?

Zweifel am richtigen Weg

Ein Weg heißt Lockdown, und den hat die Bundesregierung zusammen mit den Länderchefinnen und -Chefs am 28. Oktober beschlossen. Nur durch die Verringerung der Kontakte könne die Welle der Infektionen gebrochen werden. Und nur dann kämen wir wieder aus dem exponentiellen Wachstum heraus. Dabei stützt sich die Regierung auf Wissenschaftler, von denen einige 75 Prozent weniger Kontakte empfehlen.

Am selben Tag meldeten sich Virologen und Ärzte zu Wort, die die Lockdown-Strategie kritisieren, unter ihnen Jonas Schmidt-Chanasit und Hendrik Streek. Sie fordern in einem Positionspapier Maßnahmen, die einen Lockdown vermeiden, etwa ein Ampelsystem, mit dem man die Gefahrenlage vor Ort abschätzen und sein Verhalten entsprechen darauf einstellen kann. Risikogruppen sollten mehr geschützt werden. Kurz: Sie setzen auf mehr Eigenverantwortung.

Doch leider hat das mit der Eigenverantwortung im Spätsommer nicht wirklich funktioniert. Selbst als vielerorts die Marke von 50 Infektionen auf 100.000 Einwohner erreicht wurde, änderte sich das Verhalten nicht. Kann man mit diesen alternativen Vorschlägen wirklich das exponentielle Wachstum stoppen?

Oder setzen die Protagonisten doch, ohne es zu sagen, auf Herdenimmunität, also dass sich über längere Zeit weite Teile der Bevölkerung anstecken und dem Virus so der Boden entzogen wird – mit hohen Todeszahlen?

Zweifel sind angebracht – so oder so. Denn wenn wir ehrlich sind, müssen wir feststellen: Wir wissen es nicht. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass wir in unserer offenen, globalen Gesellschaft eine Pandemie erleben. Es gibt keinerlei Vorerfahrungen, zu wenig Studien speziell zu Covid-19, die die Entscheidungen berechenbar machen würden.

Mit Unsicherheit leben lernen

Mit Nicht-Wissen und Unsicherheit umzugehen – das ist schwer zu ertragen, gerade für uns, die wir so gern alles rational betrachten, planen und im Griff haben wollen. Wir haben es am liebsten schwarz oder weiß: dass es so oder so ist, dass man dies oder das zu tun hat, um jenes oder ein anderes Resultat zu erreichen.

Doch jetzt kommen wir an unsere Grenzen, es gibt mehr Fragen als Antworten: Wie gefährlich ist das Corona-Virus wirklich, welche Langzeitschäden können eintreten? Was sind die Hauptquellen? Und wo setzt man am besten an, es zu stoppen?

Machte man im März noch kleine Kinder und Schüler als Superspreader aus, so belegen neuere Studien, dass sie es nicht sind. Dachte man dann an private Partys und Feiern, so scheint das nicht der alleinige Grund für ein exponentielles Wachstum zu sein. Und sind Kinos, Theater und kulturelle Angebote wirklich Hotspots der Übertragung? Und wie sieht es mit Restaurant-Besuchen aus; gibt es dazu Zahlen?

Verlässliche Antworten scheint es nicht zu geben und damit müssen wir uns erst einmal abfinden. Nur eins ist klar: Je mehr Kontakte wir haben, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Virus weitertragen. Man muss die aktuellen Zahlen nur hochrechnen, um zu sehen, wo wir in ein paar Wochen und Monaten stehen, wenn jetzt nicht gehandelt wird.

Wir müssen anerkennen, dass wir vieles nicht wissen. Das geht den Regierenden genauso wie den Kritikern. Daher ist es so wichtig, dass in einer offenen politischen Auseinandersetzung um die Strategien gerungen wird, die den besten Schutz bieten und dabei den geringsten Schaden anrichten.

Hier müssen auch die weitreichenden Folgen von Lockdowns in den Blick genommen werden: Welche Auswirkungen hat es auf die Psyche der Menschen, auf die Stimmung, die Perspektiven, das Lebensgefühl?

Und welche harten „Kollateralschäden“ wollen wir als Gesellschaft in Kauf nehmen: Unzählige kleine Betriebe – Selbstständige, Cafes, Bars, Clubs, Theater – werden vielleicht nicht mehr durchhalten können. Und gerade sie sind es vielfach, die unser menschliches Leben bereichern und prägen. Es könnte unsere Gesellschaft tiefgreifend verändern, wenn wir auf längere Zeit mehr oder weniger nur noch mit dem physischen Überleben beschäftigt sind.

Eine Geduldsübung

Trotz all der Diskussionen, der Zweifel, des Nicht-Wissens: Wir müssen mit dieser Situation leben lernen. Gut ist, wenn es gelingt sich zu überlegen, was jetzt möglich ist, statt sich darauf zu fixieren, was nicht mehr geht.

Geduld ist gefordert – ein Wort, das viele in unserer Freiheits-Gesellschaft aus ihrem Wortschatz gestrichen haben. Geduld heißt, unangenehme, leidvolle Dinge, die wir nicht ändern können, zu ertragen und hinzunehmen, ohne Frust und Aggression nach außen zu projizieren. Wer die Einschränkungen freiwillig und bewusst hinnimmt, kommt besser durch die Krise und wirkt auch Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit entgegen.

Aber diese Art der Akzeptanz fordert uns einiges ab. Wir müssen uns jeden Tag neu dafür entschließen, am besten gleich beim Aufstehen. Denn meistens geben wir reflexartig anderen die Schuld für unser Schicksal: den Politikern, der Regierung, der Gesellschaft, den Regeln, dem Mundschutz. Aber verantwortlich für unseren Frust sind nicht andere Menschen und auch nicht die Abstands- und Mundschutzregeln, sondern die Art, wie wir darauf reagieren. Und das liegt in unserer Verantwortung.

Mehr Diskussionen im öffentlichen Raum

Die Geduldsübung betrifft unsere persönliche Ebene. Sie hilft, uns zu beruhigen und das, was ist, gelassener hinzunehmen. Auf gesellschaftlicher Ebene brauchen wir viel mehr Diskussionen über den richtigen Weg. Damit meine ich nicht, auf einer Anti-Corona-Demo Schilder hochzuhalten „Nieder mit der Spahn-Diktatur“ und sich zu weigern, Mundschutz zu tragen. Wer gegen den Lockdown ist, soll dezidierte andere Vorschläge und Ideen entwickeln, wie mit der Corona-Krise umzugehen ist.

Die Exekutive hat zu viel an den Parlamenten vorbei regiert. Das muss sich dringend ändern. Wir brauchen eine öffentliche Auseinandersetzung über den Lockdown, über alternative Konzepte, über Freiheit und Eigenverantwortung. Ungereimtheiten bei den Maßnahmen sollten überprüft werden: Warum dürfen Kirchen offen bleiben und Seminarhäuser nicht? Jeder sollte die Möglichkeiten unserer Demokratie nutzen, um das, was in seinen Augen schief läuft, zu hinterfragen, sich für Alternativen einsetzen und Unterstützung zu fordern.

Aber dann müssen wir das, was demokratisch gewählte Vertreterinnen und Vertreter beschlossen haben, akzeptieren. Denn wir brauchen den gesellschaftlichen Zusammenhalt, gerade jetzt. Wir werden diese Krise – und viele andere Krisen auch – nur gemeinsam meistern, aber niemals gegeneinander.

Fehler und Fehleinschätzungen sind möglich – nicht nur bei den anderen, sondern auch bei uns selbst. Daher sollten wir in diesen Krisenzeiten nachsichtig sein, unsere menschlichen Werte hochhalten und uns gegenseitig beistehen.

Birgit Stratmann

Birgit Stratmann ist Redakteurin bei Ethik heute.