“Alternative Währungen können die Regionen stärken“

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Interview mit der Organisation monneta

Regionalwährungen können die soziale und ökologische Transformation voranbringen und den Euro ergänzen, ist Kathrin Latsch überzeugt, Geschäftsführerin von monneta. Diese dienen nicht, wie z.B. Bitcoins, der Spekulation, sondern der regionalen Wertschöpfung. 

 

Kathrin Latsch ist Geschäftsführerin von monneta, einer gemeinnützigen Gesellschaft, die sich mit alternativen Geldsystemen, Komplementärwährungen und nachhaltiger Finanzwirtschaft befasst und sich für eine Vielfalt von Währungen einsetzt.

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Auf welches Problem in unserem Geldsystem versuchen Regionalwährungen eine Antwort zu geben?

Latsch: Regionalwährungen sind eine Antwort auf zu viel Globalisierung und eine krisenhafte Finanzwirtschaft, die schneller gewachsen ist als die reale Wirtschaft. Auf den Finanzmärkten kann man weitaus mehr Wachstum erzielen als in der realen Wirtschaft. Hier ist ein völliges Missverhältnis entstanden: Das Handelsvolumen im Finanzsektor ist mindestens zehnmal so groß wie in der realen Wirtschaft.

Die Finanzwirtschaft ist dadurch aber sehr krisenanfällig. Im März 2020 hat es einen Börsencrash gegeben, der vom Volumen her schlimmer war als 2008. Das ist der Aufmerksamkeit der normalen Bürgerinnen und Bürger entgangen, weil Corona so vordringlich war.

Wir werden immer wieder Finanzkrisen erleben, solange das System so instabil ist. Bei diesen Krisen hängt alles davon ab, dass die Zentralbanken in Windeseile bereit sind, viele Milliarden zur Verfügung zu stellen.

Diese Dynamiken sollten uns Sorgen machen und zu der Überlegung führen, wie man durch vielfältigere Möglichkeiten im Umgang mit Geld das Risiko verringern kann. Und hier bieten die Regional- und Komplementärwährungen eine Möglichkeit.

Können Sie kurz erklären, wie Regionalwährungen funktionieren?

Latsch: Wir können als Beispiel den Chiemgauer nehmen, die Regionalwährung im bayerischen Chiemgau. Wenn ich mich als Verbraucherin entscheide, beim Chiemgauer mitzumachen, tausche ich 100 Euro gegen 100 Chiemgauer und gebe sie ohne Verlust aus.

Der Chiemgauer gibt mir aber die Gelegenheit, regionale Vereine zu unterstützen. Denn wenn die Unternehmen, die Chiemgauer nutzen, sie wieder in Euro umtauschen wollen, dann werden fünf Prozent Gebühr fällig. Zwei Prozent sind die Kosten, die beim Chiemgauer für Programmierung und die ganze Projektarbeit anfallen, und drei Prozent gehen an eine gemeinnützige Organisation, die ich auswählen kann.

Das hat dem Chiemgauer geholfen, sich durchzusetzen, weil die Vereine ihre Mitgliedern gebeten haben beim Chiemgauer mitzumachen. Die beteiligten Unternehmen haben zwar doppelte Buchführung, aber auch Marketing-Vorteile. Sie haben eine treue Kundschaft, die über regionale Nachhaltigkeit informiert ist.

Die Kunden wollen die kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Region stärken. Und weil diese die Rücktausch-Gebühr vermeiden wollen, versuchen sie andere Unternehmen dazu zu bewegen, Chiemgauer zu akzeptieren, wie beispielsweise regionale Zulieferer.

Diese Dynamik ist eine Triebfeder dieses Systems. Auch das Finanzamt und die Steuerberater kommen damit zurecht, der Chiemgauer gilt wie der Euro und wird auch bei den Steuern berücksichtigt.

„Regionalwährungen sind wie ein Labor für einen anderen Umgang mit Geld.“

Wie unterstützt eine solche Regionalwährung die Region?

Latsch: Die Wertschöpfung bleibt in der Region und fließt nicht ab auf den Weltmarkt. Mit einer Regionalwährung wird eine Art Schutzraum kreiert. Wenn die Leute mit Chiemgauern einkaufen, fördern sie den regionalen Einzelhandel und die Wirtschaft vor Ort und damit auch die Arbeitsplätze. Es entstehen zudem Kreisläufe, bei denen heimische Ressourcen wie Schafswolle, erneuerbare Energien oder Äpfel verwendet werden.

Wie sehen Sie Regionalwährungen im Zusammenhang mit herkömmlichen Währungen wie dem Euro?

Foto: privat

Latsch: Ich sehe Regional- und Komplementärwährungen als Ergänzung zum Euro. Natürlich brauchen wir eine internationale Währung für die europäischen Länder.

Mit der Einführung des Euros haben wir jedoch auch viele Möglichkeiten aufgegeben. Wir können die Zinssätze kaum mehr national variieren oder verschiedene Währungen anders bewerten.

Mit dem Euro stehen wir heute wieder vor der Frage: Wie können wir mit einer Vielfalt von Währungen möglicherweise wieder flexibler werden? Eine Möglichkeit dafür ist eine Regionalwährung, die auch grenzüberschreitend denkbar ist. Aber Regionalwährungen sind meist klein und bräuchten viel mehr Förderung. Sie sind auch Labore für einen anderen Umgang mit Geld.

„Man könnte Währungen für Klima und Nachhaltigkeit einführen.“

Wie könnten solche Experimente hierzulande gefördert werden?

Latsch: Hilfreich wäre, wenn Kommunen und kommunale Träger das große Potenzial erkennen würden, um regional der Wirtschaft zu helfen und im sozialen Bereich neue Impulse zu geben.

Zum Beispiel wäre ein Tausch-System für ehrenamtliche Arbeitsstunden gut, damit die Menschen für ihr ehrenamtliche Engagement zusätzlich belohnt werden, z. B. wenn sie in der Nachbarschaft Einkäufe organisieren für Kranke oder Familien unterstützen wie in der Corona-Krise.

Man könnte ein Programm anbieten, bei dem ehrenamtliche Arbeitsstunden gutgeschrieben werden. Ich war beispielsweise im Elternrat, war Elternvertreterin, habe eine Kantine mit aufgebaut, bei Klassen-Konferenzen Mediation gemacht. Wenn ich mir diese Stunden auf einem Zeit-Sparkonto hätte gutschreiben lassen können, das von einem kommunalen Träger gefördert wird, dann könnte ich mir später im Alter über eine Tauschplattform Hilfe organisieren. Solch ein Zeittauschsystem würde die Kommunen und die Sozialversicherungsträger finanziell entlasten. In Österreich gibt es ein Projekt namens Zeit-Polster, in dem so bessere, soziale Pflege entwickelt wird.

Regionalwährungen belohnen klimaschonendes Verhalten.

Sehen Sie Regionalwährungen oder Komplementärwährungen auch als Elemente einer ökologisch-sozialen Transformation?

Latsch: Ja, absolut. Wir wissen, was wir falsch machen, was wir anders machen müssten, aber wie bringt man die Menschen dazu, dass sie es auch tatsächlich tun?

Hier sind komplementäre Währungen ein Instrument, mit dem man das richtige Verhalten belohnt. Ein Beispiel dafür ist der Klimabonus. Das heißt, wenn ich mich so verhalte, dass ich CO2 einspare, dann kann ich dafür Klimaboni erhalten. Ein Klimabonus ist so viel wert wie ein Euro und ich kann ihn für Waren oder Dienstleistungen ausgeben, die klima- und umweltfreundlich sind, z.B. in Bioläden, die Klimaboni akzeptieren. Als Pilotprojekt gibt es das zum Beispiel im Chiemgau, in Marburg und im Burgwald-Ederbergland.

Länderübergreifend könnte man eine Währung herausgeben, die ganz gezielt den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen dient, sozusagen einen grünen Euro. Das ist eine Idee von Stefan Brunnhuber, der sich Gedanken gemacht hat, wie man eine Komplementärwährung einführt, die gezielt die Transformation in Richtung der Nachhaltigkeitsziele finanziert.

Kennen Sie auch Projekte, die im Bereich der Kryptowährungen dieses neue Zahlungsmittel in diesem Sinne umgestalten wollen?

Latsch: Das Problem mit den Kryptowährungen wie Bitcoin ist, dass sie der Spekulation dienen. Aber es gibt Projekte, die Kryptowährungen entwickeln, die dem Gemeinwohl dienen. Hier kann man etwas mitgestalten, Beispiele sind Trust Lines, Circles oder Seeds.

Es gibt auch Menschen, die den Chiemgauer auf die Blockchain setzen wollen. Dahinter steht auch der Impuls, den Umgang und Austausch mit Geld in gemeinschaftliche demokratische Prozesse zu übergeben und mehr Teilhabe zu ermöglichen. Wenn man anfängt über Geld zu reden und Tauschmittel anders zu gestalten, wird in kleinen Schritten auch eine Veränderung des Finanzsystems möglich.

Regionalwährungen haben auch die Wirkung, dass sie über den Umgang mit Geld aufklären. Dadurch denken wir vielleicht auch neu über das Geld nach: Woher kommt eigentlich der Euro? Wie könnte man Geld auch anders gestalten?

Deshalb würde ich für Vielfalt plädieren, also die regionale Wirtschaft stärken, Nachhaltigkeit unterstützen und kleine und mittelständische Unternehmen fördern.

Wir wissen aus der Natur, dass ein Mischwald resilienter ist als z.B. Fichtenmonokulturen. In Krisen sollten wir nicht von einer Monokultur des Geldes abhängig sein. Durch mehrere Währungen kann das Geldsystem stabiler und reich- und nachhaltiger werden und durch Regionalwährungen kann man z.B. regional die Versorgung verbessern.

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