ChameleonsEye/ Shutterstock
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Bombenxplosion in Gaza: Brutale Bilder ziehen uns an, woran liegt das?

Bilder der Gewalt

Warum wir uns nicht entziehen können

Wir setzen unsere Diskussion fort, ob man Bilder des Grauens anschauen soll oder nicht. Sven Precht betrachtet unser Dilemma, dass uns Gewalt abstößt und gleichzeitig anzieht. Woran liegt das?

Worte können verletzen. Bilder können verstören. Bilder können schockieren und regelrecht aus der Bahn werfen. Bilder und Videos scheinen noch viel unmittelbarer zu treffen als Worte. Unsere Vorstellungskraft wird auf eine direkte Weise angesprochen, und diese Eindrücke wirken sich auch physiologisch aus. Auch ein direktes und klares Wort im rechten Augenblick kann sehr tief gehen und schneiden. Aber es scheint doch so, als ob wir mit Worten einen anderen Bereich in uns und unseren Mitmenschen anzusprechen vermögen.

Es gibt sogenannte schöne Bilder – von Tieren, von Landschaften, Bilder von spielenden Kindern, beschauliche Kleinstadtszenen – vor denen wir gerne verweilen und deren Anblick uns ausgesprochen wohl zu tun scheint. Und es gibt Bilder des Grauens, die uns anziehen und abstoßen zugleich. Das ist nicht erst seit den Jahrzehnten des internationalen und religiös verbrämten Terrorismus so – das hat es immer schon gegeben.

Ein Straßenunfall zieht unwillkürlich die Menschen an – die Passanten stürmen herbei, nicht nur um vielleicht helfen zu können, sondern auch um zu sehen: Der Anblick eines reglos am Boden liegenden Unfallopfers, eines Menschen mit verdrehten Beinen in seiner eigenen Blutlache liegend hat etwas unheimlich Faszinierendes. Und die viel geschmähten „Gaffer“ wissen selbst oft nicht, was das eigentlich ist, was sie an den Ort des Entsetzens eilen und eben gaffen lässt.

Verstörende Bilder ziehen uns an

Verstörende, brutale Bilder ziehen uns an, weil wir mit dieser Möglichkeit immer schon gerechnet haben, es aber nur nicht wahrhaben wollten. Sie machen uns gruseln, frösteln, sie stoßen uns dermaßen ab, dass wir hinsehen müssen. Und für wen das paradox klingt, der warte bis zur nächsten Gelegenheit.

Ebenso wahr ist aber auch das Gegenteil: Wir müssen und wollen uns gegen solche Bilder schützen, weil sie nicht nur Brutalität dokumentieren, sondern selbst brutale, für den Betrachter regelrecht verrohende Wirkungen haben. Den Blick abwenden und schnell das Weite suchen ist eine ebenso natürliche wie leicht verständliche Reaktion – nicht nur von besonders zart besaiteten Seelen. Der bloße Anblick von Gewalt ist selbst bereits Gewalt, die wir nicht akzeptieren und tolerieren wollen.

Wegschauen oder Hinschauen?

Und jetzt schwanken wir hin und her.

Wir wissen, dass es nichts hilft, einfach die Augen zu verschließen. Die Gewalt ist da – und scheint in unserer Wahrnehmung eher noch zuzunehmen. Wir sprechen angesichts von Massakern und Hinrichtungen und jüngst sogar von gefilmten Enthauptungen von sinnloser Gewalt – als ob Gewaltausübung jemals einen Sinn gehabt hätte.

Wir drücken damit eigentlich nur unsere eigene Fassungslosigkeit aus – unser Verwundern darüber, dass es Gewalt gibt. Gewalt, die es doch immer schon gegeben hat. Unser Unglauben treibt uns letztlich auch dazu, hinschauen zu müssen, weil wir nicht fassen können, was sich „vor unseren Augen“ abspielt.

Das Problem sind also weniger diese Bilder, die auch noch im Internet verbreitet und heimlich angeschaut werden. Das Problem ist vielmehr die zugrunde liegende Gewalt selbst. Warum gibt es diese Brutalität überhaupt? Warum finden sich immer wieder Menschen, die der Auffassung sind, mit Gewalt und äußerster Bestialität irgendetwas erreichen und sogar zum Besseren wenden zu können? Und die Bilder zeigen Wirkung, in Gestalt von Wirtschaftssanktionen und militärischer Gegengewalt an vielen Brennpunkten unserer Welt. Aus den daraus folgenden Handlungen gehen neue Bilder der Gewalt hervor. Und auch diese Bilder wollen wir zugleich sehen und nicht sehen.

Unser zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt

Der Widerspruch steckt tief in uns fest. Als Menschen haben wir ein zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt. Obgleich wir jede Gewalt ablehnen, immer schon abgelehnt haben, wissen wir doch, dass es auch immer schon Gewalt auf allen Kontinenten gegeben hat. Woran das liegt? Es gibt zahllose Erklärungsversuche, aber letztlich liegt der Grund für all diese Gewalt, die wir wahrnehmen, in uns selbst. Wir müssen uns nur selbst beobachten, im Alltag.

Wenn etwas nicht klappt, wenn die Dinge gerade nicht so laufen, wie wir uns das wünschen, werden wir ungeduldig, ärgerlich, hauen auf den PC, treten gegen das Auto, schlagen die Tür. Wenn das Smartphone sich weigert, einfach zu funktionieren, werfen wir das Teil auch mal gegen die Wand oder gleich aus dem Fenster. Und diese Verhaltensweise, diese unüberlegte, hoch emotionale Verhaltensweise ist schon eine Stufe der Gewalt.

Wir – und damit meine ich: die meisten Europäer, ohne andere Bevölkerungsgruppen diskreditieren zu wollen, eben nur als Beispiel: Wir sind erzogen worden und haben gelernt, uns in brenzligen Situationen möglichst zu zügeln, um den Schaden nicht zu vergrößern. Aber nicht in allen Situationen sind wir dazu in der Lage. Und auch nicht alle haben die Möglichkeit, unter extremen Bedingungen oder schwierigen Voraussetzungen betont gelassen zu bleiben und auf die Argumente anderer, der Andersgläubigen oder Andersfarbigen zu hören. Dann werden spontan oder vorsätzlich Messer gezogen, Kalaschnikows in Anschlag gebracht, Sprengsätze unmittelbar am eigenen Leib ausgelöst und dergleichen mehr.

So sind die Menschen. So sind wir.

Und die Bilder spiegeln uns nur unsere ganze Misere wider.

Sven Precht

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