Wie gelingt es, weniger zu trinken?

Alkohol ist eine gesellschaftlich tolerierte Droge und ein oft unterschätztes Problem. Doch mit moralischen Appellen kommen wir aus Sicht der Autorin nicht weiter. Sucht sei Folge eines Mangelgefühls. Wer weniger trinken will, müsse versuchen, mit der Fülle des Lebens in Kontakt zu kommen.

Jeder Deutsche trinkt im Schnitt zehn Liter reinen Alkohol pro Jahr, die sich auf 160 Liter alkoholische Getränke verteilen. Das ergibt eine ganze Badewanne voll. Und jede Menge Probleme: Zu viel Alkohol schädigt den gesamten Organismus: Leber, Herz, Magen, Darm, Hirn, Immunsystem. Unter anderen. Hinzu kommen die psychischen Folgen: Alkohol in hohen Dosen kann abstumpfen, aggressiv und einsam machen und auch das Verantwortungsbewusstsein einschränken. Das kann Unfälle und kriminelle Taten provozieren, die man im nüchternen Zustand nicht begehen würde. Vor allem Jugendliche sind gefährdet. Mehr noch als die Erwachsenen riskieren sie, die Kontrolle über sich zu verlieren.

Doch die erhöhte Nachfrage nach Alkohol hat noch eine andere Dimension: Auf den Flächen, wo Weintrauben, Hopfen und Getreide für die Herstellung von alkoholischen Getränken wachsen, können keine Nahrungsmittel angebaut werden. Dazu kommt, dass oft gerade diese Produkte hochgradig mit Pestiziden und anderen Schadstoffen verseucht sind. So gibt es viele Gründe, darüber nachzudenken, warum wir so viel trinken.

Was treibt uns dazu, so oft zum Glas oder zur Flasche zu greifen? Es geht dabei nicht nur um den guten Geschmack. Dafür würden kleine Mengen ausreichen. Doch meistens bleibt es nicht bei einem Glas. Wenn man einmal angefangen hat, macht man weiter.

Zuerst fühlt es sich gut an. Die Anspannung des Tages fällt ab, wir werden insgesamt lockerer und fühlen uns für eine kleine Weile unbeschwerter. Wem würde das nicht gefallen? Mit netten Leuten um einen Tisch herum sitzen, plaudern und lachen und die Probleme des Alltags vergessen. Wunderbar. Das Problem beginnt mit dem Schluck zu viel. Dann verwandelt sich die anfängliche Leichtigkeit schnell in Schwere. Oft hören wir dann nicht auf. Jetzt ist es auch egal. Man hat sich warmgeredet und kommt erst richtig in Fahrt.

Ein Glas Wein und die trügerische Entspannung

Neben den Gemeinschaftstrinkern gibt es einsame Trinker. Sie können sich in Gesellschaft einen ganzen Abend an einem Glas Wasser festhalten und trinken erst heimlich zu Hause, wenn sie niemand sieht. Und dann gibt es solche wie mich: Ich trinke so gut wie täglich meinen Wein, ob alleine oder in Gesellschaft. Nicht viel und nur am Abend. Aber doch regelmäßig. Ich gestehe: Ich mag nicht nur den Geschmack des Weins, sondern auch das Gefühl des leichten Abgehobenseins. Den ganzen Tag arbeite ich hochkonzentriert. Mit dem ersten Schluck ist damit Schluss. Die Entspannung kann beginnen.

Immer wieder stelle ich mir die Frage, warum ich dazu den Alkohol brauche. Es gibt doch so viele andere, gesündere Möglichkeiten zu entspannen. Musik hören, meditieren, lesen, Yoga. Das mache ich auch. Doch wenn die Sonne untergeht, bekomme ich Lust auf dieses wohlig-warme Gefühl, das der Wein in mir auslöst. Ich lebe im Herzen des Languedoc und damit sozusagen an der Quelle. Das macht die Auswahl groß und den Verzicht nicht einfacher. Hier gehört der Wein zum Essen.

Manchmal ärgert es mich, so regelmäßig zu trinken und mich dadurch abhängig zu fühlen. Was mir dann nicht hilft, sind Selbstvorwürfe und ein schlechtes Gewissen. Die frustrieren mich und machen es mir noch schwerer, nicht zu trinken. Ermahnungen und Schuldzuweisungen helfen mir nicht weiter, auch nicht das Wissen darum, welchen Schaden Alkohol anrichten kann. Wenn das ausreichen würde, müssten Ärzte zu den Ersten gehören, die aufhören zu rauchen und zu trinken.

Fülle statt Mangelgefühl

Immerhin rauche ich nicht. Nicht mehr. Ich habe vor vielen Jahren damit aufgehört. Nicht mein starker Wille hat mir dabei geholfen. Der Wille gibt einen Impuls, doch er reicht nicht aus, um tatsächlich etwas zu verändern. Hierzu braucht es eine andere Kraft. Für mich war es die Macht der Entscheidung. Es war wie ein Klick. Ein Schalter wurde umgelegt und die Energie floss in eine andere Richtung weiter. Ganz einfach. Wirklich.

Ich hatte nicht das Gefühl, auf etwas zu verzichten, mich einschränken zu müssen oder mit zusammengebissenen Zähnen an die Kandare zu nehmen. Ich bestrafte mich nicht für mein „Vergehen“, indem ich mich selbst kasteite: keine Ausgelassenheit mehr, kein Manchmal-über-die-Stränge-Schlagen, keine Freiheit.

Es war das Gegenteil: Ich machte nicht etwas nicht, sondern etwas anderes. Schließlich ist nichts schwieriger, als etwas sein zu lassen, was man sich irgendwann mal angewöhnt hat. Die ganze Aufmerksamkeit strömt in dieses „nicht“, in die Leere, die dadurch entsteht, und macht das Gefühl des Mangels umso größer und unerträglich. Die Schuldgefühle wachsen, die Selbstvorwürfe auch, und damit die Lust, sich noch tiefer in die Sucht zu flüchten.

Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, steht uns ein wunderbares Werkzeug zur Verfügung: Die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit in eine andere Richtung zu lenken. Die Energie sammelt sich dort, wo die Aufmerksamkeit hingeht, heißt es. Wenn ich Verzicht und Mangel fokussiere, dann erfahre ich Verzicht und Mangel. Wenn ich hingegen dorthin schaue, wo Fülle ist, erfahre ich Fülle. Ich habe die Wahl: den Mangel in den Mittelpunkt meines Interesses zu stellen oder die Fülle.

Nicht nur in der Fastenzeit haben wir eine gute Gelegenheit, etwas loszulassen, was uns das Leben so schwer macht: das Mangelgefühl, die Illusion, dass uns etwas fehlt. Dieser Gedanke hat sich in uns eingebrannt. Doch es ist nur ein Gedanke. Und wenn es gar nicht so wäre? Wenn in Wirklichkeit alles da ist? Wenn wir aus dem Vollen schöpfen können? Ich kann es ja zumindest einmal versuchen, so zu denken. Für mich ist gesorgt. Die Natur gibt mir, was ich brauche. Das Leben wirkt in meinem Sinne. Ich kann mich ihm vertrauensvoll hingeben und mich von ihm tragen lassen.

Wenn ich das empfinde, dann brauche ich keine Droge, die mich ablenkt, sei es in Form von Alkohol, Tabak, Kaffee oder Schokolade, Arbeit, Besitz, Sport oder Spiel. Ich brauche dann keine Krücken mehr, ich muss mich auf nichts stützen, weil ich Angst habe, mich in der Leere zu verlieren. Ich kann ganz frei sein, tief durchatmen, meine Hände öffnen und meine Arme ausbreiten, um zu empfangen, was das Leben mir bietet.

Die Lösung liegt im Problem

Das hilft mir. Es führt zu keiner Lösung, ein Problem als Feind zu bekämpfen. Dadurch wird es nur immer größer. Wir müssen es in gewisser Weise umarmen. Denn nur so werden wir gewahr, dass die Lösung sich im Problem selbst befindet. Allein die Tatsache, dass wir ein Problem erkennen, zeigt uns, dass wir der Lösung auf der Spur sind. Deshalb ist es so wichtig, nicht vorbeizuschauen, sondern mitten hinein.

Also: Ja, ich finde, ich trinke zu viel und zu regelmäßig. Ja, es gibt in Frankreich und in Deutschland ein Alkoholproblem. Alkohol ist eine Droge, die gefährlich sein kann. Nein, es ist nicht in Ordnung, wenn Menschen, die nicht trinken möchten, dazu genötigt werden. Und nein, es ist auch nicht in Ordnung, wenn Menschen, die ein Alkoholproblem haben, stigmatisiert werden.

Wir alle haben eine Neigung zur Sucht. Die Sucht nach Anerkennung, die Sucht nach Liebe, nach Erfolg, nach materiellen Gütern, nach Harmonie, nach Macht. Mit dem Finger auf jene zu zeigen, die ein Problem haben, was man selbst gerade nicht hat, bringt uns nicht weiter. Es ist an uns allen, die Schuldzuweisungen, an andere und an uns selbst, sein zu lassen, und uns zu öffnen für das Schwache und Begrenzte in uns.

Selbstannahme als Schlüssel

Wer sich selbst so annimmt, wie er ist, wird frei. Er braucht keine Droge, um sich besser zu fühlen, lockerer, entspannter, unbeschwerter. Wer sich selbst mit seinen Problemen annimmt und sozusagen innerlich umarmt, der kann offen auf andere zugehen und die Verbindungen pflegen zu dem, was ihn umgibt. Der braucht die Flucht in künstliche Paradiese nicht, denn er erkennt, dass das Paradies gar nicht außerhalb zu finden ist. Es ist hier, vor unseren Augen. Mitten in dieser Welt.

Dieses Wertvolle, Wunderbare, offenbart sich uns, wenn wir jetzt, in diesem Moment, einmal innehalten und aufschauen. Vielleicht sehen wir ein Stück Himmel, einen Baum vor unserem Fenster, ein paar Blumen. Wir müssen nur die Augen öffnen und sehen, was da ist: die aufblühende Natur, die durch nichts aufzuhalten ist, der weite Himmel, das frische Leben, das sich immer wieder regeneriert. Der Frühling macht es uns so leicht! Die Vögel singen immer noch in unseren Gärten. Erste Blumen verbreiten ihren Duft. Insekten summen. Die leichte Brise streichelt die Haut und die Sonne wärmt.

Alles ist da. Vollständig. Es fehlt nichts. Auch kein Schluck Alkohol, um es noch schöner zu machen. Kein kühles Bier, kein würziger Rotwein. Wer eintaucht in sein Gespür und sich von seinen Sinnen leiten lässt, der empfindet ein Glück, das vollständig ist.

Sucht ergibt sich aus einem Fluchtgedanken heraus, aus dem Wunsch, etwas anders zu erleben, als es gerade ist. Wenn es gelingt, in den Augenblick einzutauchen und ganz da zu sein, löst sich dieser Gedanke von ganz alleine auf. Dann ist alles ganz einfach. Wirklich.

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt als Autorin und Sprachlehrerin in Südfrankreich. Sie hat einen eigenen Blog. Jüngste Veröffentlichung “Was wachsen will, muss Schalen abwerfen”. Ihre Bücher: „Krankheit heilt – vom kreativen Denken und dem Gespräch mit sich selbst“, 2014, „Traverser le miroir – de la peur du cancer à la confiance en la vie“ (Den Spiegel durchqueren – von der Angst vorm Krebs zum Vertrauen in das Leben), 2016. „Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist – Zuversicht für eine neue Zeit“ 2017, “Die Waffen niederlegen – Die Botschaft der Krebszellen verstehen” 2019.