Sander van der Werf/ shutterstock.com
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Ausstieg aus dem Teufelskreis Depression

Interview mit Achtsamkeitstrainerin Petra Meibert

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen. Sie sitzen in ihrem endlos kreisenden Grübelkarussel fest. Michaela Doepke befragte die Psychologin und Achtsamkeitslehrerin Petra Meibert über Ursachen und Möglichkeiten zur Abhilfe.

Frage: Frau Meibert, Sie unterrichten MBCT (Mindfulness Based Cognitive Therapie), eine relativ neue achtsamkeitsbasierte Therapie, die wirksame Wege aus der Depression vermittelt. Warum gibt es Ihrer Ansicht nach heute immer mehr Menschen, die an Depression erkranken?

Meibert: Vielleicht erstmal ein paar Zahlen dazu. Derzeit sind ca. fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland an einer Depression erkrankt – das sind rund vier Millionen Menschen. Größer ist die Zahl derjenigen, die irgendwann im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken. In Deutschland sind das ca. 20 Prozent, also rund 12 Millionen Menschen.

Mittlerweile geht die WHO davon aus, dass Depression um das Jahr 2020 herum nach Herz-Kreislauf Erkrankungen weltweit die zweithäufigste Erkrankung sein wird – Tendenz steigend. Betroffen sind Menschen aus allen Schichten und in jedem Lebensalter, wobei man heute sehen kann, dass die erste Episode viel früher erlebt wird – zum Teil schon in der Jugend. Wenn jemand schon so früh depressiv wird, ist das natürlich ein ganz anderes Problem und das Wiedererkrankungs- sowie Chronifizierungsrisiko ist höher. Mit jeder durchlebten depressiven Episode steigt dann das Rückfallrisko weiter an.

Hohes Rückfallrisiko

Gibt es heute mehr depressiv erkrankte Menschen als früher?

Petra Meibert

Petra Meibert vermittelt Achtsamkeit auch bei Depression

Meibert: Ob wir tatsächlich mehr Menschen haben, die an Depression erkrankt sind als früher, oder ob wir heute durch die immer größer werdende Offenheit in der Gesellschaft bewusster damit umgehen, das vermag ich letztlich nicht zu sagen. Auch ist die Diagnostik heute natürlich wesentlich besser, so dass die Erkrankung möglicherweise häufiger diagnostiziert wird. Und es gibt heute mehr Akzeptanz für diese Form der Erkrankung.

Was sind die Ursachen für eine Depression?

Meibert: Aktuelle Studienergebnisse sprechen nicht für eine eindeutige Theorie. Vermutlich kommen sowohl innere als auch äußere Faktoren zusammen. Diese können sein: Arbeitsbelastungen oder sonstige Überforderungssituationen sowie genetische Faktoren oder schlechte Entwicklungsbedingungen in der Kindheit.

Umgang mit Leistungsdruck am Arbeitsplatz

Druck und Stress bei der Arbeit spielen aber bekanntermaßen eine Rolle bei der Entstehung psychischer Erkrankungen. Unter Pädagogen und Medizinern ist der Druck zum Beispiel durch ihre tägliche Arbeit mit Menschen sehr hoch. Bei Lehrern kommt noch die stressbeladene Vortragssituation hinzu. „Diese Arbeitsbedingungen sind anstrengend und chronisch belastend“, sagt Peter Falkai, Professor für Psychotherapie an der LMU München.
Da ist es natürlich wichtig, zu lernen, wie man gut mit diesem Stress umgehen kann.

Fazit: Es gibt nicht nur einen Grund für eine depressive Erkrankung,  sondern es kommen verschiedene Faktoren zusammen. Und es gibt keine eindeutige Evidenz dafür, dass heute mehr Menschen unter Depressionen leiden als früher. Melancholie – heute Depression – gab es schon immer.

Woran leiden depressiv erkrankte Menschen besonders?

Meibert: Depressionen gehen wie kaum eine andere Erkrankung mit hohem Leidensdruck einher, da diese Erkrankung ins Zentrum des Wohlbefindens und der Lebensqualität zielt. Ganz allgemein kann man sagen, dass die Hauptsymptome einer Depression Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und Freudlosigkeit bis hin zu Antriebsmangel, negativen Gedanken über sich selbst mit Minderwertigkeitsgefühlen und gleichzeitig ein sehr starker Leistungsdruck sind. Dazu kommen körperliche Symptome wie erheblicher Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme, gestörtes Schlafverhalten – zu viel oder zu wenig Schlaf. Man kann in allem, was man tut, verlangsamt sein oder erregt.

Und depressiv erkrankte Menschen leiden nicht nur unter diesen Symptomen, sondern gleichzeitig auch unter dem Druck, dass niemand merken soll, was mit ihnen los ist. Sie leiden unter Scham- und Schuldgefühlen sowie Stigmatisierungsangst. Ein weiterer wichtiger Leidensfaktor ist das hohe Suizidrisiko: Bis zu 15 Prozent der Patienten mit schweren, wiederkehrenden depressiven Störungen versterben durch Suizid.

Grübeln und Vermeiden aktivieren Alarmsystem im Körper

Wodurch wird eine Depression aktiviert?

Meibert: Man geht heute davon aus, dass bei Menschen, die schon mal eine Depression erlebt haben, sich diese erneut durch eine leichte Aktivierbarkeit von negativem Denken und negativen Gefühlen entwickeln kann. Depressiv vorbelastete Menschen können sich davon nicht lösen. Sie fangen an zu grübeln und wollen die unangenehmen Empfindungen und Gedanken unbedingt vermeiden.

Diese Grübelneigung und das Vermeidungsverhalten werden in der Psychologieforschung allgemein als aufrechterhaltende Faktoren psychischer Störungen angesehen und somit als dysfunktionale Verarbeitungsmechanismen von schwierigen Erfahrungen.  Vermeidungsprogramme aktivieren das Alarmsystem und somit das Stresssystem im Körper. Der Organismus ist also immer in Alarmbereitschaft, und das ist auf Dauer schädlich, schwächt und macht wiederum anfällig für depressives Erleben – ein Teufelskreis.

Wenn Menschen dies nicht erkennen und lernen, wie sie mit ihren schlechten Stimmungen, Gedanken und Gefühlen hilfreich umgehen und sich auch wieder davon distanzieren können, dann ist die Gefahr einer Chronifizierung sehr hoch. Und das ist das eigentliche Problem.

Wie gesagt, das Rückfallrisiko steigt ab der der dritten Episode auf bis zu 90 Prozent mit diesen Automatismen, die sich im Gehirn und Nervensystem verankern. Man wird dann sozusagen aus schlechter Gewohnheit wieder depressiv und landet immer wieder in denselben Gedanken- und Erlebensschleifen.

Wie kann das Prophylaxeprogramm MBCT, das gegen einen Rückfall in die Depression helfen soll, depressive Menschen unterstützen?

Meibert: MBCT ist ein 8-Wochen Programm, in dem intensive Achtsamkeitsübungen mit Übungen aus der kognitiven Verhaltenstherapie verbunden werden. Es hat sich aus dem Mindfulness Based Stress-Reduction (MBSR) – Programm entwickelt, welches das am besten wissenschaftlich untersuchte Achtsamkeitstraining weltweit ist.

Das Üben von Achtsamkeit hilft, negative Gedankenmuster frühzeitig zu erkennen, achtsam wahrzunehmen und – so gut es geht – aus dem depressiven Aufschaukelungsprozess, der sich daraus oft unbemerkt entwickelt, auszusteigen. Hierzu wird ein akzeptierender, offener Umgang mit der inneren Realität praktiziert, um das Wegdriften in Erinnerungen, Gedanken und Grübeln zu verhindern.

Bei MBCT wird darüber hinaus das Behandlungsvorgehen durch Psychoedukation über Depression, negative Gedanken, automatische Denk- und Verhaltensmuster und deren Bedeutung im Rückfallgeschehen einer Depressionsspirale unterstützt.

Ziel von MBCT ist es, die eigene Haltung gegenüber negativen Gedanken, Gefühlen oder Körperempfindungen dahingehend zu verändern, dass man sich nicht so stark mit ihnen identifiziert. Gleichzeitig können durch die bewusste, achtsame Wahrnehmung des Erlebens Frühwarnsymptome rechtzeitig erkannt und ein heilsamer, mitfühlender Umgang damit erlernt werden. …

Ich denke, dass wir mehr denn je den Geist und die Haltung der Achtsamkeit in unserer Gesellschaft benötigen. Daher habe ich gemeinsam mit meinem Mann Jörg Meibert und Prof. Michalak das Achtsamkeitsinstitut in Essen gegründet.

Ein Audio-Interview mit Petra Meibert gibt es in der Audiothek. Diese gehört zum Premium-Bereich dieser Website. Wenn Sie Mitglied im Freundeskreis Ethik heute werden (für 60 Euro im Jahr) erhalten Sie Zugang. Sie unterstützen damit auch diese Website, die jede Woche neu, kostenlos, ohne Werbung Beiträge zum Inspirieren und Nachdenken liefert.

Im Audio-Interview bezieht Petra Meibert Stellung zur Kritik von Prof. Hartmut Rosa, der davon ausgeht, dass bei der Achtsamkeit die Verantwortung für die Gesellschaft ausgblendet werde. Meibert ruft zur Werte-Klärung auf und erklärt, wann die MBCT-Therapie Vorteile gegenüber der Einnahme von Antidepressiva bringt.

Petra Meibert ist Diplom-Psychologin und Buchautorin. Sie hat internationale Ausbildungserfahrung in MBSR/MBCT, ist Mitgründerin des Achtsamkeitsinstituts Ruhr in Essen und deutschlandweit führend in der Ausbildung und Verbreitung von MBCT.
Mehr: www.achtsamkeitsinstitut-ruhr.de

Buchtipp:
Achtsamkeitsbasierte Therapie und Stressreduktion MBCT/MBSR. Wege der Psychotherapie, Ernst Reinhardt Verlag.

 

 

 

 

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