Ein Buch von Franz Müntefering

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Franz Müntefering hat das Lesebuch seines Lebens geschrieben. Für ihn heißt älter werden unterwegs sein, sich einmischen und Verantwortung  übernehmen – für sich selbst, aber auch für Demokratie und Gesellschaft. Ein Buch, das Mut macht.

Eigentlich wollte Franz Müntefering, langjähriger Bundestagsabgeordneter, Minister, Vizekanzler, Generalsekretär und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, nie ein Buch schreiben. Er halte nichts von diesen psychopathologischen Bemühungen, alles aufzuschreiben, sagte er 2005. Jetzt hat er es mit knapp 80 Jahren doch getan.

„Unterwegs – Älterwerden in dieser Zeit“ lautet der Titel des rund 220 Seiten starken Werks. Entstanden ist ein Lesebuch, das tiefe Einblicke gibt in sein Werden und Sein, in sein Leben und Lesen – und in das, was ihn zuversichtlich macht. Getippt hat er das – zum Entsetzen seiner Ehefrau – auf seiner heißgeliebten, alten Schreibmaschine. Rückwärtsgewandt sind seine Weisheiten aber deshalb noch lange nicht.

„Älterwerden heißt leben. Das ist eine spannende Sache“, schreibt „Münte“, wie er damals von allen genannt wurde, in seiner unverkennbar knappen Sprache, ohne jedes Pathos, bei der man seine Stimme im Ohr zu haben glaubt. „Und für die meisten von uns geht sie länger als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit“, fährt er fort. Daraus ergibt sich für ihn Gelegenheit, unterwegs zu sein, sich einzumischen, Mitverantwortung und Selbstverantwortung zu übernehmen und zu sagen, wohin die Reise geht. Egal, wie alt man ist. „Das Renteneintrittsalter ist nicht die Tür ins Unverbindliche und Beliebige“.

Franz Müntefering schreibt unbeschwert, aber nachdenklich, und mit Augenzwinkern über das alltägliche Leben im Älterwerden, über Mobilität und Begegnung, über Gesundheit und Sterben, über Solidarität, über Europa und unsere Demokratie und, mit besonderer Dringlichkeit, über die Frage, wie die heutigen den künftigen Generationen die Welt hinterlassen werden.

Zuversicht in die Gestaltbarkeit der Dinge, das ist ihm seit Jahrzehnten zentraler Orientierungssatz, den Müntefering auch nicht vorhat aufzugeben. Diese Zuversicht ist abhängig von der Bereitschaft zum Engagement und vom Mut zum Handeln – in der Politik, in der Gesellschaft und ganz persönlich. Und das – da wird er sehr deutlich – darf niemals aufhören und ist vom Lebensalter gänzlich unabhängig. Sich für die Demokratie einzusetzen hat für ihn keine Altersgrenze.

Engagement hält wach

Geprägt hat ihn Hannah Arendts Wort von der „Politik als angewandte Liebe zum Leben“. Für Franz Müntefering ist Politik nicht nur das, was Parteien oder Regierungen miteinander aushandeln, sondern das Miteinander insgesamt. „Um das geht es“, sagt er, „um das einzelne und eigene Leben und das miteinander“.

„Unterwegs“ ist vieles: biografische Erzählung eines immer noch hellwachen Arbeiter- und Kriegskindes, aber auch eine Politikanalyse der Bundesrepublik seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Dazu noch philosophische Erkenntnisse eines originellen Kopfes darüber, was die demografische Entwicklung im 21. Jahrhundert für jeden einzelnen bedeutet.

Franz Müntefering ist heute ehrenamtlicher Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes und Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen. Er war 32 Jahre Mitglied des Deutschen Bundestags, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion sowie SPD-Bundesvorsitzender. Und er ist noch immer ausgesprochen aktiv. Das hat gewiss mit seinem uneitlen Pflichtgefühl zu tun, das ihm mehr als einmal die Anmutung eines Parteisoldaten verlieh, ihm aber auch ermöglichte, auseinanderstrebende Kräfte zusammenzuhalten.

Zeitlebens hat er sich nützlich gemacht: in der Pfarrjugend, im Gemeinderat, in der Politik auf allen Ebenen und noch immer in zahlreichen Ehrenämtern. Das tut er nicht, weil er ein guter Mensch sein möchte, sondern durchaus auch aus Eigennutz. Engagement hält wach, verhindert Vereinsamung, Krankheiten und Weltschmerz. Seine Appelle im Buch sind durchaus wörtlich zu nehmen: Bewegt euch, treibt Sport, bleibt rege, pflegt und knüpft soziale Kontakte. Älter zu werden und dabei lebendig zu sein, das ist Müntes Credo.

Wesentlich unbekannter dürfte sein, dass er Zeit seines Lebens viel gelesen hat und damit manchen studierten Literaten oder Literatin verblüffen dürfte. Auch selbst greift er zur Feder. „Lebenslange Tüftelei mit Worten“, beschreibt er das. „Ich tüftele also mit Buchstaben und Worten, um herauszufinden, was ich denke“. Müntefering traut seinen Gedanken nämlich nicht, solange sie nur im Kopf sind. Kostproben dieser Spiellust mit Worten gibt es einige im Buch. Beispiel gefällig?

Ohne Ende/ Da das dünne wie/ das dicke Ende nie/ oben unten wo auch ist/ und ich mitnichten Defätist/lässt sich damit gut leben/Ebenerdig.

Mit dem Älterwerden selbst hat er seinen Frieden längst gefunden und zitiert als Beleg einen Karl Schneider, der mit 100 Jahren sagte: Du musst das Leben nehmen, wie es ist, aber du darfst es nicht so lassen. Das darf getrost als Motto des Franz Müntefering gelten.

Es ist ein buntes Buch geworden, das er doch eigentlich gar nie schreiben wollte. Wer knallharte politische Abrechnung und Schlüssellochblicke erwartet, der wird enttäuscht sein. Aber wer gerne ein paar Stunden mit diesem quicklebendigen und doch schon ein wenig altersweisen Franz Müntefering verbringen möchte, der wird daran Freude haben und das eine oder andere Aha-Erlebnis haben und schmunzeln dürfen. Wie schreibt er selbst: „Das Alter und die Älteren – ein Problem? Sie sind auch die Lösung“.

Kirsten Baumbusch

Unterwegs – Älterwerden in dieser Zeit, Franz Müntefering, Dietz-Verlag, 2019

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