Der etwas andere Stadt-Spaziergang

Steve und Christian Heitzer üben regelmäßig mit einer Gruppe Gehmeditation, auch in der Stadt. Hier schildern sie ihre Erfahrungen mit der Praxis des achtsamen Gehens, die sie wieder in Kontakt mit sich selbst, den Menschen und der Umgebung bringt.

Einfach mal stehen bleiben: Aufrecht und entspannt zum Still-Stand kommen. Den Boden unter unseren Füßen spüren. Es geht um die Kraft, den gegenwärtigen Schritt zu gehen. Dazu brauchen wir auch Entschlossenheit, uns loszureißen von unseren beinahe zwanghaften Gedanken-Ketten. Uns abschütteln und den Weg fortsetzen, Schritt für Schritt.

Wir sind eine Gruppe von Übenden, die regelmäßig achtsames Gehen in Regensburg praktizieren. Wir starten vom Pylonentor aus mit ein paar bewussten Schritten über eine Straße. Auf dem etwas erhöhten Platz haben wir einen wunderbaren Blick über das Viertel Stadtamhof bis hin zur Steineren Brücke und den Dom.

Ankommen, da sein. Den Blick auf diese schöne Stadt genießen. Und sich erlauben, ganz bei sich zu sein. Zwar getragen von einer Gruppe, doch jede und jeder für sich, vielleicht im Schweigen. Wir dürfen frei sein von dem üblichen Small-Talk.

Wahrnehmen, was uns bewegt

Wir machen uns auf den Weg und nehmen die Stadt bewusst wahr, die Menschen und Autos, die Betriebsamkeit und Geschäftigkeit. Sie sind gleichsam wie ein Spiegel unserer eigenen Betriebsamkeit im Kopf und im Herzen. Auf der Brücke über die Autobahn bleiben wir stehen und schauen auf die fahrenden Autos. Und wir nehmen sie als Bild dessen wahr, was uns durch den Kopf geht: Welche Gedanken sind da, welche Gefühle? In welcher Stimmung sind wir jetzt unterwegs?

Wir suchen nicht irgendwelche Gedanken. Wir finden den ein oder anderen. Als ob wir die Autos kurz benennen würden: Ein VW, ein Mercedes, ein Toyota-Pickup. Wir finden vor, was da ist. Wir schauen die Bewegungen unseres Geistes an, und vielleicht können wir auch sie kurz benennen: Sorge, Grübeln, Angst, Planen. Einfach wahrnehmen, was und wer da so im Kopf und im Herzen mit uns geht.

Das Wunder lebendig zu sein

Und dann wird es stiller um uns herum. Wir sind im Grünen gelandet und lassen nun unsere Gedanken und Gefühle für´s Erste zurück – dort, wo wir herkommen, im geschäftigen Teil der Stadt. Wir müssen nichts verdrängen oder gar bekämpfen. Unser Körper hilft uns, die Bewegungen des Geistes in den Hintergrund treten zu lassen. Wir wollen uns jetzt ganz auf das Gehen einlassen. Ich lese einen Text von Thich Nhat Hanh:

„Seien Sie bei jedem Ihrer Schritte hundertprozentig anwesend. Den Boden mit Ihren Füßen berührend, fühlen Sie das Wunder, lebendig zu sein. Mit jedem Schritt werden Sie und wird die Erde wirklich, real. Seien Sie sehr konzentriert und entschlossen. Sie schützen sich damit vor der gewohnheitsmäßigen Energie, die Sie gedankenverloren vorantreibt. Bringen Sie all Ihre

Aufmerksamkeit zu den Fußsohlen und berühren Sie die Erde, als würden Sie sie mit Ihren Füßen küssen. Gehen Sie so, dass Sie Ihre Stabilität, Ihre Freiheit und Ihren Frieden in die Erde prägen.“ Jetzt also kommen wir wirklich beim Gehen an. In unserem Körper und in unseren Füßen und damit bei uns selbst. Und damit an dem Ort, an dem wir jeweils sind. Auf dem Boden dieser Stadt.

Wir konzentrieren uns auf das Gehen und geben damit unserem Kopf und unserem Herzen eine Aufgabe. Wenn wir auf das Gehen fokussiert sind, sind wir – und wenn nur für Momente – frei von Gedanken und Gefühlen. Und wenn unser Kopf uns zurück in Gedanken bringt oder unser Herz eine Emotion hervorbringt, führen wir sie sanft, aber entschlossen zurück zu den Fußsohlen.

Es ist nicht egal, wie wir gehen

Für unser ganzheitliches Wohl ist nicht nur entscheidend, dass wir gehen, sondern wie wir gehen. Unsere Sprache ist ein Schlüssel dafür, wie wertvoll unsere Übung ist: Es ist nicht egal oder belanglos, wie wir gehen. Auch und gerade im Alltag nicht.

Wir können mal ein paar Schritte über beobachten, wie wir gehen, aber Achtung: nicht urteilend, bewertend, sondern lediglich interessiert und wohlwollend uns selbst gegenüber. So als ob wir einen guten Freund, eine Freundin ehrlich fragen und ehrlich wissen wollen: Wie geht es dir?

Wenn ich wie von außen auf mich und meinen Körper schaue: Was drückt sich in meinem Gehen und meiner Haltung aus? Bin ich unter Druck oder gelöst? Niedergeschlagen, bedrückt, gehe ich krumm und mit einem leichten Buckel? Oder aufrecht und entspannt? „Geht“ es mir zu langsam oder zu schnell?

Stehen bleiben, die Erde spüren

Und dann können wir uns erlauben, unser Gehen zu verändern. So wie unser Gehen ausdrückt, wie „es uns geht“, so ändert sich umgekehrt unsere Stimmung, wenn wir bei vollem Bewusstsein gehen und erfahren, welche Kraft darin liegen kann, Schritte der Achtsamkeit und Heilung zu gehen.

Wenn wir uns unbewusst in unseren Sorgen und Problemen gehen lassen, ist es, als ob sie immer weiter in uns ein-treten würden. Und nicht nur in uns: Wir treten sie hinein in den Boden unter unseren Füßen.

Umgekehrt können wir einmal damit experimentieren, was passiert, wenn wir den Kontakt zur Erde umkehren, uns von ihr berühren zu lassen. Einfach mal stehen bleiben: Aufrecht und entspannt zum Still-Stand kommen.Ganz konkret erfahren, wie die Erde uns trägt, und wie unsere Beine uns aufrecht halten.

So selbstverständlich ist das alles gar nicht. Das zeigt uns der Blick in die Evolution und auf die Bewegungsentwicklung jedes Kindes vom Liegen bis zum freien Gehen. Und das zeigt uns der Blick auf die Gebrechlichkeit im Alter. Erfreuen wir uns bewusst daran, dass wir einfach stehen können. Mit Leichtigkeit und Stabilität.

Aufrecht und gleichzeitig dynamisch unser Gleichgewicht immer wieder neu findend, können wir stehen wie Bäume, die sich leicht bewegen und doch gut verankert sind. Und dann kann es wieder losgehen. Unsere Sorgen, Probleme und Ängste, aber auch unsere Wünsche, Sehnsüchte und Pläne abschütteln.

Thich Nhat Hanh beschreibt es in dem wunderbaren Bild einer Regenjacke, die wir ausschütteln. Nein, es geht nicht um oberflächlich „positives“ Denken. Es geht gar nicht um Denken, sondern um die Kraft, den gegenwärtigen Schritt zu gehen. Dazu braucht es auch Entschlossenheit, uns manchmal auch loszureißen von unseren beinahe zwanghaften Gedanken-Ketten. Uns abschütteln und den Weg fortsetzen, Schritt für Schritt.

Im Gehen lebendig werden und Frieden verbreiten

Frei von unseren Gedanken, die einfach in den Hintergrund treten dürfen, wenn wir uns dem offenen Himmel zuwenden und unsere Sinne öffnen für das, was uns umgibt: herrlicher Wald, mächtige Bäume, Licht und Schatten. Und indem wir all unsere Sinne öffnen, wird unsere ganze Umgebung lebendig. Vielleicht können wir nachvollziehen, was in manchen spirituellen Traditionen Vorstellung – ja Erfahrung ist: Die Erde ist wie ein Lebewesen. Ein sensibles Gebilde, für das es nicht belanglos ist, wie wir ihm begegnen. Wie wir uns auf ihr bewegen. Noch einmal Thich Nhat Hanh:

„Wenn wir gehen, berühren wir die Erde. Es liegt ein großes Glück darin, die Erde berühren zu können, die Mutter aller Geschöpfe auf diesem Planeten. Wir sollten uns beim Gehen bewusst sein, dass wir auf einem Lebewesen gehen, das nicht nur uns, sondern alles Leben unterstützt. Der Erde ist schon so viel Schaden zugefügt worden, nun ist es an der Zeit, den Boden mit unseren Füßen, unserer Liebe berühren zu können. Lächeln Sie während Sie gehen – seien Sie im Hier und Jetzt. Dadurch werden Sie den Boden unter Ihren Füßen in ein Paradies verwandeln.“

Achtsamkeit zum Mitnehmen

Wir kehren zurück in die belebte Stadt und in unsere alltägliche Umgebung. Vielleicht können wir unsere Sammlung noch etwas weitertragen in den Alltag. Einfach Gehen – immer wieder nur einen aufmerksamen Schritt. Einen bewussten Kontakt zwischen Fuß und Boden.

Diese Übung können wir mitnehmen, achtsames Gehen wie ein Kaffee zum Mitnehmen: Achtsamkeit „to go“. Und unser to-go-Becher ist die Erkenntnis und Erfahrung: Wie wir gehen gibt nicht nur darüber Auskunft, wie es uns geht, sondern wir können es uns selbst besser gehen lassen.

Mit jedem Schritt steht uns ein Moment des Friedens und der Freiheit zur Verfügung. Achtsame Schritte können eine heilsame Unterbrechung des Hamsterrads sein, in dem wir uns oft befinden. Sie können Frieden schaffen in uns – und hineinwirken in unser ganzes Umfeld.

Steve und Christian Heitzer

Christian Heitzer, Steve Heitzer und Nicole Balej entwerfen mit ihrer mobilen Bildungswerkstatt “Cordat Herzensbildung” innovative Veranstaltungen auch zur Achtsamkeitspraxis. Mehr unter www.cordat.org

Die Texte von Thich Nhat Hanh stammen aus dem Büchlein „Einfach gehen“, O.W. Barth 2016

Einfach nur gehen – eine Anleitung zur Gehmeditation